Kreuzkölln: Vom Problem- zum Modekiez? : Dafür, dass das Wort eigentlich niemand benutzt, hat es sich erstaunlich schnell herumgesprochen - besonders bei Wohnungsanbietern,
Kreuzkölln in Berlin
Blick auf Berlin Neukölln
Foto © Emma Arnold
die eine Lage im "Problemkiez" damit aufwerten wollen: "Kreuzkölln" schimpft sich seit ein paar Jahren der Teil Nord-Neuköllns, den der Landwehrkanal von Kreuzberg trennt.

Seine genauen Koordinaten sind umstritten. Die einen verstehen darunter hauptsächlich die überschaubare Ecke rund um Hobrecht-, Fridel- und Reuterstraße, wo sich in den letzten Jahren eine bunte Kunst- und Kneipenszene eingenistet hat. Andere bezeichnen so gleich den gesamten Reuterkiez, der sich zwischen Kottbusser Damm, Sonnenallee und Landwehrkanal erstreckt und südöstlich von der Wildenbruchstraße begrenzt wird. Wieder andere (Wohnungsanbieter) weiten diese Grenze auch gern noch ein Stückchen aus.

Ob Reuterkiez oder Kreuzkölln: Fakt ist, dass man hier seit neuestem wohnen und arbeiten kann -
und dies auch gern tut. Schön waren die Gründerzeit-Häuser mit dem großen Westberliner Vorteil, nach der Wende nicht kaputtsaniert worden zu sein, schon immer. Doch Horrorberichte über den "sozialen Brennpunkt" und vor allem eine für Kunstliebhaber und Partygänger gänzlich unattraktive Freizeit- und Unterhaltungslage sprachen bisher gegen den Kiez.

Das hat sich geändert: seit einiger Zeit macht hier Galerie neben Café, Modeatelier neben Bar auf. Und das beste daran: die Läden haben Charme. Wer hier wohnt, hat inzwischen viele Möglichkeiten zur interessanten Abend- und Wochenendgestaltung, ohne dabei die gesamte Partyszene gleich direkt vor der Haustür zu haben.

Wird dieser Teil von also ein zweites Kreuzberg, in dem Studenten, Kreative, Bürgerliche und Familien mit Migrationshintergrund miteinander leben? Oder wird der Kiez, wie in Berlin üblich, ein paar Jahre lang gehypt, bevor die Szene weiterzieht und einen weiteren gesichtslosen Tummelplatz für Yuppies und Touristen hinterlässt?

Zur Zeit sieht es noch gut aus: Retro statt Neon, Künstler, die günstige Mieten nutzen, um neue Ideen auszutesten, und eine friedliche Koexistenz der Zugezogenen mit Futschi-Kneipe und Änderungsschneiderei lassen hoffen. Doch es gibt auch negative Anzeichen. Die Mieten steigen mit dem Beliebtheitsgrad, so dass zahlungsschwache Kreative bald das Nachsehen haben könnten. Das wäre der Anfang vom Ende: Die bunte Szene geht, die Etablierten ziehen nach, Kreuzkölln kann sich in "Mittekölln" umtaufen.

Was kann man da tun? Am besten vorbeikommen, mitmachen und so Kulturschaffende
und Kneipiers unterstützen. Ein Wochenend-Spaziergang durch den Kiez lohnt sich immer: so trifft man auf kleine Perlen, wie das Café Rudimarie in der Weichselstraße, wo man sich bei leckeren Waffeln stärken kann, bevor es die Straße aufwärts zum nur am Sonntag geöffneten Geräuschladen "Ohrenhoch" geht. Wer ganz mutig ist, geht danach immer weiter geradeaus: Ganz oben, an der Karl-Marx-Straße, beginnt das wahre Neukölln.
Text: © JJ




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