Wochenmarkt Kollwitzplatz

Wochenmarkt am Kollwitzplatz in Pankow
Blick auf den Wochenmarkt am Kollwitzplatz - Foto: © -wn-

Der Kollwitzmarkt in Pankow

Erfahren Sie in diesem Artikel was den Wochenmarkt am Kollwitzmarkt so einzigartig macht. Auch finden Sie hier die Öffnungszeiten vom Kollwitzmarkt.

Im Prenzlauer Berg: Markt mit Musen / Feilschen nein

Schon mancher große Geist irrte, weil sich seine Denkergebnisse bald als unhaltbar erwiesen. Im Klub erlauchter Forscher und Denker mit versuchten Fernzeitblicken befindet sich auch der angesehene deutsche Soziologe Max Weber (1864-1920). Bekannt wurde er 1919 mit dem viel beachteten Vortrag "Politik als Beruf", in dem er schreibt, es gebe "zwei Arten, aus der Politik seinen Beruf zu machen. Entweder: man lebt "für" die Politik - oder aber: "von" der Politik". Diese Feststellung erweist sich heute als gültiger denn je. In der derzeitigen deutschen politischen Klasse finden sich beim Vollzug der repräsentativen Demokratie leider noch genügend Menschen, die in der Politik vor allem ihr Auskommen suchen und das Allgemeinwohl an zweiter Stelle sehen. Max Weber war - ohne politische Funktion - den Menschen nahe und interessierte sich für ihr Sorgen, Tun und Lassen. Und kein irdischer Vorgang schien ihm zu gering, als dass er nicht aus ihm eine lehrreiche Theorie zu extrahieren suchte. Er ließ sich z.B. gern von Wochenmärkten beeindrucken. In seinem Buch "Wirtschaft und Gesellschaft - Grundriss der verstehenden Soziologie" behauptet er, dass ein Wochenmarkt ohne Preisverhandlungen der Anbieter und Kunden kein sachgerechtes Marktgeschehen wäre. In etwas überdrehtem Deutsch schreibt er, "die konsequenteste Form der Marktbildung" sei "allein die volle Entfaltung der spezifischen Erscheinung des Marktes: des Feilschens". Aus seiner Befassung mit Politik kannte er das Feilschen, den Kuhhandel und Hinterzimmer-Kompromisse politischer Rivalen oder Gegner. Allerdings erlebte er nicht mehr, dass er in Sachen Feilschen auf Märkten falsch lag. Zumindest im stationären deutschen Kleinhandel hat das Verhandeln von Preisen an Attraktivität verloren. Für den Schriftsteller Franz Dingelstedt (1814-1881) war das ganze Spiel mit An- und Gegengebot sowieso entsetzlich. Und so machte er seinem Ärger Luft:

Gemüseangebot auf dem Kollwitzmarkt
Üppiges Gemüseangebot auf dem Kollwitzmarkt
Foto: © -wn-
"Hol der Teufel solch ein Schachern,
Feilschen, Mauscheln, Mäkeln, Prachern,
Kurze Waren, lange Waren
Mögen sie zum Henker fahren!"


Wiederum anders dachte der Philosoph und Publizist Walter Benjamin (1892-1940). Er spricht nicht vom Locken und Feilschen; sondern beschreibt mit romantischer Attitüde "das Marktgespräch nämlich, das eigentliche Verhandeln und Handeln, all dies Hin und Her um Ware und Geld, das auf seine Weise ebenso saftvoll und üppig ist wie das Bild,das der Markt für die Augen bietet."

Einen Eindruck von einer Verweigerung jedweden Feilschens und Verhandelns bekam vor einiger Zeit das Fernsehpublikum beim Betrachten eines der seltenen amüsanten Werbespots - hier aus der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. In dem Kurzfilm wurde jegliches Feilschen zugunsten eines unverschämten Preiswuchers ausgeschlossen. Und so ging das Stück: Im Kaufmannsladen eines Kindergartens will ein Junge im Spiel süße Sachen erwerben. Das Mädchen auf der anderen Seite des Tisches tippt lautmalerisch in eine imaginäre Kasse ein: "Eine Nutella - Biep - eine Landliebe Schokomilch - Biep - und eine Kinderschokolade - Biep" - und verlangt am Ende frech aufgerundete 10 Euro für das Ganze. Skandal, Skandal im Kinderhort! Es kommt zum Streit und natürlich zu keinem Kauf, weil die Verkäuferin bei der großzügig addierten Kaufsumme bleibt. Der europäische Discounter, der sich den Spot hatte etwas kosten lassen, konnte sich in dieser strittig gewordenen Sache geschickt als preisgünstiger Anbieter ins Spiel bringen, an dessen Kassen das Feilschen allein schon wegen niedriger Preise keinen Sinn mache.

