Straße der Erinnerung Moabiter Spreebogen: Die durch die Wand gehen

Die bronzene Skulptur im Moabiter Spreebogen zu Füssen der beiden Schenkel des hufeisenförmigen Innenministeriums (Fotos) ist kein Denkmal
Bronze-Plastik Wir sind das Volk
Die 2009 geschaffene Bronze-Plastik
"Wir sind das Volk" von Rolf Bibel
Foto © -wn-
für den auf deutsche Kleinbürger spezialisierten Schauspieler Heinz Rühmann (1902-1994) und seinen Film "Ein Mann geht durch die Wand". Der drollige Streifen von 1959 handelt vom Steuerbeamten dritter Klasse, dem lieben Herrn Buchsbaum, dem es trotz angestrengten Fleißes am nötigen Selbstbewusstsein mangelt, für sein berufliches Fortkommen zu sorgen. Als dieser Herr Buchsbaum eines Abends zu Hause dem Hausmeister einen Kurzschluss melden muss und versucht, im Dunklen die Tür ins Treppenhaus zu finden - da steht er plötzlich schon da, wo er hin will. Ungewollt war er durch die Wand gegangen. Das Denkmal im Spreebogen in der sogenannten Straße der Erinnerung zeigt einen Mann, dem nicht Strom und Licht, sondern die Freiheit fehlt. Deshalb will er "ins Offene" wie es in Friedrich Hölderlins (1770-1843) anspielungsreichem Gedicht "Der Gang aufs Land" heißt. Es ist jenes Gedicht, in dem er die Zustände, in denen er lebt, "bleierne Zeit" nennt, eine Wortverbindung, für die es bis in die jüngste deutsche Vergangenheit hinein immer wieder Verwendung gab. Der Mann im Denkmal strebt ins Freie, aber da ist diese lange Zeit für unüberwindbar gehaltene Wand. Und obwohl sie unbezwingbar scheint, wagt er es, auf sie mit dem Ziel zuzugehen, sie irgendwie zu überwinden. Und er durchbricht sie in einem symbolischen Akt.
Bronze-Plastik Wir sind das Volk von hinten
Die 2009 geschaffene Bronze-Plastik
"Wir sind das Volk" von Rolf Bibl ( Rückseite )
Foto © -wn-
Das war 2009 die Idee des deutschen Bildhauers und Malers Rolf Bibl (geb. 1951), der sich vornahm, einen solchen individuellen Vorgang des Überwindens darzustellen und dem Werk den Titel "Wir sind das Volk" zu geben. Es war der sich damals mit zunehmender Beschleunigung ausbreitende Ruf, der zum ersten Mal - und wie man hört: zunächst eher zaghaft - nach einem Friedensgebet am 2. Oktober 1989 in der Leipziger Nikolaikirche zu hören war.

Biebls Mann nimmt wahr: Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen - das muss nicht immer töricht sein. 1989 jedoch sah es nach einem Erfolg zunächst nicht aus. Unter den Widerständlern herrschte keineswegs eine "Einheitsfront". In Erich Loests Roman "Nikolaikirche" liest sich das so: "Hektik, Aktionismus Nirgends gedanklicher, philosophischer, theologischer Vorlauf. Die Besten verheddern sich im Alltäglichen" der Auseinandersetzung mit der immer rüder werdenden Staatsmacht. In seiner pointierten Leipziger Gewandhaus-Rede vom 9. Oktober 2009, die das Zeug hat, den Reden zugerechnet zu werden, "die die Republik bewegten", bringt der Europa-Abgeordnete Werner Schulz von der Partei Bündnis 90/Die Grünen (geb. 1950) den schließlich eingetretenen Erfolg - oder auch das Wunder - auf die Formel "Was lange gärt wird Mut". "Deswegen war der 9. Oktober 89 der Tag der Entscheidung" fährt er fort, "weil an diesem Tag die Leipziger Montagsdemo den Beginn der friedlichen Revolution einleitete. Weil hier die Angst und die Ohnmacht - die Helfer der Diktatur - überwunden wurden. Was Karl Marx allen Berufsrevolutionären mit auf den Weg gab, dass die Idee zur materiellen Gewalt wird,
Büste des Schreiners Georg Elser
Büste des Schreiners Georg Elser
Foto © -wn-
wenn sie die Massen ergreift, fand eine kreative Umsetzung." Die Begründer der Straße der Erinnerung in Berlin-Moabit haben jene - wie sie sie nennen - "Helden ohne Degen" im Auge, die mit ihrem gewaltlosen Widerstand gegen die restriktiv-hilflose Honecker-Administration die Mauer zum Einsturz brachten.

