Reiterstandbild Friedrich II. Unter den Linden

Reiterstandbild Friedrich II. Unter den Linden
Das Reiterstandbild des preußischen Königs Friedrich II. am östlichen Ende des Boulevards Unter den Linden
Foto © -wn-

Das Standbild Friedrichs II. Unter den Linden: Reiter, Reiter musstest wandern

Der Alte Fritz (1712-1786) war nicht nur leidenschaftlicher Briefeschreiber, manche Postsachen waren durchgängig gereimt. Ein Beispiel für diese Neigung ist die metrische Botschaft an den teils befreundeten teils gehassten französischen Dichter und Philosophen François Marie Voltaire (1694-1778). Am 17. November 1759 schreibt Friedrich diesem über die Gefahren, die eine Schlacht so mit sich bringt, und reimt:


"Oft kann ein Zufall eine Schlacht entscheiden;
Und dank auch ich ihm (dem Zufall) manchen Ehrentag,
So musste doch auch manchen Schlag
Ich meinerseits vom Feind erleiden,
Wo ich plötzlich unterlag."


Der Reimeschmied meinte besonders den schicksalhaften 12. August 1759, den Tag der Schlacht im Kuhgrund bei Kunersdorf (Kunowice) gegen russische und österreichische Armeeformationen. Das Gemetzel geht mit einer eklatanten preußischen Niederlage zuende. Tausende Soldaten bleiben hilflos sterbend oder tot auf dem Schlachtfeld zurück. Noch am selben Tag schreibt Friedrich einen weinerlichen Brief an den in Berlin geschäftsführenden Minister Karl Wilhelm Graf Finck von Finckenstein (1714-1800). Die preußische Seite, teilt er mit, habe um elf Uhr morgens den Feind angegriffen und ihn bis an den Judenfriedhof bei Frankfurt (Oder) getrieben. "Aber dieser Kirchhof hat uns eine Menge Menschen gekostet ... endlich glaubte ich selbst dem Feind in die Hände zu fallen, und sah mich gezwungen, das Schlachtfeld zu räumen. Meine Kleider sind von Kugeln durchlöchert, und zwei Pferde sind mir unter dem Leib getödtet (worden), mein Unglück ist, dass ich noch lebe. Unser Verlust ist sehr beträchtlich; von einer Armee von 48000 Mann habe ich jetzt ... überhaupt keine 3000 (mehr) ... man wird in Berlin (das nach diesen Verlusten nicht mehr verteidigt werden kann) wohlthun, auf seine Sicherheit zu denken." Abschließend heißt es: "Adieu, mein Lieber. Entweder werden Sie in Kurzem ein De profundis (einen Nachruf) oder ein Te deum (Lob und Dank) singen." Mehr Informationen über Friedrich II.

Auf dem Sockel: Friedrich II. auf dem Lieblingspferd Condé

Reiterstandbild Friedrich II.
Reiterstandbild des preußischen Königs Friedrich II. auf dem Lieblingspferd Condé - Foto © -wn-

Bekanntlich trat der totale Zusammenbruch Preußens nicht ein, und Friedrich II. hatte noch 27 Lebensjahre vor sich. Wer heute am Ostende des Berliner Boulevards Unter den Linden zum über 13 Meter hohen Reiterstandbild dieses Herrschers hochblickt, wird ihm seine Schicksalsschläge und Blessuren nicht ansehen. Im Gegenteil: Man denkt, hier kommt ein durchweg siegreicher Feldherr daher geritten. Schöpfer des bronzenen Standbildes, das ein Beispiel für realistische Darstellung in der Bildhauerei ist, ist der Bildhauer Christian Daniel Rauch (1777-1857). Der Mann auf dem Sockel, den man den Großen nennt, der aber zeitgenössischen Angaben zufolge höchstens sechs Zoll (unter 1,70 Meter) groß war - dieser als Standbild fünfeinhalb Meter große Herrscher blickt mit bestimmerisch stechenden Augen nach vorn - so als stünde die nächste Melioration, der nächste Public-Relations-Auftritt zugunsten des Kartoffelanbaues in Preußen oder aber die nächste Schlacht bevor. Außerdem kommt er nicht auf irgendeinem Ross daher geritten.

