Im Land der Ziegellords - Das Ziegeleimuseum in Glindow

02.03.2009
Über dem Schreibtisch des Münchener Unternehmensberaters W.-D. H. weht ein sanfter Hauch von Hans im Glück.
Ziegeleimuseum Glindow
Ein Hintermauerstein im deutschen Reichsformat
Foto © -wn-
Den Sekretär des Wahlbayern ziert ein im Office-Ambiente beziehungslos wirkender brandenburgischer Hintermauerstein im deutschen Reichsformat von 25 ×12 × 6,5 cm (Foto). Der eingeprägte Ziegelstempel lautet "F. Fritze Glindow". Der Stein ist zwar nicht wie im Grimmschen Märchen letztes Schein-Äquivalent eines Sieben-Jahres-Lohnes, den der unbegreiflich glückselige Hans in Form eines kopfgroßen Goldklumpens erhielt. Der Wert des Münchener Steines ist dennoch nicht zu verachten; es ist ein zur Erbsache gewordener Ziegel aus der "Ziegelbäckerei" eines der Vorfahren W.-D. Hs. - Ferdinand Friedrich Fritze, geboren vermutlich 1798 als Sohn eines Bauern in Neu-Töplitz am Kleinen Zernsee nordwestlich von Potsdam. Bereits als 27jähriger ist dieser Ahn Ziegeleibesitzer in Caputh und erwirbt dort das Recht, in den Caputher Erdebergen nach Ton zu graben und diesen zu Bausteinen zu verarbeiten. Dann taucht Newcomer Fritze in Glindow auf. "In Werder wird gegraben, gepflanzt, gepflückt - in Glindow wird gegraben, geformt, gebrannt", resümiert Theodor Fontane in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" und erwähnt die dortzulande "Ziegellords" genannte wirtschaftlich erfolgreiche Familie Fritze, die damit auch in die deutsche Literatur Eingang findet. Ferdinand Friedrich Fritze besitzt im Dorf die Schlossziegelei und die Invalidenkassen-Ziegelei, in denen im Sommer bis zu 500 Saisonarbeiter beschäftigt sind. Unter den Beschäftigten herrscht eine strenge Hierarchie. An oberster Stelle rangiert der Brennmeister, ihm unterstellt sind die Ziegelhandstreicher. Es folgten die Brenner, Auskarrer und an letzter Stelle die schlecht bezahlten Tagelöhner.

Adresse:
Märkisches Ziegeleimuseum Glindow
Alpenstrasse 44
14542 Werder (Havel) OT Glindow
Tel.: 03327-669395

Öffnungszeiten des Ziegeleimuseums:


März bis Oktober
Mittwoch, Samstag, Sonntag und Feiertage von 10.00 bis 16.00 Uhr

Eintrittspreise Ziegeleimuseum Glindow:


4,00 Euro - Erwachsene
3,00 Euro - ermäßigt
2,00 Euro - Kinder

Geschichte des Ziegeleimuseum Glindow


Die brandenburgische Ziegelindustrie boomt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, weil der Bauplatz Berlin Ziegel in Abermillionen Stückzahlen braucht. Vor allem für die neuen Mietshäuser der Stadt werden die handgestrichenen brandenburgischen Hintermauersteine geordert. Das Tiergartener "Geheimratsviertel", ein ehemals nobles Quartier im heutigen Botschaftsbereich, ist großenteils ebenfalls mit Glindower Steinen errichtet. Drei Standorte gehen in die regionale Industriegeschichte ein: Rathenow und Birkenwerder liefern aufgrund ihrer feineren Tone hohe Qualität. Glindow auf seiner ergiebigen tonigen Grundmoräne ist in diesem Trio die starke Nummer drei. Alle drei Standorte erfüllen neben wetterfester Härte ihrer Produkte und ihren leicht zugänglichen Tonvorkommen ein weiteres wichtiges wirtschaftliches Kriterium: Sie unterschreiten beträchtlich die als gerade noch wirtschaftlich angesehene Höchst-Entfernung von 100 Kilometern zwischen einer Ziegelei und der Berliner Innenstand.

An der Stelle der Invalidenkassen-Ziegelei am Südufer des Glindower Sees befindet sich heute das Märkische Ziegeleimuseum, ein authentischer Ort, an dem man sich über die Geschichte des Ziegelgewerbes informieren kann. Das Museum liegt am Fuß der "Glindower Alpen", einer mit Bäumen bestandenen Abraumhalde aus Tonschürfzeiten zwischen den Dörfern Glindow und Petzow, die vom Norden her einer kleinen Pultscholle ähnelt. Für ein Industriemuseum ungewöhnlich, werden hier von Hand gestrichene Ziegel in unterschiedlichen Formaten sowie Formsteine für den Denkmalsschutz nicht nur ausgestellt, sondern von Mitgliedern eines Vereines unter den Augen der Besucher produziert.

1868 herrscht in Glindow eine industrielle Revolution: Die langjährig benutzten Meiler und Feldöfen der Fritzeschen Invalidenkassen Ziegelei werden durch einen ersten Rundofen ersetzt, dessen Erfinder der deutsche Ingenieur Friedrich Eduard Hoffmann (1818-1900) ist. Der Besucher sieht im Museum, wie dieser Ofen mit einem von Kammer zu Kammer "wandernden" Feuer auf der einen Seite mit vorgetrockneten Tonrohlingen beschickt und auf der anderen von hartgebrannten Ziegeln beräumt wird. Der Ringofen macht den Ziegel billiger, die Schwere der Arbeit aber verringert sich kaum - beginnend beim Abbau des Tones, über den formenden Handstrich und die Transporte in die Ofenkammern hinein und aus ihnen heraus. 50 bis 70 Grad Celsius Hitze herrschen am Ringofen, die ausströmenden Rauchgase führen unter den Arbeitern zu Krankheiten und frühem Tod.

Am Beginn des 20. Jahrhunderts verschwindet der Name Fritze abrupt. In der Abfolge der Ahnen hält sich ein seltsamer Umstand: Alle Fritzes sowie die Nachkommen mit anderen Namen sind bis heute bekennende Wagnerianer. Flüchten sie aus einem prosaischen Alltag in den musikumbrausten Mythos des kleinen Mannes mit der Samtmütze - wenn ja, warum gleich alle? Zudem: Wagneropern kennen wohl Kürschner, Spengler und Seifensieder - aber keinen Ziegelstreicher. Dann kann es bloß am geheimnisvollen Innenleben eines Fritze-Normziegels liegen, den die Väter seitdem an ihre Söhne weitergeben.

Wie man das Ziegeleimuseum Glindow erreicht:
Von der A10 kommend die Abfahrt Glindow benutzen. Im Ort bis zum Ende der Alpenstraße (Nr. 44) fahren. Auch über die B1 ist Glindow zu erreichen.
Text: -wn- / Stand: 28.04.2014



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