Das Haus am Werderschen Markt: Bank, Komitee, Amt

„Und nur im Kreml drüben ist noch Licht.“ Mit dieser gleisnerischen Plattitüde erhob der Dichter Erich Weinert (1890-1953)
Das Auswärtige Amt in Berlin
Das Auswärtige Amt am Werderschen Markt
Foto © wn
die Einschlafprobleme des Jossif Stalin in den Rang landesväterlicher Fürsorge. Da buk man in Ostberlin immer schon kleinere Brötchen. Hinter den mittleren Fenstern im zweiten Stock des SED-Zentralkomitees im Haus am Werderschen Markt, durch die Erich Honecker bei der Arbeit in Richtung Schinkels Schlossbrücke blicken konnte, regte sich abends beizeiten nichts mehr, geschweige dass spät noch Licht auf den Vorplatz hinaus gefallen wäre. Spätestens um 19 Uhr war Feierabend. Entweder rief eine Skatrunde oder ein paar zusammengetriebene Trophäenträger warteten an einer Futterstelle in der Schorfheide auf die finalen Schüsse; es konnte aber auch ein Kassler-Braten gewesen sein, auf den sich der führende Genosse im abgeschirmten Wandlitzer Innenring-Haus 11, heute Habichtweg 5, freute.

Auswärtige Amt in Berlin


Nach Honeckers Dienstschluss ging in dem 1940 fertig gestellten riesigen
Erweiterungsbau der Deutschen Reichsbank, in den 1959 das Zentralkomitee eingezogen war, alles seinen verhalten sozialistischen Gang. Unbestreitbar ist auch der Befund des Schriftstellers Heiner Müller (1929-1995), das Gebäude mit dem riesigen Parteiabzeichen an der Vorderfront sei dreißig Jahre lang ein „Hochsicherheitstrakt der Macht“ gewesen. Im Zitat klingt Professionalität an. Indessen lässt sich nicht bestätigen, der aufgeblähte Parteiapparat sei effektiv gewesen und habe die gesellschaftlichen Kräfte zu hohen Leistungen animiert. Auch die 200 gewählten (in Wirklichkeit ernannten) Mitglieder dieses Gremiums nickten als Klone des Supermonarchisten Diederich Heßling aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ den voluntaristischen Kurs des Politbüros anstandslos ab. Obwohl sie nach dem Statut Kontrolleure der Macht hätten sein müssen, übten sie untertänig „Parteidisziplin“. 1986 trieb der Potsdamer Funktionär Günter Jahn die Katzbuckelei auf einen parteigeschichtlichen Höhepunkt, als er sich bei Honecker für das in die „Gewählten“ gesetzte Vertrauen bedankte.

Die jeder Kontrolle enthobene Parteispitze unterhielt am Werderschen Markt einen monströsen Bereich für Agitation und Propaganda. Dessen Intention kam dem
Auswärtiges Amt Berlin
Der Schriftzug des Auswärtigen Amtes
Foto © Tom-Hanisch
Trachten des Ministeriums für Wahrheit in Orwells Roman 1984 gleich, dem es um die Schaffung einer „endgültigen Neusprache“ zu tun war. Auch die Mitarbeiter des ZK-Bereichs waren Wachhabende für das gedruckte, gesprochene, gesungene und gedachte Wort. Angesichts der wirtschaftlichen Stagnation im Land galt es an erster Stelle, das Ausbleiben der besseren Zukunft in den Kundmachungen sprachlich zu bemänteln. Zu nichts verpflichtende Formulierungen wie die Lebenslage würde „zunehmend besser“ oder „schrittweise vervollkommnet“ verfehlten aber letztlich ihre Wirkung.

In ihrer Annahme, man könne mit Sprache Einsicht erzwingen und unerwünschte Wirkungen verhindern, wurden Texte, ja einzelne Worte aus dem Verkehr gezogen. Eines möglichen gesamtdeutschen Eindrucks wegen verschwanden aus den Liederbüchern unauffällig „De Schwäbische Eisebahne“, Heines „Loreley“ oder „Bald gras ich am Neckar, bald gras ich am Rhein“. Selbst die „Braunschweiger“ genannte feine Schmierwurst hieß plötzlich Teewurst. In den 80er Jahren musste ein Minister einen harmlosen Feldhasen aus dem Redemanuskript streichen. Sagen wollte er, der neue Wohnblock stünde im Grünen, „wo sich früher Fuchs und Hase gute Nacht sagten“. Doch Feldhasen waren weitestgehend abgeschossen geworden. Es griff die Orwellsche Formel: Für Verschwundenes braucht man kein Wort. Sonst löst es nur lästige Fragen aus. Der Redner korrigierte folglich: „wo sich die Füchse gute Nacht sagten“.

Vier erwähnenswerte Dienstherren saßen seit Kriegsende in der Chefetage des Hauses mit dem nunmehr doppelten Anbau: ein ausgelernter Tischler und
Einfriedungsspezialist als Erster Sekretär, der erwähnte schießfreudige Dachdecker mit abgebrochener Lehre als Generalsekretär und – nach dem Umzug der Bundesregierung 1999 von Bonn nach Berlin - ein selbstverliebter Photograph als Außenminister, der in jungen Jahren ebenfalls einer beruflichen Abschlussprüfung ausgewichen war und sich stattdessen in diversen Kampf- und Wurfsportarten qualifiziert hatte. Nun hat zum Glück ein Jurist mit Abschluss das Sagen.

Wer abends am heutigen Auswärtigen Amt zufällig gedämpft erleuchtete Fenster sieht, sollte dahinter keinen einsam arbeitenden Staatsdiener vermuten. Das Licht könnte einfach durch die unverschlossenen stahlbewehrten Tresorgardinen aus der Reichsbankzeit seinen Weg nach draußen gefunden haben. Die Fensterpanzer sichern heute den Raum mit den neun Uhren: den mitunter ganztätig arbeitenden Krisenstab des Amtes.
Text: -wn-

Wo ist das Auswärtige Amt in Berlin?
U-Bahn: U2 bis Station Hausvogteiplatz, U6 bis Französische Straße
Bus: 147 bis Haltestelle Werderscher Markt , 148 bis Spittelmarkt


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