Wannsee - Grunewald - Gleis 17 - Eine Kontur des Todes

"Blaue Havel, Grunewald, / Grüß' mir alle beide, / Grüß' und sag' ich käme bald, / Und (grüß') die Tegler Heide." Hinter dem heiteren Vierzeiler aus der Feder des damals 32jährigen Bewunderers,
Gleises 17 am Güterbahnhof Grunewald
Die am südwestlichen Ende des Gleises 17 hochgewachsenen
Birken und Buchen haben eine museale Funktion:
Hier sollen nie mehr Züge abfahren.
Foto © -wn-
späteren Bewanderers der Mark Brandenburg, Theodor Fontane (1819-1898), verbirgt sich auch leises Wähnen vergeblichen Hoffens. Es lässt spüren, unter Umständen könnte es nicht nur kein baldiges Wiedersehen, sondern gar keine Rückkehr dorthin geben, wo man einst sich gerne aufgehalten hat. Ein ähnliches, viel drastischeres Gefühlsgemenge aus bösem Erwarten und schwachem Hoffen erfüllt jene 1089 Berliner Juden, die am 18. Oktober 1941 am Gleis 17 des Güterbahnhofes Grunewald in Waggons der Reichsbahn dritter Klasse mit Lattensitzbänken verladen werden. In welchem Verhältnis sichtiges Todeserwarten und Lebenswille sich bei ihnen mischen und verteilen - wer will das heute wissen. Das ihnen verheimlichte Transport-Ziel war Litzmannstadt (Lodz) - das Ghetto dort. Ab dem 15. Oktober 1941 hatten Gestapo-Kommandos die Familien systematisch aus den Wohnungen geholt. Ein Koffer ist zugelassen. Man weiß, dass das Leben eines jeden Menschen im Verlauf eines Minutenbruchteils durch Infarkt, Unfall oder Blitzschlag enden kann.
Nun tritt die Erfahrung hinzu, dass eine Zugreise in den Tod, zumindest ins Ungewisse, zu Hause beim Schmieren eines Butterbrotes aufschublos beginnen kann. Zunächst kommen die vom Zugriff Überraschten in die seit der Pogromnacht 1938 demolierte Synagoge an der Levetzowstraße. Rabbiner, Kantoren und Mitarbeiter der Jüdischen Gemeinde sind zur Bewachung und Versorgung der Eingelieferten im Einsatz. Am Abfahrtstag müssen sich die zum Transport Bestimmten zu Fuß auf den acht Kilometer langen Weg zum Güterbahnhof machen; für Kinder und Alte gibt es Lastwagen - damit alles zügig abläuft. "Ausschleusung aus dem Sammellager" nennen es die amtlichen Vollzugsberichte. Einer besagt, die "Verladung" auf dem Bahnsteig 17 sei "ohne Gedränge … vor sich" gegangen. Dieser 18. Oktober ist ein historisches Datum: An diesem regnerischen Herbsttag beginnen die Deportationen der Berliner Juden in die Pferche und Lager in Theresienstadt (Terezin), Riga, Lodz und später direkt nach Auschwitz (Oświęcim). Der letzte Transport ab Grunewald wird sich am 5. Januar 1945 ins nahe Sachsenhausen in Bewegung setzen. 55000 Menschen werden von hier sowie von den Stationen Putlitzstrasse und Anhalter Bahnhof deportiert. Allein ins Todeslager Auschwitz fahren etwa 35 Züge mit 17000 Menschen aus dem Grunewald ab. Es ist zufällig auch der Bahnsteig, auf dem am 16. Januar 1945 Adolf Hitlers Sonderzug ein letztes Mal in Berlin einfährt. Hier besteigt der Diktator seine Limousine, die ihn zur Reichskanzlei bringt. Keiner sieht, dass er schon kein Lebender, sondern bereits ein Untoter ist. 104 Tage später wird er sein Leben durch Einnahme von Kaliumcyanid mit einem begleitenden Kopfschuss beenden.

