Sternenpark Westhavelland: Weißt du, wieviel Sternlein wir noch sehen?

"Weißt du wieviel Sternlein stehen / an dem blauen Himmelszelt?" Die beiden ersten Zeilen des Kinderliedes
Sternenpark Westhavelland
Bevor die Sterne kommen - vorausgesetzt:
sie kommen; letztes Licht am Abend
Foto © -wn-
aus der Feder des Leinaer Pfarrers Johann Wilhelm Hey (1789-1854) aus dem Landkreis Gotha erinnert wohl manchen an eine frühere Zeit, in der der christliche Gott noch als lieb galt - als lieber Gott eben mit dem Bonus einer Welterschaffung. Vor dem ersten Weltkrieg stand das Lied mit der rhetorischen Frage nach der Gesamtzahl der Gestirne in den preußischen Schulen auf dem Lehrplan der ersten Klasse. Galt doch das Himmelszelt als Domizil des noch als Person begriffenen und die Dinge dieser Welt überschauenden Herrgottes, ohne dessen Zustimmung kein Sperling tot vom Dache fällt. Aus religiösen Erwägungen wurde das Interesse der jungen Leute an Himmelsdingen geweckt; zum geringen Teil aus astronomischem Bedacht.
Eine 1850 in Berlin erschienene "Urgeschichte für Kinder" mutmaßt nicht ohne resignative Beurteilung irdischer Zustände: "Wer weiß, die Sterne sind vielleicht der Wohnsitz sel'ger Geister, / Wie hier (auf Erden) das Laster herrscht, ist dort die Tugend Meister." Der Himmel im Allgemeinen und der abendliche im Besonderen, vor allem jedoch der in der Nacht waren Sehnsuchtsorte und Sphären zur Erbauung. Auch der unter dem Weimarer Kleinstadtmief leidende Schriftsteller, Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder (1744-1803) blickt am Ende seines Lebens verbittert und hilfesuchend zum Sternendom hinauf. Das einst freundschaftliche Verhältnis zu Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war stark abgekühlt, weil Herder die Französische Revolution begrüßte - der konservative Goethe kaum. Und so ist es erklärlich, dass Herder den Sternenhimmel als einen schönen, erhabenen Gegensatz zur irdischen Tristesse ansah. Aus seiner Übersetzung des spanischen Gedichtes "Cuando contemplo el Cielo" (Betrachtung des Himmels) spricht die Sehnsucht nach den himmlischen Zuständen, die man glaubte oben zu erkennen.
Im Gedicht heißt es resignierend:
"O! sprech' ich, lichte Höhe,
Du Tempel aller Herrlichkeit und Schöne,
den ich dort glänzen sehe,
Und hör' im Geist den Einklang deiner Töne -
O welch ein Schicksal bannte meine Seele,
Für dich gebohren, fern in dieser Erdenhöhle!"
Und schließlich hat sich auch der nur ein paar Ecken weiter am Frauenplan wohnende Goethe an manchem Sternenhimmel
Polarstern
Zeichnung: © -wn-
dichterisch versucht; so im Roman "Wilhelm Meisters Wanderjahre", in dem er in gewichtiger Manier erzählt: "Der volle Mond stieg zu dem glühenden Sternenhimmel herauf und vollendete das Magische der Umgebung." Ein Kompendium mit Schilderungen des nächtlichen Sternenhimmels wäre vermutlich unübersehbar groß. Einmal wird er als beeindruckend phosphoreszierend geschildert, dann als strahlend und blendend; an anderer Stelle dominieren dunkle Töne. In der "Monatsschrift für Deutsche" von 1800 wird ausgeführt, es gäbe "keinen bedenklicheren und sonderbareren, keinen furchtbareren, schauerlicheren und heiligeren Anblick für den denkenden Menschen - als den gestirnten Himmel des Nachts". In welch unterschiedlicher Stimmungslage man damals auch hinauf sah zum Firmament - Mond und Sterne strahlten meist ungehindert. War von visuellen Eintrübungen die Rede, handelte es sich um Rauch, Dunst oder Nebel. Den Gedanken, dass auch Licht Leuchten stören könnte, hatte noch niemand gedacht.

