Die Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg - Die Moränen-Zunge des Barnim hinauf

Kaum zu spüren, aber es geht tatsächlich einen Berg hinan. Auf der 2,9 Kilometer langen Schönhauser Allee
Schönhauser Allee Höhe Stargarder Straße mit U-Bahn
Die Schönhauser Allee in Höhe der Stargarder Straße
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streben Fahrzeugführer und Fußgänger - sofern sie im Süden aus der Torstraße kommen - anfangs messbar einer Höhe zu. Zum Vergleich: Der nahe Alexanderplatz liegt 35 Meter hoch. Auf dem Weg aber zu jenem Platz im Prenzlauer Berg, der nach dem Lithografie-Erfinder Alois Senefelder (1771-1834) benannt ist und der dem von Pariser Charme durchwehten Kollwitz-Kiez benachbart ist, zeigt der Höhenmesser bald 50 Meter über NN an. Nach der Einfahrt in die Allee erklimmt man - geologisch gesehen - eine schmale, ins Stadtzentrum weisende Endmoränen-Zunge und erreicht die bis auf 60 Meter ansteigende Barnim-Höhe. Diese Hochfläche nördlich des Warschau-Berliner Urstromtales nimmt fast den ganzen Nordosten der Stadt ein. Die das Plateau erreichende und auf ihm sich fortsetzende Schönhauser Allee ist eine von sieben das Stadtgebiet nord- und ostwärts verlassende Alleen.
Im Laufe der letzten Jahrhunderte hat die Schönhauser wechselnde Namen und auch in ihrer Geschichte herrscht der Wechsel vor. Alles beginnt mit dem heutigen Schloss Niederschönhausen, dessen Vorläufer, ein Petit Palais genanntes Gut, Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg (1657-1713) der Witwe des brandenburgischen Generals und Kriegsministers Joachim Ernst von Grumbkow (1637-1690) abkauft. Er lässt den Landsitz 1691 zum Schloss umbauen, und nun brauchte es auch eine Straße aus der Stadt dorthin. Einen Pankowschen Landweg gibt es schon. Nach der Bepflanzung mit säumenden Lindenbäumen wird er als ein "chaussierter und schattiger Weg" beschrieben. Er heißt fortan Schönhauser Weg, später auch Landstraße. Da Friedrich bald stirbt und sein Sohn, Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688-1740), lieber die Potsdamer Langen Kerls auf dem Exerzierplatz drillt, statt die nunmehr teils leer stehende teils vermietete Immobilie im Auge zu behalten - ist die erste Blütezeit des Kastells im Berliner Norden schon vorbei.
Das ändert sich mit dem Jahr 1740: Elisabeth Christine (1715-1797), seit sieben Jahren Gattin des eben ins Amt gekommenen Preußenkönigs Friedrich II. (1712-1786), wird jetzt hier untergebracht, während der ihr und den Frauen im Allgemeinen nicht sonderlich zugeneigte Gatte in Sanssouci seine Tage verbringt, sofern er nicht gerade einen seiner Schlesischen Kriege führt. Für die Berlin und Schönhausen verbindende Straße hat Christines Einzug eine überraschende Folge. Sie ist nun wieder belebt - und gilt mitunter als eine "Straße der Hungrigen". Die Königin ist im karitativen Bereich stark engagiert und will jedoch die Apanage aus Friedrichs Schatulle nicht für die am Hof üblichen üppigen Bacchanale vergeuden, sondern sich bei Tisch auf frugale Kost beschränken. "Gab es einmal ein Souper oder Diner bei der Königin, so pflegten die Gäste sich vorher zu Hause satt zu essen, besonders Diejenigen, welche nach Schönhausen entboten (bestellt) wurden, da sie (nicht selten) mit leerem Magen von der königlichen Tafel zurückkehren mussten", heißt es einer Chronik.
Das war, wie Friedrichs Biograph Siegfried Roedenbeck angibt, auch der Fall, als der König einmal im Schönhausener Schloss zugegen war: "23. Juli 1744 - Der König in Schönhausen bei dem Fest, welches daselbst die Königin giebt." Zumindest trug der junge Friedrich als einer der Ersten dazu bei, der Schönhauser Landstraße den Nimbus einer Protokollstrecke zu verleihen.