Am der Gedenkstätten am Bahnhof Grunewald


Es ist nunmehr der 12. Dezember 2006. Der amtierende israelische Ministerpräsident Ehud Olmert besucht den Bahnhof. "Ich stehe hier und lausche aufmerksam den längst verschollenen Stimmen nach. Ich bin umgeben von einer Menge scheinbar stummer Zeugen: dasselbe Gleis, die gleichen Schienen, die roten Steine, der Himmel. Alles, genauso wie es damals war. … Wortfetzen höre ich, einen gewürgten Schrei, das Weinen eines Kindes, das Flehen einer Mutter, das Stöhnen eines alten Mannes - übertönt von einem scharfen, kalten Befehl, durchschneidend und grausam." Die Judenvernichtung habe der Menschheit eine Frage hinterlassen, die weder das Herz noch der Verstand erfassen könne, sagt der 1945 in Israel geborene Olmert und fügt hinzu: "Wir (in Israel) haben daraus gelernt und uns diese Lehre genau eingeprägt: Wehe dem Schwachen und Schutzlosen" - ein Satz, den man beim Bewerten der aktuellen Politik Israels immer mit bedenken muss. Wer heute als Besucher die drainagefähigen Stanzstahlplatten der beiden Bahnsteigkanten abgeht, wird zweifellos Mitleid mit den auf immer Verschwundenen empfinden - aus menschlichem Mitfühlen heraus, antifaschistischer Gesinnung halber oder auch - soweit man Christ ist - in dem zusätzlich verbindenden Bewusstsein, dass Juden und Christen (zusammen mit den Muslimen) die gemeinsame, die von Bibel und Koran bezeugte abrahamitische Abkunft haben.

Unvorstellbar bleibt der Vorgang dennoch, zumal Deportierte ihr Schicksal kaum beschreiben konnten.
Berlin - Auschwitz
An den Kanten der Stanzstahlplatten sind die Angaben
zu den einzelnen Transporten zu lesen.
Hier: 1.3.1943 / 1736 Juden / Berlin - Auschwitz
Foto © -wn-
Ersatzweise kann man aber z.B. den "Roman eines Schicksallosen" zur Hand nehmen, den der ungarische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger von 2002 Imre Kertész (geb. 1929) 1975 in Ungarn veröffentlichte. Das Buch ist überaus ungewöhnlich: der 15jährige György wird zusammen mit anderen ungarischen Juden nach Auschwitz deportiert und schildert das Erlebte, indem er den Vorgängen trotz aller Härten Verständnis entgegenzubringen sucht, ja, er glaubt sogar, es gibt für ihn nach dem Vernichtungslager ein Leben im gewünschten Beruf. Auf der Rampe von Auschwitz wundert er sich, dass die deutschen Soldaten "so einen gewöhnlichen Spazierstock mit gebogenem Ende" bei sich haben, "und das überraschte mich etwas, da sie doch alle Männer im Vollbesitz ihrer Kräfte und ihrer Fortbewegungsfähigkeit waren". Kurz darauf sieht er, "dass der Gegenstand nicht aus Holz, sondern aus Leder, und kein Stock, sondern eine Peitsche war. …aber schließlich konnte ich kein Beispiel dafür erblicken, dass man sie benutzte, nun, und dann waren ja auch ringsum die vielen Häftlinge, das sah ich ein". Der Junge könnte einer von den jüdischen Kindern in Polen zwischen den Weltkriegen sein, denen im oft übersetzten Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" des israelischen Schriftstellers Amos Oz (geb. 1939) eingeschärft wird, sie sollten "Gott behüte, (keinen) schlechten Eindruck auf die Goijm (Nichtjuden) machen, und dann würden sie wütend werden und uns deshalb wieder schreckliche Dinge antun, die man sich lieber gar nicht erst vorstellte". Ein reales, nichtliterarisches Schicksal ist das des damals elfjährigen Berliner Mädchens Marion Samuel aus der Rhinower Straße 11 im Prenzlauer Berg. Die Mutter Cilly wird am 1. März 1943 nach Auschwitz verschleppt; drei Tage später gehen Marion und ihr Vater auf Transport. Das Mädchen wird nach der Ankunft im Lager in die Gaskammer geschickt. Der Vater stirbt nach 61 Tagen an den Folgen von Zwangsarbeit, das Schicksal der Mutter - unbekannt.

Vom Grunewalder Güterbahnhof bis zum südlichen Ende des Wannsees hinüber zieht sich eine Kontur des Todes,
Berlin - Auschwitz
Blick auf die Gedenkstätte in Richtung
des S-Bahnhofes Grunewald / Foto © -wn-
eine gedachte Linie zur zwölf Kilometer entfernten Wannsee-Villa, in der ein Vierteljahr nach dem ersten Grunewalder Transport die berüchtigte nach dem See benannte Konferenz tagt. Das ist am 20. Januar 1942. Zu diesem Zeitpunkt ist der sich bereits vollziehende Holocaust "Gegenstand einer normalen Ressortbesprechung mit begleitender Protokollierung" - so die damalige Bundestags-Präsidentin Rita Süssmuth bei der Eröffnung der Gedenkstätte im Januar 1992. Im Protokoll dieser eintägigen Konferenz liest man: "Anstelle der Auswanderung (der Juden) ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten." Obwohl das Protokoll an keiner Stelle Tötungen von Menschen erwähnt, ist das Konferenzthema einzig und allein die Ermordung einer ganzen Gruppe von Menschen und Bürgern.