Die Skulpturen auf der Straße der Erinnerung


Die Skulptur ist östlicher Blickfang für die Straße der Erinnerung, die ein kurzes Stück Spreebogenweg ist, der hier den noch inoffiziellen Namen Bolle-Ufer trägt - benannt nach der ehemaligen Meierei Bolle, die einst zwischen der Spree und der Straße Alt-Moabit ihren Hauptsitz hatte. Inzwischen dominiert der Berliner Unternehmer Ernst Freiberger (geb. 1951) das Gelände. Er ist Vermieter des Gebäudes, in dem das Innenministerium seinen Sitz hat. 1994 gründete Ernst Freiberger die nach ihm benannte Stiftung, die "Beiträge zur Bewältigung sozialer, kultureller sowie anderer gesellschaftlicher Aufgaben" leisten will. Ab 2002 begann man mit dem Aufstellen von Büsten, die an Gegner und Opfer des NS-Regimes erinnern. Bis zum Herbst 2012 wurden neun Büsten platziert. Die Plastiken erinnern an Deutsche, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebten. 1900 war der jüngste von ihnen - der Ingenieur Konrad Zuse (1910-1995), noch gar nicht geboren. Er wird später den ersten programmgesteuerten elektromechanischen Digitalrechner schaffen. Der älteste der Neun ist der Industrielle und deutsche Außenminister von Februar bis Juni 1922 Walther Rathenau (1867-1922).
Büste des Schriftstellers Thomas Mann
Büste des Schriftstellers Thomas Mann
Foto © -wn-
Er hatte sich bereit gezeigt, mit den ehemaligen Kriegsgegnern darüber zu sprechen, wie Deutschland die ihm im Friedensschluss von Versailles auferlegten Reparationen abtragen kann. Sein Ziel war es, dass Deutschland bald wieder in die Gemeinschaft der europäischen Staaten zurückfindet. Es trug ihm den Vorwurf ein, er betreibe eine "Erfüllungspolitik". Bald tauchte der erste Mordaufruf auf: "Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!" Am 24. Juni 1922, gegen 11 Uhr, wird er auf dem Weg von seinem Haus in der Königsallee zum Auswärtigen Amt von dem 23jährigen Jurastudent und ehemaligen Marineoffizier Erwin Kern und dem 26jährigen Maschinenbauingenieur Hermann Fischer mit einer Handgranate und mehreren Schüssen aus einer Maschinenpistole ermordet.

An ein anderes Schicksal erinnert die Büste der in Auschwitz ermordeten Philosophin Edith Stein (1891- vermutlich 1942).
Büste der Philosophin Edith Stein
Büste der Philosophin Edith Stein
Foto © -wn-
Die Tochter eines jüdischen Kaufmanns war 1922 zum Katholizismus konvertiert. Wie die Tübinger Germanistin und Theologin Waltraud Herbstrith (geb. 1929) schreibt, stand Edith Stein "zwischen den Religionen, sie ist eine Gestalt von glaubhafter Ökumene". Sie sei "ein Menschen (gewesen), der in seinem Lebensschicksal Judentum und Christentum ernst nahm und eines nicht gegen das andere ausspielte". "In dem Maße, wie die Nationalsozialistischen die Juden verachteten und viele Christen ihren Antijudaismus lebten, war Edith Stein begeistert, dass Jesus von Nazaret Jude war", schreibt Waltraud Herbstrith. Nach einer zehnjährigen atheistischen Phase erkannte die Philosophin, dass die Gestalt des Nazareners und seine sozial-ethischen Zeugnisse - etwa in der Bergpredigt - für Gläubige wie für konfessionell Ungebundene von erheblichem Belang sind. Nach allem, was über Edith Stein bekannt wurde, nahm sie ihr Schicksal im Vernichtungslager Auschwitz an - sowohl in der Identifizierung mit dem jüdischen Volk, dem sie entstammte als auch in der tiefreligiösen "Nachfolge Christi" im Leiden. Edith Stein,
Straße der Erinnerung in Berlin
Die Straße der Erinnerung ist kein zum Deutschtümeln
herausfordernder Ehrenhain; er bietet vielmehr in schöner
Umgebung einen erhellenden Gang durch deutsche Geschichte
und Kultur. Auf dem Bild zu sehen sind die Büsten
Walter Rathenaus (vorn),
Mies van der Rohes und Albrecht Haushofers Straße
Foto © -wn-
die 1998 von Papst Johannes Paul II. (1920-2005) heiliggesprochen wurde, steht für die Mahnung, dass eine Gesellschaft verarmt, wenn es in ihr keine Religion mehr gibt, ohne dass jeder religiös sein muss.

