Die Mauer-Schänke "Zur letzten Instanz" Nicht nur Menschen passen sich Zeitläuften an, ja wenden sich gelegentlich anderen Denk-Inhalten zu.
Gaststätte Zur letzten Instanz in Berlin
Foto © -wn-
Selbst an Tellergerichten ist abzulesen, was zu bestimmter Zeit angesagt war und ist. In der vermutlich ältesten Berliner Restauration und Destillation "Zur letzten Instanz" in der heutigen Waisenstraße liegt eine Speisekarte auf dem Tisch, die den Eindruck einer Anlage zur Zivilprozessordnung macht. Von der Beleidigungsklage über den Sühneversuch bis zur Einstweiligen Verfügung enthält die Karte manches von dem, was man bei Gericht vorbringen kann oder hinnehmen muss. Auch eine Verhandlungspause ist erhältlich. Hier fällt der Wandel ins Auge. Wem im Jahre 1971 in der "Instanz" nach den drakonischen Regeln der DDR-Gastronomie, also aufgrund geziemenden Aussehens und Benehmens, eine Sitzerlaubnis zuerkannt worden war, bekam, so ihm danach hungerte, als Verhandlungspause ein paniertes Schweineschnitzel mit Spiegelei und Mayonnaisensalat für 2,75 Mark vorgesetzt. Nach der Wende erfuhr die Verhandlungspause einen hedonistischen Aufschwung, wandelte sich zu einer deftigen Schinkenplatte mit hausgebackenem Nußbrot zum Preis von 9,50 €. In der aktuellen Speisekarte ist daraus eine
Berliner Bulette mit Fleischfond-Zugabe, frischem Gartengemüse und Kartoffelklößchen geworden - zum Preis von 8,50 €, wofür bei Konnopke drei Portionen Boulette/Salat durch den Schalter gereicht werden.

Allerdings hat Konnopke keinen Biergarten wie die "Instanz". Von ihm aus ist die wieder hell strahlende
Parochialkirche zu sehen, der nur noch die im letzten Krieg gesprengte Turmspitze fehlt. Sauerstoff geschwängerte Luft weht angenehm aus den raumgreifenden Kronen der Ahornbäume des Kirchhofes herüber. Vor allem hat der Gast Tuchfühlung mit jenem historischen Bauwerk, dem vor fast 50 Jahren ein zustehender bestimmter Artikel entwendet wurde - das "die". Hier steht "die" eigentliche Berliner Mauer, und nicht jenes Monstrum ist gemeint, das mit Ulbrichts Jahrhundertlüge oder Honeckers Nuschelprognose "noch hundert Jahre" in Verbindung steht. Es ist die alte Stadtmauer, das heißt, es sind die letzten 120 in den 80er Jahren restaurierten Meter der alten Berlin-Cöllner Stadtumwehrung aus dem 17. Jahrhundert, dem zweifelsfrei ältesten Bauwerk Berlins. Dass die Stadt nur noch diesen beklagenswerten Mauerrest besitzt, hat nach Meinung des Schriftstellers Walther Kiaulehn (1900-1968) nicht nur Kriegsgründe. In seiner Liebeserklärung "Berlin. Schicksal einer Weltstadt" benennt er zwei zerstörerische Ursachen: "Bomben im Krieg und Mutwillen im Frieden". Denn wären die 120 Mauermeter nicht gleichzeitig Häuserrückwände gewesen - wie es noch heute bei der "letzten Instanz" der Fall ist -, wäre auch dieses verbliebene historische Kleinod vermutlich Neubauten zum Opfer gefallen.

Die "Letzte Instanz" wurde 1961 originalgetreu rekonstruiert und konnte danach ihre bis dato 340jährige Schanktätigkeit fortsetzen. Im Jahre 1621 hatte ein in Ehren entlassener Reitknecht des Kurfürsten Friedrich Wilhelm eine Branntwein-Probierstube eröffnet, was vor allem die Metzger aus der Fleischscharre am nahen Spreeufer zu schätzen wussten, wo öffentlich geschlachtet und verkauft wurde. Eine Chronik berichtet unverblümt, in den Wirthäusern habe man "gefressen, gesoffen, gespielet, spatziret, banquetieret". Doch schwere Zeiten standen bevor. Der verheerende Dreißigjährige Krieg war erst im dritten Jahr. In seinem Verlauf sank die Einwohnerzahl Berlins dramatisch von 100000 auf 6000 Menschen.

In der Liste des amtlichen Drei-Klassen-System Berliner Wirthäuser im 17. Jahrhundert fehlt die Probierstube in der Waisenstraße. In der benachbarten Klosterstraße gab es das Speisehaus 2. Klasse "Grüner Baum" des Gastwirts Maske. Sein Anschlag neben der Tür lautete: "Allhier speiset man einen Jeden nach Belieben."
Dennoch bestand in der Probierstube, die ab 1719 "Biedermeierstübchen am Glockenspiel" heißt und ab 1924 den heutigen Namen trägt, zu keiner Zeit ein Mangel an Gästen. Heinrich Zille (1858-1929) machte hier eindrucksvolle Schwarzweiß-Aufnahmen vom Bullenwinkel, wie die Waisenstraße zuvor hieß. In einer der beiden Gaststuben saß oft der Maler Otto Nagel (1894-1967), nachdem er sich draußen auf der Gasse Anregungen für seine Arbeiterporträts und Stadtansichten geholt hatte. Maxim Gorki (1868-1939) soll am Tresen den sinnigen Spruch abgelassen haben: "Um über ein Schnitzel schreiben zu können, muss man nicht selbst in der Bratpfanne gelegen haben". Die Geringschätzung einer Basis-Recherche klingt recht ungewöhnlich im Munde dieses nachgewiesenermaßen frührussischen Günter-Wallraff-Typs.

In jüngerer Zeit parkte einmal Egon Krenz mit einer "Citroen Prestige"-Kolonne die Gasse zu, nur um Bier zu trinken. Gregor Gysi feierte im ersten Stock seine Hochzeit. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Jacques Chirac kehrten einmal ein und orderten eine Beleidigungsklage - Matjes-Tartar - und eine Zeugen-Aussage - Eisbein, Sauerkraut, Erbspüree und Salzkartoffel. Angesichts dieser starken Personenbewegung im Vortresenbereich wird der Gast per Aushang seit Jahren darauf hingewiesen: "Pass uff uf deene Pelle, es gibt noch Unrelle!"

Die Gaststätte "Zur letzten Instanz" ist mit der U-Bahn-Linie 2 (Bahnhof Klosterstraße) zu erreichen.

Adresse:
Waisenstraße 14-16 in 10179 Berlin;
Telefon: 030-242 55 28
Öffnungszeiten der Gaststätte "Zur letzten Instanz":
Mo. - Sa. 12.00 - 01.00 Uhr
Text: wn

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