Jüterbog in Teltow-Fläming

Rathaus in Jüterbog
Das Rathaus von Jüterbog - Foto © -wn-

Auf dieser Seite finden Sie interessante Fakten über die Geschichte von Jüterbog im Landkreis Teltow-Fläming sowie einige wichtige Adressen verschiedener Firmen und interessanter Locations.

Die Stadt Jüterbog - Wenn der Rote Adler zürnt

Als sich die geografischen Ausbreitungen der heutigen Mark Brandenburg in einem noch vorteilhaft menschenfreien Zustand befinden, kann von Friedhofsruhe dennoch keine Rede sein.

Unausgesetzt, kaum wahrzunehmen - falls da jemand gewesen wäre, der etwas hätte wahrnehmen können - und vorwiegend geräuschlos beginnen sich die Landstriche zu verändern, zu verrücken und - bei genügend seitlichen Drücken - aufzufalten. Im Märkischen sind besonders ein Schieben, Schürfen und gigantische Gerölltransporte im Gange. Und wo es oberhalb scheinbar ruhig ist, werden unterirdisch gipsige Schichten ausgewaschen, und als Folgen brechen Erdfälle ein. Einen Erdfall kann man zum Beispiel im Gebiet des heutigen Naturschutzgebietes Sperenberger Gipsbrüche sehen. Theodor Fontane (1819-1898) bemerkt in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg", "dass die Natur bei der Bildung von Erdfällen nur erst selten auf frischer Tat ertappt worden sei". Aber es gibt auch Flüsse, die Millionen Jahre lang in ihren Betten wühlen und strömen und dabei Täler auswaschen, so dass an beiden abgesenkten Ufern Höhenzüge entstehen. Auf diese Weise bildet sich der 30 bis 50 Kilometer breite Höhenrücken des Fläming im südwestlichen Brandenburg, der in der Saaleeiszeit (etwa vor 300 000 Jahren) seine Gestalt annimmt. Auf schutthaltigen Moränenplatten dieses Höhenrückens zwischen dem Glogau-Baruther Urstromtal im Norden und dem Breslau-Magdeburg-Bremer Urstromtal im Süden beginnt sich ab dem Beginn der 2. Jahrtausends n.Chr. nahe dem Flüsschen Nuthe die Stadt Jüterbog zu etablieren. Sie gehört zunächst zum Erzstift Magdeburg und fällt im Ergebnis des Westfälischen Friedens von 1648 (Ende des Dreißigjährigen Krieges) an das Kurfürstentum Brandenburg. Sie ist die Stadt, die dem Ausgangspunkt der Reformation, der nahen Stadt Wittenberg, geografisch und geistig am nächsten ist.

Dabei ist ihr Name keineswegs christlichen Ursprunges. Angenommen wird, dass er vom slawischen Jutrobog (Morgengott) abgeleitet ist. Unter Zurücklassung etlicher bis heute gebräuchlicher Ortsnamen verlassen die slawischen Wenden im 12. Jahrhundert das Brandenburgische - oder sie bleiben und assimilieren sich. Rund 800 Jahre später erscheinen wieder Slawen in und vor der Stadt - diesmal als Befreier vom Faschismus. Es ist die kopfstarke 32. Garde-Panzerdivision "Poltawa" der Sowjetarmee mit der Feldpost-Nummer 60875 und dem Rufzeichen "Mikka". Kalter Krieg beginnt. In und im Umfeld der Stadt befinden sich jetzt die "Ställe" der unermüdlichen "Arbeitspferde" der Armee - für die Panzer vom Typ T-54/55. Die Fahrer dieser Kampfmaschinen leben in einer abgeschlossenen Welt, in der es nach Panzerkraftstoff und Stiefelwichse riecht. Kurzer Rückblick: Um wie viel "komfortabler" war das doch damals 1917 in Sankt Petersburg. Nachdem die Bolschewiki dort das Winterpalais handstreichartig gestürmt hatten, tun sie sich im Keller am dort gelagerten Lieblingswein des Zaren Nikolaus II. (1868-1918) gütlich. Die Flaschen mit dem Likörwein Chateau d'Yquem aus dem Weinanbaugebiet Bordeaux sind überreichlich vorhanden. Während der lustigen Stunden im Palastkeller spüren die Revolutionäre den Unterschied zwischen dem üblichen zur Melancholie neigenden Wodka-Rausch und der heiteren Benebelung, die der schwere Chateau d'Yquem hervorruft. Solche Vergleiche lassen sich in der Jüterboger Garnison nicht anstellen. Das lässt die Versorgungslage nicht zu. Wer von den unteren Chargen einmal die Seele befeuern will, muss sich, wie der Dichter Jewgeni Jewtuschenko (1932-2017) im Epochenroman "Stirb nicht vor deiner Zeit" aufzählt, meist mit "Eau de Cologne, technischem Alkohol und Hühneraugenelexier" behelfen. Das geht so bis zum Mai 1989. Ein Staatsvertrag zwischen der DDR und der UdSSR führt ab diesem Zeitpunkt zum Abzug der Panzerdivision. 1994 verlässt der letzte Soldat die Region.