Würde Max Weber heute über den Wochenmarkt auf dem Berliner Kollwitzplatz laufen, würde er sehen: Hier fällt feilschen vollständig fort. An Sonnabenden sowie donnerstags vollzieht sich der ruhige Markt an dieser Stelle. Man geht durchs verhaltene Treiben und Geschiebe, ohne von Verkäufern angerufen zu werden. Somit unterscheidet er sich wesentlich vom 70 Kilometer entfernten bekannten "Berliner Polenmarkt" in Osinów Dolny bei Hohenwutzen. Dort wird man im Moment des Vorbeigehens mit Aufmerksamkeit heischenden Kaufapellen umworben: "Prosz? bardzo - bitte schön! Scheenes Hemd" oder "Hier Frauu, frischer Käyse haben billig!"

"Der Straßenfeger" verkauft sich nicht

Benannt ist der berühmteste Markt des Prenzlauer Berges nach "der größten und warmherzigsten Frau, die jemals in der Welt den Zeichenstift führte" (Carl von Ossietzky) und die "das Erdenleid" (Kurt Tucholsky) ergreifend schilderte - nach Käthe Kollwitz (1867-1945). Er ist ein kultig gewordenes Ereignis; mehrheitlich jedoch, heißt es, für "Besserverdienende". Umso mehr fällt an einem der Markttage der Hartz-IV-Empfänger Ewald S. auf, der mit der 14-tägig erscheinenden Zeitung "Der Straßenfeger" (Auflage 15000 Exemplare) dort etwas verdienen will, weil er glaubt, die Marktbesucher seien gerade eine Gewinn versprechende Zielgruppe. In der linken Hand hält er ein paar Exemplare dieser Berliner Straßenzeitung, in der rechten ein Schild aus dicker Pappe, auf dem zu lesen ist, dass es sich beim "Straßenfeger" um eine Zeitung kulturellen Anspruchs handelt. Gar nicht aus der Luft gegriffen. Wer wissen möchte, wie es sich "ganz unten" lebt - der sollte einmal zu diesem unerwartet professionell gemachten Periodikum zum Preis von einem Euro greifen. Der Mann verspricht sich hier auf dem Platz mehr Einnahmen als sonst auf der Straße. Er wird enttäuscht. Das Interesse an Nachrichten von der Basis der Gesellschaft hält sich in Grenzen. Ewald K. kennt Standorte mit unterschiedlichen Einnahmemöglichkeiten - solche, wo er auf großes Desinteresse trifft und solche, wo es bei eher geringer Ignoranz kleine Verkaufserfolge gibt. Steht er etwa abends am Eingang des Deutschen Theaters (DT) in der Schumannstraße oder an der Tür des Berliner Ensembles (BE) am Bertolt-Brecht-Platz, komme, sagt er, mehr Geld zusammen als auf dem Markt. Aber auch die inszenierten Klassiker scheinen ungleiche Geschäftsergebnisse zu generieren. Wenn sie im DT Lessings "Nathan der Weise" spielen, sind seine Einnahmen geringer als der Verkaufserlös, den er vor der Tür zum BE erzielt, vor allem wenn die "Dreigroschenoper" auf dem Spielplan steht. Von der sozialen Empathie, die Brechts Oper freisetzen kann, scheint Ewald S. zu Vorstellungsbeginn oder in der Pause sein Gutes zu haben. Er setzt nicht auf Mitleid. Sieht er doch auch in seiner abgewetzten Jacke dennoch nicht aus wie einer der bejammernswerten Gestalten aus dem Kader des Bettlerkönigs Jonathan Jeremiah Peachum. Auf dem Kollwitzplatz nun steht er beeindruckend verlassen da, obwohl in seiner Nähe ein menschliche Solidarität anmahnendes Denkmal steht: die in sich ruhende Darstellung der Käthe Kollwitz als Mutter und gütige Frau, geschaffen vom Bildhauer Gustav Seitz (1906-1958). Die Kollwitz ist auf dem Sockel plaziert wie Oskarchens Großmutter Anna Bronski aus der "Blechtrommel" von Günter Grass (1927-2015). Diese sitzt in ähnlicher Haltung am Rand eines Feldes im Kartoffelkraut, wo sie den flüchtigen Brandstifter Joseph Koljaiczek vor den Feldgendarmen unter dem weiten Rock versteckt - was ihr bekanntlich eine Schwangerschaft einbringt.

