Wannsee-Villa Max Liebermanns: Der das Schöne im "Hässlichen" fand

"Verherrlicher des Hässlichen", "Beelzebub im Elysium der deutschen Kunst" - solche boshaften Epitheta musste der deutsche Maler und Grafiker Max Liebermann (1847-1935)
Liebermann-Villa in Berlin
Die Liebermann-Villa am Wannsee von der vorderen Seite
Foto © -wn-
in den Blättern der Kunstscharfrichter über sich ergehen lassen - besonders in der Wilhelmischen Hochzeit etwa zwischen 1890 und 1918. Die konservativen Monarcho-Ästheten vermissten in seinen bis dahin gemalten Bildern das gängige pompöse Ambiente und den gewichtigen Gestus in Szene gesetzter Upperclass-Leute. Seine Selbstbildnisse hingegen sowie etwa die Porträts des preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun, des Chemikers und Industriellen Carl Duisberg oder des belgischen Bildhauers und Malers Constantin Meunier zeigen Menschen, die in ihrer reglosen Ruhe dennoch bewegende Geschichten vom Bild herunter erzählen.
Das völlig unpathetische Porträt des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg lässt überdies erkennen, dass der aus einer begüterten jüdischen Berliner Unternehmerfamilie stammende Max Liebermann patriotische Gefühle entwickelte. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges glaubte er - gleich anderen Intelektuellen wie Thomas Mann, Gottfried Benn oder Ernst Jünger -, der nationalen Sache mit aufbrüchlerischem Pathos dienen zu müssen. Seine erste Zeichnung im Rahmen seiner künstlerischen Kriegspropaganda galt deshalb der von ihm als zunächst begeisternd empfundenen Schlossbalkon-Rede des Kaisers Wilhelm II. (1859-1941) vom 1. August 1914. Der Monarch rief damals der im Lustgarten versammelten Menge die (drei Tage später im Reichstag wiederholte) vereinnahmende Burgfriedenslosung zu:
"Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Auch die deutschen Juden sollten den Krieg als Chance begreifen; er betitelte sie mit "Meine lieben Juden". Das kam erst mal nicht schlecht an. So wie es Liebermann nicht an Parteinahme fürs Vaterland fehlen ließ, war er andererseits in künstlerischen Fragen für deutsche Verhältnisse neuartig und nachgerade aufreizend. 1916 schreckte er die Kunstpäpste in seinem Buch "Die Phantasie in der Malerei" allein schon mit der Aufzählung von Geschöpfen und Objekten, die er für leinwandwürdig hielt: "Ein Bund Spargel, ein Rosenbukett genügt für ein Meisterwerk, ein hässliches oder ein hübsches Mädchen, ein Apoll oder ein missgestalteter Zwerg: aus allem lässt sich ein Meisterwerk machen, allerdings mit dem nötigen Quantum Phantasie; sie allein macht aus dem Handwerk ein Kunstwerk." Zum "eisernen Bestand der Modernen Ästhetik" zählte er den Satz, "dass die gutgemalte Rübe besser (ist) als die schlechtgemalte Madonna".
Ein ätzendes Credo in manchen Ohren. Seinen Bildbestand, der heute auf über 140 Diaspora-Orte verteilt ist, werden in einer weiteren Schaffensphase impressionistisch aufgefasste Landschaften und Gärten bereichern. Zum Zeitpunkt der Buchedition hatte er bereits sechs Sommer in seiner mit einem Atelier ausgestatteten und von ihm sein "Schloss am See" genannten Villa an der sich hier zum Großen Wannsee dehnenden Havel verbracht. Er begann, den Garten aus allerlei Perspektiven zu malen. Man darf die beiden Areale vor der Villa mit einem Nutz- und Blumengarten und hinter ihr mit großen den See erlebbar machenden Rasenflächen eine in der Kunstgeschichte ungewöhnlich oft auf die Leinwand gebrachte Grünanlage nennen. Das schmale, über 7200 Quadratmeter große Wassergrundstück gehörte zur "Colonie Alsen", die der Bankier Wilhelm Conrad 1863 auf einer in den See hineinragenden gerundeten Halbinsel gründete - die spätere Gemeinde Wannsee. Das Grundstück hatte für den Maler eine eminente Erholungsfunktion - sein von den Eltern geerbtes Stadthaus lag direkt am verkehrsreichen Pariser Platz. Das Sommerhaus in der Colomierstraße ist heute ein Museum, das die Sammlung der Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin beherbergt.

