Kirche in Dannenwalde

Auf dieser Seite finden Sie Informationen über die Rad-Wander-Kirche in Dannenwalde im Landkreis Oberhavel. Wir informieren unter anderem über die Öffnungszeiten und geben Tipps zur Anfahrt:

Dannenwalder Kirche: Als die sanfte Katjuscha zur Furie wird

Kirche am Weg in Dannenwalde
Die Dannenwalder "Kirche am Weg" - auch Rad-Wander-Kirche genannt - direkt an der Bundesstraße B96
Foto: © -wn-
"Wen du nicht verlässest, Genius,
Nicht der Regen, nicht der Sturm
Haucht ihm Schauer übers Herz.
Wen du nicht verlässest, Genius,
Wird dem Regengewölk,
Wird dem Schloßensturm
Entgegensingen,
Wie die Lerche,
... da droben..."


Hochliterarisch und in aparter Wortfolge verfasst der 40-jährige Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) 1789 sein Gedicht "Wandrers Sturmlied". Und er weiß sehr gut, wovon er schreibt. Denn bevor er am 10. Dezember 1777 den Brocken besteigt, gerät er zwischen Weimar und Torfhaus in ein Unwetter mit Gewitter, Sturm und Hagel so wie es auch dem Studenten Martin Luther (1483-1546) am 2. Juli 1505 in Thüringen widerfährt. Luther schreit seinerzeit "aus tiefer Not" zu seinem Gott; der ungläubige Goethe hingegen bleibt mannhaft gelassen und übersteht - wenn auch bis auf die Haut durchnässt - das schlimme Wetter. Erklärtermaßen weiß der damals in Weimar gerade zum Geheimrat Ernannte den Genius (römischer Schutzgeist, siehe oben) an seiner Seite. Was sich, wie man sieht, im Einzelfall bei beherztem menschlichem Einsatz zum guten Ende fügt, sieht im Maßstab des gesellschaftlichen Lebens schon ganz anders aus. Zum Beispiel beim Einbringen der Ernte.


Im August 1977 herrscht in Ostdeutschland grässliches Luther-Goethe-Wetter. Es braut sich eine Wetterlage zusammen mit "Regengewölk" und "Schloßensturm" (Gewitter mit Hagel). Die Meteorologen registrieren in diesem Monat siebzehn Regentage und eine anhaltend hohe Luftfeuchtigkeit. Auf den Quadratmeter fallen 91 Millimeter Niederschlag (ein mm entspricht einem Liter pro Quadratmeter.) Und obwohl die Administration der DDR von Anbeginn weiß, dass sie mit fünf verhassten Feinden zu leben hat - mit dem "Klassengegner" und den vier auf unterschiedliche Weise als tückisch empfundenen Jahreszeiten - haucht der Wettereinbruch selbst den erfahrenen Chefs der Agrarbetriebe erhebliche "Schauer übers Herz". Die Ernte ist in Gefahr. Besonders bedrohlich zeigt sich der Himmel am Wochenende vom 13. zum 14. August; vor allem am Sonntag regnet es nahezu pausenlos. Mit ersten gefährlich breit verästelten Linienblitzen kündigen sich brachiale Gewitter an. Da in einem atheistischen Staat in solchen misslichen Lagen Genien und Götter nicht zur Verfügung stehen, treten in den DDR-Bezirken Funktionäre in Komitees und Kommissionen eilig zusammen, um sich mit der aktuellen Situation zu befassen: vor allem mit dem niedergedrückten Lagergetreide auf den Feldern. Großflächig sind die Halme umgeknickt. Spezielle Mähmaschinen sind zwar im Einsatz, aber das Erntegut muss aufwendig getrocknet werden. Qualitätsverluste sind die Folge.

