Die Linienstraße in Berlin-Mitte: Vom Kies-Weg zum Kiez-Weg

Wenn es mit der überlieferten Feststellung des Zeichners und Fotografen Heinrich Zille (1858-1929) seine Richtigkeit hat, wonach man einen Menschen mit einer Axt,
Die Linienstraße in Berlin Mitte
Blick vom Koppenplatz aus in die westliche Linienstraße
Foto: © -wn-
wahlweise mit einer Wohnung erschlagen kann - dann ist zu ergänzen: Mit einer Straße geht das auch. Diesen mörderischen Sachzwang suchte der Journalist Ernst Kossak (1814-1880) in seinem 1851 veröffentlichten Feuilleton-Band "Berlin und die Berliner" am Beispiel der Linienstraße darzutun, weil es "nichts den Menschen Verstimmenderes (gibt), als eine große, lange und - arme Strasse". Eine solche ist im 19. Jahrhundert die Linienstraße, die als Parallele der Torstraße unmerklich deren leichten Bogen mit vollzieht. Sie beginnt in der Oranienburger Straße und endet nach knapp zwei Kilometern unweit der Volksbühne - nicht mehr an der Großen Frankfurter Straße (Karl-Marx-Allee) wie zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als sie noch freies Feld und Gartenanlagen durchquerte. Im Verlauf von drei Jahrhunderten wandelte sie sich vom schmalen, weitgehend unbefestigten Kies-Weg zum prominent gewordenen Kiez-Weg, in dem die Symptome von Verarmung und Hunger
verschwanden. Ihre Existenz verdankt sie dem aus Sandaufschüttungen bestehenden und mit Gräsern bewachsenen Berliner Festungswall, den Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der spätere Große Kurfürst (1622-1680), ab 1658 um die historischen Stadtteile Alt-Berlin, Cölln, Neu-Cölln und Friedrichswerder anlegen ließ. Die politische Lage in Europa "nöthigte Friedrich Wilhelm im Anfang seiner Regierung, weniger darauf bedacht zu sein, Berlin und Cöln zu erweitern und ausbauen, als sie durch zweckmäßige Befestigung gegen Überrumplung sicher zu stellen", schreibt sein Biograf Leopold von Orlich (1804-1860), ein schriftstellernder Offizier im preußischen Kaiser-Alexander-Regiment. Nicht aufgelöste Söldnerheere des 1648 zu Ende gegangenen Dreißigjährigen Krieges verunsicherten noch einige Zeit den mitteleuropäischen Raum. Genauer gesagt, ging die Linienstraße aus einer dem Festungswall und seinem Grabensystem vorgelagerten sogenannten Circumvallationslinie hervor. Wie eine zeitgenössische Enzyklopädie erklärt, musste diese Verschanzung "in gehöriger Entfernung von den äußersten Werken der Festung abliegen. Denn ist sie zu nahe, so kann das Lager mit den Canonkugeln erreicht und viel Unheil dadurch angerichtet werden; ist sie zu weit, so wird ihre (erheblichen Aufwand erfordernde) Länge ohne Noth vergrössert". In Berlin rechnete man mit Angreifer-Kanonen, die 1200 französische Klafter (etwa 2275 Meter) weit, allerdings nur auf hundert Meter zielgenau schießen konnten. Über dieser klar nach außen gerichteten Verteidigung leuchtete allerdings schon ein Vorschein des Berliner "Schutzwalls" von 1961. Die Anlagen der Circumvallationslinie sollten - als Nebeneffekt - nach draußen flüchtende preußische Deserteure zurückhalten. Der ganze Aufwand lohnte sich aber mangels Angreifer kaum. Keine hundert Jahre nach dem Beginn des Festungsbaus wurden die Wälle wieder abgetragen. Zurück blieb die in den einsetzenden Berliner Bauboom einbezogene "Linie", die nun zur bebauten Straße wurde.
Ihre dabei erworbene Historizität ist heute augenfällig durch das unter Denkmalschutz stehende Gebäude des Israelitischen Krankenheims, durch die Katholische Pfarrkirche St. Adalbert von 1932, das Königliche Leihamt von 1847 oder die Stettiner Feuerwache. Der 1706 gegründete und an der Straße gelegene Alte Garnisonfriedhof zählt zu den ältesten noch erhaltenen Begräbnisstätten Berlins.

