Der Tempelgarten in Neuruppin - Friedrichs Fatum, Fühmanns Fluch

Der Tempelgarten in Neuruppin wurde 1732 von Friedrich dem Großen gegründet. 1853 erwarb die Neuruppiner Kaufmannsfamilie Gentz die Grundfläche und gab dem Tempelgarten seine heutige Gestalt. Heute kümmert sich der Verein Tempelgarten Neuruppin e.V. um die Erhaltung.

Adresse:
Tempelgarten e.V.
Präsidentenstraße 64
16816 Neuruppin

Öffnungszeiten des Tempelgarten Neuruppin:


April - Okt tägl. 9.00-20.00 Uhr
Nov - März tägl. 9.00-17.00 Uhr

Informationen über den Tempelgarten in Neuruppin


Wenn sich je im Leben eines Menschen die Ereignisse überschlugen und jähe Wendungen nahmen,
Villa der Kaufmannsfamilie Gentz in Neuruppin
Die Villa der ehemaligen Neuruppiner Kaufmannsfamilie
Gentz im orientalischen Stil ist heute ein Restaurant
Foto © -wn-
dann nicht zuletzt im Dasein des Kronprinzen und späteren Königs in Preußen Friedrich II. (1712-1786). In Teilen Deutschlands wird sein 300. Geburtstag das ganze Jahre 2012 über zwar mit kritischem Abstand - aber eben doch mit gehöriger Zuwendung begangen. Man kann sich dem kriegerischen Schöngeist einfach nicht versagen. Einiges Gedränge deshalb auch am 24. Januar am Grab im Weinberg von Sanssouci, sogar zu einem Gläschen Gebrannten wurde man an der Gruft eingeladen, und auf der Platte häuften sich die Kartoffeln.
Nicht nur die Geburt war im Blick, auch das Schicksalsjahr 1730. Am 4. August beginnt jenes Lebensjahrzehnt, das in einem kargen Küstriner Gewölbe seinen Anfang nimmt und im musischen Idyll von Rheinsberg das Optimum erreicht. Die Vorgeschichte: Mit seinem Vater Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) und Gefolge ist der Kronprinz in Süddeutschland unterwegs. Sie nächtigen in zwei gekehrten Scheunen im baden-württembergischen Weiler Steinfurt nahe Tauberbischofsheim. Am frühen Morgen des 4. August 1730 wird der zum nächsten König Ausersehene zum ranghöchsten preußischen Deserteur; will sich mit dem Vertrauten Hans Hermann von Katte (1704-1730) über den Rhein nach Frankreich und England absetzen, um nicht mehr dem tyrannischen Vater ausgesetzt zu sein.
Die Sache fliegt schnell auf. Katte wird im November in Küstrin geköpft, Friedrich daselbst interniert.
"In dem dürftigen Wohnzimmer standen nur hölzerne Schemel; die Speisen wurden geschnitten überbracht, weil dem Gefangenen in der Zeit des engsten Arrestes keine Gabel und kein Messer zukamen", schreibt der Chronist. Aber der Kelch geht letztlich an ihm vorüber. Es heißt, Kaiser Karl VI. (1685-1740) in Wien habe ihn vor der Hinrichtung bewahrt. Der Gerettete übt sich in Bußfertigkeit, die den Zorn des Vaters nach und nach mindert. Friedrichs Briefe an den König lassen an Selbstdemütigung nichts zu wünschen übrig. Im Schreiben vom 19. November 1730 liest man: "Mit dem allerunterthänigsten Respect unterwerfe ich mich ganz der Gnade meines Allergnädigsten Vaters und bitte mich allergnädigst zu pardonniren, da mich nicht so sehr die Beraubung meiner Freiheit in meinem malheureusen Arrest, als meine eigenen Gedanken von meinem begangenen Fehltritte zur Raison gebracht haben." Inzwischen ist ihm Arbeit zugewiesen; als einfacher Mitarbeiter (Rath) sitzt er in der Küstriner Domainenkammer, einer Dependance des königlich-landwirtschaftlichen Finanzamtes. Dann 1732 die Rehabilitation, er darf den hechtblauen Zivilrock ablegen und die blaue Uniform des Goltzischen Infanterie-Regiments anziehen, von der er sich zeit seines Lebens nie mehr trennen wird. Der "völlig pardonnirte Jüngling" wird zum Obersten und zum Chef dieses in der Prignitz und im Havelland stationierten Regimentes ernannt.

