Das Filmmuseum Potsdam: Pfeiffer faselt, Olsen plant, Zucker patzt

Spielfilme, Szenen, Dialoge, selbst einzelne Sätze können lebenslang, meistenteils angenehme Erinnerungen bewirken. Aussprüche wie "Schau mir in die Augen, Kleines" aus der frühen Casablanca-Synchronfassung oder die eine immer neue Handlung auslösende Bekanntgabe
Das Filmmuseum in Potsdam
Foto © -wn-
"Ich habe einen Plan" aus dem Mund des narzisstischen Kleingauners Egon Olsen wurden geflügelte Worte - fast auch Erich Pontos "Pfeiffer, Sie faseln" im absichtsvoll heiter inszenierten Film "Die Feuerzangenbowle" aus dem Krieg- und Rückzugs-Jahr 1944. Wer seine Leinwand-Erinnerungen schärfen will, muss seinen Fuß ins Potsdamer Filmmuseum setzen (Foto), in dieses über 300 Jahre alte barocke Haus, das älteste Gebäude der Stadt, das anfangs Orangerie war und das Preußenkönig Friedrich I. später zum Pferdestall umwidmete. Der im letzten Krieg nicht völlig zerstörte Bau bietet dem Besucher heute eine Sammlung von und zu UFA- und DEFA-Filmen und später produzierten Streifen aus dem Studio Babelsberg. Russische Klassiker sind museal ebenso einbezogen wie die übrige Welt des Kinofilmes. Gesammelt werden alle Materialien, die mit Filmen, ihren Schöpfern und der Kinoauswertung zu tun haben.

Ausstellung im Filmmuseum Potsdam


Man findet nicht nur eine der originalen Schulbänke aus der "Feuerzangenbowle", von denen aus Pfeiffer alias Heinz Rühmann die Chaos bewirkende Parole "Baldrian" ausrief. Ausgestellt ist das Exposé des ersten deutschen Nachkriegs-Spielfilmes "Die Mörder sind unter uns" von 1946, die Indianer-Perücke Gojko Mitics,
die dieser im Film "Spur des Falken" (1968) trug, oder der Silberne Berlinale-Bär, den Regisseur Andreas Dresen für seine tragikomische Nachwende-Reflexion "Halbe Treppe" (2003) erhielt. Man passiert die Totenmaske des populär gewesenen Schauspielers Günter Simon (1925-1972), der das Glück oder Pech hatte, dem kommunistischen Politiker Ernst Thälmann zu ähneln. Simon spielte die Hauptrolle in zwei Thälmann-Filmen der DEFA, von denen sich Regisseur Kurt Maetzig später unter sichtbarem Schmerz distanzierte. Die aufwändig hergestellten Filme fälschen dreist die Rolle der KPD-Führung im antifaschistischen Kampf und verschweigen geschichtsvergessen die verantwortungslose KPD-Parole, nach der die deutsche Sozialdemokratie der "linke Flügel des Faschismus" gewesen sei.

Aufführungen, Ausstellungen und Foren stellen bewegende Kinofilme zu erneuter Diskussion. Konrad Wolfs autobiografisch intendierter Streifen "Ich war neunzehn" etwa - die Geschichte eines jungen Deutschen, der mit der Roten Armee nach Deutschland kommt. Wolf vermeidet Klischees und hohles Pathos, unterschlägt auch das Thema Vergewaltigung nicht: Ein verängstigtes deutsches Mädchen will auf der Kommandantur übernachten, weil es "lieber mit einem als mit jedem" zu schlafen bereit ist. Im Gespräch war Dani Levys Filmkomödie "Alles auf Zucker" von 2004 mit deutsch-deutschen Einblicken in modernes jüdisches Leben. Dem in Berlin lebenden Regisseur gelingt neben der Inszenierung eines witzig-turbulenten Filmes Außergewöhnliches: Man hält es zunächst für unmöglich, dass der Holocaust zumindest am Rande einer Komödie eine Rolle spielen kann - auch eine von jüdischem Witz und Ernst gespeiste Form, diesem Verbrechen den Status des auf immer Unvergessenen zu sichern. Der Vorgang: Der klamme Billard-Zocker Jaeckie Zucker kämpft nach überschrittener Meldefrist um seine Tournier-Teilnahme und macht mit theatralischer Geste den Verlust seiner Familie im Holocaust geltend; vergeblich, Zucker patzt. Ein Besuch im Filmmuseum verspricht ferner Begegnungen mit anderen erinnerlichen Filmgestalten: mit Oskarchen aus der "Blechtrommel", das über die erlebte Welt der Erwachsenen kritisch nachdenkt und beschließt, keinen Fingerbreit mehr zu wachsen, mit dem Dieb Jegor Prokudin aus Wassili Schukschins Film "Kalina Krassnaja", einen durch "Umerziehung" weiter demoralisierten Ex-Sträfling, dem es nicht gelingt, ins normale Leben zurückzukehren, und mit dem jungen Schamanen Shakuni in Volker Schlöndorfs Film "Ulzhan - Das vergessene Licht", der sein Überleben damit sichert, seltene Worte gegen Kamelmilch und Fleisch einzutauschen.

