Der Hausvogteiplatz in Berlin-Mitte: Ort mit Konfektion und Kittchen

Der Hausvogteiplatz in Berlin-Mitte könnte auch Konfektions-Platz heißen - wollte man den Ereignissen Rechnung tragen,
Am Bullenwinkel
Das 1892/93 gebaute ehemalige Lager- und Warenhaus
"Am Bullenwinkel" am Hausvogteiplatz 3-4.
Der für ein Konfektionshaus ungewöhnliche Name
wird mit einem mittelalterlichen Viehauftrieb an
dieser Stelle in Zusammenhang gebracht.
Weitere Plätze in Berlin
Foto © -wn-
die sich auf ihm mit kolossaler Fernwirkung zutrugen. Denn der einstige Namensgeber ist verschwunden - das 1750 eingerichtete Kittchen der städtischen Gerichts- und Polizeibehörde. Der Platz selbst hat heute etwa noch die alten Ausmaße. Er habe "keine schöne Form, ungefähr die eines Schinkens, von welcher er vermuthlich den alten Namen erhalten hat. Den neuen Namen hat er von der hier gelegenen Hausvoigtey, Nr. 14, bekommen", bestätigt ein altes Lexikon. Stadtgeschichtlich betrachtet befindet er sich an der ehemaligen Trennlinie zwischen dem Friedrichswerder, der ersten nach Westen gerichteten Erweiterung der Doppelstadt Berlin-Cölln, und der ehemals selbstständigen Vorstadt Friedrichstadt (gelegen etwa zwischen Leipziger und Hausvogteiplatz).
Das Haus sei ein "schönes weitläufiges Gebäude (gewesen), … mit viel geräumigen Stuben und einem Kirchensaal.
Der Hofrichter hat in diesem Haus seine Wohnung. Hinten sind auf zwei Höfen geräumige Gefängnisse", wird weiter überliefert. Nach diesem einstöckigen Stadtgefängnis erhielt der Platz 1789 seinen gegenwärtigen Namen. Bis 1881 war die Hausvogtei in Betrieb. Danach wurden in dem verwaisten Haus für einige Zeit Wohnungen und eine Bezirkspolizeiwache eingerichtet. Gegen Ende des Jahrhunderts wird das Gebäude abgerissen. Jetzt hätte ein neuer sinngebender Namensgeber bereit gestanden: ein völlig neuartiger textiler Industriezweig.
Bereits seit dem Jahr 1837 wird am Hausvogteiplatz und in seiner Umgebung die serienmäßige Produktion von Kleidung und der Handel mit dieser seinerzeit beispiellosen Konfektions-Ware betrieben. Die Zuwachsraten sind enorm. Bereits um 1860 hatten sich rund um den Platz 20 Konfektionsfirmen angesiedelt, zehn Jahre später ist ihre Zahl doppelt so groß. Zum Namenswandel kommt es auch dann nicht, als sich der Charakter des Platzes durch die neue Industrie völlig verändert hat. Ein neuer Name wäre - den Schinken nicht mitgerechnet - der vierte in der Geschichte des Platzes. Im 18. Jahrhundert heißt er zehn Jahre lang Quarree (Viereck) und 40 Jahre lang Jerusalemsplatz.

Der Hausvogteiplatz in Berlin


Die Haus- oder Stadtvogtei ist - kurz gesagt - ein Knast für "Politische",
Das Rundbogenportal und das schmiedeeiserne Tor des Hauses Am Bullenwinkel
Das Rundbogenportal und das schmiedeeiserne
Tor des Hauses "Am Bullenwinkel"
Foto © -wn-
die man im 19. Jahrhundert meist "Demagogen" nennt. Das Gefängnis wird auch als "Hotel Dambach" verballhornt. Es ist das Arbeitsfeld des karrierebedachten und "gründlichen" Untersuchungsrichters Heinrich Rudolf Dambach (1798-1845) - nicht zu verwechseln mit seinem Sohn, dem gleichfalls umtriebigen preußischen Karriere-Juristen Otto Dambach (1831-1899). In seiner fanatischen Unentwegtheit ist der Vater dem DDR-Generalstaatsanwalt Ernst Melsheimer (1897-1960) vergleichbar, der in Gerichtsverfahren gegen Andersdenkende ebenso Befürworter strikter und "langjähriger Umerziehungsprozesse" war.
Der preußische Melsheimer wird mit der damals geltenden "Criminal-Ordnung" auf Du und Du stehend geschildert. Wie der Historiker Walter Schmidt (geb. 1930) schreibt, eröffnete ihm diese drakonische Strafprozessordnung die Möglichkeit, "halsstarrige und verschlagene Verbrecher" hart zu bestrafen, die sich "durch freche Lügen und Erdichtungen oder durch verstocktes Leugnen oder gänzliche Schweigen … der verdienten Strafe zu entziehen drohen". Der Germanist und Schriftsteller Karl Simrock (1802-1876) überliefert ein Studentenlied, in dem es heißt: "Wer die Wahrheit kennet und sagt sie frei, der kommt nach Berlin auf die Hausvogtei." Und in den "Guckkästner Scenen" des Vormärz-Journalisten Adolf Glaßbrenner (1810-1876) wird ein junger Berliner, der begeistert die Guckkasten-Bildern aus der Neuen Welt betrachtet, zurecht gewiesen: "Schafskopp, Du jloobst woll schon, wir sind in Amerika, in de Republik? Nimm dir in Acht, det de nich nach de …Hausvogtei kommst, da werden se dir von wegen Republikens, det de in vier Wochen wie'n Jespenst aussiehst!" Es gehört zu den vielen vom beliebt-berüchtigten "ersten Diener des Staates" Friedrich II. (1712-1786) hinterlassenen Fragen, ob ihm beim Abfassen seiner "Dritten Morgenstudie" von 1766 solche bedrängenden Zustände vorschwebten, als er notierte: "Wir sind unseren Unterthanen die Rechtpflege schuldig, wie sie uns den Respect."