Bei anfangs sonnigem Wetter zieht am 14. August mittags über der nordbrandenburgischen 300-Seelen-Gemeinde Dannenwalde nahe Gransee ein schwarzes Gewitter auf. Es wird eine Katastrophe auslösen, auf die sich umgehend ein Mantel des Schweigens senkt. Denn im zivilen Alltag der DDR gilt die konspirative Regel noch aus Lenins Zeiten: Was du nicht wissen sollst, das wirst du auch nicht erfahren - was immer es ist; es soll dich nichts angehen. Streng hält sich die Parteizeitung "Neues Deutschland" (ND) daran. Das Blatt bejubelt nicht nur die vermeintliche Stärke des nie auf ein demokratisches Niveau gekommenen Sozialismus; mit eben solcher Leidenschaft verfällt es auch auf lautes Schweigen. Am Montag, dem 15. August, muss es diese Fähigkeit wieder unter Beweis stellen. Es erscheint auf der ersten Seite mit der Hauptschlagzeile "Komplexe Schichtarbeit vorrangig im Lagergetreide". Es gibt Pauschallob für die "schwer arbeitenden" Genossenschaftsbauern, und es wird dennoch der Eindruck erweckt, als würden die Ernteergebnisse vor allem von den ideologischen Gremien herbeigeführt - und nicht von den gewöhnlich erfahrenen Kombinefahrern. Auch die anderen Spalten bieten kaum etwas, was ein Leserinteresse hervorrufen könnte. Doch diese Montag-Ausgabe ist pressegeschichtlich bedeutsam. Verschwiegen wird eine Katastrophe größeren Ausmaßes. Das Blatt verheimlicht schwere Explosionen in einem sowjetischen Munitionsdepot am Vortag auf der Dannenwalder Gemarkung. Dort fliegt das Depot in Dauerfeuer-Salven stundenlang in die Luft. Ursache ist einer der Linienblitze, der in die unter freiem Himmel gestapelten drei Meter langen Katjuscha-Raketen einschlägt. Eine furchtbare Kettenreaktion wird auslöst. Mehrere Hundert Katjuschas, zum Glück ohne Zünder, fauchen mit leuchtenden Feuerschwänzen unkontrolliert bis zu zehn Kilometer weit durch die Nacht. Der stellvertretende Ortsvorsteher von Gransee Bernd Weidemann erinnert sich: "Es war ein Sonntag, ein schöner, sonniger Tag. Wir waren in Gransee in der Waldsiedlung, bei meinen Eltern. Da kam ein Gewitter, es hat zweimal gedonnert - und dann hörte das Donnern überhaupt nicht mehr auf". Die Mutter habe voller Angst gesagt: "Es hört sich an, als ob die Front kommt."

Katjuscha-Raketen schlagen in und um Dannenwalde ein

Altar der Kirche in Dannenwalde
Blick auf den Altar der Kirche in Dannenwalde - Foto: © -wn-

Panik im idyllischen Dannenwalde. "Leute stürzten mit Kinderwagen aus den Häusern und hielten Autos auf der Straße an und setzten ihre Kinder zu wildfremden Leuten hinein, nur damit sie wegkommen", heißt es in einem Bericht. Die Granaten treffen zum Glück keine Menschen. Ein Kuhstall erhält einen Treffer, zum Nachteil eines Rindes, auch an einem Fachwerkhaus gibt es Schaden. Bis tief in die Nacht sei eine dunkle Qualmwolke am Himmel über der Gegend zu sehen gewesen. 760 eingeschlagene und nicht explodierte Raketen werden an den nächsten Tagen gefunden.

Alles spricht in diesen Tagen nur noch von Katjuscha. Die Kundigeren kennen den Begriff aus dem von der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) verbreiteten gleichnamigen russischen Liebeslied. Niemand jedoch weiß, warum die entsetzlichen Geschosse den schönen von Jekaterina abgeleiteten Mädchennamen tragen. Die überraschende Antwort findet eines Tages der sowjetische Schriftsteller Ilya Lvovich Selvinsky (1920-1968). Er fand heraus, dass während der Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht und der Sowjetarmee 1941 auf der Halbinsel Kertsch im Osten der Krim an einem Abend im deutschen (!) Schützengraben überraschend das Katjuscha-Lied auf einem Grammophon abgespielt wurde. Wie es sich herausstellte, hatten die Landser keine andere Platte als die geraubte zur Hand. Angesichts des provokanten Abspiels entsteht auf der sowjetischen Seite die originelle Idee, die auf die deutschen Stellungen gerichteten Raketen von nun an Katjuschas zu nennen. Seitdem hat dieser Name im russischen Bewusstsein eine patriotische Einfärbung. Das hält 1985 die auf Massenkitsch spezialisierte Moskauer Fabrik für Souvenir- und Geschenkspielzeuge nicht davon ab, ihrerseits einen Kaffeewärmer gleichen Namens anzubieten.