Christian Daniel Rauch hat natürlich sein Lieblingspferd Condé (1766-1804) zum Modell genommen. Der Fliegenschimmelwallach zeichnete sich, so heißt es, "durch ebenso große Schönheit wie durch Tüchtigkeit und munteres Wesen" aus. Auch kannte der Wallach seinen Wohltäter so genau, dass er, wenn man ihn frei gehen ließ, immer auf ihn zulief, um dem König Delikatessen wie Melonenstücke oder Feigen selbstständig aus der Tasche zu ziehen. Das Pferd durfte dem König sogar bis in den Saal des Schlosses Sanssouci folgen. Unter den Linden erlebt der Betrachter Condé in ruhiger Viertaktgangart ohne Schwebephase. Der Reiter ist mit der bekannten (im Leben blauen) Uniform des Goltzischen Infanterie-Regiments bekleidet. Auf dem Kopf trägt er den unvermeidlichen Dreispitz. Ein Jahr vor Friedrichs Tod beschreibt der französische Diplomat Louis Philippe de Ségur (1753-1830) nach einem Besuch in Sanssouci den nun schon hinfälligen König: "Mit lebendiger Neugierde betrachtete ich diesen Mann, der, groß von Genie, klein von Statur, gekrümmt und gleichsam unter der Last seiner Lorbeeren und seiner langen Mühen gebeugt war. Sein blauer Rock, abgenutzt wie sein Körper, seine bis über die Knie hinaufreichenden langen Stiefeln, seine mit Schnupftaback bedeckte Weste bildeten ein wunderliches und doch imponierendes Ganzes."

Die Enthüllung des Reiterstandbildes, an dessen vier Sockelseiten berühmte Zeitgenossen als Halb- und Vollplastiken dargestellt sind, fällt auf Sonnabend, den 31. Mai 1851. Der Linden-Boulevard ist für das niederrangige Publikum gesperrt. Diesen Umstand nimmt Tage später das satirische Wochenblatt Kladderadatsch zum Anlass, auf eigene Weise über das Ereignis zu berichten. Unter dem Titel "Am 31. Mai!" druckt es ein Gedicht, das mit der französischen Dingwort-Endung -age spielt und auf die Tatsache eingeht, dass Friedrich besser französisch als deutsch spricht. Das Gedicht lautet:

Kranz am Grab von Friedrich II. in Sanssouci
Ein Kranz am Grab von Friedrich II. in Sanssouci an seinem 300. Geburtstag am 24. Januar 2012. Auf der Schleife ist zu lesen: "Friedrich dem Großen / zum 300. Geburtstag / von Berliner Verehrern". - Foto © -wn-
"Der König (gemeint ist Friedrich Wilhelm IV.) rief! - es sank die
Emballage (Hülle),
Und frei von jeder Hülle strahlte
die Visage
des Mannes, der durch Geist wie
durch Courage
In der Geschichte wohnen wird stets
Bel-Etage!
Doch leider, ach, gesperrt war die
Passage
Für uns, die wir gehören zur
"Bagage"!
Und da wir meiden gern
Carambolage
So blieben wir - o schreckliche
Blamage! -
Ruhig zu Haus' in unserer
Menage,
Und machten nichts als diese
Badinage (Scherz)
In einer Sprache, wie bekanntlich
die Usage (der Gebrauch)
Beim "größten König" und beim
Kladderadage"


Mit dem Standbild schien Friedrich öffentlich abschließend gewürdigt zu sein. Dennoch kommen einen zu Füßen des Berittenen bis heute anhaltend gemischte Gefühle: Es sind ernste Anwandlungen zwischen Kartoffel, Sumpf und Steinschlossflinte. Als Autor des kriegskritischen Traktats "Antimachiavell" von 1739 wusste Friedrich, dass viele in Preußen seine überraschende, auf die Einverleibung Schlesiens abzielende Kriegsleidenschaft nicht teilten. Gern stellt er sich deshalb als bedauernswerten Menschen hin, dessen Pflicht der Krieg ist. Bei Tisch sagt er einmal: "Wie glücklich seyd ihr, die ihr ... euch in dem Vergnügen einschränken (könnt), eure Gärten zu bauen. Einem jeden in dieser Welt ist dieses nicht gegeben. Der Ochs muss die Furche durchschneiden, die Nachtigal singen, der Fisch schwimmen; und ich - ich muss Krieg führen." Dem Reiter auf dem Sockel erwächst in Sachen Popularität bald ein Konkurrent. Der wohnt ab 1861 im Alten Palais gegenüber dem Reiterstandbild; es ist Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) mit dem herkulischen Backenbart. Der Schriftsteller Karl Gutzkow (1811-1878) geht im Roman "Unter dem schwarzen Bären" darauf ein: "Dort an Rauchs großartigem Reiterstandbild des "alten Fritz" steht die Menge und gafft ein Spiegelfenster an der Ecke eines mit Fahnen geschmückten Palais an. Man streitet, wohnt dort "der König" oder "die Königin"? Man sucht sich über die innere Einrichtung landesväterlicher oder landesmütterlicher Wohnungen nach dem Schimmer einzelner Vasen oder Statuetten oder glänzender Gummibäume zu unterrichten." Selbst Theodor Fontane (1819-1898) steht im Banne der kaiserlichen Blickkontakte, und er reflektiert: "Am Fenster steht er, grüßt uns freundlich mild, / Und jeden trifft's, als träf' ihn Heil und Segen".