Keine hundert Jahre später kommt es in Preußen zu einer der bedeutendsten Respektlosigkeiten - zur 1848er Revolution. Am Abend des 18. März fegte sie auch über den Hausvogteiplatz. Was sich dort vollzog, nachdem Stunden zuvor zwei, es heißt ungezielte,
Haus zur Berolina
Der Mittelrisalit am "Haus zur Berolina"
Foto © -wn-
Schüsse auf dem Schlossplatz den berühmt gewordenen Barrikadenaufstand ausgelöst hatten, beschreibt der Schriftsteller Julius Lasker (1811-1876): "Als die Infanterie über den Hausvogteiplatz wollte, kam sie in ein heftiges Feuer (der Aufständischen), wodurch sie verhindert wurde, vorwärts zu dringen. Das Volk hatte bereits vergeblich versucht, die Hausvogtei zu erstürmen und in Brand zu stecken. Aus den Fenstern der Hausvogtei schossen Soldaten. Von dem Dach des Hauses der Jerusalemer- und Mohrenstraßenecke unterhielt das Volk ein lebhaftes Gewehrfeuer.
Das Militair wollte nun auch von der Mohrenstraße nach dem Hausvogteiplatz vordringen. Eine Compagnie der Garden gab einige Salven nach den Dächern, von denen herab sie ein Steinhagel begrüßte. Die Truppen machten Kehrt und flüchteten nach dem Gendarmenmarkt zurück." Rückblickend, und in der Hoffnung, dass zukünftig nicht nur zufällige, sondern auch gezielte Schüsse auf Menschen unterbleiben würden, schreibt 1871 das politisch-satirische Wochenblatt Kladderadatsch im Rausch der Reichsgründung: "Roch's dazumal im Teutschen Reich / Noch gar zu hausvogteilich!" Bekanntlich wurde diese Hoffnung auf Frieden nicht erfüllt; in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschärfte sich das "Hausvogteiliche" zum faschistischen Staatsterror, später zur staatssozialistischen Erziehungsdiktatur.

Der Hausvogteiplatz heute:


