Brandenburger Straße in Potsdam

Häuser mit Dachgauben in der Brandenburger Straße in Potsdam
Häuser mit Dachgauben in der Brandenburger Straße in Potsdam - Foto: © -wn-

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen die Brandenburger Straße in Potsdam vor. Erfahren Sie hier mehr über die Geschichte der Straße und auch welche Geschäfte sich dort befinden.

Die Brandenburger Straße in Potsdam: Arm an Charme

Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) war die knickrigste Figur in der bunten Phalanx der neun preußischen Könige und Kaiser. Eines der Histörchen, die von seiner Sparwut berichten, überliefert der Hofrat Salomo Jakob Morgenstern (1706-1785), ein kleinwüchsiger Mann, der als Vorleser und Zeitungserklärer in dem berüchtigten "rabiat-spaßigen" Tabakskollegium des Königs bedienstet war. Er kolportiert die Antwort des Monarchen auf den Brief einer verarmten Offizierswitwe, die nach dem Tod ihres Mannes um ein "Gnadengehalt" nachsucht. Der König, dem Empathie fremd ist und der offenbar gerade Lust zum Reimen hatte, habe der Frau zurückgeschrieben:

"Eure Bitte kann ich euch nicht gewähren!
Ich habe hundert tausend Mann zu ernähren!
Gold kann ich nicht sch(eißen) ---
Friedrich Wilhelm, König von Preußen."

Zu seinen Gunsten muss man einräumen, dass er sich nach dem Tod seines Vaters Friedrich I. (1657-1713) vor die unlösbar scheinende Aufgabe gestellt sah, einen defizitären Staatshaushalt zu sanieren, der ein Minus von 20 Millionen Talern (30,6 Millionen Euro) aufwies. Der Lebensstil des Vaters, des "schiefer Fritz" genannten ersten preußischen Königs und Pleitiers der Extraklasse, ist mit Prassen, Pirschen, Partymachen hinreichend beschrieben. Um die Staatspleite abzuwenden, führt der Sohn ein drastisches Sparregime ein. Er wirft den halben Hofstaat raus, Kostgänger, Mitläufer und Speichellecker stehen plötzlich unversorgt da, und er kürzt die Apanagen der Verbliebenen. Es gelingt ihm, den jährlichen Etat des Hofes von ehemals 276000 auf 55000 Taler zu drücken. Die Folgen der neuen Wirtschaftlichkeit kann man sogar in Teilen gemeinnützig nennen. Friedrich konnte nun die notwendigen Gelder für einen von ihm finanzierten Häuserbau aufbringen, der in Preußen seinesgleichen suchte. Zum Beispiel in Potsdam. 1722 und 1733 lässt er das ländliche Havelstädtchen erweitern. Im Zuge der zweiten Baumaßnahme, im Amtsdeutsch Retablissement (Restaurierung) genannt, entstand ein neues Wohngebiet zwischen dem Ort des (später gebauten) Brandenburger Tores und des 1738 errichteten Vorgängerbaues der heutigen Katholischen Propsteikirche St. Peter und Paul. Es entstand ein Areal von der heutigen Charlottenstraße bis zur nördlich verlaufenden Hegelallee. In Richtung Osten war das Holländische Viertel einbezogen. Die Mitte dieser Neustadt bildet die 700 Meter lange und in Ost-West Richtung verlaufende Brandenburger Straße - heute einer der gut besuchten Potsdamer Orte.

Die ersten Anwohner erhielten die Häuser zum Nulltarif. Der König hatte für sie "Baugeld" gezahlt. Es waren - wie noch heute zu sehen - zweigeschossige Typenbauten. Eigentlich sind es Fachwerkbauten, deren Fassaden abwechslungsreich mit ineinanderfließenden runden oder ovalen Bauelementen sparsam verziert sind. Das barocke Dekor ließ ebenso nicht erkennen, dass die Häuser eine fensterlose und verrußte "schwarze Küche" besaßen, in der auf offenem Feuer gekocht wurde. Der forcierte Hausbau im Havelstädtchen war vorranging eine militärische Maßnahme. Friedrich Wilhelm wollte in jedem dieser Häuser jeweils vier bis sechs Soldaten unterbringen. Dafür waren in den Erdgeschossen etwa 20 Quadratmeter große Räume eingerichtet. Am Ende war nicht klar, wer in den neuen Häusern bei wem wohnte: die Militärs bei den Zivilisten oder diese bei jenen.