Auch ein Haus hat er nun - in Ruppin, wo das Regiment hauptsächlich liegt.
Friedrichs Musentempel und Sandsteinfigur eines russischen Bojarenfürsten
Friedrichs Musentempel (hinten), im Vordergrund
die Sandsteinfigur eines russischen Bojarenfürsten
Foto © -wn-
Der Ort wird außer an Markttagen als leblos geschildert. Friedrich sieht auf den Feldern "dickbesohlte Bauern stumm sich mühend und plagend". Hier beginnen 1733 die vier, in die Rheinsberger Zeit überleitenden Ruppiner Jahre. Im Berliner Schloss heißt es, dass er seine neuen militärischen Pflichten "bis zu einer Vollkommenheit" erfülle, die den Vater befriedigt. "Alle Arten militairischer Geschichten", bemerkt ein Zeitgenosse, "kann er an den Fingern herzählen; und er ist einem jeden dieser Bücher auf den Grund gekommen. Etwas hiervon (die wachsende Nähe zum Militärischen) … fing in Ruppin an, und hörte nicht wieder auf". Der ungeköpft gebliebene Regimentskommandeur, der ja schon sieben Jahre später selber König ist, ist dabei "das ihm anvertraute Regiment unablässig zu üben, für dessen Wohl und Tüchtigkeit zu sorgen, besonders aber, demselben durch die Anwerbung großer Rekruten in den Augen des Königs ein möglichst stattliches Ansehen zu verschaffen", heißt es in den Berichten. Die Betroffenen jedoch, die Soldaten, sehen den Drill aus ihrer Perspektive. Im Volkslied klagt ein Soldat: "Und kommt die Frühlingszeit, / Da kommt die große Hitz', / Da müssen wir exerzieren, / Daß uns der Buckel schwitzt. // Komm' ich vom Exerzieren, / Muß ich wieder auf die Wach'; / Kein Teufel thut mich fragen, / Ob ich gefressen hab'."

Die Freizeit verbringt Friedrich so oft als möglich in seinem auf dem ehemaligen nördlichen Stadtwall angelegten Tempelgarten, der heute eine zentrumsnahe Attraktion der Fontanestadt ist. 1735 errichtet der Baumeister und Maler Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699-1753) in Friedrichs Auftrag auf einem aufgeschütteten Hügel einen ersten halboffenen Musentempel aus Holz, an dessen Stelle später der steinerne Tempel in seiner heutigen Form entsteht. Im orientalisch-europäischen Kulturtransfer, bei dem sich Europa mit der Geografie und Ethnografie des Maghreb bekanntmacht, entsteht im 19. Jahrhundert ein besonderes Interesse für orientalische Architektur. Und so erklärt es sich, dass die nachmaligen Besitzer des inzwischen vergrößerten Gartens, die Neuruppiner Kaufmannsfamilie Gentz, orientalisierende Bauformen bevorzugt. Auf dem Gartengelände entsteht eine (heute als Restaurant genutzte) Villa, ein Gärtnerhaus mit Eingangstoren, einem stilisiertem Wachturm sowie mit einem Minarett. Barocke Sandsteinfiguren mit mythologischen Motiven, Sandsteinputten, die Jahreszeiten darstellend, ein Gedenkstein für den Kronprinzen und eine Jupiterstele ergänzen die Ausstattung des gepflegten Garten-Parks.