Heute hat der Hausvogteiplatz - außer seinen fortgeltenden Namen - keinen sichtbaren justizgeschichtlichen Bezug mehr - es sei, man geht von der Südspitze des Platzes ein paar Meter
Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz
Das 1994 vor dem östlichen Zugang zur U-Bahn
aufgestellte "Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz":
drei schmale, rechteckige, leicht nach innen geneigte
2,70 Meter hohe Flächen aus verspiegeltem Edelstahl.
Sie erinnern an Ankleidespiegel aus der Modebranche.
Im Boden des Innenraumes befinden sich drei metallene
Texttafeln, die über das Schicksal der jüdischen
Unternehmer und Angestellten informieren,
die hier in der Konfektions-Branche tätig waren.
4000 Juden aus dem Berliner Bekleidungsgewerbe
wurden während des Holocaust ermordet. / Foto © -wn-
zur benachbarten Adresse Mohrenstraße 37, dem Sitz des Bundesjustizministeriums. Mit dieser Behörde vergegenständlicht sich der Befund des Schriftstellers Hermann Hesse (1877-1962), der im "Tractat vom Steppenwolf" die heutige Rechtswirklichkeit mit den einfachen wie zutreffenden Worten beschreibt: Die bürgerliche Demokratie habe "an Stelle der Macht die Majorität gesetzt, an Stelle der Gewalt das Gesetz, an Stelle der Verantwortung das Abstimmungsverfahren." Vom bestehenden Rechtsstaat als einer herausragenden zivilisatorischen Errungenschaft ist die Rede - auch wenn sich heute Feuilletonisten schon in einer postdemokratischen Ära wähnen.
Zu den augenscheinlichen historischen Bezügen, die dieser an Blickpunkten eher arme Platz noch zu bieten hat, zählt das fünfgeschossige Geschäftshaus "Haus zur Berolina", das mit seiner dreiachsigen Schaufassade auffällt, deren Mitte aus einem vorspringenden Risalit besteht.
Gleich im Erdgeschoss rechts hatten einst der Berliner jüdische Konfektionär David Leib Levin (1815-1891) und seine Nachfolger ihr Geschäft, nachdem der Vater am 1. Juni 1840 den vererbbaren Judenbürgerbrief erhalten hatte. Er zählt zu den prominenten Mitbegründern der in die deutsche Industriegeschichte eingegangenen "Berliner Konfektion".
Die Exporte der neuen Firmen gingen nach Holland, England, Schweden, in die Schweiz und die USA.
"Um die Jahrhundertwende lebte das ganze Stadtviertel von der Textilbranche. Die eigentliche Herstellung wurde auf etwa 600 selbständige Subunternehmer verteilt, die so genannten Zwischenmeister, für die in den Mietskasernen des Berliner Nordens und Ostens etwa 100000 Frauen unter oft bedrückenden Bedingungen in Heimarbeit nähten", schreibt der Chronist. Das Berolina-Haus erbringt nebenher den Beweis, dass Revolutionen mit überregionalem Charakter durchaus nicht nur von Klassen und Schichten ausgehen, sondern sogar von Zünften - hier von der Schneider-Gilde.
Es ist - unter den misstrauischen Augen bisheriger Modemacher - die revolutionäre Einführung der Konfektion wie wir sie heute kennen. Begonnen hatte es mit der Herstellung von Kleidungsstücken in Standardgrößen und auf Vorrat, also für Menschen, die nicht vorher zu einer Anprobe erschienen waren. Erstmals wurden "Kleider von der Stange" zu festen Preisen angeboten. Berlin bot für diese Umwälzung besondere Bedingungen: als Vorläufer der Konfektion gilt die Herstellung der in großen Stückzahlen benötigten preußischen Uniformen. Begünstigend hinzu kamen die Fertigkeiten französischer Einwanderer und das handwerkliche Geschick ostjüdischer Schneider.
Die Zeitschrift "Confektionair" schrieb damals: "Die Geschichte der Berliner Konfektion ist zugleich die Geschichte derjenigen deutschen Industrie, die sich als erste den Weltmarkt eroberte und den Ruf von deutscher Arbeit und deutschen Gewerbefleißes in die fernsten Länder trug…" Und das Zentrum dafür war der Hausvogteiplatz.

Wie viele schöne Sinneseindrücke würden uns im Alltag fehlen, hätte sich neben den anderen Konfektions-Kritikern der Kulturphilosoph und Schiller-Urenkel Karl Alexander
Haus zur Berolina
Auf den vorderen senkrechten Flächen der Stufen
des östlichen U-Bahn-Zugangs sind Namen und Daten
einiger jüdischer Modefirmen verzeichnet
Foto © -wn-
von Gleichen-Russwurm (1865-1947) durchgesetzt mit seiner missfälligen Meinung über die serienmäßig hergestellte Kleidung. Im 24. Band seiner zwischen 1929 und 1931 erschienenen "Kultur und Sittengeschichte aller Zeiten und Völker" schimpft er: "Es lässt sich genau verfolgen, wie künstlerisch schön die Kleidermode war, bevor die Maschine eingriff, wie plump, grotesk und stillos sie wurde nach dem Verlassen des Handnähens und schließlich endete mit der Einförmigkeit der Serienkonfektion." Ein zufälliger weiblicher Blick könnte sich heute kaum auf ein männliches Hinterteil richten, das eine leger sitzende handelsübliche Bundhose blicken lässt und das nach derzeitigem Sprachgebrauch als knackig bezeichnet wird. Gleichwohl könnte auch der männliche Zufallsblick im Vorrübergehen nicht aufnehmen, was serielle Kleidung von einer Frau erkennen lässt: etwa eine vom Minirock freigegebene sehenswerte Beinregion. Auch der nicht ins Korsett gezwungene Busen zeigt sich eindrucksvoller als bei der Dame des vorvorigen Jahrhunderts mit Reifrock und plattem Mieder. Seit 3000 Jahren richtet sich der männliche Blick überdies gern auf das weibliche Dekolleté, und ebenso lang ist der Halsausschnitt Gegenstand zärtlicher Beschreibungen. Im Hohelied des Alten Testaments der christlichen Bibel wird dem nebenbuhlerischen König von Israel und Juda, Salomo (965‒926 v. Chr.), der weitergehende Satz zugeschrieben: "Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter Lilien weiden." Offenbar muss man sich diese biblische Gazelle im Evakostüm vorstellen, aber das allerdings hat immer individuelle Maße.

Wie kommt man zum Hausvogteiplatz? Am Hausvogteiplatz befindet sich die gleichnamige Station der U-Bahn U2. Auf dem Platz gibt es ein thailändisches und ein italienisches Restaurant. Mit einer Filiale ist die Brotmeisterei Steinecke vertreten. Auch das Wellness-Center float Berlin Mitte hat sich angesiedelt.
Zum Gendarmenmarkt sind es zwei Gehminuten.
Text: -wn-

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