Eingang der Stadtkirche St. Nikolai in Jüterbog
Der Haupteingang der gotischen Stadtkirche Sankt Nikolai - Foto © -wn-
Und immer wenn sich - wie eben damals nach 1989 - die Zeiten ändern, kommt in dem Brandenburgischen Roten Schreiadler (Aquila pomarina) ein Gefühl des Ärgers hoch. Denn von seinem Horst aus sieht er dann unten stets nur Tohuwabohus. Unmöglich ist es für den Vogel, sich im Anflug auf ein Stück Beute zu konzentrieren. Zumindest überfliegt er die Unruhezone und stößt ein gellendes Pfeifen aus, das an das Abfahrtssignal eines ICE-Zugbegleiters erinnert. Auch beim Abzug der Russen herrscht Chaos. Alles stürzt an einem der Abschiedstage über Treppen, Perrons und Gleise zu den Waggons. Einer der Offiziere zerrt sogar einen widerspenstigen jungen Deutschen Schäferhund hinter sich her, den er mit "Dawai, Burja" (Komm jetzt, Sturm) in Bewegung zu bringen sucht. Sturm scheint zu ahnen, dass die Vorgänge um ihn auf einen Abschied hinauslaufen. Dabei hat er noch gar nicht bedacht, dass mit der Ausreise auch der Abschied von der geliebten stinkig-schmackhaften Goldi-Dosennahrung und dem lustvoll und unzerkaut zu schlingenden Freibankfleisch gekommen ist. Sein zweites Hundeleben wird er wohl mit der gebräuchlichen russischen Trockennahrung "Oskar" verbringen.

Mit den Abreisenden rollen auch die Güterzüge mit den T-80-Panzern in Richtung Osten. Die Kampfmaschinen, schreibt Jewgeni Jewtuschenko, hätten ein "erwachendes Gewissen" an den Tag gelegt. Panzer dieses Typs stehen während der Tage des Augustputsches vom 19. bis 21. August 1991 in der legendär gewordenen Moskauer Uferstraße Krasnopresnensskaja nabereshnaja angriffsbereit vor dem Regierungsgebäude der Russischen Föderation, dem Weißen Haus. Es kommt anders als die Putschisten es planten: Die Panzereinheit schießt nicht auf die Demonstranten, die mit einer Kette das Haus zu schützen suchen. Der Putsch scheitert, ein Blutbad ist verhindert. In diese befreiende Stimmung platzen zahlreiche Mädchen aus der nur um die Ecke liegenden Stoffweberei Trechgornaja Manufaktura in die Szene. Sie verteilen sich auf die vorderen Panzer, und wo sich der Kopf eines Panzerfahrers oder eines Richtschützen in der Einstiegsluke zeigt, erklimmen sie die Türme und küssen die Männer innig auf den Mund. Komsomolzinnen, die gerade nicht küssen, rufen spasiwo moldozui (Danke ihr Prachtkerle) und wui naschi geroi (Ihr seid unsere Helden).