Neben Ewald S. Standort, an dem die Wörther-Straße auf die Kollwitz-Straße trifft, bauten sich im Spätsommer (2016) drei polnische Musikanten auf; eine Geigerin, ein Mann am Violoncello, ein dritter spielt gedankeninnig ein Akkordeon. Nicht wenige der hastigen Käufer bleiben stehen, lassen sich von der Musik beeindrucken und werfen Geld in den offenen Geigenkoffer vor dem Trio. Sie hörten an diesem Tag das Es-Dur-Largo aus dem Winter der Vier Jahreszeiten (opus 8) von Antonio Vivaldi (1678-1741). Später intonieren die Drei die wirblige, von heftigen Staccato-Bewegungen erfüllte Bildbeschreibung "Der Marktplatz von Limoges" in Modest Mussorgskis (1839-1881) "Bilder einer Ausstellung". Der hiesige Markt ist das genaue Gegenbild zum damaligen von Limoges.

Nach kurzem Aufenthalt verlassen die Hörer das Trio und besorgen an den Ständen, was sie fürs Wochenende an Gemüse, Brot, Fleisch und Fisch brauchen. Und sie zahlen, was verlangt wird, lassen erkennen, dass sie das hier geltende andere Preissegment nicht sonderlich stört. Die Händler aus der Brandenburger Umgebung begründen die höheren Preise mit der Versicherung, dass alles Gewachsene erst Stunden zuvor geerntet wurde.

Viel gekauft: schwäbische Herrgottsbescheißerle

Aber gerade wegen ihrer Inkaufnahme der etwas höheren Preise kamen Käufer, die hier auch Anwohner des Platzes wurden, ungerechtfertigt in Verruf. Nachdem die Verwaltung des Stadtbezirks in den vergangenen Jahren tatenlos zusah, wie nach den Rekonstruktionen der Häuser am Kollwitzplatz alteingesessene Mieter angesichts exorbitanter Mieterhöhung verdrängt wurden, zogen in die Wohnungen zahlungskräftige Mieter ein, darunter junge Familien aus Schwaben. Sie müssen sich deshalb des Vorwurfs erwehren, Berlinern die Wohnungen abspenstig gemacht zu haben. Es ist anzunehmen, dass einige von ihnen regelmäßig auch den Markt bevölkern. Vermutlich sind sie oft am Verkaufswagen der Firma "Nudel & Co." anzutreffen, an dem neben Spätzle jene Spezialität der süddeutschen Küche angeboten wird, mit der die Schwaben einst den lieben Gott übers Ohr zu hauen suchten. Im zisterziensischen Kloster Maulbronn sollen Mönche in der fleischlosen Fastenzeit die Maultaschen statt mit Kräutern und Spinat heimlich mit Fleisch gefüllt haben. In selbstkritischer Offenheit nennt man seitdem das Verlegenheitsprodukt Herrgottsbescheißerle.

Und wenn jemand am Stand seinen Einkauf mit "Und noh no fünf Wegga." abschließt, dann weiß man, dass dieser Kunde ein "hiesiegr Schwob" ist. Als der Dichter Achim von Arnim (1781-1831) in seiner Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" den Einkauf von Wecken beschrieb, ahnte er nicht, wie hochpolitisch ein solch harmloser Vorgang im Bäckerladen sein kann. Sagt er doch freundlich der Frau des Hauses:

"Zum Bäcker lauf
ein Wecklein kauf
die Glock schlägt sieb´n
die Milch tu an das Feuer schieb´n.
Tu Butter ´nein
und Zucker fein
die Glock schlägt acht
geschwind dem Kind die Milch gebracht ..."


