Die Tuschkastensiedlung in Altglienicke: Rigoros freundlich Das Monstrum aus 32 Schriftzeichen hat alles, was man heute braucht,
Bild von der Tuschkastensiedlung in Berlin Altglienicke
Tuschkastensiedlung in Altglienicke
Foto © -wn-
um als Unwort des Jahres ausgerufen zu werden. Dabei zählt sein Urheber zu den angesehenen deutschen Geistern und ist infolgedessen unverdächtig, mit einem Begriff unbedacht umgegangen zu sein. Im Klassiker "Die Frau und der Sozialismus" aus dem Jahre 1883 prognostiziert August Bebel (1840-1913), der ehemalige Führer der deutschen Sozialdemokratie, heftigsten Fortschritt im häuslichen Bereich: Zentralheizung, Warmwasser, Bad. Dann die Horrorvision: Als Alternative zur arbeitsintensiven Küchenarbeit sieht er am Horizont der Geschichte eine "Zentralnahrungsbereitungsanstalt" Kontur annehmen. Während sich solche "Anstalten" in den israelischen Kibbuzim bewähren, dürfen wir uns glücklich schätzen, dass sich Bebels Schimäre in unseren Breiten keine Geltung verschaffen konnte. Den Anti-Mietskasernen-Trend allerdings hatte er richtig erkannt, wenn auch nicht jeder gleichermaßen Nutznießer dieser Entwicklung wurde.

Die Bestrebungen, das Wohnen zu modernisieren, vor allem menschenfreundlicher
zu machen, waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts unübersehbar. Im Prenzlauer Berg errichtete der Architekt Alfred Messel (1853-1909) eine neuartige, heute noch gern bewohnte Anlage, der erstmals ein Gemeinschaftssaal mit Bibliothek, eine Genossenschaftsgaststätte, ein Kindergarten und ein großzügig angelegter Hof zugeordnet waren. Bald entstand der Begriff des "Neuen Bauens", eine deutsche avantgardistische Architekturströmung, die auf industriell gefertigte Baustoffe zurückgriff, weißen Verputz bevorzugte und auf Funktionalität und Sachlichkeit aus war. Die angestrebte Lichtfülle wurde - wo möglich - durch das Bauen in der Nord-Süd-Achse erreicht.

Der Baustil nahm schließlich die aus England stammende Idee der Gartenstadt auf, die städtisches und ländliches Wohnen miteinander verband. Der geglückte Versuch brachte Berlin im Juli 2008 mehrere Einträge in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes ein. Zu Buche schlugen sechs Zeugnisse dieses reformorientierten Wohnungsbaus, auch "Siedlungen der Berliner Moderne" genannt. Die älteste von ihnen ist die zwischen 1913 und 1916 erbaute Gartenstadt Falkenberg im Ortsteil Altglienicke des Stadtbezirkes Treptow-Köpenick - bald mit dem Namen Tuschkastensiedlung versehen, weil Fassaden, Fenster und Läden, Gesimse, Brüstungen und Veranden in kräftigen Farben leuchten. Um den ländlich entrückt wirkenden,
jedoch S-Bahn nahen Akazienhof ist eine unprätentiöse Häusergruppe platziert, während die übrigen Haustypen ungleich proportioniert und in versetzen Gruppen angeordnet sind.

Einer der Männer, denen diese architektonische Eigentümlichkeit zu verdanken ist, heißt Bruno Taut (1880-1938), ein Architekt von hohen Graden. Seine geglückten Versuche, aus Wohnungsnot einerseits und pompösem Wohnen andererseits eine alternative architektonische Tugend zu machen, führten zu einer zwar kargen, dennoch anerkannt schönen neuen Formensprache. Mutig lehnte sie Dekoration und Ornament ab und führte zu interessanten tragenden Konstruktionen, die - statt auf ganzen Wänden - nur auf Punkten ruhten. So ließen sich mit weniger konstruktivem Aufwand in den Häusern freiere, lebensgerechtere Formen finden. Ein Rigorismus von überraschender Menschenfreundlichkeit trat zu Tage.

Die lebhaften Fassaden wirkten im Vergleich zum distinguierten Grauton der Häuser des Berliner Bürgertums derart aufreizend, dass das Bauvorhaben Gefahr lief, von den Unterlassungsgeboten des "Preußischen Verunstaltungsgesetzes" gestoppt zu werden. "Verunzierung der Landschaft" und "Verbrecher an der Seele des Volkes" sind nur einige Missbilligungen, die sich Bruno Taut gefallen lassen musste. Doch der damalige Berliner Oberbürgermeister Dr. Gustav Böß (1873-1946) hatte Tauts
Begabung erkannt und versuchte das Verunstaltungsgesetz durch eine Verfügung an die Baupolizeistellen zu mildern. Er untersagte "eine Bevormundung anerkannter Architekten".

Die 128 gut erhaltenen Einfamilien-, Reihen- und Doppelhäuser sowie die 48 Etagenwohnungen der Siedlung sind Eigentum der mitgliederstarken Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG. Zur Tradition dieser Körperschaft gehört bis heute eine breit gefächerte Mitgliederbeteiligung in Form von Beiräten und Siedlungsausschüssen. Auf einem der schon damals geselligen Siedlungsfeste trug der Arbeiterdichter Erich Weinert (1890-1953) im Jahre 1925 sein bekanntes Revue-Gedicht ,,Der rote Feuerwehrmann" vor, in dem es allerdings nicht nur ums Löschen geht. Es heißt nämlich: "Wer unsre Fahne in Brand gesteckt, / Dem schlagen wir die Fassade ein! / Wir sind Soldaten ohne Respekt / Und wollen es sein!" Dem Vernehmen nach unterblieben fernere Einladungen an den Dichter.

Wie man zur Tuschkastensiedlung in Berlin Altglienicke kommt:
Zwischen dem S-Bahnhof Berlin-Grünau (S8) und der Siedlung liegen etwa 600 Meter Fußweg.
Die übrigen "Siedlungen der Berliner Moderne" sind: die Siedlung Schillerpark im Wedding, die Hufeisensiedlung in Neukölln, die Carl Legien Wohnstadt in Prenzlauer Berg, die Weiße Stadt in Reineckendorf und die Großsiedlung Siemensstadt in Charlottenburg.
Text: -wn-

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