Das Denkmal übersteht zwei Kriege, den Sozialismus zunächst nicht

Bald verdunkeln sich die Zeiten. Zwei gewaltige Kriege gehen über das Standbild hinweg: der Erste Weltkrieg, begonnen u.a. von deutschen "Schlafwandlern" (Christopher Clark), die nicht absahen, welche verheerenden Ausmaße dieses angeblich so befreiend und erneuernd wirkende Kriegsgeschehen haben würde. Auch den von Deutschland vom Zaune gebrochenen Zweiten Weltkrieg übersteht Friedrich diesmal in einer hochgemauerten Hülle. In der anbrechenden Friedenszeit beginnt jedoch die Odyssee des Denkmals, vollzieht sich der geschichtliche Frevel der an die Macht gelangten staatssozialistischen Kleingeister und Revoluzzer. Ein Mann tritt in Ostberlin auf, aus einer ehrbaren antifaschistischen Familie Sachsens stammend; der kommunistische Vater bleibt im sowjetischen GULAG verschollen. Nach ihm ist heute eine Chemnitzer Straße benannt, die Wenzel-Verner-Straße im Süden der Stadt. Sohn Paul (1911-1986), nach dem Krieg Erster Sekretär der Berliner Bezirksleitung der SED, geht als Kulturbarbar in die deutsche Geschichte ein. Er betreibt wegen einer "Neugestaltung des Lindenforums" - also des "Forums Friderizianum" - die Beseitigung des "reaktionären Reiterstandbildes". In Verners Horn bläst artig der Leiter des "Amtes Museen" im Ost-Berliner Magistrat, der Kunsthistoriker Adolf Jannasch (1898-1984). Er verlangt im Oktober 1949 mit vorgetäuschter Entschlossenheit: "Der königliche Reiter muss weg ... weil er gegen Osten reitet". Vom 13. bis 19. Juli 1950 waren Schneidbrenner und Schraubenschlüssel im Einsatz. Die verhasste Statue des erniedrigten Königs, der von sich sagte: "Ich verlange keine Größe, wenn sie mich nicht sucht; ich werde sie gewiss niemals aufsuchen." - dessen Skulptur wurde vom Sockel gehoben, zerlegt und nach Potsdam gebracht, wo die Teile auf dem Lagerplatz einer Baufirma gegenüber dem Neuen Palais in einem Lattenverschlag dahindämmern. Der Schlupfwinkel ist eingezäunt und mit Stroh abgedeckt.

Sarkastisch hatte die Wochenzeitung DIE ZEIT am 10. August 1950 über die zahlreichen politisch intendierten Vernichtungsaktionen geschrieben: "Der Ostberliner hat sich inzwischen an die wöchentliche Denkmalsbeseitigung ebenso gewöhnt wie an die tägliche Straßenumbenennung. Er bleibt einen Augenblick stehen, wenn volkseigene Schneidbrenner Wilhelm I. in handliche Stücke tranchieren oder wenn der Kran das Reiterstandbild Friedrichs des Großen vom Postament hievt und auf den Asphalt legt. Aber ihn bringt das nicht mehr in Rage, sein Reservoir an Groll ist längst aufgebraucht, mit einem Achselzucken geht er seiner Wege ..." Dem bildungsfernen Bilderstürmer Paul Verner setzt Wolf Biermann (geb. 1936) 1974 - ganz auf Heinesche Art - ein literarisches "Denkmal":

"Warum die Götter grad Berlin
Mit Paule Verner straften
Ich weiß es nicht. Der Gouverneur
Ließ neulich mich verhaften
...
Das ist der ganze Verner Paul:
Ein Spatzenhirn mit Löwenmaul
Der Herr macht es sich selber schwer
Er macht mich populär..."