Warum hochpolitisch? Man sieht auf dem Platz gelegentlich den bei Schwaben wegen seiner versuchten Ächtung der Wecke nicht sehr geliebten SPD-Mann Wolfgang Thierse (geb. 1943). Bei den Berliner Schwaben gilt er als der "bensionierde Bräsidend vo däm Brlinr Bundeschdag, der wo unsere schwäbische Wecke ned will". (Siehe auch den Beitrag "Schwabens Bäcker in Berlin - Ein Epilog zum Weck-Streit im Prenzlauer Berg") Auf dem Kollwitzmarkt gehört der Anwohner Wolfgang Thierse schon zum Inventar. Er geht aber herum wie der Ewige Jude Ahasver, der nach seiner Verspottung Jesu auf dessen Weg nach Golgatha seitdem ruhelos durch die Welt ziehen muss. Man sieht den Wecke-Verächter auf dem Markt wie er mit einem strengen Platzwartblick die Menschen beäugt. Man könnte sogar meinen, er taxiert die Käufer und Ausbieter in den Ständen, um festzustellen, wer hier Schwabe ist und wer nicht. Fragt dann auch noch zufällig ein Ortsfremder: "Isch des der Brliner Wochenmargd, er wo no dene Käte Kollwidz heischt?" - erhält man einen Eindruck vom schwäbischen Interesse am Prenzlauer Berg.

"Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt"

Kurz vor Marktschluss ist an der Ecke Knaackstraße nochmals Gelegenheit zum Kontakt mit der Muse. Diesmal kommen die mitgeführten Kinder auf ihre Kosten. Ein junger Mann mit einer Drehleier auf den Knien singt das traurige Eichendorff-Lied von der in einem kühlen Grunde schicksalhaft gescheiterten Liebe. Dass der Sänger das Liebchen klagend als verschwunden meldet und einen Ring als zerbrochen anzeigen muss, mag die Kleinen im Halbkreis vor ihm wenig interessieren. Umso mehr die wundersame Kiste, aus der die eine Kinderseele ansprechenden tonalen Folgen tönen. Und die Piepse können sogar zum Sänger hingehen. Das mögen die beistehenden Eltern sehr; Kontakt mit der Kunst kann nicht früh genug beginnen. (Manches Kleinkind muss heutzutage in der Philharmonie schon eine vergeistigte Bruckner-Sinfonie durchstehen; und nicht etwa zumindest Beethovens Sechste, in der man Nachtigall, Wachtel und Kuckuck, murmelndes Wasser, Gewitter und Sturm hören kann.) Und schon läuft so ein kleiner kecker Ich-kann-das-schon-alleine-Typ aus dem alternativen Anti-Pink-Resort des Prenzlauer Berges zum singenden Barden und wirft ihm - natürlich in elterlichem Auftrag - ein paar Münzen in den Hut. Nun wartet das Kind darauf, dass die Gabe etwas auslöst. Tut es aber nicht. Doch der Sänger wirft einen kumpelhaften Blick auf den Spender - so als wolle er ihm sagen: Mein Lieber, ich sage dir: halte dich später besser von Mühlen fern. Bringt nichts.

Gegen vier Uhr nachmittags ist der Markt zu Ende. Die Händler packen Unverkauftes ein. In diesem Aufbruch waren und sind sich alle Märkte gleich. Bereits vor über 200 Jahren beschrieb der in Schwaben geborene Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) das Finale eines solchen Ereignisses. Im Fragment "Die Nacht" schreibt er:

"Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse,
Und, mit Fackeln geschmückt, rauschen die Wagen hinweg.
Satt gehen heim, von Freuden des Tags zu ruhen, die Menschen,
Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt
Wohl zufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,
Und von Werken der Hand ruht der geschäfftige Markt."


So ähnlich ist es auch am Kollwitz-Platz in Berlin Prenzlauer Berg, wenn dort die Buden schließen.
Text: -wn- / Stand: 09.06.2017

Öffnungszeiten vom Kollwitzmarkt

Ökomarkt am Kollwitzplatz
Donnerstags 12:00 Uhr - 19:00 Uhr
(Januar - März bis 18:00 Uhr)

Wochenmarkt am Kollwitzplatz
Samstags 10:30 Uhr - 16:30 Uhr

Verkehrsinformation:

Den Kollwitzplatz erreicht man mit der U-Bahn U2. Vom Bahnhof Eberswalder Straße beträgt der Fußweg über die Danziger und Knaackstraße etwa 600 Meter.

Einkaufen in Berlin:

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