Die Liebermann-Villa


Im Anschluss an eine Ausbildungszeit in Weimar und Pariser sowie holländischen Arbeitsaufenthalten hatte der Maler seine - im Wilhelminischen Deutschland besonders angefeindeten - naturalistischen Bilder mit sozialer Thematik geschaffen. Seine soziale Sensibilität geht vermutlich auch auf die Erziehung im jüdischen Elternhaus zurück, in dem die orthodoxe Denkweise und Religionsausübung der Großeltern in eine praktische Sozialethik hingeführt wurde. Die Familie besuchte in Berlin die jüdische Reformgemeinde, in der eine gekürzte Liturgie und Deutsch als Gebetssprache üblich geworden waren. "Die Gänserupferinnen" (1872) ist Liebermanns erstes großes Ölgemälde; es hängt in der Berliner Alten Nationalgalerie.
Wie in einem Lichtschein sitzen im Vordergrund zwei Frauen, mit auf dem Rücken gehaltenen Gänsen auf den Schößen;
Liebermann-Familiengrab auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin
Das Liebermann-Familiengrab auf dem Jüdischen Friedhof
in der Schönhauser Allee / Foto © -wn-
eine dritte Frau bekommt einen Vogel zum Rupfen hingelangt. Die Griffe, mit denen sie die Gänse fixieren und sich vor Schnabelbissen schützen, verraten Geübtheit. Ernst und Demut sprechen aus den Gesichtern der Rupferinnen. Nach hinten wird es dunkler im Bild, so dass die Hinterbänklerinnen kaum erkennbar sind. In die Reihe dieser Bilder, auf denen gemeinschaftliche Arbeit ein wiederkehrendes Sujet ist, gehören "Die Schusterwerkstatt" von 1881 und die "Kartoffelernte in Barbizon" von 1874, einem Dorf bei Fontainebleau. Diese und andere Gemälde werden dem deutschen Naturalismus zugerechnet. Mehrfach wandte sich Liebermann gegen die abwertende Behauptung der Konservativen, naturalistische Maler bildeten die Wirklichkeit einfach wie Fotos ab. Er hält dagegen: "Was bedeutet die korrekteste Zeichnung, der virtuoseste Vortrag, die blendendste Farbe, wenn all diesen äußerlichen Vorzügen das Innerliche, die Empfindung, fehlt. Das Bild (bliebe) doch - gemalte Leinwand." In der ihm gewidmeten Ausgabe der Reihe "Klassiker der Kunst der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart und Leipzig 1911" wird festgestellt: "Die letzte durchgeistigte Phase dieses Naturalismus haben wir uns gewöhnt, Impressionismus zu nennen. In ihm sehen wir eine neue Zeit heraufziehen, die mit dem letzten Jahrhundertviertel beginnt, die Zeit Liebermanns.
Seine künstlerische Laufbahn fällt genau mit der des Impressionismus in Deutschland zusammen. Er ist sein stärkster, sein reinster und sein intelligentester Vertreter." Mit der "Holländischen Nähschule" von 1876, die heute im Wuppertaler Von der Heydt Museum zu sehen ist, lässt er erstmals impressionistische Elemente zum Tragen kommen. Das Bild zeigt holländische Mädchen in der Tracht eines katholischen Waisenhauses beim Zusammennähen von Ornatsteilen. Der Raum ist in warmen, erdigen Farben gehalten; Mädchen, Möbel und Material, mit dem sie umgehen, wirken - umspielt von wechselndem Licht - eher hingetupft als hingemalt.

