Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz - Die "Banalität des Bösen"

Orte einstigen Entsetzens zeigen die Sachlagen ihres Unglücks heute oft noch derart unverändert an, als hätte sich alles erst gestern zugetragen. Eindringlich erinnern die konservierten Ruinen des westfranzösischen
Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Die Wannseevilla in Steglitz-Zehlendorf
Foto © -wn-
Dorfes Oradour-sur-Glane an die Bluttat der 2. SS-Panzerdivision am 10. Juni 1944. Als Rache für Resistance-Aktionen brannten die Landser die Gemeinde nieder und brachten 642 Menschen um - Männer, Frauen, Kinder. An anderen schicksalsschweren Plätzen tilgte der Zeitablauf das ehemals sichtbar Grässliche. Storchendorf Linum: Nichts in der Gemarkung des Rhinluchs erinnert daran, dass hier ab der zehnten Morgenstunde des 28. Juni 1675 - nach der zweistündigen Schlacht bei Fehrbellin - die Körper von 3500 schwedischen und brandenburgischen Soldaten auf dem noch unmeliorierten Moorboden herumlagen, schwerst verwundetet, sterbend, tot, unversorgt. Heute? Schöne Landschaft.

In der Gedenkstätte Wannsee-Konferenz


Einer der Orte, dessen erdrückende Geschichtlichkeit auf keinen Mord vor Ort zurückgeht, hat die Zehlendorfer Adresse "Am Großen Wannsee 56-58". In der Mitte eines zweieinhalb Hektar großen Seegrundstückes gegenüber der Insel Schwanenwerder taucht eine mittlerweile fast hundertjährige, sachlich-bürgerlichen Stolz verkündende Zwei-Stock-Villa auf, mit Zufahrt und Vorplatz, Blumenparterre hinten und Waldgarten vorn. Beim Verkauf des noch leeren Baugrunds im April 1914 an den Zahnpasta-Fabrikanten Ernst Marlier, hatte sich der Verkäufer, die Königliche Regierung zu Potsdam, ausbedungen, dass auf der Immobilie keine Irrenanstalt oder vergleichbare Anlagen errichtet werden, "welche Geräusch, Rauch oder Geruch" verbreiten. Der Vorbehalt wurde sorgsam beachtet, auch als die SS später das Haus erwarb. Die Idylle des seewärts angrenzenden Gestades wird allenfalls durch die Erinnerung daran beeinträchtigt, dass sich gleich um die Ecke am Morgen des 21. November 1811 der Dichter Heinrich von Kleist 34jährig und lebensüberdrüssig die Kugel gab. Der Schauder hält sich in Grenzen - vorausgesetzt dem an der Pforte Stehenden ist das übergreifend Einzigartige des Ortes nicht bewusst. In der Villa, der heutigen Gedenkstätte "Haus der Wannsee-Konferenz" mit ihrer Ausstellung in 15 Räumen, bekam am 20. Januar 1942 eines der grausamsten Verbrechen, das Menschen je ersannen und ausführten, seine logistische Form - der Holocaust, ein Genozid, den man auf hebräisch schmerzvoll Shoah nennt. Dieser - zumindest bisher - mit nichts vergleichbare Völkermord war hier "Gegenstand einer normalen Ressortbesprechung mit begleitender Protokollierung" - so die damalige Bundestags-Präsidentin Rita Süssmuth bei der Eröffnung der Gedenkstätte im Januar 1992 über den 1947 bekannt gewordenen Vorgang. Der deutsche Jurist Robert Kempner (1899-1993), amerikanischer Ankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß, hatte zu dieser Zeit ein Exemplar der "Besprechungsprotokoll" genannten, nur dreißigfach ausgefertigten "Geheimen Reichssache" in den Akten des Auswärtigen Amtes gefunden.

Die Unterredung löste den Holocaust zwar nicht aus - er war schon seit November 1941 im Gange. Das Treffen wurde notwendig, weil Deportation und Vernichtung nun eine systematische Form erhalten sollten. Der einladende Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) Reinhard Heydrich forderte die beteiligten Dienststellen deshalb zur Koordinierung aller weiteren Maßnahmen auf. Protokollant Adolf Eichmann, ein Obersturmbannführer, der das "Judenreferat" im RSHA leitete, listete die Namen von 15 anwesenden Spitzenvertretern oberster Reichs-, NSDAP- und SS-Behörden auf. Der buchhalterisch-kleinkarierte Eindruck, den der später aufgegriffene Eichmann während des Prozesses gegen ihn 1961 in Jerusalem machte, hatte die amerikanische Politik-Professorin Hannah Arendt (1906-1975) zu der berühmten These von der "Banalität des Bösen" veranlasst.

Obwohl Adolf Hitler in der Programmschrift "Mein Kampf" seinem fanatischen Antisemitismus nachlesbar freien Lauf gelassen hatte und über "den Juden" schrieb: "Er ist und bleibt der ewige Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet", drückte man sich im Wannsee-Protokoll zurückhaltend aus. Die Sprachregelung für die geplante Ausweitung des Massenmords lautet "Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage". Dabei vermeidet das fünfzehnseitige Dokument das Wort Deportation wie es überhaupt unerwähnt lässt, dass "Endlösung" oder "Gesamtlösung der Judenfrage" die Ermordung der Deportierten bedeutete. Lediglich an zwei Stellen wird das Schriftstück deutlich. "Arbeitsfähige Juden" sollen nach der "Evakuierung" im Osten "straßenbauend" eingesetzt werden, "wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird". Der "allfällig endlich verbleibende Restbestand wird entsprechend behandelt werden müssen". Nach der Vernichtung von mindestens 6 Millionen Juden trat nach Auffassung des britischen Historikers Richard A. Parker auf der Erde eine neue Situation ein: "Das Selbstverständnis der Menschheit wird nie wieder das sein, das es einmal gewesen ist." Möge er Recht behalten.

Adresse: Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Am Großen Wannsee 56-58
14109 Berlin
Tel.: 030 / 80 50 01 0

Öffnungszeiten der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz


täglich 10:00 Uhr - 18:00 Uhr
(Schließtage: 1. Januar, Karfreitag, 1. Mai, Himmelfahrt, 3. Oktober, 24.-26. Dezember, 31. Dezember)
Öffnungszeiten der Bibliothek: Montag - Freitag: 10:00 Uhr - 18:00 Uhr

Wie man zur Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz kommt:
Mit der S-Bahn-Linie S1 oder S7 oder dem Regional-Express bis Bahnhof Wannsee; dann mit dem Bus 114 bis Haltestelle "Haus der Wannsee-Konferenz":
Öffnungszeiten: täglich 10.00 - 18.00 Uhr
(Schließtage: 1. Januar, Karfreitag, 1. Mai, Himmelfahrt, 3. Oktober, 24.-26. Dezember, 31. Dezember)
Bibliothek: Montag - Freitag: 10.00-18.00 Uhr
Text: -wn-

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