Am 20. Februar 1813 ist das Schönhauser Tor, das südliche Straßenende, Ort eines tragischen Vorfalls: Vor dem Hintergrund der 1812 zwischen Russland und Preußen geschlossenen antinapoleonischen
Die Kulturbrauerei in Berlin
Die Kulturbrauerei, stark besuchtes Kulturzentrum im
Prenzlauer Berg Foto: © -wn- [ Bild vergrößern ]
Konvention von Tauroggen kommt es zu einem planlosen Überfall kleinerer russischer Kosakeneinheiten auf die französische Besatzungsmacht in Berlin. Carl Friedrich Zelter (1758-1832), in Berlin lebender Musikpädagoge, schreibt seinem Freund Goethe in Weimar: "Gestern ist es etwas ernsthaft in unserer Residenz hergegangen. Von einer Anzahl Kosacken, die gegen 300 angegeben werden, hatten sich gegen 150 aus der nordöstlichen Anhöhe (Barnim) vor der Stadt zusammengefunden, sprengten in die Thore herein und hieben und schossen eine Anzahl Franzosen nieder, welche sie auf den Straßen fanden." An der Spitze einer Einheit steht der 25jährige Fähnrich Karl Alexander Freiherr von Blomberg. Er ist der erste deutsche Offizier, der während der bald darauf beginnenden Befreiungskriege (1813-1815) sein Leben lässt. Die als Fanal gedachte Militäraktion führt ansonsten zu nichts. - Und ein weiteres Mal kommen Russen vom Barnim herunter in die Stadt. Es ist Mitte April 1945. Einheiten der sowjetischen 2. Belorussischen Front kämpfen sich auch durch die Schönhauser Allee, wie sie seit dem 27. Dezember 1841 heißt. "Die erste Nacht in Frieden" schreibt am 10. Mai der Berliner Metallarbeiter Fritz Kobelt in sein Tagebuch.
Konnopke in der Schönhauser Allee
Blick auf den seit April 2011 neuen Konnopke-Imbißstand, eine
Berliner Institution Foto: © -wn- [ Bild vergrößern ]
"Rosa und ich fassen uns ein Herz und gehen runter auf die Straße. Was wir jetzt sehen, ist ein Bild des Grauens! Am S-Bahnhof Schönhauser liegen tote Soldaten. Rosa zählt über 80 Tote. Manchen hat man bereits die Schuhe ausgezogen."

In den DDR-Jahren hätte die Schönhauser gut und gerne nach Grigori Alexandrowitsch Potjemkin (1739-1791) heißen können. Denn wie der russische Reichsfürst Zarin Katharina II. auf einer Krimreise mit Dorfattrappen - eben den Potjemkinschen Dörfern - wirtschaftlichen Progress vortäuschte, so waren auch die Fassaden der Schönhauser wieder hergerichtet, damit sie die Szenerie einer üppig beflaggten Protokollstrecke bilden konnten. Hui die Fassaden, pfui aber das Innere der vielfach verwahrlosenden Häuser und Höfe. Am 1. Juli 1976 ereignete sich in der Allee eine in der DDR-Geschichte einmalige "Umflaggungs"-Aktion. Aus Anlass ihres Staatsbesuches befuhr die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi (1917-1984) auf dem Weg zur Residenz Schloss Niederschönhausen die Schönhauser Allee. Am Vortage hatte die indische Seite den ostdeutschen Protokoll-Beamten den Wunsch der bürgerlichen Politikerin freundlich übermittelt, möglichst nicht mit roten Fahnen begrüßt zu werden. Hunderte "gesellschaftliche Mitarbeiter" mussten darauf hin durch die Häuser hasten, um die Leute zum Hereinnehmen der roten Fahnen zu bewegen.

