Fontane Gedenkstätte in Berlin - Am Scheingrab Fontanes

Wenn ein Grab plötzlich ein Scheingrab ist, war rohe Gewalt im Spiel. Einem solchen brachialen Angriff war Theodor Fontanes (1819-1898) letzter Ruheort auf dem Friedhof II
Grab von Theodor Fontane
Grab von Theodor Fontane & Fontane Gedenkstätte in Berlin
Foto © -wn-
der Französischen Gemeinde in der Liesenstraße ausgesetzt. Die Grube, in der auch Frau Emilie (1824-1902) eigentlich noch liegen müsste, ist verfüllt, doch leer im bestatterischen Sinn. Unter dem in den 50er Jahren vom Französischen Konsistorium aufgestellten granitenen Zweit-Stein (Foto) befindet sich eingeebnetes Detonationsgeröll, das nach schwerem Bombardement des Friedhofes im Zweiten Weltkrieg als wüstes Feld mit Trichtern und Buckeln aus Schutt und Erdreich zurückgeblieben war. Was bis dahin die aerobe Grabfauna von beiden Bestatteten übrig gelassen hatte, war jetzt, ein Halbjahrhundert nach den Leichenbegängnissen, regelrecht zu Granulat geworden. Unklar auch, ob der neue Stein tatsächlich an der Stelle des früheren Grabes steht. Fontanes Leserschaft - soweit sie heute dort vorbei kommt - kann mit dem Umstand des Ungefähren gut leben.
Das parkartige Gelände mit alten Steinen, Gittern und Bäumen - einschließlich der Mauerreste - gewährt denen, die dort schauen und wandeln, ausreichend Geistesnähe und Spiritualität.

Am Grab von Theodor Fontane


Um zum 80. Todestag des Dichters einen Artikel zu schreiben und um sich deshalb auf dem Gottesacker ein paar verwertbare Eindrücke zu holen, versuchte der Feuilletonist Heinz Knobloch (1926-2003) im Jahre 1978 zum Scheingrab vorzudringen - es lag ab 1961 im Grenzgebiet unweit des Kolonnenweges der Berliner Mauer und war für Besucher gesperrt. Hier kamen nur Grenzer und Flüchtende vorbei. Damit hatte Fontanes postmortales Schicksal nach der vorausgegangenen Grab-Restauration erneut einen traurigen Fortgang genommen: Fast drei Jahrzehnte einer internierten Totenruhe brachen an. Knobloch, langjähriger Redakteur der renommierten "Wochenpost" und Edelfeder mit Schwejkschen Anklängen wird von "den Organen" aber schließlich als unverdächtig eingestuft, den Friedhof als Fluchtort benutzen zu wollen. Der Stellvertretende Minister für Nationale Verteidigung und Chef der Politischen Hauptverwaltung der Nationalen Volksarmee, Waldemar Verner, fertigte höchstselbst einen "Passierschein zum vorübergehenden Aufenthalt im Schutzstreifen" aus. Wer sagt es denn! Sie "liebten doch und setzten sich doch dafür ein"! Der mit dem Propusk ausgestattete Heinz Knobloch notiert am Morgen des 20. Juni: "Dienstag, Sonnenschein. Hochstimmung. Wie an einem ganz persönlichen Feiertag." Ein Grab, schreibt er, laufe nicht weg. Fontane schon; denn er ist "der an einen Erlaubnisschein Gebundene". Knobloch erreicht das Begräbnisfeld über den östlichen Eingang in der Wöhlertstraße, den nur die direkten Angehörigen von hier Beerdigten unter strengen Auflagen benutzen dürfen. In seinem Feuilleton wird Knobloch später schreiben, er habe sich wie von einer weiten Reise zurückgekehrt gefühlt. Doch mit Blick auf den Dichter spürt er Optimismus: "Dieser Fontane ist seit zwei Jahrzehnten weltweit spürbar, ist als Klassiker im Kommen." Das werde einer nur "wenn er den Menschen viel sagen kann, unabhängig von Zeit und anderen Veränderlichkeiten".