In einem Brief schwärmt er: "Den 25. Juni geh' ich wieder nach … meinem Garten in Ruppin. Ich brenne vor Ungeduld, meinen Wein, meine Kirschen und meine Melonen wieder zu sehen …" Oft ist er mit seinen Offizieren dort im Grünen. Theodor Fontane berichtet in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg": "Das Leben, das er mit diesen Offizieren führte, war frei von Fesseln der Etiquette, ja ein Übermut griff Platz, der unsern heutigen Vorstellungen von Anstand und guter Sitte kaum noch entsprochen haben dürfte.
Sandsteinputten
Sandsteinputten sind im ganzen Garten verteilt
Foto © -wn-
Fenster einwerfen, Liebeshändel und Schwärmer abbrennen zur Ängstigung der Frauen und Landpastoren, zählte zu den beliebtesten Unterhaltungsmitteln. Man war noch so unphilosophisch wie möglich." Vorerst sind deftige Späße an der Tagesordnung. Etwa auch von der Art: Friedrich setzt sich nach seinem Dienstantritt für eine veränderte Uniform des Regimentes ein. Besätze, Spiegel und Schnüre sind jetzt silbrig statt wie bisher golden gestaltet. Im Garten schlägt der Kronprinz eines Abends vor, "die alten Uniformen feierlich zu verbrennen". "Und es geschieht, indem sich die Offiziere, … in dem ‚Tempel', nach einander entkleiden - mit so vielem natürlichen Humor, lautem Gelächter, oder wenigstens lärmender Scheinsolennität, als ihnen zu Gebote steht". Sie machen gute Miene dazu, nacktbeinig vor ihrem Dienstherren zu posieren und zu sehen, welches Vergnügen sie ihm damit machen. "An stillern Abenden können wir ihn uns da in der Einsamkeit, vertieft lesend oder auf der Flöte blasend, denken; - hinausblickend auf das stille Absterben des Tages", schreibt englische Essayist und Historiker Thomas Carlyle (1795-1881). Nicht unwahrscheinlich, dass er gerade hier einen wichtigen gedanklichen Schritt in Richtung Aufklärung vollzieht, das bisher geltende Gottesgnadentum verwirft und stattdessen den Regenten als einen "ersten Diener seines Staates" sieht. Er erläutert dieses Umdenken in dem Essay, der als "Antimachiavel" in die Geschichte eingeht. In der 1739 in Rheinsberg verfertigten Schrift wird er auch, wie sein Herausgeber Voltaire resümiert, "jeden gewaltsamen Eingriff in eines andern Rechte … für ein Verbrechen" ansehen. Die kurz darauf von ihm begonnene Serie dreier Schlesischer Kriege (1740,1744 und 1756) zeugen von der Kurzlebigkeit mancher seiner Gewissheiten. Dabei hatte er am Schluss sein Ziel erreicht: Schlesien blieb bei Preußen. Dennoch ist er unerklärlich unglücklich; die Kriege, die er ja persönlich mit ausfocht, machen ihn zum gebrochenen Mann, der kränkelnd, grantig und vereinsamt stirbt.

Aber es hätte in Neuruppin leicht auch gar keinen Tempelgarten geben können, und aus Friedrich wäre etwas völlig anderes geworden. Er hätte auf die kaiserliche Ebene gehievt werden können, zwar nicht als Kaiser, aber doch als Gemahl einer Kaiserin. Es ist die ernsthafte Idee des österreichischen Politikberaters am Wiener Hof Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736), der das Ohr von Kaiser Karl VI. hatte, dessen herangereifte Erbtochter Maria Theresia (1717-1780) mit dem Preußenspross aus machtpolitischem Kalkül zu verbandeln. Solche Nähe aber wollte Friedrichs Vater nicht. Er hielt die rangniedere Kaisernichte Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern (1715-1797) für passender. Hinter dem Rücken seines Vaters kommentiert der Bräutigam wider Willen seine für 1733 anberaumte Hochzeit mit der Dame recht sarkastisch. In einem Brief sieht er voraus, "wie verlegen ich sein werde, den Amoroso machen zu müssen, ohne es vielleicht zu sein, und Wohlgefallen an stummer Hässlichkeit zu finden". In einer anderen Nachricht an seine nach Bayreuth zwangsverheiratete Lieblingsschwester Wilhelmine (1709-1758) lässt er wissen: "Was das ‚Händeküssen' betrifft, so kann ich Dich versichern, dass ich ihre Hände nicht geküsst, noch küssen werde, dazu sind sie mir nicht schön genug." Vorerst kann er aber gar nicht anders, als nach außen hin den glücklichen Ehemann zu mimen. Auch der französische Dichter Voltaire (1694-1778), der von 1749 bis 1753 am Potsdamer Hof lebt, nimmt sich dieses Themas an und erinnert sich: "Der Prinz hatte eine Art von Maitreße, die eines Schulmeisters Tochter aus der Stadt Brandenburg war, und sich in Potsdam niedergelassen hatte. … (Er) glaubte verliebt in sie zu seyn, wiewohl er sich irrte: er war nicht für das andere Geschlecht gebohren."

