Die "Hungerkralle" in Tempelhof: Blockade - Brücke - Grundtorheit

Der Antikommunismus sei die Grundtorheit unserer Epoche - man kennt den Satz. Er stammt bekanntlich aus der Feder des Dichters Thomas Mann (1875-1955).
Hungerkralle Berlin
Luftbrücken-Denkmal in Berlin Von den Berlinern
auch Hungerkralle genannt. Foto © -wn-
In einem Vortrag 1944 in Washington wandte sich der prominente deutsche Exilant gegen den "Schrecken der bürgerlichen Welt vor dem Wort Kommunismus". Der Autor des berühmten "Buddenbrooks"-Romanes war alles andere als Kommunist, dennoch erblickte er im notorischen Hass auf jedwedes sozialistische oder kommunistische Gedankengut "etwas Abergläubisches und Kindisches … die Grundtorheit unserer Epoche". Klargestellt hatte er außerdem, "daß ich in einem Sozialismus, in dem die Idee der Gleichheit die der Freiheit vollkommen überwiegt, nicht das menschliche Ideal erblicke". Nicht ahnen konnte er, wie dreist diese Bekundung später missbraucht werden würde! So wie die ostdeutschen Staatssozialisten 1961 in Gestalt eines Kulturfrevels ohnegleichen vorgaben, mit dem Mauerbau eine Vision Heinrich Heines verwirklicht zu haben, brachten die Funktionäre die verkürzte Feststellung Thomas Manns gegen die Kritiker der erstarrenden DDR-Gesellschaft in Stellung. Aber schon seit dem Sommer 1948 gingen die Sowjetunion und die SED in der sowjetisch besetzten Zone selbst daran,
antikommunistisch gesinnte Kritiker und Antipathie-Träger massenweise zu rekrutieren, die sich auch von keiner säuselnden Friedens-Propaganda beeindrucken ließen. Wenige Tage nach der Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands sperrten sowjetische Truppen in der Nacht zum 24. Juni 1948 überraschend die Zufahrts- und Versorgungswege nach West-Berlin. Dort gehen weitgehend die Lichter aus. Die Berliner Blockade beginnt - eine totale Sperrung aller Land- und Wasserverbindungen zu den westlichen Besatzungszonen Deutschlands, zur SBZ und zum Ostsektor Berlins - ausgenommen ist der Personenverkehr. In Hannover liegen wenige Tage nach Blockadebeginn bereits mehr als 20 Kohlenzüge fest. Die Stromlieferungen aus dem Kraftwerk Golpa-Tschornewitz im Bitterfelder Kohlerevier nach Westberlin sind eingestellt. Nur sieben Kleinkraftwerke gibt es dort, deren Leistung gerade ausreicht, die lebenswichtigen Betriebe zu versorgen. Das Ziel der Maßnahme, als deren Haupteigenschaften sich später Erfolglosigkeit und Torheit herausstellen werden, ist das Verhindern der Gründung eines westdeutschen Separatstaates, mit dem sich die DDR ab 1955 jedoch abfinden wird.

In einem kleinen Park vor dem Eingang des ehemaligen Flughafens Tempelhof, in dem im Sommer oft türkische Omas mit den Enkeln im Gras sitzen, steht ein 20 Meter hohes, einem Brückenpfeiler ähnliches Denkmal aus Stahlbeton, das an diese Vorgänge erinnert (Foto). Es ist von drei nach oben strebenden Rippen durchzogen, von denen die beiden äußeren seitwärts auseinander laufen. Die drei Rippen des gewesteten Denkmals des Architekten Eduard Ludwig (1906-1960), das der Berliner Volksmund "Hungerkralle" nennt, versinnbildlichen die drei 32 Kilometer breiten Luftkorridore durch die SBZ, über die ab dem 26. Juni 1948 amerikanische, englische und französische Flugzeuge mit insgesamt 277728 Sicht-Flügen mehr als 2,1 Mill. Tonnen lebenswichtige Güter ins eingeschlossene Westberlin einfliegen. Waren die ersten Flüge noch improvisiert, wird bald eine immer größere Perfektion erreicht. Selbst bei schlechtem Wetter fliegt alle zwei bis drei Minuten eine Maschine ein; bei gutem Wetter ist die Flugdichte noch größer. "Rosinenbomber" werden die Flugzeuge genannt. Erstmals seit dem drei Jahre zurückliegenden Weltkrieg wird Fluglärm am Himmel nicht als bedrohend, sondern als rettend empfunden. Trotz ihres Durchhaltevermögens, mit dem die Westberliner in die Geschichte des Kalten Krieges eingehen, ist die Lage in den Westbezirken Berlins angespannt. Im Juli 1948 schreibt der Journalist Friedrich Luft (1911-1990): "Diese Stadt hat (jetzt) vier Schichten von Lebewesen": die Besatzungsmächte, die Klasse aus Schiebern, Verdienern, Intellektuellen und Bessergestellten, sowie die Arbeitenden, die verdammt sind, auf ihre Karten zu leben - und die "Lemuren", "Gestalten horribelsten Elends. Ein schweigendes Gewoge von Armut, das zu beschreiben der vereinigten Feder eines Zola, eines Dostojewski, eines Kafka und der Klagefähigkeit eines Hiob bedürfte".

Von einen Tag zum anderen ist die historische Torheit beendet. Mit dem Befehl Nr. 56 veranlasst der Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, Wassili Iwanowitsch Tschuikow, für den 12. Mai, 00.01 Uhr, die Aufhebung der Berliner Blockade und die Wiederherstellung der bisherigen Verkehrsregelungen auf den Interzonenstraßen von und nach Berlin. Als erste Autokolonne befahren zehn britische Fahrzeuge die Autobahn von Helmstedt nach Berlin. Ein US-Militärkonvoi passiert gleichzeitig den Kontrollpunkt Drei Linden, um von Berlin nach Hannover zu gelangen.
Es endet die 322 Tage andauernde Blockade, die einer der beiden SED-Vorsitzenden, Otto Grotewohl, am 1. November 1948 noch als "eine reine Erfindung der Westmächte" bezeichnet hatte. Da diese absurde Behauptung so gar nicht den Erfahrungen der darbenden Westberliner entsprach - auch wenn diese aufgerufen waren, ihre Lebensmittelkarten in Ostberlin einzulösen - hatte Grotewohl das Seine getan, um das Heer der Antikommunisten unter Berlins Einwohnern deutlich anwachsen zu lassen. Auch in Westeuropa förderte die Blockade den antikommunistischen Konsens, dem mit dem manipulierten Thomas-Mann-Zitat nicht beizukommen war. Zutreffende kann man aus der Perspektive heutiger historischer Erfahrungen sagen: Der seines emanzipatorischen Impetus' entfremdete, dogmatische Kommunismus - das war die eigentliche Grundtorheit der Epoche. Dafür steht die "Hungerkralle" in Tempelhof.

Verkehrsverbindung zum Luftbrücken-Denkmal in Berlin :
Direkt neben dem Park mit dem Luftbrücken-Denkmal befindet sich die Station Platz der Luftbrücke der U-Bahnlinie U6. Es gibt nur wenige Parkplätze.
( Text: -wn-)

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  • Flughafen Tempelhof
  • Naturpark Schöneberger Südgelände


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