Das unter Beschuss genommene Dannenwalde ist das Dörfchen, in dem die durchführende Bundesstraße B96 in Richtung Neubrandenburg eine leichte Linkskurve macht. Wer sie durchfährt, hat unweigerlich ein Kirchlein im Blick, das damals um ein Haar von einer Rakete getroffen worden wäre. 1821 wird es als Patronatskirche des damaligen Gutsherrn, des Vize-Landmarschalls von Mecklenburg-Strelitz Ferdinand Thomas von Waldow (1765-1830), nach zweijähriger Bauzeit fertiggestellt und eingeweiht. Die Bauaufsicht hatte der im Brandenburgischen bekannte Baumeister Ferdinand Hermann aus Zehdenick (1784-1842), ein traditionsbewusster Schüler des Berliner Architekten, Stadt- und Regionalplaner David Gilly (1748-1842) sowie des weltbekannten Architekten und Malers Karl Friedrich Schinkel (1781-1841).

Die "Kirche am Weg" - ein baugeschichtliches Kleinod mit Charme

Die heute sogenannte "Kirche am Weg" ist ein baugeschichtliches Kleinod. In prunkloser Anmut steht sie da und besticht durch eine eigenwillige Architektur, vor allem durch einen langgestreckt-achteckigen Grundriss im neugotischen Stil. Im schmalen, kurzen Kirchenschiff sitzen die Gläubigen auf harten, kniebrettlosen Kirchenbänken mit schmucklosen Außenwangen (Bankenden) und lassen - in Lutherscher Tradition - den lieben Gott einen guten Mann sein, statt die rachsüchtige Gottheit des Alten Testamentes zu fürchten. In geringer Höhe gibt es eine rundlaufende Galerie und einen Ambo, eine frühe Kanzelform in christlichen Kirchen, die sich meist über dem Altar befindet, damit das Evangelium so recht "von oben" herab gepredigt werden kann. Das Kirchlein durchlebt schicksalhafte Zeiten. Es scheint als ob in den DDR-Jahren auf ihm kein göttlicher Segen, sondern vielmehr - wie nach den Explosionen - ein Mantel der Verschwiegenheit ruht. Auf den Kulturseiten der überregionalen Presse, die angeblich den Erhalt des kulturellen Erbes pflegen, liest man in Jahrzehnten nichts über das erwähnenswerte Gotteshaus. Es fällt einer besonderen Form der Pressezensur anheim, die sonst vor allem Verbot, Verriss und Verleumdung kennt. Hier aber wirkt ein Anderes: das Übergehen.

Bis 1975 wurde sie noch für Gottesdienste genutzt. Ab dann steht sie leer. In den 1990er Jahren scheint sie sogar vom Einsturz bedroht. Zuvor schon waren die Orgel, die Emporenbrüstung und ein gusseisernes Wappen entwendet worden. 1995 muss das geplünderte Gebäude gesperrt werden. Die evangelische Kirchengemeinde und eine Initiative zur Erhaltung der Kirche setzten sich nun für die Sanierung der Kirche ein. Sie ist noch nicht beendet. Auch die Familie von Waldow unterstützt das Vorhaben. 1998 wird die (zunächst) außen restaurierte Kirche mit ihrer Fassade in zartem Rosa feierlich wieder eingeweiht.

Hätte es die Katjuscha-Katastrophe nicht gegeben und würde im Dörfchen nicht eine so denkwürdige Kirche stehen - Dannenwalde wäre vermutlich weithin unbekannt geblieben. Berichte über Ereignisse dort sind selten. Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts gelangte der einundzwanzigjährige Hauslehrer Christian Wilhelm Harnisch (1787-1864) in die Idylle, um im Herrenhaus die Kinder der Familie von Waldow zu unterrichten. Der Lehrer lässt sich von der Ruhe ausströmenden Landschaft aus flachen Höhen, Wäldern und Wassern beeindrucken. In seinen 1865 erschienenen nachgelassen Schriften schreibt er: "Ich freute mich auf das wieder beginnende Hauslehrerleben und auf die herrliche Bibliothek, die ich ... in Dannenwalde treffen würde. ... Von der Reise nach Dannenwalde weiß ich nur den Auslauf (Ankunft). Wir kamen aus dem Walde heraus, ein See, der Wantesee, lag vor uns, oder vielmehr zwei Seen, über deren Verbindung unser Weg ging und woran ein Haus gelegen war. Hinter dem See rechts lag ein schönes Schloss. "Das ist Dannenwalde", sagte der Kutscher, "bald sind wir am Zollhause, da ist die preußische Grenze, jenseits fängt das Mecklenburgische an"".