In der Gesellschaft dieser bedeutenden Frau befindet sich einer, den man landläufig einen "einfachen Mann" nennen würde, den Schreiner und Hitlergegner aus dem Württembergischen Hermaringen Georg Elser (1903-1945). Auch seine Büste steht am Bolle-Ufer. Georg Elser war allein, gehörte keinem Kreis an, schon gar keiner Elite; er hatte keine Helfer, kein konspiratives Netzwerk, das ihm bei der Ausführung seines Planes hätte unterstützen können - den Diktator Adolf Hitler (1889-1945) zu töten. Das wollte er am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller versuchen, wo ein Gröl- und Sauffest zum Andenken an den fehlgeschlagenen Putsch von 1923 stattfand, bei dem die Putschisten unter Hitlers Führung die Reichsregierung in Berlin stürzen und eine Diktatur errichten wollten. Das Attentat misslang, weil Hitler den Bürgerbräukeller vorzeitig verließ. Elser wurde bald von der Gestapo gefasst. Während eines Verhörs im Reichssicherheitshauptamt in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße hat er die Größe zu Protokoll zu geben: "Ich wollte ja auch durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern." Kurz vor Kriegende wurde er ermordet. Nach 1945 ist das Andenken an den Attentäter in der BRD (alt) lange Jahrzehnte durch Unkenntnis und Verständnislosigkeit verdunkelt geblieben. In der DDR war er eine Unperson.

In der Reihe steht auch die Büste von Thomas Mann (1875-1955), des bedeutendsten deutschen Schriftstellers und größten Romanciers des 20. Jahrhunderts.
Gedenkstätte
Treppenaufgang zur Gedenkstätte "Stille Helden"
in der Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte
Foto © -wn-
Er hatte sich bereits in der Weimarer Republik gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus gewandt und war mit seiner Kritik ins Visier der Gestapo geraten. Am 8. Mai 1945 wird er in einer Rede über die entdeckten Gräuel der KZs in der BBC erklären: "Der dickwandige Folterkeller, zu dem der Hitlerismus Deutschland gemacht hatte, ist aufgebrochen, und offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt. Die Menschheit schaudert sich vor Deutschland! Ja, vor Deutschland." Das erinnert wieder an Friedrich Hölderlin und seinen verbitterten Ausbruch im Briefroman "Hyperion", in dem er über die Landsleute klagt: "Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Sache". Die Straße der Erinnerung ist nun gerade denjenigen Deutschen gewidmet, die nicht nur nicht zu Mittätern und Mitläufern wurden, sondern die in sich Widerstände überwanden: Angst bezwangen, Mutlosigkeit keinen Raum gaben und unter schweren Bedingungen vernünftig und patriotisch handelten. An ihrer Seite stehen unbedingt auch jene vielen "Stillen Helden", die sich dem nationalsozialistischen Völkermord entgegenstellten, indem sie jüdische Deutsche versteckten. Die zwar kleine, aber museal gut ausgestattete Gedenkstätte Stille Helden in der Rosenthaler Straße würdigt diese Männer und Frauen, die im Übrigen nach 1945 von sich kein Aufheben machten, weil sie ihre lebensrettenden Hilfeleistungen als selbstverständlich begreifen.

An der Straße der Erinnerung sind (Herbst 2012) auch die Büsten von Ludwig Ehrhard (1897-1977), dem streitbaren westdeutschen Politiker, der als "Vater des Wirtschaftswunders" in die Geschichte einging, aufgestellt, von Albert Einstein (1879-1955), dem weltbekannten Physiker, von Mies van der Rohe (1886-1969), dem amerikanischen Architekten deutscher Herkunft, und von dem Geografen und Schriftsteller Albrecht Haushofer (1903-1945).

Verkehrsinformation:
Die Straße der Erinnerung erreicht man aus der Stadtmitte mit der S-Bahn S7 Richtung Potsdam. Nahe der Station Bellevue überquert man die Moabiter Spree-Brücke und hält sich am anderen Ufer links. Das (inoffiziell genannte) Bolle-Ufer ist Fußgängern und Radfahrern vorbehalten. Es gibt Spielplätze, Cafés und Kneipen sowie ein Restaurantschiff.
Text: -wn-

Adresse: Straße der Erinnerung
Die Straße der Erinnerung ist ein öffentlich zugängliches Denkmal im Spree-Bogen im Berliner Ortsteil Moabit.


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