Lernen am Ort der Täter - Die Kreuzberger "Topographie des Terrors"

Offen nach oben war die Skala des Grausamen, das ahnten allerdings die wenigsten damals im 18. Jahrhundert.
Topographie des Terrors, Ausstellungsgraben
Der Ausstellungsgraben entlang den freigelegten
Kellermauerresten des Gestapo-Gebäudes; darüber ein
Stück Berliner Mauer Foto © -wn-
Zwar herrschte Entsetzen über das bekannt gewordene Ausmaß der Gewalt, die der Homo sapiens großen oder kleinen Teilen der eigenen Gattung mit Terror und Krieg und Mord anzutun imstande war. Immer aber hielt man das gegenwärtig Schreckliche und Unbarmherzige für nunmehr unüberbietbar. In die Lebenszeit des Königsberger Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant (1724-1804) z.B. fallen die preußisch-österreichischen "Schlesischen Kriege", darunter der überflüssigste von allen, der Siebenjährige. Vom Zaun brach sie Kants in Potsdam-Sanssouci ansässiger Philosophen-Kollega Friedrich II. von Preußen (1712-1786). Dabei hatte der noch 1739, ein Jahr vor dem ersten der drei Feldzüge, in seiner emphatischen Jugendschrift "Der Antimachiavell" den Angriffskrieg als einen "Abgrund des Jammers" klassifiziert.
Die Wirklichkeit nach den Schlachten: 370000 Preußen, Österreicher, Russen, Franzosen und Schweden verlieren in den drei Kriegen nicht nur das Leben; sie werden frontal oder hinterrücks erstochen, erschlagen, abgeknallt. Entweder sind sie sofort tot oder sie dämmern verwundet und vielfach unversorgt auf den verlassenen Schlachtfeldern ihrem Ende entgegen. Selbstredend hielt Kant diese Gräuel für entsetzlich. In einem seiner letzten Schriftwerke - "Der Streit der Facultäten" - kommt er jedoch zu dem Schluss: "Der Verfall ins Ärgere kann im menschlichen Geschlechte nicht beständig fortwährend sein; denn bei einem gewissen Grade desselben würde es sich selbst aufreiben." Glaubte er doch erkannt zu haben, dass der Mensch seine Zeitgenossen generell "nicht wohl leiden" könne.
Aber trotz dieses unfreundlichen Umstandes wolle der Erdenbürger - so Kants Logik - doch vom Mitmenschen im gesellschaftlichen Verkehr nicht ablassen und vollziehe mit ihm ein unausgesetztes "Fortschreiten zum Besseren". Von derselben Erwartung, dass sich nämlich menschliche Grausamkeit und Niedertracht einmal selbst stoppen würden, ging auch der anonym bleibende deutsche Offizier aus, der 1739 im Krieg der Russen und Österreicher gegen die Osmanen zusammen mit anderen in die Hände von Tartaren fiel und als Sklave in die Gegend nördlich des Schwarzen Meeres, später in die Türkei verschleppt wurde. Sein 1749 im Verlag Daniel Christian Hechtel Frankfurt und Leipzig erschienenes Buch trägt den Titel "Barbarische Grausamkeit derer Türcken und Tartarn, gegen die in der Gefangenschafft sich befindenden Arme Christen".
Die Publikation erweckt den Eindruck, dass einem Menschen - abgesehen vom Tod - nicht viel Schlimmeres mehr widerfahren könne, als was der Verfasser sieben Jahre lang durchmachen musste. Lebte er doch unter kannibalischen Banden, die andere Kriegsgefangene tatsächlich als Schlachtvieh in Koben hielten. "Ueberdem habe ich allhier ein beständiges Metzeln und Schlachten, Fressen und Sauffen, als vorher niemahlen wahrgenommen", heißt es im Buch. Es trägt trotz seines barbarischen Inhalts den partyfähigen Untertitel "Erstaunens-würdige Begebenheiten eines Teutschen Edelmanns, welche derselbe in seiner sieben-jährigen Sclaverey (hat) erdulden und ausstehen müssen". Der Anonymus und Immanuel Kant konnten sich nicht vorstellen, dass Gewalt und Grausamkeit gegen Menschen in der Folgezeit noch steigerungsfähig waren.