Der Sarg mit der toten Königin Luise fährt durch Dannenwalde

Kanzel in der Kirche in Dannenwalde
Der Ambo, eine frühe Kanzelform in christlichen Kirchen - Foto: © -wn-

Diesen streng bewachten Grenzübergang durchfährt am 25. Juli 1810 die sechs Tage zuvor verstorbene Königin Luise (geb. 1776) im Sarg. Die Durchfahrt des Trauerzuges von Hohenzieritz nach Berlin (125 Kilometer) ist hier mit Abstand das Hauptereignis des Jahres. Dichtes Spalier an der Straße, tiefernste Minen und lautes Beweinen der verstorbenen "Königin der Herzen" schaffen ein Trauerflair nordkoreanischer Intensität. "Eine Prozession von entsetzlicher Traurigkeit", heißt es in einem Bericht. Kurz darauf macht der Trauerzug für die Nacht in Gransee halt.
(Siehe den Beitrag "Die Stadt Gransee, die Melancholische / Zarewna Luises letzte Reise")
Elf Jahre später im Dorf ein Vorfall aus der Kleinkriminalität, der abends auf den Bänken vor den Haustüren heftig diskutiert wird: Für diesen Aufreger sorgt der 43-jährige Häusler und mutmaßliche Dieb Heinrich Zeug. Einem polizeilichen Aushang zufolge hat er sich "eines Diebstahls durch Einsteigen dringend verdächtig gemacht, ist in der Nacht vom 26. zum 27. d.M. (August) seinen Wächtern entsprungen". Alle Behörden werden ersucht, "wo er sich betreten (sehen) lässt, sofort zu arretiren, und ihn ... gegen Berichtigung (Erstattung) der Kosten auszuliefern". Zeug bleibt verschwunden.

Nach etlichen Jahren wieder ein Flüchtiger: diesmal der Schriftsteller Gottfried Kinkel (1815-1882), der wegen Beteiligung am pfälzisch-badischen Aufstand im Juni 1849 zu lebenslänglicher Festungsstrafe verurteilt ist. Die niedergeschlagene Erhebung hatte die Gründung einer süddeutschen Republik mit verbriefter Volkssouveränität zum Ziel. 1850 gelingt dem Verurteilten die Flucht aus der Spandauer Haft. Das Familienblatt "Die Gartenlaube" beschreibt, wie er ins Mecklenburgische entkommt. Noch in Preußen, in Gransee, wollen aber erst einmal die Pferde nicht mehr. "Die armen ausgehungerten und abgejagten Pferde, denen der Schaum vor dem Maule stand und der Schweiß heruntertroff, hätten todt niederstürzen können, wenn man ihnen nicht eine kurze Erholung gegönnt hätte. ... Wiederum gings en pleine chasse (in voller Jagd) vorwärts, bis er die Strelitzsche Grenze bei Dannenwalde erreicht", schreibt das Blatt. Gottfried Kinkel tritt später als Professor in Zürich in Erscheinung.

Ein Mantel des Schweigens wird sich vermutlich nicht mehr auf Dannenwalde legen. Göttlicher Segen? - kommt auf den Standpunkt an. Aber mit Blick auf die zugriffigen Förderer der Restauration des Dannenwalder Kleinods lässt sich sagen, dass man unter diesen verantwortungsbewussten Zeitgenossen wohl einen starken Goetheschen Genius vermuten kann.

Verkehrsinformation

Dannenwalde liegt rund 80 Auto-Kilometer von Berlin-Mitte entfernt. Man fährt zunächst auf der Prenzlauer Allee nordwärts in Richtung des Autobahnzubringers A114. Auf diesem gelangt man nach kurzer Zeit auf den Berliner Ring A10. Am Autobahnkreuz Oranienburg fährt man auf die Bundesstraße B96 in Richtung Gransee und Dannenwalde.

Öffnungszeiten der Kirche in Dannenwalde

Die Kirche in Dannenwalde (auch Rad-Wander-Kirche genannt) ist wie folgt geöffnet:

Mai bis Oktober
Montags geschlossen
Dienstags - Sonntags 13:00 Uhr bis 17:00 Uhr

Neben Gottesdiensten finden hier Konzerte und Lesungen statt. Näheres findet man unter der Adresse www.kirche-dannenwalde.de
Text: -wn- / Stand: 17.07.2017

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