Die Bösebrücke: Als "wind of change" durch Krauses Verkehrsbau blies

Die Umstehenden waren sich natürlich des Freudentages bewusst. Aber wenn Joachim Gauck (geb. 1940), der später leider nicht Bundespräsident wurde, etwas äußert,
Foto vom der Bösebrücke
Blick auf die Bösebrücke in Berlin
Foto: -wn-
klingt es meist wie eine frische Überlegung, und sein sinntiefes wie unmissverständliches Argumentieren zieht viele Zuhörer an. "Hier an dieser Stelle", sagte er also am 9. November 2009 auf der für den feierlichen Zweck gesperrten Fahrbahn der Bösebrücke zwischen Wedding und Prenzlauer Berg stehend, "ist einmal etwas Weltgeschichtliches passiert. Die Regierenden dachten daran, ein Ventil zu öffnen, aber als es offen war, ist viel mehr passiert." Einmal von so etwas schönem reden zu können, musste für den Mann eine Beseligung gewesen sein, wo er sich doch Jahre lang im Mief eines geheimdienstlichen Dokumentenschunds umtun musste. Die anwesende Bundeskanzlerin indessen sah sich während Gaucks Rede um, als suche sie etwas augenscheinlich Geschichtliches, das mit dieser Brücke in Verbindung steht. Von Historie sieht man nichts, normal ist alles ringsum wie auf jeder Brücke - außer dass dieser nunmehr fast 100 Jahre alte, 138 Meter lange dreifeldrig aus hochfestem Nickelstahl eng genietete Verkehrsbau mit seinem eleganten Bogenstich auf einer von Ost und von West her sich sanft erhebenden Höhe ruht. Die angeschüttete Erhebung hat einen Grund. Vor Beginn des Brückenbaues (1913-1916) kreuzten sich die Bahn-Schienen und der nördliche Straßen-Stadtring auf derselben Ebene, so dass heute die Fahrt zur die Gleise überspannenden Brücke naturgemäß ansteigend und von ihr weg abfallend ist.
Urheber des Baus ist der ambitionierte und hochgeehrte Stadtbaurat für Tiefbau Friedrich Krause (1856-1925) und Schöpfer des Berliner Verkehrsnetzes - ein lebendes Beispiel dafür, dass Berliner Stadträte schon einmal etwas mehr bewirken konnten als auf hilflosen Pressekonferenzen etwa zum stark eingeschränkten S-Bahnverkehr schlechte Figur zu machen.

So sehr die Brücke das anschaulichste Verkehrsbauwerk in der menschlichen Geschichte und deshalb unübersehbares, aber eben auch angreifbares Element der Stadtbaukunst ist, überstand die schlanke, zunächst nach Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (1847-1934) benannte Brücke unbeschadet alle Tieffliegerangriffe des Zweiten Weltkrieges. Trotz häufigen Beschusses bekam sie keinen Treffer ab. Am 21. April ist der Berliner Metallarbeiter Fritz Kobelt aus der Schönhauser Allee von der Arbeit in den Alkett Panzerwerken Borsigwalde zu Fuß auf dem Heimweg. Im privaten Tagebuch vermerkt er: "Endlich habe ich die Bornholmer Brücke erreicht und wieder jaulen die Sirenen. Ein Hilfspolizist kommt mir entgegen und sagt zu allem Überfluß zu mir auch noch ‚Alarm!' So lange wie heute ist mir die Bornholmer Straße noch nie vorgekommen. Kleine Flaksplitter zwitschern von oben runter."

Nach Kriegsende erhält die Brücke den Namen des antifaschistischen Widerstandskämpfers Wilhelm Böse (geb. 1883), den der Moabiter Scharfrichter, Pferdemetzger und Fuhrunternehmer Wilhelm Röttger (1894-1946) am 14. August 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden mit dem Fallbeil zu Tode brachte. Böses Leidensgenosse Erich Honecker, der 50 Jahre später eines natürlichen Todes sterben konnte, schreibt im Buch "Aus meinem Leben": "Das Schrecklichste aber waren die Hinrichtungen in einer Garage des Zuchthauses. … Anfangs noch selten, nahmen (sie) bald mehr und mehr zu - bis über dreißig an je zwei Tagen der Woche." Erich Honecker, Autor des den ausgereisten DDR-Bürgern nachgerufenen Satzes "Wir weinen ihnen keine Träne nach", sorgte gleichwohl selbst mit dafür, dass das Andenken an Wilhelm Böse kaum zum Tragen kam. Im Sommer 1961 bekommt das Bauwerk mit dem weitgehend unbekannt bleibenden Namen den berüchtigten weißen Mittelstrich, ist für 28 Jahre nur noch Grenzübergangsstelle … bis sich jener "wind of chance" der Hannoveraner Hard-Rock-Band Scorpions erhob und über die Brücke blies. Texter und Komponist Klaus Meine hatte ursprünglich eine Augustnacht im Welt-Perestroika-Zentrum Moskau am Ufer eines innerstädtischen Moskwa-Fluss-Mäanders am Gorki-Park vor Augen und hörte wohlgemut-befreiende Balalaika-Laute. In der neunten Abendstunde des 9. November 1989 jedoch öffneten die Diensttuenden der Grenztruppen der DDR den Grenzübergang Bösebrücke als hätte ein Winterschlussverkauf begonnen. "Take me to the magic of the moment / On a glory night" - diesen heftig gefühlten Wunsch erfüllte jetzt die Geschichte - wozu sich die alte Dame - wie wir wissen - seltenst bereit zeigt. In die rasant aufgekommene Stimmung aus Überraschung, Freude und Ergriffenheit hinein läuteten nach Mitternacht die Glocken umliegender Kirchen - so klingt es wahrscheinlich wenn der Messias kommt. Eine blonde Frau mittleren Alters mit einem tränenüberströmten lachenden Gesicht rief, ja schrie mit sich überschlagender Stimme: "Meine Mutter!" und lief ohne weitere Erklärung die Osloerstraße hinunter in den dunklen Wedding hinein. Es war als hätte der Berliner expressionistische Schriftsteller Georg Heym (1887-1912) eine Vorahnung gehabt, als er in seinem Gedicht "Berlin II" emphatisch schrieb: Die vollen
Kremser fuhren durch die Menge, / Papierne Fähnchen waren drangeschlagen. / Die Omnibusse, voll Verdeck und Wagen. / Automobile, Rauch und Huppenklänge." Im Gedicht scheint noch die Sonne, so dass es mit den Worten schließt: "Und rote Strahlen schoß des Abends Bahn. / Auf allen Köpfen lag des Lichtes Traum." - Der Rausch ist vorbei und dem Versuch gewichen, an diesem weltbekannten, denkmalgeschützten Geschichtsort mit einer ganz praktischen Frage klar zukommen. Da ihre jeweils zwei Fahrstreifen für den Auto-Verkehr nicht der Normbreite entsprechen, gibt es von zuständiger Seite den salomonischen Hinweis: Die unfallfreie Passage der Brücke ist dem Geschick der Autofahrer überlassen.

Wie man zur Bösebrücke kommt:
Man erreicht die Brücke mit den S-Bahnlinien S1, S2, S8; Bahnhof Bornholmer Straße Über die Brücke fährt die Straßenbahn M13
Text: -wn-

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