Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock Berlin

Eingang zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Eingang zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Ehrenhof links - Foto: © -wn-

Der Ehrenhof im Bendlerblock: Mut zur Moral, Genauigkeit des Gewissens

Zu welchem Zweck ein Buch auch verfasst wird - eine Werkgeschichte bleibt zurück: Schreibanlass, Schreibumstände, Schreibergebnis. Jedes Buch hat Folgen: schöne, schwache oder schlimme. Die Texte formen sich oft in Ermitagen; nehmen wir nur das entlegene Haus des Schriftstellers Hans Fallada (1893-1947) am Carwitzer See. In der Stille dieses literarischen Refugiums auf der Carwitzer Halbinsel Bohnenwerder entsteht 1932 der Welterfolg "Kleiner Mann - was nun?" ("Ruhe im Haus, Vater schreibt!") Anders liegen die Dinge bei dem weitgehend glücklosen Politiker Erich Honecker (1912-1994). Der Zeitgenosse ohne abgeschlossene Ausbildung konnte es sich in den 80er Jahren leisten, andere für sich schreiben zu lassen. Zehn anonyme Funktionäre werkelten an seinem an Irrtümern und Illusionen reichen Buch "Aus meinem Leben". Wer wissen will, warum der Staatssozialismus zusammenbrach, muss sich aufmerksam durch das ermüdende Opus quälen. Ein andres Mal ist sogar der Name des Schreib-Ziels mit dem des Schreib-Orts regelrecht verquickt. Die Rede ist vom zweiten Teil der politisch-ideologischen Programmschrift "Mein Kampf" des späteren deutschen Diktators Adolf Hitler (1889-1945). Den ersten Teil des Buches hatte dieser 1924 - nach seinem missglückten Putschversuch gegen die Weimarer Republik - im Gefängnis Landsberg auf einer amerikanischen Reiseschreibmaschine vom Typ "Remington Portable" zu Papier gebracht. Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung sollte nun zügig der zweite Teil entstehen - in angenehmerer Umgebung. Mit dem Nazi-Publizisten Max Amann (1891-1957) und späteren privaten Tantiemen-Verwalter zog sich Hitler im Sommer 1925 als "Pensionsgast Hugo Wolf" in eine Blockhütte des Bergwirtes und vormaligen Autorennfahrers Bruno Büchner (1871-1943) am Hang des Obersalzberges zurück. Hier bereitete der Vegetarier Adolf Hitler eine der blutigsten Weltkatastrophen vor, die die Geschichte kennt; seine Karriere als Kriegsverbrechers nahm Formen an. Er diktierte, und Aman saß an der Schreibmaschine. Die frugale Behausung mit dem steinbeschwerten flachen Dach erhielt später den Kosenamen "Kampfhäusl" - eine seltsame Verbindung aus kämpfen und kosen. Die Reste der Grundmauer sind noch da; die grünbemoosten Steine liegen im Wald nahe dem heutigen Berchtesgaden Berggasthof Restaurant.

Adolf Hitler erläutert in "Mein Kampf" den Tyrannenmord

Erstaunlicherweise nimmt Hitler im 9. Kapital seines Buches Gelegenheit, sich auch über ein Thema Gedanken zu machen, das er nicht auf sich bezogen haben kann: Er äußert sich zum Tyrannenmord. Und er entwirft eine politische Situation, in der "ein Volk unter der Tyrannei irgendeines genialen Unterdrückers schmachtet". Pathetisch heißt es weiter: "In solch einem Fall mag aus einem Volk ein opferwilliger Mann plötzlich hervorspringen, um den Todesstahl in die Brust des verhassten Einzigen zu stoßen." Beim Abfassen dieser Zeilen wird er kaum daran gedacht haben, dass einmal "opferwillige Männer" in seiner nächsten Nähe "hervorspringen" würden - zuletzt in Gestalt des Widerstandskämpfers und Offiziers Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944). Am 20. Juli 1944 sollte es dem 55-jährigen Diktator in der Beratungsbaracke der Wolfsschanze in Ostpreußen endlich an den Kragen gehen. Knapp entgeht er dem Tod. Die Explosion war der letzte von vermutlich über 30 Attentatsversuchen. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, bis dahin Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres und Hauptakteur bei diesem misslungenen Attentat, stirbt am nächsten Tag früh gegen 0.15 Uhr im Alter von 37 Jahren im Kugelfeuer eines Hinrichtungs-Kommandos der Leibstandarte "Adolf Hitler". Zusammen mit ihm wurden ermordet

