Die Künstlergräber von Friedrichsfelde in Berlin Lichtenberg

Professor D., ein Mitachtziger, stakst auf dem Friedrichsfelder Zentralfriedhof durchs glitschige Herbstlaub. Der klein gewachsene Mann mit markantem Kahlkopf atmet schwer,
Künstlergräber von Friedrichsfelde
Die Künstlergräber auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde
Foto © -wn-
rundet beim Luftholen die offenen Lippen. Er kommt von der Gräberanlage mit den niedrigen Granit-Steinen für Faschismus-Opfer und Verfolgte des Naziregimes. D. zählt zu den wenigen Deutschen, die 1945 als Angehörige der Roten Armee nach Deutschland vorstießen. Der antifaschistische Patriot, damals einundzwanzig, schreibt später das Buch "Die Geburt eines neuen Deutschland". 1990 überrascht er, verweigert den Status eines Zeitzeugen, der akzeptiert, dass in geschichtlichen Situationen ausreichend große Menschengruppen zu einem Revolution genannten, gemeinsamen Verlangen kommen. Während um diese Zeit im deutschen Raum sich solche Gruppen zu "einem Volk" erklären, schreibt er in der ehemals gedankenoffenen "Weltbühne" einen Artikel, in dem er nicht nur die DDR und die BRD (alt) strikt separiert hält, sondern sogar mit einem unnachgiebigen Plural von "ihren (beiden) Völkern" spricht.

D. geht hinüber zur "Gedenkstätte der Sozialisten", wo Persönlichkeiten liegen wie Wilhelm und Karl Liebknecht, Franz Mehring, Paul Singer und - wahrscheinlich nur symbolisch - Rosa Luxemburg. Ferner trifft man auf die Gräber von SED-Funktionären,
kurz von Menschen überwiegend anderer Bildungsgrade, die sich für gleichgesinnt hielten, intrigierten, sich Orden ansteckten, Parteistrafen aussprachen, sich in die Wüste schickten oder durch abnickendes Wohlverhalten Karriere zu machen suchten. - Jetzt passiert der Professor einen kurzen Abweg, der zu 21 Künstlergräbern mit 30 Bestatteten führt… Ganz außen die Ruhestätte der Autorin Imtraud Morgner. "Natürlich drehen sich nicht alle Verstorbenen im Grabe um", heißt es in ihrem Buch über die Hexe Amanda, die eines Tages dem Grab entflieht, ins Phantastische auffliegt, weil sie in der Höhe einen schärferen Blick auf irdische Bedrohungen und Chancen gewinnen will. Amandas anderer Teil, die Triebwagenfahrerin Laura, verzweifelt indessen nach zwei familiären Todesfällen an der in der DDR verbreiteten Philosophie, die sich nicht genug mit Tod, Krankheit, Zufall, Glück und Unglück befasst. In einem Leserbrief schreibt Amanda: "Wir haben Gott abgeschafft, schön und gut. … Aber wir brauchen auch Philosophie … über täglich zu bewältigende, unabweisbare, elementare Lebensereignisse." - Das Buch? Noch heute gut zu lesen. Ein paar Gräber weiter liegt der sächsische Adelssproß und proletkultistische Schriftsteller Ludwig Renn, der 1960 mit seiner Geschichte "Auftraggeber Arbeiterklasse" nichts weniger vorschlug als zur Vertreibung depressiver Gefühle verdiente Werktätigen in den Betriebs-Kultursälen naturgetreu auf Wandbilder aufzumalen. Sein Vorschlag scheiterte an staatlichen Sicherheitsinteressen. Angesichts eskalierender Verurteilungen wegen staatsfeindlicher Hetze und ähnlichem, Ausschlüssen, Ausreisen und Zersetzungen hätten ständig inkriminierte Arbeiter übermalt werden müssen.

Hatte man doch schon mit der Kleinkriminalität zu tun. Im Grab gegenüber liegt einer der bekanntesten Gerichtsreporter der DDR, Rudolf Hirsch, aus einer jüdischen Schumacherfamilie stammend. Er war auf die Menschen fixiert, die es nie zu einer Aufmalung gebracht hätten. Jeden Donnerstag erschienen Hirschs Reportagen aus dem Gerichtsalltag in der viel gelesenen "Wochenpost". Über die Jahre hatte er den ornithologischen Namensfundus abgearbeitet, denn seine Prozeßbeteiligten hatten Vogelnamen. Herr Uhu saß über Herrn Rabe zu Gericht, Herr Wiedehopf über Frau Elster. Die Besonderheit dieses Gerichts-Journalismus mit gewolltem Katharsis-Effekt: Herr Rabe und Frau Elster waren immer Werktätige der unteren Stufe; ab der Meister-, gar der Funktionärsebene hatten die Herren Uhu und Wiedehopf jedenfalls in der "Wochenpost" nichts zu verhandeln.

Und ein solcher krimineller Herr Kuckuck hatte vom Grab des Berliner Malers, Schriftstellers und Ehrenbürgers Otto Nagel den bronzenen Namenszug gestohlen und kleingestanzt zum Altstoffhandel gebracht.
Mit solchen Leuten hat Muttchen zu tun, literarische Erfindung aus Nagels Roman "Die weiße Taube oder Das nasse Dreieck". Muttchen, der alte Dragoner in Frauengestalt, ist die Chefin der "Nasses Dreieck" genannten Weddinger Obdachlosenkaschemme an der "Stinkepanke"; hygienehalber sind die Tische pechschwarz gestrichen, und "hinter einem Eisengitter (liegen) Fressalien aufgestapelt: Schweine-Kopffleisch, Bouletten, Heringe". Aus menschlicher Erwägung lässt Muttchen die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger in der Kneipe auch ohne Verzehr sitzen. Sobald sich aber Streit und Handgemenge anbahnen, nimmt sie einen Gummiknüppel vom Haken und geht dazwischen. Vor ihr hat man Respekt. "Der stärkste Mann ließ sich von ihr widerspruchslos verprügeln", heißt es im Text. In solchem Milieu trieb Otto Nagel auch seine malerischen Studien. Zu dieser Zeit war er mit Käthe Kollwitz befreundet; heute liegen sie Ehrengrab an Ehrengrab beieinander. Starke Ruhe geht vom Grab der Malerin, Graphikerin und Bildhauerin heute aus. Kurt Tucholsky schrieb, mit ihren Lithografien, Radierungen, Kupferstichen und Holzschnitten habe sie dem Erdenleid jedes Menschen ihrer Zeit eindringlich und mitfühlend Ausdruck verliehen. Die großartige Wirkung ihrer Kunst, die auch darauf abzielt, dass der Mensch niemandes Eigentum ist, nimmt eher zu, als dass sie in den Zeitläuften verschleißen würde.

Soviel war an diesem Tag zu erkennen: Der vorbei kommende Professor hatte den Künstlergräbern keinen Blick geschenkt. Es muss einen Grund geben. Vielleicht hat er mit Kunst nichts am Hut. Oder es war das schlechte Wetter.
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Verkehrsverbindungen :
U- und S-Bhf. Lichtenberg, S-Bhf. Friedrichsfelde-Ost Bus 193, Straßenbahn 21, 27
Die Zufahrt mit dem Auto über Frankfurter Allee - Atzpodienstraße - Rüdigerstraße - Gudrunstraße.
( Text: -wn- )

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