Geschichte der Stadt Jüterbog - "Yuterbog" wird touristischer Sehnsuchtsort

Je länger die sowjetischen Tage in Jüterbog zurückliegen, umso mächtiger scheint die Erinnerung an sie. Im russischen Internet wird kaum eine ostdeutsche Kleinstadt sooft genannt wird wie "Yuterbog". Sie ist ein Erinnerungs-, vielleicht auch Sehnsuchtsort, vor allem ein touristisches Ziel. Es gibt Russen, die aus einem dem Tourismus fernliegenden Grund die Stadt aufsuchen. An der Liebfrauenkirche am Dammtor sind 110 sowjetische Kriegstote in gepflegten Gräbern bestattet. Diese Soldaten der 1. Ukrainischen Front kamen 1945 bei Jüterbog ums Leben. Hier fanden sie ihre letzte Ruhe - als Befreier, auch - was meist verschwiegen wird - als Kanonenfutter ihrer Marschälle. Während man diese mit Orden behängte, rief man den gefallenen und den sinnlos geopferten sowjetischen Soldaten die Standardfloskel "Ruhm und Ehre" nach. Ausführlich wird in den russischen Prospekten die Stadt beschrieben, vor allem die Altstadt mit der über 700 Jahre alten dreischiffigen gotischen Stadtkirche Sankt Nikolai, dem in Brandenburg ältesten Rathaus mit seiner Backsteingotik und mit der Figur des Heiligen Mauritius, dem Schutzpatron des Erzbistums Magdeburgs, an der nordöstlichen Ecke. Erwähnt werden die Liebfrauen-, die Mönchen und die Hedwigskirche.

Auch mit dem vorausgegangenen Reformations-Zeitalter hatte der Rote Adler Verdruss. Der Beginn dieses Zeitalters verläuft in Jüterbog keineswegs in geordneten Bahnen. Im Städtchen beginnt die neue Lutherische Sicht auf Gott und den Menschen zwar friedlich, jedoch in einem Kuddelmuddel mit spontanen Aufläufen und openend-Debatten. Obwohl das neue geistige Zentrum Wittenberg nur etwa 35 Kilometer entfernt ist, gibt es in Jüterbog anfangs weitgehend Unklarheit darüber, welche neuen Freiheiten der Christenmensch hat und ob seine Sünden nunmehr tatsächlich gebührenfrei seien. Die ortsansässigen Franziskaner bezweifeln zunächst, dass sich der Herrgott zu einer so umfassenden kostenfreien Generalamnestie entschloss, obwohl sie im Vaterunser immer erfleht wird. Es habe der neue bei Martin Luther geschulte Prediger Franz Günther (1495-1528) sogar die Beichte und das Fasten als veraltet bezeichnet, schrieben sie entsetzt an ihren Bischof. Ein zeitweiliger Einwohner der Stadt wird durch das Ende des Ablasses gar um sein Geschäft gebracht: Der beredte katholische Ablassprediger Johannes Tetzel (1460-1519). Sein Kasten, in dem das Geld klingen sollte, damit die sündenbeladene Seele unter Umgehung des Fegefeuers in den Himmel springen konnte, steht heute in der Franziskaner-Klosterkirche.

Die Reformation bringt auch Fröhlichkeit

Es beginnt andererseits in Jüterbog mit der Reformation durchaus auch ein "Lustiges Zusammensein der Landleute" wie es Ludwig van Beethoven (1770-1827) in der Sechsten Sinfonie, der Pastoralen, anklingen lässt. Eine befreiende Fröhlichkeit greift um sich, die mit launigen Sprüchen wie dem von Martin Luther "Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz" zusätzlich befeuert ist. Wo gelockerte Sitten herrschen, folgen schnell Verstöße und Übertretungen auf dem Fuße. So auch hier. Darüber macht sich der wichtigste Textdichter Johann Sebastian Bachs (1685-1750), Picander, lustig, hinter dessen Künstlername sich der Leipziger Gelegenheitsdichter Christian Friedrich Henrici (1700-1764) verbirgt. 1732 erscheint ein Buch mit dem Titel "Picanders Ernst-Schertzhaffte und Sytyrische Gedichte". Eines heißt "Bey dem R. und L. Hochzeit-Fest in Jüterbog". Eine von ihm ersonnene Liebesgöttin mit dem naheliegenden Namen Venus ist in dem Gedicht Richterin über Männer der Stadt, die am Donjuanismus (gesteigerter Geschlechtstrieb) leiden. Picander schreibt:

"Hierauf kam Strax (einer der Männer) mit großen Flüchen,
Und sprach: Es klagten mich verwichen
Zwölf Mädgen bey den Müttern an;
Sie schwatzten viel vom Ehren-Diebe,
Da ich es doch aus lauter Liebe
Und mit sehr guter Art gethan.
Ey, sprach die Venus: schlimme Sachen!
Dergleichen Thaten sind nicht fein;
Doch soll ich dich zum Ritter machen,
So muss der Hacksch (Kennzeichnung eines lasterhaften Menschen) dein Orden sein."