Etwas mehr als zwanzig Jahre zuvor ist ein solcher Vorgang noch undenkbar, zumal Adolf Hitlers offenherzige Schrift "Mein Kampf" noch nicht erschienen ist. So ist es zu verstehen, dass am 6. November 1919 unweit des Güterbahnhofes, im nahen Schmargendorfer Goethe-Lyzeum die Ortsgruppe des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine öffentliche Versammlung abhalten kann. Im Mittelpunkt steht ein Vortrag des Historikers und damaligen Direktors der Jüdischen Gemeinde Berlin, Dr. Ismar Freund (1876-1956). Das Thema: "Der Kulturwert des Judentums". In einer Pressenotiz darüber heißt es, die Zusammenkunft war "einberufen (worden), um eine Verständigung in der jungen Ortsgruppe zwischen unseren dortigen Glaubensgenossen und den andersgläubigen (säkularen) Mitgliedern anzubahnen". Dr. Freund, der 1938 noch rechtzeitig nach Palästina emigrieren wird, "führte die Zuhörer in die jahrtausendealte Kulturgeschichte der Juden, die in ihren Ausstrahlungen für die Menschheit ungeheure Kulturwerte gebracht hat". Weiter heißt es, "in der sehr lebhaften Diskussion sprachen auch einige Antisemiten, deren Ausführungen mit lebhaftem Unwillen abgelehnt wurden." Der 1938 verbotene Centralverein, dessen Mitglieder sich als deutsch-national Denkende und Fühlende verstanden, verfolgte das Ziel, die erreichten staatsbürgerlichen Rechte der jüdischen Bürger zu verteidigen. Es steht dahin, inwieweit sie den bereits vorhandenen Antisemitismus des untergegangenen Kaiserreiches nicht ernst genug genommen hatten. Der in Berlin geborene jüdische Religionshistoriker Gerhard (Gerschom) Scholem (1897-1982) schreibt 1975 in einem Brief an den Schriftsteller Ernst Jünger (1895-1998): "Ich selber bin schon 1923 nach dem damaligen Palästina gegangen, und meine Brüder und meine Mutter sind bis 1938 und 1939 in Deutschland geblieben. Die Einsicht in ihre eigene Lage gehörte nicht zu den starken Seiten der deutschen Juden. Mein Bruder, der radikale Sozialist, war überzeugt, dass ihm als Veteran des (Ersten) Weltkrieges nichts passieren könne."
Berlin - Auschwitz
Der S-Bahnhof Grunewald; rechts geht es auf kurzem Weg
zur Gedenkstätte. / Foto © -wn-
Diese Annahme kostet Werner Scholem das Leben. 1940 wird der ehemalige KPD-Reichstagsabgeordnete in Buchenwald ermordet. Der Zionist Gerschom Scholem hält sich zu gute, von Anfang an die "deutsch-jüdische Symbiose" als jüdisches "Wunschdenken" und den deutsch-jüdischen Dialog als "jüdisches Selbstgespräch" kritisiert zu haben. Sein Fazit: Die Shoah habe den Juden bewiesen, dass ihre Emanzipations- und Assimilations- bestrebungen in Europa vergebliche Liebesmüh waren. Für damals haben ihm die zahlreichen Abreisen auf Gleis 17 Recht gegeben.

Wie man zur Gedenkstätte am Bahnhof Grunewald kommt:


Aus der Berliner Innenstadt kommend befährt man die Autobahn A115 bis zur Abfahrt Hüttenweg und von dort über die Königsstraße zum Bahnhof Grunewald. Die ausgeschilderte Gedenkstätte liegt rechts in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes. Es bietet sich aus thematischen Gründen die Weiterfahrt über die A115 zum Haus der Wannsee-Konferenz an. Dazu verlässt man die Autobahn an der Abfahrt Steglitz und fährt auf der Bundesstraße B1 weiter in Richtung Potsdam. Nach dem Überqueren des Durchflusses zwischen Großem und Kleinem Wannsee biegt man kurz darauf rechts in die Straße Am Großen Wannsee ein. Ab dort ist der Weg zum Haus der Wannsee-Konferenz gut ausgeschildert. Text: -wn-



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