Was gibt es in der Berliner Linienstraße zu sehen?


Die Linienstraße ist in preußischer Zeit nicht nur behaust von Trödlern, Prostituierten, Kleinkriminellen und Armen - auch von literarischen Gestalten. Franz Biberkopf aus
Die Skulptur in der Linienstraße
Am östlichen Ende der Linienstraße aufgestellter Gipsguss
der Figur von Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688-1740).
Schöpfer der Skulptur ist der Bildhauer
Christian Friedrich Heinrich Bettkober (1746-1809)
Foto: © -wn-
dem Roman "Berlin Alexanderplatz" ist hier angesiedelt. "Linienstraße, da ist das Haus, wo sich Franz Biberkopf (nach seiner Tegeler Haft) verkrochen hat", heißt es in Alfred Döblins (1878-1957) bekanntem Buch. Als literarische Figur des Schriftstellers Albert Emil Brachvogel (1824-1878) taucht der anstellungslose Komponist und älteste Bachsohn Wilhelm Friedemann (1710-1784) auf. In dem nach ihm benannten Roman finden wir Bach im Haus eines Sargmachers, der nahe der "Liniengasse" seine "Nasenquetschen" feil bietet. Er lebt dort in einer Dachkammer "mit einem stets betrunkenen Flötisten". Vor der Haustür findet man, schreibt Brachvogel, "den Chorus der Kesselflicker, Hehler, Diebe und Buhldirnen, (und) so hat man eine Szene, wie sie in Paris und London nicht ekelhafter und trauriger sein kann". Als ein früherer Schüler Friedemann Bach um die Erlaubnis bittet, ihn in seinem Quartier besuchen zu dürfen, reagiert dieser harsch: "Zu mir? Hahaha, in das Hundeloch? Nein, nicht einmal wissen sollte Ihr, wo ich stecke."
Auch der Schriftsteller Fritz Mauthner (1849-1923) fand für die Handlung seines zeitkritischen Romans "Der neue Ahasver" u.a. die Linienstraße passend. In seinem Leihhaus begegnen wir dem reich gewordenen "Geld- und Rückkaufhändler" Isaak Feigelbaum, der als "solider, gründlicher, rücksichtsloser Wucherer" geschildert wird. Anlässlich einer Neuauflage dieses Romans im Jahre 2001 schrieb die Frankfurter Allgemeine, Mauthners Feder sei angesichts der beschriebenen sozialen Missstände von einem "gerüttelt Maß an Verzweiflung" geführt worden. Eine Pfandleihe in der Linienstraße spielt eine Rolle im überlieferten launigen "Tagebuch eines Droschkenkutschers". Der Dienstmann muss einen Fahrgast "nach die Linienstraße fahren". "Das Haus ist daran kenntlich, dass sich das Filiale von das Königliche Leihhaus in die Jägerstraße drin befindet", erklärt der Kutscher, wie man liest, ein von keinem Zweifel gebremster Anwender des Berlinischen Akkusativ-Dativ-Gleichklangs. Der Ausgestiegene kommt zurück aus dem Leihhaus ohne seinen versetzten "Schuppenpelz" (vom Waschbären) und "klimpert mit das Geld in die rechte Hosentasche". Auch Kurt Kluges (1886-1940) Roman "Der Herr Kortüm" von 1938 ist keine Liebenserklärung an die Linienstraße. Die Ankunft des Thüringers Klaus Schart und seine Erwartung wird mit den Worten beschrieben, "wo er die große Welt vermutete - (mit) Leistungsmöglichkeit, Ruf, Ellbogenfreiheit und am Ende Werk, Ruhm, Besitz". "Auf alles war der Mann aus Hörsel hinterm Wald hinter Eisenach gefaßt - auf das atemlose Hasten der Weltstadt, das Durcheinander der Millionen, aber nicht auf leere Bürgersteige, blank gefegte Fahrdämme, auf Öde und trostloses Nachmittagslicht", heißt es im Text.