Geschichte der Brandenburger Straße - Beschwerden wegen Baupfusch

Brandenburger Straße in Potsdam
Blick in die Brandenburger Straße in Potsdam mit ihren über 280 Jahre alten zweigeschossigen Häusern - Foto: © -wn-

Doch die anfangs als schön empfundene Wohnlichkeit wandelte sich bald zu einer Frustration. Nach wenigen Jahren kamen unter den Bewohnern der neu angelegten Brandenburger Straße finanzielle Erwartungen in Richtung König auf. Diesen Umstand erwähnt der Potsdamer Chronist Karl Ludwig Häberlin (1784-1858). Anwohner, deren Häuser bereits nach wenigen Jahren Fassadenschäden aufwiesen, verlangten, dass der König nach dem Erstbau nun auch die nötige Sanierung übernimmt. Der Chronist schreibt, es "ließ fast Niemand die durch Anwendung schlechter Wasserfarben, ohne genügendes Bindemittel, so leicht verwitternden massiven Häuserfronten repariren, und in der Hoffnung, dass der König die Reparaturen und Erneuerungen des Abputzes ... ausführen lassen würde, wurde das öffentliche Ärgernis der verwitterten Häuser-Fronten immer allgemeiner". Mancher Anwohner habe kalkuliert: "Der König wird solange (an den Baumängeln) Anstoß nehmen, bis er mir mein Haus neu bauen lässt." Das sei so weit gegangen, "dass als einst ein wohlhabender Bürger, Namens Brunzlow, auf eigene Kosten ein Haus (Nr. 57) neu gebaut (hatte), ihm in einer Nacht das Ganze mit Schmutz beworfen wurde, um Andere von solchem Selbstbau abzuhalten". Dem Vernehmen nach hat Friedrich Wilhelm, der 1740 starb, kein Geld mehr in die Brandenburger Straße investiert. Aber er hatte eines seiner übergreifenden Ziele erreicht: Die preußische Armee wurde von 54000 Mann (1719) auf eine Kopfstärke von über 80000 Mann (1739) gebracht. Und alle Soldaten hatten ein Dach über dem Kopf.

Mit einer ähnlichen "Undankbarkeit" von Anwohnern bekam es nur Jahre später Wilhelms Sohn Friedrich II. (1717-1786) tun, der als Erfinder der ungeliebten Berliner Mietskaserne gilt. Der ansonsten so energische Mann resigniert angesichts der Proteste zahlreicher Bewohner seiner Mietskasernen gegen die in ihnen herrschende Enge und Dunkelheit. Wutentbrannt diktiert Friedrich schließlich dem Kabinettsekretär: "Da die unruhigen querulierenden Einwohner von Berlin meine Gnade zu sehr missbrauchen, und sie (mich) sogar mit Undank belohnen, und (mich) mit Verdruss verbittern; so habe Ich beschlossen, für sie nicht mehr bauen zu lassen und dieser Entschluss soll ihnen bekannt gemacht werden."
Dennoch muss der Wohnwert in der Brandenburger Straße seit dem 19. Jahrhundert nicht unerheblich gewesen sind. Mehr noch: die Straße geht sogar - wenn auch nicht mit ihrem Namen - in die deutsche Literatur ein. Der Dichter und Lyriker Theodor Storm (1817-1888), der sich von 1852 bis 1856 in Potsdam aufhielt, wohnte zeitweilig im Haus Nr. 70 ganz in der Nähe des Brandenburger Tores. Der Dichter, der als Gerichtsassessor arbeitete, schrieb hier die beiden Novellen: "Angelika" und "Im Sonnenschein". Es sind Liebensdramen voller Tragik und Gefühlsseligkeit, bei deren Schilderung auch eines der Kontore beschrieben wird, wie es sie in der Straße gab. Ebenso wird die Havellandschaft ringsum angedeutet: Das "Schluchzen des unterhalb (des Ufers) fließenden Wassers" und Kähne auf ihm sowie die Schwäne des Flusses, von dem der Geschichtsforscher Ernst Fidicin (1802-1883) schreibt, die Havel sei in die Stadt verliebt, weswegen sie sich "windet ... und breitet ..., nur um recht lange bei der Stadt bleiben zu können". Noch immer habe "Potsdam etwas von dem lieben, biedermeierisch-gemütlichen Anstrich des tüchtigen Landstädtchens, das seine netten Eigenschaften zu gut kennt, um sie gegen weniger nette umtauschen zu wollen. Protziges, Amerikanisches, Allerneuestes drängt sich hier nur selten und höchsten in Gestalt überflüssiger Ladenumbauten, neuzeitlicher Riesenschaufenster ... den Blicken auf".