In den 1960er Jahren kommt ein Mann nach Neuruppin, von dessen Beruf Friedrich nie viel hielt. Entweder seien diese Leute missgünstige Satireschreiber oder "Schmeichler aus Eigennutz". Der Angereiste gehört zu keiner der beiden Gruppen, wiewohl er Autor ist. Der Mann heißt Franz Fühmann (1922-1984),
Der Neuruppiner Tempelgarten
Frühlingsstimmung im Neuruppiner Tempelgarten
Foto © -wn-
zählt auch nicht zum Heer mittelmäßiger und zu jedem Lobgesang auf den Staatssozialismus bereiten Schreiber. Er soll im Auftrag des Aufbau Verlages einen Text über das menschliche Glück verfassen, das seit Fontanes Zeiten in der Stadt und in der Mark Raum gegriffen haben soll und den neuen Menschen geschaffen habe. Fühmann recherchiert und findet Menschen teils zufrieden teils von mancherlei Sorgen beschwert, aber diesen bewussten neuen - er findet ihn nicht. Was er notiert, steht auf 600 Seiten Notizen und Skizzen, "aber die liegen da (in der Schublade), weil eben alles nicht geht", notiert er frustriert. "Wenn man, das ist die Erfahrung meines Schreibelebens, bei irgendeiner Arbeit auch nur die kleinste Überlegung anstellen muss, die Außerliterarisches betrifft (er meint die Schere im Kopf), soll man die Hände davon lassen, denn dann wird's nichts", schreibt er in einem Brief vom 12. November 1970. Er wird gallig. Er "latsche grau wie ein alter Esel … in einen Luchwald, um dort zu beobachten, wie die Sonne nachmittags durch Buchenkronen fällt … anstatt in Berlin … über die Probleme zu schreiben, die mich jeden Tag anfallen und schreien und brüllen und winseln und wimmern; stehe, lächerliche Figur, vorm Luchwald und starre einer Elster nach und versuche das Gekreisch eines Eichelhähers zu artikulieren", so stöhnt er in seinem nun endlich 2006 veröffentlichten "Neuruppiner Tagebuch". Er will nicht wegen der mit Schreibtabus belegten DDR-Gegenwart auf Geschichte ausweichen, und es bricht aus ihm heraus: "Ich stolpere durch eine Grafschaft Neuruppin, die mir im Grunde genommen scheißegal ist, ein scheißegaler Tempelgarten, ein scheißegaler Schinkel, ein scheißegaler Zopfstil, eine scheißegale Schlacht bei Fehrbellin - hätten die Schweden damals bloß gesiegt!" - "Ich bin all mein Lebtag unglücklich gewesen, und ich glaube, es ist mein Schicksal, dass ich es bleiben soll. Man muss sich gedulden und die Zeit nehmen wie sie kommt." Diese Beschreibung des eigenen Fatums stammt aus Friedrichs Feder - Franz Fühmann wird es kaum anders gesehen haben. Katholisch erzogen kommt er mit dem sudetendeutschen Faschismus in Kontakt, tritt 1938 der SA bei und wird 1941 Soldat. In der sowjetischen Kriegsgefangenschaft geben marxistische Ideen seinem Leben neue Richtung. In der DDR wird er ein tief lotender, viel gelesener Autor, der jedoch bald zu den herrschenden Dogmatikern in Widerspruch gerät. Man laste ihm heute die fünf "Scheißegals" nicht an und bedenke: Eine so erlesene Formulierung fällt einem nicht alle Tage ein.

Wie man nach Neuruppin kommt:
Von Berlin aus bieten sich die Autobahnen A114, A10 und A24 an. Von der Abfahrt Neuruppin sind es noch ca. sechs Straßenkilometer bis in die Fontanestadt.
Der Tempelgarten mit seinem Eingang in der Präsidentenstraße ist vom Markt aus zu Fuß zu erreichen. Zu empfehlen ist auch das Stadtmuseum in der August-Bebel-Straße 14/15.
Text: -wn- / Stand: 12.05.2014

Cafè & Restaurant im Tempelgarten Neuruppin


Inh. Claudia- Doreen Skaun
Präsidententraße 64
16816 Neuruppin
Öffnungszeiten:
ganzjährig 10.00 - 22.00 Uhr
Mo. Ruhetag (o.n. Vereinbarung)




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