Sowjetischer Friedhof in Jüterbog
Teil des sowjetischen Friedhofes an der Liebfrauenkirche (Dammtor) - Foto © -wn-
In der Fläming-Stadt scheinen damals manche der umorientierten Christen anzunehmen, dass nicht nur der Seelenfreikauf abgeschafft wurde, sondern dass selbst die Zehn Gebote der Christenheit (2. und 5. Buch Mose) an Wirkkraft verlören, darunter das siebte: Du sollst nicht stehlen. Für einen solchen Irrtum spricht, was sich am Sonntag, den 1. August 1540 (Sonntag nach Jacobi) in der Stadt zutrug. An diesem Tag wird in der der damals 233 Jahre alten Nikolai-Kirche der erste evangelisch-lutherische Gottesdienet abgehalten. In einer Stadt-Geschichte schreibt der Arzt Dr. Johann Carl Brandt: "Dieser Tag wurde ... als ein besonderes Kirchweihfest vor dem Volke und den Schützen der Stadt sehr feierlich begangen, wobei leider das erstere einen Frevel an den Feldfrüchten des Nonnenklosters ausübte und dem (Kloster) ein vier Morgen großes Erbsenfeld zertrat." Die schweren Sachbeschädigungen zeigen, dass Martin Luther (1483-1546) auch 23 Jahre nach seinem Thesenanschlag in Sachen Reformation noch viel aufzuklären hat. Dazu hat er den Geistlichen Simon Bogener geschickt. Dieser brandmarkt den Vandalismus im Erbsenfeld. Doch der Siebenbürger Sachse übertreibt es mit seinen Hasstiraden. In einem Beschwerdebrief an den zuständigen Erzbischof wird er als ein Mensch geschildert, "der sich die leuthe öffentlich zu iniuriiren (beschimpfen), zu schmehen und sunst vil muthwillens zu treiben understeht". In der Kirchenchronik heißt es: "Er verwaltete das Amt nicht lange; denn wegen seiner Schmähsucht auf der Kanzel wurde er 1545 entlassen und sogar des Landes verwiesen".

Trotz einer solchen harten amtlichen Entscheidung, der ein Protest der Gläubigen vorausgegangen war, hatte das Leben in der Stadt bei weiter ungleich verteiltem Reichtum, der "Straßen quetschender Enge" und "der Kirchen ehrwürdigen Nacht" (Goethe, Faust) durchaus behagliche Züge. Wir wissen es aus einem heiteren Kirchweih-Gedicht des Picander:

"Wenn Sonntag oder Krimst (Kirmes) erschienen,
Ey wie bestrebt sich da der Knecht,
Des Nachbars Mägde zu bedienen,
Da putzt er sich, da lernt er recht.
Er fasst die Miecke bey dem Leibe,
Er dreht sie zum wie eine Scheibe,
Dass Hemd und Kittel überschlägt.
Schleicht heimlich mit ihr auf die Seite
Und hertzet, dass sich in der Weite
Der Thon von seinem Schmatzen regt."


Bei solchen Gelegenheiten sprach man auch dem in der Stadt seit ältesten Zeiten gebrauten Bier zu. Es war ein starkes und hopfenhaltiges Getränk. Die Frauen tranken das Honigwasser Meth, das noch bis 1590 ausgeschenkt wurde. Die Jüterboger Bierbrau-Tradition führt seit 2013 der junge Diplom Braumeister Alexander Knobelsdorf zunächst in einem Einmann-Betrieb fort. Aus Fläminger Wasser, Landsberger Malz und Jüterboger Hopfen stellt er das regionale Bier der Marke KNOBINGER her. Was sich nach dessen Genusse bisher zutrug - das ist eine andere Jüterboger Geschichte.

Touristische Information:
Die Stadt Jüterbog erreicht man von Berlin aus auf der Bundesstraße B101 nach knapp 80 Kilometern.
Text: -wn- / Stand: 03.01.2018

Fahren Sie auch mal mit der Draisinenbahn zwischen Jüterbog und Zossen!

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