Und zunächst kommt der April 1961 - dieser mit einer weltgeschichtlichen Sensation.
Als erster Mensch umkreist der sowjetische Kosmonaut Juri Alexejewitsch Gagarin (1934-1968) im Weltraum die Erde. Wohl eher humorig soll er nach der Landung in der Nähe der Wolga-Stadt Saratow gesagt haben: "Ich bin in den Weltraum geflogen, aber Gott habe ich dort nicht gesehen." Eine Top-Nachricht war das allerdings nicht, denn die Entgöttlichung von Himmel und Weltenraum war längst im Gange. Aber etwas hatte sich am Himmel verändert - die Sicht auf ihn vom Boden aus. Die zahlreich gewordenen Lichtquellen - besonders in den Städten - bewirken bis heute, dass sich die natürlichen Nachtlandschaften aufhellen und den Blick auf die Sterne wegen Blässe erschweren. Oft sieht man, dass Straßenbeleuchtungen nicht nur auf Straßen und Wege leuchten, sondern auch in den Himmel, oder sie strahlen auf Fassaden, die ihrerseits einen Teil des aufgestrahlten Lichtes wieder abgeben. In neuerer Zeit gibt es dafür einen Begriff: Lichtverschmutzung im Sinne von Verschmutzung durch Licht. Das Wort ist missverständlich, weil durch die Lichtverschmutzung nicht das Licht, sondern die natürliche Dunkelheit und die Sichtbarkeit der Sterne verschlechtert werden. Die Verschmutzung entsteht durch zu hohe Lichtmengen, unnötige oder falsch platzierte Beleuchtungen und ungünstige Lichtfarben. Geschildert wird das in einem Flyer des Naturparks Westhavelland, der etwa 70 km westlich von Berlin im Brandenburgischen liegt. Der Naturpark auf einer Fläche von 1.315 km² liegt größtenteils auf den Gemarkungen des Landkreises Havelland sowie zu kleinen Teilen in den Landkreisen Potsdam-Mittelmark und Ostprignitz-Ruppin. Im seinem Zentrum liegt die Kreisstadt Rathenow. Nordwestlich befinden sich Rhinow nahe dem Gülper See. Dort wo die Havel auf ihrem grandiosen Bogen wieder nach Norden fließt, um sich dann westwärts in Richtung Elbe zu wenden - auf diesem Nordkurs schmiegen sich ihre Ufer an die Grenze des Naturparks an.