Zu einem unbekannten Zeitpunkt wird das Versteck entdeckt und das Einschmelzen der Teile in Aussicht genommen. Kulturminister Hans Bentzien, (1927-2015), einem der wenigen Gebildeten in Regierungskreisen, gelingt es mit einem Trick, die Untat zu verhindern. Zum Schein verlud man in einer regnerischen Nacht (Friedrich wollte ebenso zu nächtlicher Zeit begraben werden!) die Teile auf einen Tieflader und fuhr sie eine kurze Strecke zu einem wiederum geheimen Platz im Hippodrom des Parks Charlottenhof. Dort tauchte Friedrich II. schließlich 1962 wie ein Phönix als zusammengefügtes Denkmal wieder auf. Die Umstände der Widergeburt bleiben im Dunkel der Geschichte.

Das Reiterstandbild kommt 1980 nach Berlin zurück

In den 80er Jahren lernt man den Staatssozialismus von ungewohnter Seite kennen. Hatte man ihn bisher mit orthodoxem Denken identifiziert, so sah man nun, dass ihm ebenso ein hochgradiger Opportunismus wesenseigen ist. Unglaublich - die Funktionäre um Erich Honecker (1912-1994) - voran er selbst - änderten ihre Meinung. War das ein Fall, wie ihn Friedrich II. einmal schildert? "Das größte Vergnügen, was ein vernünftiger Mann auf dieser Welt haben kann, ist meines Erachtens das, dass er neue Wahrheiten entdeckt." Nein, entdeckt haben die Honecker-Leute nichts; sie wurden "weiser" unter Druck. Am Dienstag, den 10. Juni 1980, gibt es die routinemäßige Sitzung des SED-Politbüros Nr. 23/80. Unter dem 15. Tagesordnungspunkt mit dem harmlos klingenden Namen "Reiterstandbild Friedrich II. von Christian Daniel Rauch" verbirgt sich die Sensation. Das Politbüro, in dem sich auch Genosse Paul Verner mit heftigem Zustimmen hervortut, beschließt, die Statue Friedrichs II. aus der Potsdamer Diaspora nach Berlin zu überführen. Und tatsächlich: Seit dem 30. November 1980 steht der Zurückgeholte wieder an der ursprünglichen Stelle Unter den Linden.

Zuvor war in der DDR eine Biografie des Preußenkönigs mit neuen Akzenten erschienen. Die Autorin, die Historikerin Ingrid Mittenzwei (1939-2012), beschrieb darin das neue Herangehen an das Leben des Königs, weil sich "die sozialistische Gesellschaft als Resultat der gesamten bisherigen deutschen Geschichte dem ganzen Erbe in all seiner Widersprüchlichkeit zu stellen" habe. Diese Wende war Erich Honecker nicht leicht gefallen; aber er wollte in der Welt zu mehr Ansehen kommen. In einem Interview, das im Buch "Aus meinem Leben" nachzulesen ist, beantwortet er die Frage, ob es nicht ein Risiko sei, dass die BRD und DDR in Friedrich II. dieselben geschichtlichen Helden sähen. Der Gefragte versucht den Eindruck zu erwecken, als habe man Friedrich schon immer, wenn auch nur in gewissem Maße, geehrt. Ingrid Mittenzweis Biografie sei, erklärt Erich Honecker, "eine Arbeit, die ich ... sehr schätze, ohne mich gleich auf jeden Satz festnageln zu lassen, (die Darstellung der Historikerin sei) aus dieser Sicht kein "Durchbruch", sondern das Resultat unserer Haltung zum Erbe". In ähnlicher Weise hatte Walter Ulbricht (1893-1973) in großer Erklärungsnot bestritten, dass es in der DDR 1953 stalinistische Strukturen und eine Entstalinisierung gegeben habe.

1855 stand der Dramatiker und Lyriker Christian Friedrich Hebbel (1813-1863) vor dem Standbild in Berlin und dachte über die Schwierigkeiten beim Erkennen von unabänderlichen Lebenswahrheiten nach. Ihm kommt der Gedanke: "Friedrich suchte die Kunst, nicht einzuschlafen, vergebens; / And're haben die Kunst, nicht zu erwachen, entdeckt."

Wie man zur Reiterstandbild kommt:
Am benachbarten Bebelplatz und in dessen Nähe halten die Busse der BVG 100, 200, N2, TXL, 147, N6
An der nahen Haltestelle Am Kupfergraben enden die Straßenbahnlinien 12 und M1
Text: -wn- / Stand: 29.11.2016

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