"Berlin - Ecke Schönhauser": einer der 100 besten deutschen Filme


Unter der U-Bahn nahe dem heutigen Bahnhof Eberswalder Straße drehte die DEFA 1957 einen Film, den Filmhistoriker und -journalisten im "Verbund Deutscher Kinematheken" als einen der "100 wichtigsten
Schloss Niederschönhausen
Schloss Niederschönhausen im Winter
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deutschen Filme aller Zeiten" einstufen: "Berlin - Ecke Schönhauser". Berliner Jugendliche suchen in den Wirren der Nachkriegszeit nach Lebenssinn; Generationskonflikte brechen aus, das Wort von den "Halbstarken" geht um. Der Kalte Krieg greift in das Leben der heranwachsenden Sinnsucher ein.
Für den Jugendlichen Dieter (Eckehard Schall) gibt es nach einer turbulenten Zeit zwischen Ost und West ein Licht am Tunnelende - selbstredend im Osten. Der Film (Buch: Wolfgang Kohlhaase) endet mit einem Vorschuss des Vertrauens in das, was man die "neue Zeit" nannte. Es teilt sich jene aufgeschlossene Zuversicht mit, die Goethe in "Dichtung und Wahrheit" mit den Worten beschreibt: "Ich war im Behagen der Jugend zu einer Art von Optimismus geneigt…" - Doch dann ist Schluss mit dem Behagen. Am Abend des 7. Oktober 1989 ist auf der Schönhauser zu erleben, wie es ist, wenn ein solcher jugendlicher Optimismus restlos aufgebraucht ist.
In der Allee singen mehrere Tausend Nachkommen der "Berlin - Ecke Schönhauser"-Generation bei einem an der Wilhelm-Pieck-Straße (Torstraße) begonnenen Marsch die "Internationale". "Pressefreiheit" wird gerufen, "Meinungsfreiheit" und "Keine Gewalt". Der trotz erster Verhaftungen weiter anschwellende, inzwischen unaufhaltbare Zug passiert den Jüdischen Friedhof, den Möbelgroßmarkt, heute die Kulturbrauerei, Konnopkes Imbißstand, an dem schon damals Curry-Würste verabreicht wurden, bei denen der Fast Food-Geschmack mit einem schmeichlerischen Gout veredelt wird. Ziel dieses größten spontanen Menschenzuges, den die Schönhauser je erlebte, ist die Gethsemane-Kirche in der Stargarder Straße.
An diesem 7. Oktober und dem darauffolgenden Sonntag kommt der pseudosozialistischen Honecker-Administration das "Ich-liebe-doch alle"-Feigenblatt endgültig abhanden. Unter dem zeitweiligen Sturmgeläut der Kirchenglocken werden Menschen eingekesselt, zusammengeschlagen und verhaftet.
Ernst Barlachs Geistkämpfer border=
Ernst Barlachs "Geistkämpfer" an der Südostseite der
Gethsemane-Kirche Foto: © -wn- [ Bild vergrößern ]
Nicht wenige hatten die Brutalität der Polizei- und Stasi-Beamten im Umfeld der Gethsemanekirche nicht für möglich gehalten. Wie Jesus (4v.Chr.-30.n.Chr.), auch er war bei seiner gewaltsamen Zuführung damals im Garten Gethsemane am Jerusalemer Ölberghang zunächst sprachlos, obwohl ihm das väterlich-göttliche Zuführungs- und Kreuzigungsprojekt bekannt gewesen sein soll. Dann aber sagte er menschlich empört zu den Bütteln der römischen Besatzungsmacht: "Ihr seid wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen ausgezogen… Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis." (Lukas22,52-53) Der amerikanische Psychoanalytiker deutscher Herkunft Erich Fromm (1900-1980) hat in seinem Buch "Wege aus einer kranken Gesellschaft" die Neigung der DDR-Regierung zu harter Gewalt und strikter Untersagung auf eine Falschannahme innerhalb der Marxschen Theorie zurückgeführt: "Es war der tragische Fehler von Marx, ein Fehler, der zur Entwicklung des Stalinismus mit beigetragen hat, dass er sich nicht von der traditionellen Überbewertung der politischen Macht und Gewalt freigemacht hat. Er hat im Gegenteil diese Ideen als geistiges Erbe übernommen". -
Seit 1993 blickt von der Kirchentür der Segnende Christus ernsten Gesichts auf das Vorfeld herab.
Vor der Südostwand der Kirche steht zu Ehren der Demokratiebewegung der DDR eine Kopie von Ernst Barlachs Bronzeplastik "Der Geistkämpfer", der sein Kämpfertum nicht verbirgt und dabei ein freundlich-nachdenkliches Gebaren zeigt. In dieser bronzenen Verbindung von Schönheit und Mut zeigt sich uns der Kombattant als unbeugsamer Friedens-Geist, dessen innere Kraft der Betrachter spürt - womit sich das Ethos seines Urhebers offenkundig macht: Vernunft schaffen durch Menschenliebe, Hinwendung und Güte - besonders aber durch "keine Gewalt".


Schönhauser Allee auf einer größeren Karte anzeigen

Wie man in die Schönhauser Allee kommt:


Man erreicht die Straße mit der U-Bahnlinie U2, der Straßenbahnlinie M1 sowie den S-Bahnlinien S2, S8, S41, S42
Text: -wn-


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