Ein neuartiger Sternenpark, Kategorie Silber, im Naturpark Westhavelland


Hier entstand die Idee, den Park, bisher eine Zwischenstation der Zugvögel, noch attraktiver zu machen, indem man ihm zusätzlich den Status eines Sternenparks verleiht.
Schloss Nennhausen
Schloss Nennhausen; in diesem Ort im
Naturpark Westhavelland befindet sich die
Staatliche Vogelschutzwarte des Landes Brandenburg.
Foto © -wn-
Voraussetzung ist ein Umstand, der sonst keineswegs als positiv gilt und üblicherweise ein Synonym für Strukturschwäche ist: die schwache Besiedlung. Wegen ihr sind die Nächte im Westhavelland dunkel bis stockdunkel. Einfach ausgedrückt: Man befindet sich in Gebieten, in denen man die Hand nicht vor Augen sieht. An einzelnen Orten ist deshalb die Sicht nach oben so glänzend, dass selbst die schwach leuchtende Milchstraße mit ihren abertausenden "Sternlein" als plastisches Gebilde erlebt werden kann. Im Februar 2014 ist ein großer Schritt getan. Die International Dark-Sky Association (IDA), eine Organisation, die sich dem Kampf gegen die Lichtverschmutzung widmet, entspricht dem Antrag des Naturparks, ihm den selten vergebenen Titel "Sternenpark" (Kategorie Silber) zuzubilligen. Weltweit gibt es inzwischen 24 Sternenparks. Es werden hier an der Havel nun zwar mehr Touristen, aber nicht unbedingt Gottsucher erwartet, sondern Menschen, die Interesse an Astronomie haben und sich von einem gewaltig besternten Nachthimmel beeindrucken lassen wollen. "Es gibt in Mitteleuropa nun sehr wenige Orte, an denen man eine natürliche Nacht mit all ihren vielen tausend Sternen erleben kann", sagt die brandenburgische Ministerin für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Anita Tack (Die Linke) in einem Artikel. Aber was genau ist ein Sternenpark? Er ist "ein speziell ausgewiesenes Gebiet mit einer weitgehend natürlichen Nachtlandschaft und einem sternenreichen Himmel". Um diese Naturschönheit zu erhalten, sei ein "verantwortungsvoller und bewussterer Umgang mit künstlichem Licht" vonnöten, heißt es im Ministerium, dem Anita Tack vorsteht. Dabei gehe es um Energieeinsparung durch intelligente, bedarfsorientierte und umweltverträgliche Beleuchtung, um eine Sensibilisierung der Menschen im Umgang mit künstlichem Licht und um die Wiederentdeckung des natürlichen Nacht- und Sternenhimmels. Je mehr dies ins allgemeine Bewusstsein dringe, umso intensiver sei oben am Firmament eine Flächenhelligkeit zu bestaunen. Im Sternenpark findet der am Nachtdunkel interessierte Besucher mehrere Örtlichkeiten, über denen das Sternenzelt besonders eindrucksvoll glänzt und leuchtet, weil hier keine Lichtquellen der Umgebung stören.
Um sich davon zu überzeugen, sollte man wahlweise aufsuchen
  • die Straße Görne-Witzke, nordöstlich Rathenows, etwa zehn Kilometer lang,
  • die Straße Hohennauen-Spaatz, nördlich Rathenows, etwa 7 Kilometer lang,
  • die Straße Parey-Gülpe, etwa sieben Kilometer lang,
  • das Nordufer des Gülper Sees
  • die Gegend um Joachimshof, östl. Havelbergs, wo es besonders dunkel ist.
  • Es ist an diesen Orten jedem überlassen, wie innerlich gestimmt man das Naturschauspiel in sich aufnimmt.
    Gülper See
    Abend am Gülper See / Foto © -wn-
    Ob man es eher mit dem französischen Dichter Charles Baudelaire (1821-1867) hält, der ein Gedicht über das abendliche Dämmern mit den sarkastischen Worten beginnen lässt: "Sieh, des Verbrechers Freund, der holde Abend, naht." Oder man erinnert sich an eine der ambitionierten Naturgeschichten des Heideschriftstellers Hermann Löns (1866-1914). In "Mein grünes Buch" schreibt er: "Und doch, lieber ist mir die Abenddämmerung mit ihrem Rauschen und Raunen, Wispern und Flüstern, mit ihrem Mottenflug und Mückensang, mit ihren schwarzen Bäumen und dunklen Büschen, mit all ihrem geheimnisvollen Zauber. Dann liebe ich es, die Zigarre im Mundwinkel, still und stumm am Stamm zu lehnen, den Stimmen des Abends lauschend und meine Augen wandern von Schatten zu Schatten." Wer nun dieses langsame Dämmern beispielsweise am Gülper See erleben möchte - also nicht als beiläufiges, sondern aufmerksam beobachtetes Wahrnehmen - der wird vor dem Augenerlebnis wie Hermann Löns noch letzte Geräusche des