Die Bergmannstraße – wo Berlin in die Welt hinausschaut
„Ohne feine Zubereitung, ohne Gewürze vertreiben sie den Hunger“, so beschreibt der römische Geschichtsschreiber Cornelius Tacitus (55-115)
die Esskultur unserer germanischen Vorfahren. Seitdem ist in der nationalen Küche wahrlich viel
Gutes geschehen. Dennoch: Eine Phalanx aus arabischen Fladenbrotbäckern, spanischen Tapasröstern und –marinierern, japanischen Fischfiletierern, französischen Lammbratern und Kaffeeröstern von der nordamerikanischen Westküste – um nur einige zu nennen – hat es geschafft, einen Teil der Kreuzberger Bergmannstraße in einen Ort zu verwandeln, an dem Berlin genussfroh in die Welt hinausschauen kann. Das Tun und Treiben in den Bars und Restaurants, den Trödel- und Antiquitätengeschäften, die sich in die erhaltenen Gründerzeithäuser einquartiert haben, macht Lust auf das Andere, beeindruckt mit weltweiter Vielfalt und gibt manchem eine Vorstellung von kosmopolitischer Gedankenweite. Dabei haben auf dem halben Kilometer zwischen Mehringdamm und Marheinekeplatz nicht die multikulturalen Philosophen das Sagen, sondern die Verkäufer aller Art und vor allem die Dienstbereiten für Herstellung und Erhalt angenehmen körperlichen Befindens.
Das Publikum weiß das zu schätzen und stellt sich zahlreich ein.
So sehr man heute in Berlin zu einem sozial abgesonderten Dasein verdammt sein kann, in einem der Lokalitäten der Bergmannstraße bedarf es in aller Regel nur eines Kontakt anbahnenden Reizwortes wie „meine Enkel“, „Pendlerpauschale“ oder „Soduko“ – und erste kommunikative Sätze gehen von einem Tisch zum anderen. Vielleicht hat die Anziehungskraft dieses Straßenstücks ihre Ursache auch in unserer genetisch manifest gewordenen Erfahrung, dass eine Koexistenz des Unterschiedlichen für Menschen immer schon Kraftquell und Bereicherung war, sofern niemand das Recht auf Differenz bestreitet und verletzt.
Die warmen Jahreszeiten verleihen der regsamen Straße mit den leuchtenden Markisenfarben, den gelassen Zeitung lesenden Kaffeegästen und den blütenweißen langen Kellnerschürzen einen südländisch-mediterranen Akzent. Wer hier jedoch eine, aufs Ganze gesehen, fehlende mittelländische Leichtigkeit des Seins ausmacht, dem kann man zumindest entgegenhalten, dass z.B. der einfache Salad Provincial im französischen Restaurant "Josephine" köstlicher zubereitet ist als in einem der nur auf Kasse erpichten Straßenrestaurants auf dem Place de L’Horloge von Avignon. Auch in "Barcomi's Kaffeerösterei" mit ihren amerikanischen Köstlichkeiten ist zu spüren, dass man es hier neben Geschäftssinn auch mit Leidenschaft für erlesenen Kaffee und mit einer Lust an Gebäck und Kuchen im New Yorker Stil zu tun hat. Im orientalischen Al-Kalif kann der Gast vor dem Verzehren des Falafel-Sandwiches die Schuhe ins Regal stellen. Das ist nicht als Gag, sondern als Handhabe zur Erhöhung des Kauerlebnisses gedacht. In der mexikanischen Bar „Lone Star Taqueria“ sieht man sich in authentisches südamerikanisches Flair gestellt: große Wandbilder zeigen Azteken und Palmen. Im „Knofi“-Laden wiederum gehen gefüllte türkische Blätterteigtaschen weg wie warme Semmeln. Die Kundschaft schwärmt von den vielen vegetarischen Gemüsepasten, die auf Wunsch kombiniert werden. Die benachbarte, für ihre erlesenen Gewürze bekannte asiatische Imbissstube SUMO ist ein Kleinrestaurant, in dem die zügige Speisezubereitung nur um eine vertretbare X-Zeit länger als ein durchschnittlicher Sumo-Kampf dauert.
Ein Idyll ist die berühmte Kreuzberger Meile dennoch nicht. Die Ecke Bergmannstraße / Schenkendorfstraße, an der sich heute die Buchhandlung Fetting U. Minx befindet, steht mit einer brutalen Entführung in Verbindung. Deutsche Terroristen der „Bewegung 2. Juni“ hatten am 27. Februar 1975 den CDU-Politiker Peter Lorenz (1922-1987) in ihre Gewalt gebracht und sechs Tage lang im Kellerverschlag eines Secondhand-Ladens im Haus Schenkendorfstraße 7 gefangen gehalten.
Nahe der Ecke Mehringdamm stellt die Firma Faray „Gold&Schmuckankauf zu Höchstpreisen“ auch Kartons mit
Büchern aus Haushaltsauflösungen auf den Bürgersteig. Wer vormittags rechtzeitig am noch nicht durchwühlten Karton steht, kann gelegentlich auf Sensationelles stoßen. Der Berliner Essayist Friedrich Kröhnke holte vor einiger Zeit die Erstausgabe von Kafkas „Verwandlung“ hervor. Er hatte sage und schreibe fünfzig Cent zu zahlen. Der anatolische Jung-Macho, den die Firma als Aufsicht hinter die Bücher gesetzt hatte, kannte Kafka nicht. Goethe kennt er. Für gut erhaltene acht Bände, sagte er unlängst, „gibtsu zehn“.
Verkehrsverbindung:
U-Bahn: U6, Bahnhof Platz der Luftbrücke, U7, Bahnhof Gneisenaustraße