  • General der Infanterie Friedrich Olbricht (geb. 1888)
  • Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim (geb. 1905)
  • Oberleutnant Werner Karl von Haeften (geb. 1908)
Dem ebenfalls verhafteten Generaloberst Ludwig August Theodor Beck (geb. 1880) wurde zugestanden, selbst Hand an sich zu legen, was misslang, so dass er von einem Feldwebel zu Tode gebracht wurde. Der geplante Staatsstreich "Operation Walküre", für den Hitlers Tod das Signal sein sollte, war damit gescheitert. Lesen Sie auch: Berlin im Nationalsozialismus

Gedenktafel im Ehrenhof
Gedenktafel im Ehrenhof mit den Namen der erschossenen Offiziere - Foto: © -wn-
Aus dem schaurigen Platz der Geschichte wurde inzwischen ein erlebnisreicher Lernort. Viele interessierte Besucher betreten heute von der Berliner Stauffenbergstraße aus den Ehrenhof des einstigen Oberkommandos des Heeres, in dem Deutsche nach langer Vorbereitung und mit dem Wissen um mögliche Konsequenzen für Leib und Leben am 20. Juli 1944 den Versuch unternahmen, die nationalsozialistische Unrechtsherrschaft zu stürzen. Das Haus ist ein nach Nordosten zeigender Anbau des Bendlerblocks, in dessen Hauptgebäude die Berliner Außenstelle des (Bonner) Ministeriums der Verteidigung untergebracht ist. Im Hof befindet sich linkerhand der Eingang zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand. In 26 Räumen werden dort seit 1989 auf mehr als 5000 Bildern und anderen Dokumenten Motive und Handlungen der kopfstarken und konspirativen Verschwörergruppen, darunter auch kommunistischer, dargestellt.

Nachdem man die tiefe Einfahrt durchschritten und den rechteckigen gepflasterten Hof betrat, fällt der Blick in dessen Mitte auf zwei querlaufende und verschieden hohe und breite metallene Postamente. Sie markieren die Erschießungsstelle. Hier war in der Mordnacht ein Sandhaufen aufgeschüttet, an dem sich die vier Männer in einer Reihe aufstellen mussten und vor dem sie - einer nach dem anderen - im Schein von zwei LKW-Scheinwerfern erschossen wurden. Die Exekution war eine aus privatem Interesse befohlene Hinrichtung. Mit seinem Schießbefehl wollte der Befehlshaber des Ersatzheeres und Mitwisser Friedrich Wilhelm Waldemar Fromm (geb. 1888) verhindern, dass die vier überlebenden Männer bei Gestapo-Verhören seinen Namen preisgeben. Es nützte ihm nichts; die Gestapo deckte seine Mitwisserschaft auf. Er wurde am 12. März 1945 hingerichtet.

Im Zentrum des Ehrenhofes: Die Bronzefigur "Junger Mann mit gebundenen Händen"

Das hintere Hofende wird von acht Linden mit dichten Kronen und zartem Sommerlaub eingenommen. Die Idee, der allgegenwärtigen Gedrücktheit des Ehrenhofes mit den Gedenkbäumen einen naturhaften Sinneseindruck beizugeben, hatte der deutsche Bildhauer und Architekt Erich Reusch (geb. 1925). Vor dem lichten Lindenhang steht die 1953 geschaffene Bronzefigur "Junger Mann mit gebundenen Händen", die der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter (1889-1953) am 20. Juli 1953 enthüllte. Ihr Schöpfer ist der Bildhauer Richard Scheibe (1879-1964), dessen Menschendarstellungen gelassenes Ebenmaß und natürliche Anmut zur Geltung bringen. Die schlanke Figur erweckt den Eindruck von Entschlossenheit und Ruhe. Erst die dünne unauffällige Fessel, die die geballten Fäuste zusammenhält, macht die existentielle Situation des Mannes erkennbar. Die Andeutung eines Schrittes nach vorn lässt sich im Kontext des Hofes als Symbol für einen "Letzten Weg" interpretieren. Vor der Figur ist eine Metallplatte eingelassen. Auf ihr ist ein Text des Kunsthistorikers Edwin Redslob (1884-1973) zu lesen:

Bronzefigur Junger Mann mit gebundenen Händen
Im Zentrum des Ehrenhofes steht die 1953 geschaffene Bronzefigur "Junger Mann mit gebundenen Händen" des Bildhauers Richard Scheibe - Foto: © -wn-
IHR TRUGT
DIE SCHANDE NICHT
IHR WEHRTET EUCH
IHR GABT
DAS GROSSE
EWIG WACHE
ZEICHEN DER UMKEHR
OPFERND
EUER HEISSES LEBEN
FÜR FREIHEIT
RECHT UND EHRE