Über Max Liebermann


Die Publikumsaufnahme des Bildes "Der zwölfjährige Jesus im Tempel" von 1879 gibt - so erkennen wir das heute - einen Vorschein auf das Schicksal,
das die europäischen Juden ein reichliches Halbjahrhundert ereilte; keinen Kilometer von Liebermanns Sommerhaus entfernt wurde am 20. Januar 1942 der schon beschlossene Holocaust im Detail besprochen: im Haus der berüchtigten Wannsee-Konferenz. Empörung, Protest und leidenschaftliche Ablehnung erhebt sich gegen Liebermanns Jesus-Bild. Der jüdische Maler wird "Herrgottsschänder" genannt, und es wird ihm das Recht abgesprochen, Jesus überhaupt zu malen. Die Jahrhunderte alte und genau so lang unbewiesene Legende von den Juden als Jesus-Mörder flammte auf. Er hatte den Jesusknaben ohne böse Absicht barfuß und mit fleckigem Hemd in die Synagoge kommen lassen.
Liebermann, der auf die gemeinsamen Wurzeln von Juden und Christen hinweisen wollte, muss angesichts der antisemitischen Ausfälle konsterniert gewesen sein. Es traf ihn unerwartet. Denn nur drei Tage nach seiner Geburt, am 23. Juli 1847, hatte der Vereinigte Preußische Landtag ein auf Gleichberechtigung der Juden zielendes "Preußisches Gesetz über die Verhältnisse der Juden" verabschiedet, das dem Maler Zeit seines bisherigen Lebens das Gefühl einer relativen politischen Ebenbürtigkeit gegeben hatte. Die Kalamitäten mit dem Jesus-Bild bremsten seinen beruflichen Aufstieg allerdings nicht. Besonders nach dem Tod des Malers Adolph Menzel (1815-1905) erreichte er den Rang eines der prominentesten Vertreter der Berliner Kunstszene. Als Inhaber eines ansehnlichen Erbes lebte er überdies in gesicherten materiellen Verhältnissen und hatte, wie berichtet wird, dennoch ein bedachtsames Verhältnis zum Geld. Der Zeichner und Fotograph Heinrich Zille (1858-1929) erinnert sich in seinem "Zille-Buch": "Liebermann fragte mich auch mal: ‚Vakoofen Sie? Sie müssen doch mächtig Jeld machen!!' /'Nich wie Sie bei de Reichen', antwortete ich ihm. ‚Ich verkoofe bloß an kleene Leute. Die können nich Dausende zahlen: Denen muss ick die Freude schon billiger machen!' / (Liebermann:) ‚Zille, det is schön von Ihnen!'"

Am 2. Mai 1898 gründete sich die Berliner Secession genannte Künstlergruppe, die sich dem bisherigen akademischen Kunstbetrieb entzog und den Weg in die Klassische Moderne bereiten half.
Herbstwald
Der Herbstwald nahe Chorin hätte Liebermann sicher zu einem
Bild angeregt / Foto © -wn-
Liebermann übernahm das Präsidentenamt. Mit der späteren erfolgreichen Ausübung des Chefpostens in der Berliner Akademie der Künste ab 1920 hatte er den Zenit seines gesellschaftlichen Aufstieges erreicht. 1932 wird er ernstlich krank und gibt das Amt auf. Dann 1933. Am 30. Januar marschierten rund 15000 Mitglieder und Anhänger von NSDAP, SA, SS und "Stahlhelm" an seinem Haus vorbei durchs Brandenburger Tor.
Liebermann formulierte angesichts des sich bietenden Bildes den inzwischen vielzitierten Satz: "Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte." Nun gibt es für ihn vermehrt Gründe, sich am Wannsee aufzuhalten. Bereits am 28. Mai 1932 hatte der Diplomat und Essayist Harry Graf Kessler (1868-1937) in sein Tagebuch geschrieben: "Ich fuhr dann allein weiter nach Wannsee … (dort) machten wir einen Spaziergang, bei dem ich Max Liebermann und Frau traf; ihn, den ich seit mehreren Jahren nicht gesehen hatte, fand ich recht alt und gebrochen. ‚Ich bin fünfundachtzig', sagte er mir. Sie luden mich ein, sie doch einmal … zu besuchen." Am 8. Februar 1935 stirbt er und wird drei Tage später auf dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee begraben. Obwohl berühmt und viel geehrt, erschien niemand aus dem Rathaus der Stadt, deren Ehrenbürger er seit 1927 war. Nur drei "arische" Künstler standen am Grab. 1943 nahm sich seine Frau Martha mit einer Überdosis Veronal das Leben. So kam sie einer Deportation ins KZ Theresienstadt zuvor. Das Grab, in dem sie und Max Liebermann, seine Eltern Louis und Philippine sowie sein Bruder Georg, ein sozialreformerischer Berliner Unternehmer, liegen, gehört zu den am wenigsten einsamen Ruhestätten der Anlage. Die das Grab umstehenden betagten Ahorne, Kastanien und Linden liefern bei sonnigem Wetter jenen Effekt, den Liebermann so liebte und in seinen impressionistischen Bildern gern zum Tragen kommen ließ: die berühmten "Liebermann'schen Sonnenflecken".