Tages hören. Da sind die hier rastenden Kraniche - die je nach Jahreszeit entweder von ihren Brutgebieten kommen oder dorthin zurück wollen -, und die ihr "kruhkrüe" rufen oder ein schmetterndes "kurr" von sich geben. Hört man neben "gagag" ein schnelles "räckräckräck", dann sind es die Gänse, die nun auch zur Ruhe kommen wollen. Es ist eine Zeit, in der manche Menschen melancholisch und nachdenklich werden - weil sie sich in dem Dämmern, das sie erleben, aufgehoben, wohl auch ihm ausgeliefert fühlen. Um Mitternacht im Sternenpark: Als ob von oben Musik erklingt Man muss schon bis gegen Mitternacht ausharren, bis man bei wolkenlosem Himmel "weißt du, wieviel Sternlein" lichtstark sieht. Sind nun auch infolge der Erddrehung die eben noch schwach gewesenen Lichtstreifen am Horizont aus Richtung der umliegenden Orte Stendal im Südwesten, Rathenow im Süden und Havelberg im Norden erloschen, zeigt sich jetzt die Gestirnenwelt von ihrer schönsten Seite. Und wer romantisch veranlagt ist und musikalische Vorlieben hat - der hört in diesem imposanten Moment, der nun nicht noch mehr Dunkelheit heranbringen kann, in einem gewaltigen Spannungsbogen den anschwellenden Freudengesang des vierten Satzes der Neunten Sinfonie Ludwig van Beethovens (1770-1827) "Freude schöner Götterfunken". Denn auch aus konfessionsloser Sicht ist es nicht weit hergeholt, die unvorstellbare große, herunter scheinende Sternenmasse als Götterfunken zu betrachten. Unvorstellbares Ausmaß, Tiefe, Weite und Helle sind die Eindrücke, woran sich die Gefühle des Augenblicks entzünden. Natürlich muss man nicht unbedingt vom Himmel herunter Beethoven, Bach oder die Beatles hören; wichtig ist es jetzt, sich als erstes zu orientieren und den stark leuchtenden Polarstern zu lokalisieren. Er ist der hellste Stern im Kleinen Wagen im Sternbild des Kleinen Bären. Seine markante Gestalt kennt man noch aus dem Schulunterricht. Unsichtbar, aber einer unbedingten Erinnerung wert ist der sechs Kilometer große Asteroid namens Annefrank (Nr. 5535), dessen Bahn noch außerhalb der des Planeten Mars verläuft. Er wurde 1942 im Asteroiden-Hauptgürtel vom Heidelberger Astronomen Karl Wilhelm Reinmuth (1892-1979) entdeckt. Das war genau im Jahr, als das Mädchen im Versteck das Tagebuch beginnt. Der Himmelskörper erhielt im Jahre 1995 zum Gedenken an Anne Frank (1929-1945) deren Namen. Auch das Brandenburgische Zepter, ein kleines Sternbild westlich des Orions kann nur vermutet werden. Man sieht es nicht mit normalem Auge. Es wurde im Jahre 1688 vom Schulmeister und Königlichen Astronomen Gottfried Kirch (1639-1710) entdeckt.
    Vogelzug in Brandenburg
    Abendhimmel mit Vogelzug in V-Formation
    Foto © -wn-
    Hat man nun zumindest den Beweis erhalten, dass nahezu völlige Dunkelheit Sterne zum grandiosen Aufscheinen bringt, so bleibt ein gehöriger Rest an Unbegreiflichem: die Unendlichkeit des Alls - die geheimnisvolle Verneinung allen Endes. Meist überkommen einen deshalb keine religiösen Gefühle. Gegen solche Empfindungen beim Betrachten des nächtlichen Himmels wehrte sich schon der alte Spötter Heinrich Heine (1797 od. 1799 od. 1800-1856).
    Im "Buch der Lieder" verlautbart er:
    "Mir träumt': Ich bin der liebe Gott,
    Und sitz im Himmel droben,
    Und Englein sitzen um mich her,
    Die meine Verse loben."
    Und in den "Neuen Gedichten" heißt es nicht weniger ironisch:
    "Traurig schau ich in die Höh',
    Wo viel tausend Sterne nicken -
    Aber meinen eignen Stern
    Kann ich nirgens dort erblicken."


    Der Weg in den Sternenpark Westhavelland:


    Von Berlin aus befährt man über Spandau die Landstraße L201 westwärts bis Nauen. Ab dort benutzt man die Bundesstraße B5. Hinter der Ortschaft Selbelang beginnt links die Landstraße L991 Richtung Rathenow. Die fünf lichtarmen Punkte des Sternenparks Görne, Witzke, Spaatz, Parey, Gülpe und Joachimshof (sie oben) liegen alle nördlich von Rathenow.

    Die Internetseite des Naturparks Westhavelland www.nabu-westhavelland.de gibt weitere Informationen über den Sternenpark.
    Auskünfte erhält man auch unter 03386 / 21 12 27.
    Text: -wn- / Stand: 31.08.2014

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