Richard Scheibe stellt einen Mann vor, der diese Umkehr wollte, vollzog und verlor. Dennoch sprechen aus seinen Zügen mutiger Trotz und Verachtung für das Böse. Diese Haltung scheint ihn mit den vier Männern des Widerstandes zu verbinden, die in jener Julinacht (als erste von vielen in der Folgezeit) umgebracht wurden. Es endet für sie ein mehrjähriger Zeitraum, spätestens gerechnet ab dem deutschen Überfall auf Polen am Morgen des 1. September 1939. Nach dem Erlebnis des sich vollziehenden brutalen Krieges begannen sie Gegner Hitlers und seiner Politik zu werden. Welche Ausgangspunkte ihre Denkprozesse hatten, zeigt in der Stauffenberg-Literatur ein oft benutztes Briefzitat des späteren Hitler-Attentäters. Seine Sicht damals: "Die Bevölkerung (in Polen) ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohl fühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun." Der Historiker Christian Graf von Krockow (1927-2002) befasste sich mit Stauffenbergs Entwicklung. Die Last des sich rührenden Gewissens habe schließlich ein Ausweichen vor der individuellen Verantwortung nicht mehr erlaubt. Stauffenberg und die Mitverschwörer hätten "einen Mut zur Moral, eine Genauigkeit des Gewissens über jede Opposition hinaus" bewiesen. Über die Kriegsführung Hitlers und die Gewissensnot manches Offiziers der Wehrmacht hatte Generaloberst Ludwig August Theodor Beck in einer Vortragsnotiz erklärt: "Es stehen hier letzte Entscheidungen über den Bestand der Nation auf dem Spiel. Die Geschichte wird diese Führer (die weiter Hitlers Befehle ausführen) mit einer Blutschuld belasten, wenn sie nicht nach ihrem staatspolitischen Wissen und Gewissen handeln. Ihr soldatischer Gehorsam hat dort eine Grenze, wo ihr Gewissen und ihre Verantwortung die Ausführung eines Befehls verbietet!"
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Stauffenbergs letzte Worte: "Es lebe das Heilige Deutschland"

Postamente im Bendlerblock
Postamente in der Hofmitte, die die Erschießungsstelle markieren - Foto: © -wn-

Stauffenbergs patriotische Tat hat noch eine andere Quelle. Berichtet wird, er habe kurz bevor ihn die Todesschüsse trafen ausgerufen: "Es lebe das Heilige Deutschland!"; gehört haben will man auch: "Es lebe das Geheime Deutschland!" So oder so verweisen diese letzten Worte auf seine Zugehörigkeit zum elitären Kreis um den charismatischen Schriftsteller und Lyriker Stefan Anton George (1868-1933). Dieser entwarf bei den Zusammenkünften der Gruppe bereits in den 20er Jahren das Bild eines idealisierten "Geheimen Deutschlands", in dessen geistigem und politikfernem Umfeld sich elitäre Tatmenschen bewegten. Als ein solcher galt Stauffenberg. Immer ging es im George-Kreis um einen Neubeginn in Deutschland. In seinem Spätwerk "Das neue Reich" (1928) entwirft George eine hierarchische Gesellschaftsreform auf der Grundlage einer "neuen geistig-seelischen Aristokratie". Es war ganz sicher keine Diktatur, sondern ein Ständestaat gemeint, dessen führende Vertreter sich jedoch nicht als Vollstrecker eines Volkswillens verstanden. Von einem bürgerlichen Staat mit repräsentativer Demokratie war nicht die Rede. Der Publizist Thomas Karlauf (geb. 1955) schreibt: Es galt "sich als Elite für den Tag der Bewährung bereitzuhalten. So empfanden es die Jünger Georges, die in freudiger Erwartung großer Ereignisse von dem Glauben durchdrungen waren, selber Teil der Lösung zu sein." Die mangelnde Volksnähe zeige sich auch darin, dass man "Dokumente der Empathie, Zeugnisse wie die Flugblätter der "Weißen Rose", die Gefängnisbriefe Dietrich Bonhoeffers ... solche Belege christlich-humaner Gesinnung, die uns heute unmittelbar berühren, ... im Nachlass der Stauffenbergs vergebens" sucht, meint Thomas Karlauf. Politisch fassbarer war der Plan der christlich-konservativen Gruppe der deutschen Widerstandsbewegung "Kreisauer Kreis" (der Stauffenberg nicht angehörte). Diese Patrioten hatten in ihren "Grundsätzen für die Neuordnung" bestimmt: "Die Regierung des Deutschen Reiches sieht im Christentum die Grundlage für die sittliche und religiöse Erneuerung unseres Volkes, für die Überwindung vom Hass und Lüge, für den Neuaufbau der europäischen Völkergemeinschaft."