Topographie des Terrors


Dass beide, und nicht nur sie, zu kurz dachten, bezeugt heute einen Kilometer südlich vom Holocaust-Denkmal ein weiterer "böser Ort" Berlins. In der nach der kommunistischen Widerstandskämpferin Käthe (Katja) Niederkirchner (1909-1944) genannten Straße befindet sich ein Denkort, die stark besuchte Dauerausstellung "Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt in der Wilhelm- und Prinz-Albrecht-Straße".
Topographie des Terrors, Ausstellungsgraben
Blick in die Ausstellung im neu gebauten Flachbau
Foto © -wn-
Dokumentiert wird Diktatur in einem Ausmaß, das einem selbst nach eingetretenem Zeitabstand immer noch unvorstellbar erscheint. Der Besucher betritt hier das Gelände der ehemaligen Adresse Prinz-Albrecht-Straße 8, wo sich das Hauptquartier der Gestapo befand. Gleich um die Ecke in der Wilhelmstraße 102 waren seit 1934 die Zentrale des Sicherheitsdienstes (SD) der SS und ab 1939 auch das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) untergebracht. Von hier aus steuerten diese Behörden den europaweiten Terror und Völkermord an den Juden und an anderen nicht für lebenswert gehaltenen Menschengruppen Europas. Die einmalige museale Einrichtung ermöglicht - ohne dass doziert oder agitiert wird - ein Lernen am Ort der Täter. "Dies bedeutet einerseits, sich mit den Tätern, ihren Motiven und ihrem Handeln zu beschäftigen. Es heißt aber auch, der Frage nachzugehen, welche Auswirkungen der NS-Terror auf das Leben der Bevölkerung hatte, wie er die Lebensumstände, das Denken und die Handlungsmöglichkeiten veränderte", heißt es in einer ausgelegten Info. In dem - nach etlichen planerischen Querelen in den Jahren zwischen 1993 und 2010 - nun endlich entstandenen Flachbau der lenkenden Stiftung sowie im sogenannten Ausstellungsgraben entlang den freigelegten Kellermauerresten des Gestapo-Gebäudes (zu Füßen eines Stückes Berliner Mauer) kann sich jeder ein Bild machen von diesem Tiefpunkt deutscher Geschichte. Die Ausstellung umfasst die Bereiche Die nationalsozialistische Machtübernahme; Institutionen des Terrors (SS und Polizei); Terror, Verfolgung und Vernichtung im Reichsgebiet; SS und Reichssicherheitshauptamt in den besetzten Gebieten sowie Kriegsende und Nachkriegszeit.

In die museale Aussage spielt nun auch wieder Immanuel Kant hinein, der hoffnungsfrohe Friedensfreund aus Königsberg, mit seiner noch heute dringlichen Ermunterung: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Das Ignorieren dieses Rates besonders in den Jahren 1933 bis 1945 hatte für das deutsche Volk schwerwiegendste Folgen. Denn wie uns die amerikanische Philosophin deutscher Herkunft Hannah Arendt (1906-1975), Autorin des Buches "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen", als Vermächtnis hinterließ, erwächst gerade das Böse im Menschen aus der Unfähigkeit bzw. dem Unwillen zu denken. Die Dauerausstellung zeigt, wohin große Teile eines Volkes bei eingeschränktem Denken triften können. In ihrem anderen ebenfalls weltberühmten Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" (unter Einbezug des Stalinismus) begründet Hannah Arendt die Massenwirksamkeit der faschistischen Propaganda selbst angesichts eines schon verlorenen Krieges: "Massen werden so wenig durch Tatsachen überzeugt, dass selbst erlogene Tatsachen keinen (Zweifel auslösenden) Eindruck auf sie machen. Auf sie wirkt nur die Konsequenz und Stimmigkeit frei erfundener Systeme, die sie mit einzuschließen versprechen. Wiederholung ist nicht darum ein so wirksamer Bestandteil aller Massenpropaganda, weil die Massen so dumm wären, etwas zu verstehen, oder zu träge, sich an etwas zu erinnern, sondern weil Wiederholung Folgerichtigkeit in der Zeit sichert."