Anfahrt zur Liebermann-Villa am Wannsee:
Mit der S-Bahn-Linie S1 oder S7 oder dem Regional-Express bis Bahnhof Wannsee; dann mit dem Bus 114 bis zur Haltestelle "Liebermann-Villa"; von hier sind es noch 100 Meter Fußweg.

Adresse:
Liebermann-Villa
Colomierstr. 3 in 14109 Berlin
Tel: 030 805 85 90 0
Internet: www.Liebermann-Villa.de

Öffnungszeiten der Liebermann-Villa:


Oktober bis März:
Täglich, auch feiertags außer dienstags 11-17 Uhr, am 24. Dezember und 31. Dezember geschlossen
April bis September:
Täglich außer dienstags 10 bis 18 Uhr, donnerstags 10 bis 20 Uhr

Museen in Berlin
  • Alliierten Museum
  • Alte Museum
  • Alte Nationalgalerie
  • Anti-Kriegs-Museum
  • Archäologische Promenade
  • Bauhaus Archiv / Museum für Gestaltung
  • Beate-Uhse Museum
  • Blinden-Museum
  • Bode-Museum
  • Computerspielemuseum
  • DDR-Motorrad-Museum
  • DDR Museum
  • Deutsche Historische Museum
  • Digital Art Museum
  • Domäne Dahlem
  • Ethnologische Museum
  • Fernsehmuseum
  • Friedrichswerdersche Kirche
  • Gaslaternen Museum
  • Gründerzeitmuseum Mahlsdorf
  • Hamburger Bahnhof
  • Historiale Berlin Museum
  • Jüdische Museum
  • Käthe-Kollwitz-Museum
  • Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett
  • Märkisches Museum
  • me Collectors Room
  • medizinhistorische Museum
  • Mitmach Museum
  • Museum Berggruen
  • Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt
  • Museum Europäischer Kulturen
  • Museum für Fotografie
  • Museum für Kommunikation
  • Museumsinsel
  • Naturkundemuseum
  • Neues Museum
  • Pergamonmuseum
  • Mauermuseum am Checkpoint Charlie
  • Puppentheater-Museum
  • Sammlung Hoffmann
  • Schwule Museum
  • Technikmuseum
  • Verborgene Museum
  • Werkbundarchiv - Museum der Dinge
  • Bröhan-Museum
  • Zucker-Museum
  • Lange Nacht der Museen in Berlin

  •  
    Locations in Berlin Restaurants Diskotheken Strandbars Biergärten Grillplätze Kneipen Clubs Einkaufen in Berlin Verkaufsoffene Sonntage Elektronikmärkte Einkaufscenter Möbelhäuser Trödelmärkte Baumärkte Mode Urlaub in Berlin Ferien & Feiertage in Berlin Autovermietungen Hotels Sehenswürdigkeiten Gedenkstätten Museen Plätze Freizeit Veranstaltungen Ausflugstipps Nachtleben Bäder in Berlin Schwimmhallen Freibäder Berliner Bezirke Straßenverzeichnis Ämter & Behörden Berliner Firmenverzeichnis Rechtsanwälte Banken Ärzte Sonstiges Partnerschaft & Kontakte Wellness Wohnen Arbeit Forum Blog Datenschutz & AGB Urlaub in Brandenburg