DDR verleumdet jahrelang die Männer des 20. Juli

Die DDR lastete dem Widerstandskämpfer Stauffenberg eine Ferne zum kommunistischen Widerstand an. Am 19. Juli 1959 schrieb das Neue Deutschland, eine Tragik der Männer um ihn hätte darin bestanden, "dass sie trotz einzelner Versuche nicht den Weg zu den Antifaschisten fanden und sich nicht eng mit den antifaschistisch-demokratischen Widerstandskämpfern des Volkes verbanden". Der Autor versteigt sich zu dem Schluss, "ihr selbstloser Einsatz diente objektiv ... einem volksfeindlichen Ziel". Der absurde Vorwurf kam von einer Partei, deren Vorläufer, die KPD, mit ihrer These vom sozialdemokratischen "Sozialfaschismus" eine antifaschistische Einheitsfront gegen Hitler verhinderte. Schon Ende 1933 hatte der KPD-Politiker Fritz Heckert (1884-1936) in einem in Basel erschienenen Buch erklärt, der Kampf gegen die "faschistische Bourgeoisie" müsse "nicht gemeinsam mit der Sozialdemokratischen Partei, sondern gegen sie" geführt werden. Der Lyriker und Liedersänger Wolf Biermann (geb. 1936), der 1953 als Sechzehnjähriger in die DDR übergesiedelt war, kommentiert das von der KPD geerbte und gepflegte linke Sektierertum der SED mit den Worten: "So kam ich drüben (in der DDR) an: ohne Arg / Und blindbegeistert wie ein Kind / Bald sah ich, dass rote Götter auch / nur MenschenSchweineHunde sind." Erst im Sommer 1989 versuchte die SED, ihre teilweise abwegige Einschätzung des Hitler-Attentäters zu korrigieren. Am 23. Juni wird im Neuen Deutschland überraschend von der "mutigen vaterländischen Tat dieser Verschwörung (gesprochen), die antifaschistische Aktion (sei) eine sozial, politisch und ideologisch breitgefächerten Koalition zur Beendigung des hitlerfaschistischen Raub- und Vernichtungskrieges gegen die Völker Europas, sei ein Fanal politischer Vernunft gewesen". Ein Jahr später erscheint in der Berliner Zeitung ein erster ausführlicher Beitrag über den Ehrenhof und die Gedenkstätte in der Stauffenbergstraße. Diesmal wird die Unterschiedlichkeit patriotischer Aktionen in der Zeit des Nationalsozialismus anerkannt. Die Überschrift des Artikels lautet zutreffend: "Bild des Widerstandes von beeindruckender Farbigkeit".

Anfahrt zum Bendlerblock

Wie man zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand kommt:
Die Zu-Fuß-Variante ab U-Bahnhof Potsdamer Platz (U2):
Man läuft in angenehmer Umgebung Richtung Philharmonie, biegt rechts (hinter der Matthäuskirche) in die Sigismundstraße ein und läuft auf ihr das kurze Stück bis zur Stauffenbergstraße vor. Nun hält man sich links und ist in weniger als zwei Minuten am Straßeneingang (Hofdurchgang) der Gedenkstätte.

Die andere Variante:
Man fährt mit der U-Bahn U2 bis zur Station Mendelssohn-Bartholdy-Park. Dort steigt man in den Bus M29 (Richtung Grunewald) und fährt bis zur Station Gedenkstätte Deutscher Widerstand vor. Von dieser Haltestelle am Reichpietschufer / Ecke Stauffenbergstraße bis zur Gedenkstätte sind es etwa 250 Meter.

Adresse: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Stauffenbergstraße 13 - 14
10785 Berlin-Mitte
Telefon: 030/ 26 99 50 00

Öffnungszeiten der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Montag bis Mittwoch und Freitag 9:00 Uhr - 18:00 Uhr
Donnerstag 9:00 Uhr - 20:00 Uhr
Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen 10:00 Uhr - 18:00 Uhr

Geschlossen am 24. bis 26. Dezember und 31. Dezember bis 1. Januar

Eintritt frei
Text: -wn- / Stand: 06.08.2016

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