Hinrichtungsstätte Plötzensee: Mordort - Denkort - Warnort

Das Hinrichten schuldig Gewordener, erst recht Schuldloser - nach altem Sprachgebrauch Lebensstrafe genannt - ist ein fortbestehendes Übel unserer Welt.
Eingang der Gedenkstätte Plötzensee in Berlin
Eingang zur Gedenkstätte Plötzensee, einem Außenbereich
der Justizvollzugsanstalt Plötzensee - Foto © -wn-
Das staatlich sanktionierte Töten auf Schafott, durch Halsgericht, Gift oder Erschießen hat noch nie irgendetwas etwas gebessert. Alles scharfe Richten läuft auf Rache hinaus; Abschreckung findet nicht statt. - Es ist der 22. Mai 1946, kurz nach ein Uhr mittags, in einem der vier großen Innenhöfe des Gefängnisses Pankraz im südlichen Prager Stadtteil Nusle. An einem aus dem Mittelalter bekannten Würgegalgen österreichischer Tradition wird der ehemalige deutsche Staatsminister im quasikolonialen "Protektorat Böhmen und Mähren", SS-Obergruppenführer Karl Hermann Frank (geb. 1898) zu Tode gebracht. Der fanatische Schreibtischtäter ist für zahllose Morde an tschechischen Menschen verantwortlich, ganz besonders für das Niederbrennen des mittelböhmischen Dorfes Lidice und das Hinmorden seiner männlichen Bewohner am 10. Juni 1942 und vier Tage später für das Ausradieren des Weilers Lezaky 130 Kilometer südöstlich Prags. Am Ende seines Lebens wird der Delinquent noch zur authentisch-literarischen Figur; unter den über Tausend Augenzeugen im Hof steht der "Rasende Reporter" Egon Erwin Kisch (1885-1948); seine Reportage nennt er später "Die letzten Schritte des K. H. Frank". Vermutlich mit Blick auf die Genugtuung, die Franks Abstrafung unter den Beistehenden auslöst, verzichtet Kisch darauf, fragwürdige Details der Vollstreckung mitzuteilen: Der auf einem Gerüst aufgestellte, mit einem Haken versehene Hinrichtungspfahl ist, wie sich herausstellt, zu kurz, als dass der Körper des an einem Unterarm-Gurt hochgezogenen und oben eingeschlingten Frank im freien Fall die nötige kinetische Energie entwickeln kann, die ausreicht, um den todbringenden Genickbruch herbeizuführen. Er fällt - und bleibt zunächst am Leben. Der Scharfrichter Frantisek Nenahlo - Monate zuvor noch Häftling im Konzentrationslager Sachsenhausen gewesen - fasst Franks Kopf an Kinn und Schopf und drückt den Körper mit diesem Griff mehrfach ruckartig nach unten. Jetzt ist Frank tot.

Was die Prager Vollstreckung als Problem zurücklässt, ein auf Qual hinauslaufendes Töten selbst eines entmenschten Täters, ist in den Jahren der Hitlerdiktatur im Berliner Strafgefängnis Plötzensee zur üblichen Rachehandlung des Regimes an den zum Tode Verurteilten. Zwischen 1933 und 1945 wurden an diesem schicksalhaften Platz 2891 Menschen nach Unrechtsurteilen der NS-Justiz, zumeist des "Volksgerichtshofes", hingerichtet. Viele Delinquenten entstammen der antifaschistischen Widerstandsgruppe, die die Gestapo später Rote Kapelle nennt, der christlich-konservativen Gruppe "Kreisauer Kreis" und dem Personenkreis, der mit dem gescheiterten Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 in Verbindung steht. Insgesamt gingen mehrere Hundert Frauen in den Tod. Unter der Hingerichteten befinden sich einige wenige Kriminelle. Vor allem nach dem fehlgeschlagenen Versuch des Wehrmachts-Offiziers Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944) lässt Adolf Hitler, "dieser fade Temperenzler (Abstinenzler), / Der's nicht mal mit Weibern kann" (Erich Weinert), seinen krankhaften Gewaltphantasien freien Lauf. Es macht den Diktator an, wenn er sich die von ihm angeordneten (verschollenen) Filmaufnahmen von den Exekutionen vorführen lässt. Zum Ausdruck kommen Hitlers psychischen Störungen unter anderem in dem verschärfenden Befehl an die Plötzenseer Henker, "dass (die Verurteilten) erhängt werden (sollen), aufgehängt wie Schlachtvieh". Das befahl jener Mann, der sonst mit Schlachtvieh nichts im Sinn hatte. In einem Brief an die Schriftstellerin Henriette von Schirach (1913-1992) beschrieb er seinen Speiseplan: "Ich bitte, mir alles zu ersparen, was Tiere nur unfreiwillig hergeben: Fleisch, Milch und Käse." Der amerikanische Psychoanalytiker deutscher Herkunft, Erich Fromm (1900-1980) charakterisiert Hitlers Veranlagungen als eine sadistisch-bösartige, lustvoll empfundene Destruktivität menschlichen Trieblebens.