Schart sieht bald, dass er in der Tristesse dieses Straßenzuges allein schon aus hygienischen Gründen gefährdet ist. Überall herrscht Ansteckungsgefahr. Wie die "Wochenschrift für die gesammte Heilkunde" 1840 schrieb, folgte hier vielfach die Ruhr dem Scharlach. "Oft geschah es, dass der Vortrab der einen Epidemie den Nachtrab der andern in einem Hause erreichte, und beide nun friedlich unter demselben Dache lagerten", schreibt das Blatt und fährt fort: "In dem Hause No. 48 der Linienstrasse, welches drei Frauen mit Dysenterie (Ruhr) beherbergte, wurde auch das vierjährige Kind eines im Keller auf dem Hofe wohnenden Nachtwächters von dieser Krankheit befallen". Aus all diesen Gründen resümiert der eingangs erwähnte Ernst Kossak: "Wenn ein Dichter hier längere Zeit wohnen sollte, wird man einmal im Localbericht lesen: Gestern erhängte sich ein junger Mann in der Linienstraße, aus unbekannten Gründen. Der Psycholog aber weiß, dass er an der Linienstraße selbst gestorben ist".
Doch seit einiger Zeit sind die Weichen zum Besseren gestellt - vergessen das frühere Loch, in dem man hausen musste, jetzt gibt's den Loft, in dem sich's leben lässt. Ab 1993 wurde die Straße Sanierungsgebiet: Restaurieren statt abreißen war die Losung. Altbauwohnungen wurden aufwändig saniert, Dachgeschosse aufs feinste ausgebaut. Die restaurierten Häuser bieten - so eine aktuelle Werbung - "inspirierende Grundrisse, großzügige Sichtachsen, riesigen Fensterfronten, hochwertige Ausstattung, Garten oder üppig dimensionierten Sonnenterassen mit Blick in den begrünten Innenhof - das ist Leben auf ganzer Linie!" Nur die neuen Mieten hauen einen um und viele alte Mieter hauen deshalb ab. In den feingemachten Wohnungen sitzen, wie man liest, jetzt Zeitgenossen wie die Ministerin Anette Schavan, die ZDF-Moderatorin Maybritt Illner oder der Minister Thomas de Maizière. Aber wie eh und je leert sich die Linienstraße allabendlich, wird leer und still. Manchmal kommt noch jemand auf dem Rad vorbei. Hans-Olaf Henkel, der ehemalige BDI-Präsident, wurde gesichtet; auch der beliebte Baritonist Max Raabe. Doch Prominenz gilt hier wenig. Kein Schwein schaut sie an.

Wie man zur Linienstraße kommt:
Die eine Möglichkeit bietet sich am westlichen Ende der Oranienburger Straße (Ecke Friedrichstraße). Dorthin gelangt man mit der S-Bahnlinie S2, Bahnhof Oranienburger Straße. Zum anderen Ende der Linienstraße kommt man bequem zu Fuß vom Alexanderplatz, den man in Richtung des Berliner Verlages überquert.
Text: -wn-


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  • Sehenswürdigkeiten in der Nähe der Linienstrasse:
  • Centrum Judaicum - museal, markant und maurisch
  • Jüdischer Friedhof Schönhauser Allee - Bis ans Ende aller Ewigkeit
  • Dorotheenstädtischer Friedhof - Es darf geraucht werden
  • Naturkundemuseum - Auf Tuchfühlung mit Darwin
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