Man trifft - neben anderen - auf die Bilder zweier herausragender deutscher Schauspieler: Werner Peters (1918-1971) und Erwin Geschonneck (1906-2008). Der eine ging als Hauptperson einer Satire in die Filmgeschichte ein: als Dietrich Hessling in Wolfgang Staudtes "Untertan"-Verfilmung. Beginn der Hochzeitnacht: Während Guste Daimchen, die frisch Angetraute, bereits in leichter Wallung in den Kissen liegt, erklärt Hessling andersartig erregt: "Liebe Guste, bevor wir nun zur Sache selbst kommen, gedenken wir Seiner Majestät, unseres allergnädigsten Kaisers!" Geschonneck, von Bertolt Brecht - wie auch andere Männer mit proletarisch-kantigen Gesichtern - 1949 an das Berliner Ensemble geholt, machte bereits mit seiner frühen Rolle als Holländer-Michel in "Das kalte Herz" von sich Reden. Obwohl er bis zum Lebensende bekennender Kommunist war und der KPD sowie ihren Nachfolgern fast 80 Jahre die Treue hielt, fiel er in seinen Rollen keineswegs durch flammende Blicke, sonstiges klassenkämpferisches Gehabe und Politschwulst auf. Im Gegenteil: Treffend schrieb die Berliner Publizistin Kerstin Decker: "Selten wirkt ein grundsätzlicher Mensch so ungrundsätzlich wie Geschonneck ... Das Ungrundsätzliche ist die Ausstrahlung des Menschlichen, es ist das Wissen um die Relativität der Dinge." Zu klären wäre noch: Von welcher Kraft getrieben konnten sich aus dem Meer des DDR-Mittelmaßes und Kleingeistes solche brandungssicheren Inseln erheben wie Solo Sunny, Der Bettelstudent, Ich war neunzehn, Die Geschichte vom kleinen Muck, Die Mörder sind unter uns, Die Legende von Paul und Paula, Lotte in Weimar, Das singende, klingende Bäumchen, Spur der Steine, Unterm Birnbaum, Karbid und Sauerampfer, Die Söhne der Großen Bärin oder Jakob der Lügner? Die Antwort muss tiefer liegen als das, worauf die nostalgische Floskel zielt: "Es war doch nicht alles schlecht in der DDR." Das Museum hilft suchen.


Anfahrt - Wie kommt man zum Filmmuseum:


Das Filmmuseum Potsdam - Marstall am Lustgarten - befindet sich in der Breiten Straße 1 A in Potsdams historischer Mitte neben dem entstehenden Neubau des Stadtschlosses.
Anfahrt mit PKW: A 115, Abfahrt Potsdam-Zentrum, Vom nahen Hauptbahnhof fährt man mit der Tram bis zur Station Alter Markt.

Öffnungszeiten des Filmmuseum Potsdam:


Das Museum ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Bitte beachten Sie, dass drzeit die Brandschutzanlagen erneuert werden und das Museum bis Herbst 2014 geschlossen ist!
Text: wn / Stand 27.02.2014

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