Deutsches Theater: "Hochflut amüsanter Novitäten" - selbst in der Tragöden-Diktatur

Die vierzig Jahresverläufe der anfangs für vorkämpferisch gehaltenen Deutschen Demokratischen Republik (1949-1989) nähern sich rückblickend der attischen
Deutsches Theater in Berlin
Das Deutsche Theater in der Schumannstraße; links die
Kammerspiele, die bis 1906 ein Berliner Ballsaal waren.
Foto © wn
Tragödie zu. Nach erregenden Momenten einer Aufbau-Konjunktur und Kulturbeflissenheit strebt das Geschehen bald Peripetie und Katastrophe zu. An die Macht gekommene Protagonisten, die ihre Lebensschiffe früh am Ufer der Borniertheit und des Mittelmaßes fest vertäut hatten, scheitern grandios. Das Stück fällt durch auf der Bühne der Geschichte - trotz namhafter Besetzungsliste: in den Hauptrollen ein Sau-, Hirsch- und Luderplatz-Jäger, der besser schießt als spricht, die Gattin Blauhaar, eine herrische Dame mit gefrierendem Lächeln, ein sich als Proletarier gerierender Doppelmörder in der Rolle des Land-Aufsehers und ein wichtigtuerischer Scharfmacher, der später den bestürzenden Verlauf der Dinge en detail vorausgesehen haben will. In den Kulissen der Chor: teils zu Hoffnung und guter Tat entschlossene teils skrupellose
Volkspersonen und - natürlich - die Fleischtopfnähe suchenden Mitläufer; jedes System hat diese Gestalten. In solchem Chor, schreibt Brechts Meisterschüler und spätere Lyriker Heinz Kahlau (geb. 1931) ergänzend in seinem sinnigen Gedicht "Unter jeder (hoffnungsvollen Idee)", drängten sich Märtyrer und Heilige, Alleswisser und Pragmaten, kleine Gauner, große Schurken, Pflichtbesessene und Pflichtvergessene - und - worauf der Autor Wert legt es zu betonen - Leute, die einfach da wohnen. Kurzum: das Stück handelt vom Auf- und Rückbau einer Orwellschen "Farm der Tiere" - so als hätte Hegels Weltgeist am Schluss jedoch die Schnauze gestrichen voll gehabt und den Vorhang mit starken Rucken zugezogen.

