Kreuzberger Chamissoplatz: Deutscher Franzose & l'Allemand francais

Auf den einzigen Franzosen, der je ein deutscher Dichter war, an Adelbert Chamisso (1781-1838) weisen hierzulande zwei Dutzend Straßen hin,
Chamissoplatz in Berlin Kreuzberg
Der Chamissoplatz in Kreuzberg
Weitere Plätze in Berlin
Foto © wn
auch ein paar Wege, in Wien ein Gässchen. In Paris jedoch oder in Lyon, gar in Châlons-en-Champagne nahe dem Schloss Boncourt derer von Chamisso? Niemand erinnert sich dort an den 1790 mit den Eltern emigrierten und später zum französischen Deutschen (l'Allemand francais) gewordenen Mann, der in Preußen - bei allem erworbenen Ansehen - zeitlebens als deutscher Franzose galt. Außerhalb Europas, im alaskischen Behringmeer ragt ein Eiland seines Namens von drei Quadratkilometern Größe aus dem Kotzebue-Sund, das mit seiner Teilnahme an einer Weltumseglung 1815‒18 im Zusammenhang steht. Der stämmige Mann mit der Lockenmähne war als Botaniker an Bord. Auf der Marshall-Insel Wotja in der Südsee, wo er den Insulanern Gärten anlegte und Melonensamen aussäte, belohnten sie ihm die Guttat mit lobpreisenden Liedern in stampfendem Rhythmus. "Ae ni gagit, ni mogit. Den geschälten Kokos trinkt, den Kokos isst der Chamisso", schwärmt das eine.

Der Chamissoplatz in Berlin


Seit rund 120 Jahren gibt es den weltweit einzigen Chamissoplatz im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg.
Ein rekonstruiertes Häusergeviert bildet eine 5500 Quadratmeter große, mit Linden, Ahornen und Birken bestandene Fläche, größtenteils ein Spielplatz mit genügend Raum für den wöchentlichen Biomarkt. Die Touristen erfreuen sich an den Gründerzeithäusern mit den Stuckfassaden aus der Kaiserzeit - jedes Gebäude unter Denkmalschutz. Das Ambiente gibt eine leise Ahnung davon, warum man mitunter von der guten alten Zeit spricht. Das Kopfsteinpflaster der umlaufenden Straßenzüge, die alten Gaslaternen und das "Café Achteck", das aus acht grün lackierten gusseisernen Wandsegmenten gebildete Pissoire an der Nordwest-Ecke, geben der Umgegend einen gemütlich-urbanen Charakter. In den Vorderhäusern mit Innentoiletten logierten damals z.B. der General-Agent Kruse neben dem Theaterinspizienten Timpe und dem Büffetier Schlag; ihre Läden am Platz hatten Bäcker Schlott und Kaufmann Kaiser. In den engen, schlecht gelüfteten Hinterhäusern wohnte die anonyme Stadtarmut ein und fror sich im Winter auf den ungeheizten Podesttoiletten den Hintern ab.

Für das Neubaugebiet Chamissoplatz im Jahre 1877 zeichnete der Stadtbaurat James Hobrecht (1825-1902) verantwortlich, auf dessen Bebauungspläne das heute noch funktionierende System der Berliner Ring- und Ausfallstraßen und die erste Stadtentwässerung zurückgeht. Kaum zu glauben, dass Berlin dank Hobrecht einmal sauberste Stadt der Welt war - lange her. Andrerseits hatte der gebildete Stadtrat recht romantisierende Vorstellungen vom Zusammenleben der Bürger- und Arbeiterstände in seinen Häusern am Chamissoplatz. Er hielt es zumindest für einen ansatzweisen Fortschritt, wenn die Kellerkinder der Häuser auf dem Weg zur Freischule im Flur den Sprösslingen der Betuchten begegneten - letztere selbstredend auf dem Weg zum Gymnasium. Chamisso, der von 1822 bis 1838 in der südlichen Friedrichstraße (nahe dem Haus Nr. 235) wohnte, setzte mit lebensnaherer Ansehung der sozialen Zustände einer Berliner Waschfrau ein bewegendes literarisches Denkmal. Die Frau, die früh den Mann begrub und die drei Kinder allein großzog, steht am Ende ihres Lebens ohne Altersversorgung da. Nachdem ihr trotz Mittellosigkeit der "heitere Mut" zum Leben nicht abhanden gekommen war, muss sie sich am Ende erniedrigen und zum Betteln überwinden.

Auf dem Platz und nur ein paar Schritte von der weltoffenen Bergmannstraße entfernt hat sich der Geist des Stadtrats und des Dichters erhalten. Hobrechts soziale Vorstellungen schlugen sich nach der Rekonstruktion der Gründerzeithäuser 110 Jahre später in einer resoluten Verordnung des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg nieder. Ihr Ziel ist es, die heterogene Zusammensetzung der jetzigen Wohnbevölkerung zu erhalten. "Das bedeutet, dass Bewohner nicht durch Luxus-Modernisierungen und damit einhergehende Mieterhöhungen … verdrängt werden sollen bzw. dass nur ‚Besserverdienende' in der Lage sind, dort eine Wohnung zu mieten", heißt es in dem Dokument.
Badezimmer z.B. darf man einbauen; hingegen werden Balkone, Loggien, Terrassen und Wintergärten mit mehr als fünf Quadratmeter Fläche als nicht genehmigungsfähig eingestuft. Dass Luxussanierungen zum Zwecke höherer Mieteinnahmen unterbunden sind, ist zweifellos in Chamissos Sinne. Dessen Kunstmärchen "Peter Schlemihl's wundersame Geschichte", das der Weltliteratur zugerechnet wird, ist eine einzige Warnung vor Geldgier und Wucher. Peter Schlemihl tauscht seinen Schatten gegen ein ständig gefülltes Portmonee und verfehlt das Lebensglück gründlich. Soweit sich erkennen lässt, gilt hier am Platz mehrheitlich die Botschaft des Verfassers: Was immer auch kommt, nie den eigenen Schatten preisgeben.

Verkehrsverbindung zum Chamissoplatz in Berlin Kreuzberg :
U-Bahn: U6, Bahnhof Platz der Luftbrücke, U7, Bahnhof Gneisenaustraße, von allen Bahnhöfen ist der Platz nach kurzem Fußweg zu erreichen.
Text: -wn-

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