An der Gedenkstätte für Theodor Fontane in Berlin


So sehr das Interesse an Fontane in Buchhandlungen offenkundig wird, gibt es auch immer wieder Ablehnung - nichts Neues für den Betroffenen. In einem Brief bekennt er "Zurücksetzungen, Zweifeln, Achselzucken und Lächeln ausgesetzt" gewesen zu sein. Und allen Ernstes hatte er sich einmal gefragt, ob "nach 20 oder 30 Jahren von mir und meinen Arbeiten überhaupt noch die Rede ist". Kürzlich nun erklärte der Autor Moritz von Uslar (geb. 1970) im Sender "Fritz": "Fontane ist langweilig." Dem so Klassifizierten ging es in diesem Moment wie Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), von dem der Dramatiker August von Kọtzebue (1761-1819) in einem Miszellen-Aufsatz behauptet hatte, "dass Herr von Göthe kein Deutsch (zu schreiben) versteht", und er legt nach: "Und wenn er nur niese, so müssen wir niederfallen und anbeten". Ganz sicher, auch von Uslars Gedanken sind frei. Es trifft sich aber, dass er ebenso wie Fontane in Brandenburg recherchierend unterwegs war. In seinem Buch "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung" - am Beispiel der Gemeinde Zehdenick im Bezirk Oberhavel - legte er eine, wie man zugeben muss, intelligente Ausmalung - leider der gängigen Klischees vom wilden Osten vor. Zwischen naturalistische O-Töne streut er Wortschöpfungen wie die (aufgegebenen) "Hinüberen", aus deren Mündern dünne "Spuckefäden" drieseln. Fontane hatte um des Erfolges willen nie versucht, den Zeitgeist mit von ihm nachillustrierten Klischees zu bedienen. Er schmierte den Märkern auch keinen Honig ums Maul - so sehr er dem Preußentum gern einen gefälligen Anstrich geben wollte. Die Märker seien "zwar nüchtern und anstellig, ... aber sie sind ohne rechte Begeisterungsfähigkeit und vor allem ohne rechte Liebenswürdigkeit. Ja, es sind tüchtige, aber eingeengte Leute." Die Neigung zu dichterischen
Aussagen nach ergebnisoffenen Recherchen und Überlegungen bestätigt der Maler Max Liebermann, der Fontane einen Menschen nennt, dem "sentimentale Phrasen und feierliche Redensarten am ekelhaftesten sind". Thomas Mann, selbst gelegentlich dem Vorwurf eines manierierten Schreibstiles ausgesetzt, schätzte an dem schreibenden Märker, dass er trotz dieser Offenheit in der Lage war, "Milde, Güte, Gerechtigkeit, Humor und verschlagene Weisheit, kurz, jene höhere Wiederkehr kindlicher Ungebundenheit und Unschuld" generationsübergreifend zum Klingen zu bringen. Und wenn dies alles heute nicht mehr verfangen würde - wonach es kaum aussieht -, bliebe doch, dass Fontane als Entdecker der Schönheit der Mark gilt, der sich - bescheiden wie er war - mit "nichts ausgerüstet (sah) als einem poetischen Talent und einer schlechtsitzenden Hose".

Öffnungszeiten der Fontane-Gedenkstätte


Im September 2010 wurde in der ehemaligen Friedhofskapelle eine Fontane-Gedenkstätte eingerichtet.
Sie ist montags bis donnerstags von 9:00 Uhr bis 16:00 Uhr und freitags von 9:00 Uhr bis 15:00 Uhr geöffnet.

Wie man zum Friedhof kommt:
Den Friedhof erreicht man am besten mit der S-Bahnlinie S1; Aussteige-Bahnhof ist die Station Humboldthain. Von dort sind es ca. 600 Meter Fußweg.
Text: -wn-

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