Informationen über das Deutsche Theater in Berlin


Das Deutsche Theater in der Berliner Schumannstraße erinnert daran, dass in dieser Angelegenheit der "Bleiernen Zeit" (Friedrich Hölderlin) noch eine Frage ohne Antwort ist. Nämlich: Warum wurde selbst in dieser Tragöden-Diktatur nicht selten ansehnliches Theater gespielt? Hatte es doch schon 1951 in der Staatsoper den ersten politischen Skandal gegeben, als die Ulbricht-Leute die Oper "Die Verurteilung des Lukullus" (Brecht/Dessau) als formalistisches Machwerk zu diskreditieren suchten. Auch hier wusste der Weltgeist schon Rat: Den zum Pfeifen und Zischen bestellten Klaqueuren gefiel wider Erwarten die sinnhaltige Geschichte von der Bestrafung des römischen "Kriegshelden" Lukullus im Totenreich und Dessaus ausdrucksstarke, von einer massiven Schlagwerkbatterie gestützte Musik; langer Beifall, erst nach dreißig Minuten war das Publikum bereit zu gehen. Einen ähnlich massiven Zuspruch gab es 1962 im Deutschen Theater, im nämlichen Haus mit seiner frühklassizistischen Fassade und dem DT-Logo über dem Haupteingang, geschaffen vom Grafiker John Heartfield (1891-1968). Zweitausenddreihundertunddreiundachtzig Jahre nach der Athener Uraufführung ging hier der "Frieden" von Aristophanes (445-um 385 v. Chr.) in einer Adaption von Peter Hacks über die Bühne. Die Inszenierung hat alle Chancen, zu den zehn besten des Hauses im 20. Jahrhundert gezählt zu werden. Vorgeführt wird wie der attische Winzer Trygaios, unerreicht komödiantisch und hingebungsvoll gespielt von Fred Düren (geb. 1928), auf einem Trabant großen furzenden Mistkäfer die himmlische Obrigkeit mit Zeus an der Spitze anfliegt, damit dieser sich endlich dafür einsetzt, dass die griechischen Staaten ihre Kriege beenden. In dem Spektakel fehlt es nicht an - wohlbemerkt - kleinen politischen Spitzen und Anzüglichkeiten. Von "stinkenden Argumenten" der Herrschenden (bei der Begründung von führenden Rollen) ist die Rede. Trygaios möchte Zeus persönlich stellen. Der kneift, hält sich mit Wolken bedeckt. "Wie können (die Götter) uns so behandeln? Wozu bezahlen wir sie, wenn sie nicht den Menschen helfen in der Not", ruft der Winzer unter verstehendem Starkbeifall unten im Parkett. Der letztlich erfolgreiche Friedenskämpfer auf dem Mistkäfer wird unversehens zum Anwalt der Leute im Saal - wir sind freilich in einer Komödie! Bei der Friedensfeier am Schluss des Stückes mit fröhlich-sinnlichen Liedern weist allerdings noch nichts darauf hin, dass draußen vor der Theatertür bald der innere Frieden dramatisch vor die Hunde gehen wird, weil die Götter sich erbarmungslos gebärden. Ein anderer Mime auf dieser Bühne ist 1965 nachgerade ein Mutmacher - Debütant Dieter Mann (geb. 1941) in der Hauptrolle des jungen angriffslustigen Skeptikers Wolodja in Viktor Sergejewitsch Rosows (1913-2004) Episodenstück "Unterwegs" (W dorogje), in dem die sowjetische "Tramperliteratur" ihren Ausdruck fand. Wolodja und seine Freundin machen sich auf den Weg durchs Land, suchen nach sich selbst, mithin nach Lebenssinn. Solche Alleingänge unterließ man damals im Allgemeinen. Staunen deshalb in den Reihen: Dieses Sich-auf-den-Weg-machen soll tatsächlich auch ohne Kampfreserve der Partei möglich sein, die einen doch schon als Erstklässler darauf hinwies: "Es ist keiner zu klein, ein Friedenskämpfer zu sein." Rosow - auch so ein nicht ganz passender Typ; er trug am Tag des Sieges (9. Mai) jedesmal den Rotbanner-Orden am Revers, bei dem sich die Rote Fahne aus dem Ehrenkranz heraus bläht, und daneben steckt der ihm auch verliehene Orden "Für die Barmherzigkeit" der Russisch-Orthodoxen Kirche - welch ein Bild! Zu den markanten Gestalten des Deutschen Theaters gehört der Schauspieler, Sprecher und Theaterregisseur Herwart Willy Grosse (1908-1982), eigentlich "Erster Schurke und Zyniker" im ostdeutschen Film- und Bühnenwesen, aber vor allem eine Sprachästhet von hohen Graden. Er begeistert das Publikum mit einer Lesung aus Thomas Manns" Zauberberg". "Fülle des Wohllautes" heißt die Stelle - Hans Castorp und die Schallplattensammlung im Sanatorium "Berghof". Grosse spricht die schön gebauten, beim ersten Lesen für den Ungeübten nicht sogleich zu überblickenden Sätze mit helfenden Kurzpausen, mit stimmanhebenden Zäsuren, emotionalen Färbungen und auch so akzentuiert und akkurat, dass selbst der letzte Konsonant nicht im Stimmbild verloren geht. Grosse spricht vor, wie man Thomas Mann mit vollem Genuss zu Hause lesen soll. Am Beispiel der Oper Aida empfindet Hans Castorp "die siegende Idealität der Musik, der Kunst, des menschlichen Gemüts, die hohe und unwiderlegliche Beschönigung, die sie der gemeinen Grässlichkeit der wirklichen Dinge angedeihen ließ". Die Romanhandlung spielt in die Zeit des Ersten Weltkriegs hinein.

Diesen Krieg, den nächsten und auch den Kalten übersteht das Theater. Die 1850 zunächst als Neues Friedrich-Wilhelm-Städtisches Theater gegründete Spielstätte übernimmt 33 Jahre später der Schriftsteller und Theaterkritiker Adolph L'Arronge (1838-1908). Mit ihm kommt der Begriff "Deutsches Theater" ins Spiel"; er wird zum Synonym für das Bestreben, das Volkstümliche im Spielplan mit dem Klassischen in eine Einheit zu bringen. L'Arronge setzt bedeutende Autoren auf den Spielplan wie Gerhart Hauptmann, August Strindberg und Arthur Schnitzler. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Heinrich Heine in seinen Reisebildern geschildert, dass in den Berliner Spielstätten präziser inszeniert wird als bisher. Immer mehr sei es darauf angekommen, dass "die Intendanz … zu sorgen hat für die ‚Farbe des Barts, womit eine Rolle gespielt wird', für die Treue der Kostüme, die von (Heinescher Humor!) beeidigten Historikern vorgezeichnet und von wissenschaftlich gebildeten Schneidern genäht werden". Als große Zeit des DT geht die Ära Max Reinhardt (1905/06-1932) in die Theatergeschichte ein. Der nächste Intendant bis 1944 ist der Theater-Regisseur Heinz Hilpert, dem es erstaunlicherweise gelingt die Tradition Reinhardts durch die Nazi-Zeit zu bringen. Von beiden Männern heißt es, sie hätten das Theater als einen sensiblen Ort klassischer Pflege erhalten können, das - wie es Adolph L'Arronge formulierte - gleichzeitig mit einer "Hochflut amüsanter Novitäten" aufwarten kann.

Wie man zum Deutschen Theater kommt:
S-/U-Bahn: Bahnhof Friedrichstraße
U-Bahn: Oranienburger Tor
Bus: Linie 147, Haltestelle Deutsches Theater; TXL, Haltestelle Karlsplatz
Straßenbahnen: M1, M6, M12, Haltestelle Oranienburger Tor

Adresse:
Deutsches Theater
Schumannstr. 13 A
10117 Berlin
Tel.: 030/ 28 441-0

Text: -wn- / 10.07.2011


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