Die Dokumentenschau zeigt besonders auch mit ihren historischen Alltagsfotos das Einmalige des faschistischen Terrors: Er entstand nicht, indem - wie oft in der Geschichte - politische Verfechter eines
wünschenswerten, jedoch nicht umsetzbaren Gesellschaftsentwurfs schließlich zu einem Gewaltregime mutieren. Spätesten seit 1925, als der damalige NSDAP-Führer Adolf Hitler (1889-1945) sein Basiswerk "Mein Kampf" unter die Leute brachte, lagen die völkermörderischen Ambitionen dieser Bewegung auf der Hand. Hitler ließ sehr früh keinen Zweifel daran, dass seinen antisemitischen Ausfällen Taten folgen würden: "So ist der Jude heute der große Hetzer zur restlosen Zerstörung Deutschlands." Oder: "Die Nationalisierung unserer Masse wird (deshalb) nur gelingen, wenn bei allem positiven Kampf um die Seele unseres Volkes ihre internationalen Vergifter ausgerottet werden." Das war die Ankündigung eines Genozids besondere Art. Nicht nur ganzen Völker oder Kategorien von Menschen stand die Ausrottung bevor. Das einzelne Opfer hatte schon zu Lebzeiten das Recht verloren, Mensch zu sein; seiner fabrikmäßigen Vernichtung ging kein juristischer Akt, kein ihn betreffendes Verfahren oder Urteil voraus. Selbst das traditionelle Bild vom - wenn schon noch nie geliebten, aber doch akzeptierten Tod zerbrach. Der Tod, der im Märchen der Gebrüder Grimm erklärt: "Ich bin der Tod, der alle gleich macht" - er wird zum hässlichen, gefürchteten Entsorger rechtlos gewordener Individuen.

Ahnungsvoll schreibt bereits am 2. Juli 1934 der in Deutschland als "Musik-Bolschewist" diffamierte und in die USA emigrierte Regisseur Carl Ebert (1887-1980) an seine Frau Gerti im Schweizer Kanton Tessin: "Armes armes (deutsches) Volk, das in den nächsten Monaten u. Jahren von den furchtbarsten Krämpfen geschüttelt werden wird - denn nun ist ja kein Zweifel mehr: dieses Gift im Körper eines herrlich begabten Volkes muss heraus schwären. Aber wie lange wird die Kur dauern, wie viel Opfer wird sie noch kosten. Und wenn ich mich umsehe u. den einen oder anderen fanatisierten Vollnazi (hier traf ich ein paar) so richtig betrachte, wenn ich die Verbissenheit dieser Züge, die Härte dieses Mundes, Kälte der Augen sehe, dann packt mich die Angst, dass das Gift vielleicht nie mehr ganz aus diesem Volkskörper verschwinden wird " Die vom in- und ausländischen Publikum angenommene Kreuzberger Ausstellung bezeugt, dass vor allem auch unter Jugendlichen ein unübersehbares Interesse besteht, sich mit dem Unbegreiflichen auseinanderzusetzen. Im Gästebuch der Exposition bestätigen dies nicht wenige Einträge ausländischer Besucher. Der Kontext der Inskriptionen entspricht einer französischen Stimme zum Thema, die der Althistoriker und Publizist Peter Bender (1923-2008) vor Jahren in einem Essay erwähnte: "Wir können vergessen" habe es damals von französischer Seite geheißen, "wenn ihr", die Deutschen, "nicht vergesst".

Wie man zur Ausstellung Topographie des Terrors kommt:


Sie ist zu erreichen über die U-Bahnhöfe Potsdamer Platz oder Kochstraße sowie über die S-Bahnhöfe Anhalter Bahnhof oder Potsdamer Platz. Nur wenige Gehminuten ist sie vom Potsdamer Platz entfernt. In der Nachbarschaft befinden sich das Ausstellungshaus Martin-Gropius-Bau sowie direkt gegenüber der ehemalige Preußische Landtag, das heutige Berliner Abgeordnetenhaus. ( Text: -wn- )

Adresse:
Stiftung Topographie des Terrors
Niederkirchnerstraße 8
10963 Berlin
Telefon: 030 / 25450950

Öffnungszeiten
täglich 10 bis 20 Uhr
Außenbereiche bis Einbruch der Dunkelheit (spätestens 20 Uhr)
Schließtage: 24., 31. Dezember und 1. Januar

Eintritt frei !
Die Ausstellungen sind für Rollstuhlfahrer barrierefrei
Weitere Informationen über www.topographie.de


Galerien in Berlin :
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  • Martin-Gropius-Bau Berlin
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