Die Hinrichtungsstätte Plötzensee


Anfangs der 1930er Jahre waren die Opfer in der "Plötze" (Berliner Slang) noch im Gefängnishof mit dem Handbeil enthauptet worden. 1937 stellte man in einem
Gedenkstätte Plötzensee
Der Innenraum der Gedenkstätte Plötzensee
Foto © -wn-
Schuppen neben dem Haus III des Strafgefängnisses eine Guillotine auf. Im Innenraum - Teil der heutigen Gedenkstätte - war sie bis zu einem Bombenangriff im September 1943 in Funktion. Eine Hinrichtung auf der Köpfungsmaschine dauerte Sekunden, besagen die akribisch geführten Vollstreckungsprotokolle. Der Exekutions-Raum ist viermal acht Meter groß, geteilt durch einen nach beiden Seiten zu teilenden schwarzen Vorhang. Hinter diesem in Fensternähe wurde Ende 1942 über die ganze Raumbreite ein T-Träger mit damals acht lauffähigen Haken befestigt, von denen fünf noch zu sehen sind. Die in die Drahtschlingen nackt eingehängten Verurteilten wurden zwar von den Henkersknechten fallen gelassen; vielfach jedoch zog sich das Sterben durch langsames Erwürgen qualvoll hin. In seinem Buch "Die letzten Stunden" erinnert sich der Gefängnispfarrer im Widerstand gegen das NS-Regime Harald Poelchau (1903-1972) an zahlreiche Verurteilte, die bewundernswürdige, oft von christlichen Überzeugungen gestützte Haltungen an den Tag legten. Es waren Menschen, die in den bedrängendsten Minuten ihres Lebens, schon im benachbarten Todeserwartungsraum in Gruppen zu acht stehend, in der Lage waren, dem Bevorstehenden mit Fassung entgegenzusehen. Harald Poelchau berichtet von menschlicher Standhaftigkeit, die in der heutigen "Hat-mir-Spaß-gemacht"-Gesellschaft kaum noch begriffen werden kann. Für jedermann aber bleibt die ins Heute drängende Plötzenseer Warnung, in der Gesellschaft keinen Radikalismus mehr zuzulassen - wie der Ismus auch immer heißen mag.

Die Gedenkstätte Plötzensee


Eines der vielen tragischen Plötzenseer Menschenschicksale vollendet sich am 25. August 1944, als auf den Politoffizier der Roten Armee und bedeutenden tatarischen Dichter Musa Mustafowitsch Dschalil (geb. 1906) die Drahtschlinge wartete. Dschalil war an Deutschland verzweifelt. Bereits im Jahr zuvor hatte er in seinem Gedicht "In Alman", das zusammen mit anderen Texten aus dem Moabiter Gefängnis geschmuggelt werden konnte,
sein Entsetzen über das in weiten Teilen barbarisch gewordene Deutschland ausgedrückt:
"Hab ich dich etwa so mir ausgemalt,
als ich an Goethes Werken mich berauscht? In welchem Saal in diesem Land erstrahlt
Beethovens Klang, dem ich gebannt gelauscht?
Der Heines Verse liebt, dem legt man jetzt
in Heines Heimat Eisenfesseln an".
(Übersetzung: Helmut Preißler)


In der BRD (alt) wurde die Todesstrafe 1949 abgeschafft, in Westberlin 1951.
Die DDR unterließ es aufgrund außenpolitischer Erwägungen erst ab 1987, Menschen zum Tode zu verurteilen und mit "unerwarteten Nahschüssen" in den Kopf niederzustrecken.
In Prag ging 1952 der Prozess gegen den vormaligen KP-Generalsekretär Rudolf Slansky (1901-1952) über die Bühne.
Er endete wegen (erfundener) "titoistischer und zionistischer Umtriebe" mit Todesurteilen gegen Slansky und 13 weitere tschechoslowakische Funktionäre.

Gedenkstätte Plötzensee für die Opfer des Nationalsozialismus
Hüttigpfad 16
13627 Berlin
Telefon: 030 / 26 99 50 00

Öffnungszeiten der Gedenkstätte Plötzensee :


März-Oktober: tägl. 09:00 Uhr - 17:00 Uhr,
November-Februar: tägl. 09:00 Uhr - 16:00 Uhr,
Feiertage geschlossen
Eintritt: kostenlos

Wie man zur Gedenkstätte Plötzensee kommt:
Die Gedenkstätte befindet sich in einem Außenbereich der Justizvollzugsanstalt Plötzensee. ( Friedrich-Olbricht-Damm 16; 13627 Berlin)
U-Bahnhof Turmstraße oder S-Bahnhof Beusselstraße dann Bus 123 bis "Gedenkstätte Plötzensee" (3 Minuten Fußweg)
Text: -wn-


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