Gut sortierte Geschäfte in der Brandenburger Straße in Potsdam

Das 19. Jahrhundert ist die Zeit zahlreicher Geschäftsgründungen in der Straße. Im Juni 1823 etwa eröffnete unter großem Aufsehen die Potsdamer Rauch- und Schnupftabakfabrik ein Geschäft. Im Amtsblatt zeigt das Unternehmen "hierdurch einem geehrten hiesigen und auswärtigen Publikum mit dem Bemerken ergebenst an, dass in diesem Lokale sämtliche Tabacke fortwährend von derselben Güte und zu denselben Preise" wie im Stammhaus in der Nauener Straße zu haben sein würden. Der Ton der Werbung ist nicht anbiedernd, eher dienstfertig; anders als die heutige Sales Promotion, die mit der beworbenen Ware oder Dienstleistung einen hedonistischen Lebensstil zu propagieren sucht.

Geschäft in der Brandenburger Straße in Potsdam
Eine Erinnerung an die Eisenwarenhandlung Gustav Stahlberg, die 2012 nach 135 Jahren wegen gestiegener Ladenmiete schließen musste - Foto: © -wn-
Zu dieser Zeit hatten in der Brandenburger Straße weitere gut sortierte Geschäfte aller Art geöffnet. Sie wandelte sich zu einem Ort, an dem man nicht nur kaufte, sondern auch flanierte, um gesehen zu werden, oder um das Flanieren anderer zu sehen. Mitten im alltäglichen Handel und Wandel ließen sich sogar auch mal Großkopferte aus dem Hause Hohenzollern sehen, um den Untertanen landesväterliche Zuneigung zu zeigen. Am 9. März 1860 meldet die Presse, dass vier Tage zuvor der schwer erkrankte und nicht mehr aktiv regierende König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) in einem offenen Wagen durch die Brandenburger Straße gefahren sei. "Se. Majestät zeigt wieder eine größere Theilname an den Umgebungen und unternimmt, wenn die Witterung es erlaubt, die gewöhnlichen Spazierfahrten in dem zu diesem Zweck erbauten Wagen." Der an einer Gehirnarteriosklerose unheilbar erkrankte Monarch bekam vermutlich vom Flair der Straße nicht viel mit. Elf Monate später ist er tot.

Die Straße ist gut besucht, die Geschäfte bleiben, wo sie sind; man weiß, wo man was kaufen oder betrachten kann. Selten, dass ein Laden schließt und dafür ein neuer öffnet. Doch 22 Jahre nach Wilhelms Tod tauchen plötzlich Warnungen auf. In Zürich erscheint eine Arbeit des Barmer Unternehmers, Publizisten und Marx-Mäzens Friedrich Engels (1820-1895) unter dem Titel "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft". Dort wird in einem gesellschaftlichen Rückblick Beunruhigendes mitgeteilt: "An die Stelle der gewaltsamen Unterdrückung (der Gesellschaft) trat die Korruption, an die Stelle des Degens, als des ersten gesellschaftlichen Machthebels, (trat) das Geld." Von einem "Machthebel" Geld ist in der Straße vorerst kaum etwas zu spüren. Wettbewerb und Konkurrenz scheinen sich konfliktarm zu begegnen. Geld fließt; niemand nimmt daran Anstoß. Doch von dem apostrophierten Hebel wird nach Jahren auch hier die Rede sein. Am Haus Nr. 69 z.B. findet sich über dem Eingang noch heute die in Gips geformte Aufschrift "Gustav Stahlberg / Inh. Georg Preuß". Hier befand sich ein 1877 gegründeter Eisenwarenladen, der mit seinen 1200 Artikeln quasi jeden einschlägigen Kundenwunsch erfüllen konnte. Das Schicksal dieses Geschäftes zeigt, was es bedeutet, wenn der "Hebel Geld" in starke Bewegung kommt. 2012 - nach 135 Jahren - ist dieses Geschäft eines der letzten aus "der alten Zeit", die schließen mussten, weil die Betreiber die Ladenmiete nicht mehr zahlen konnten. Der langjährige Inhaber Albrecht Fiedler der Eisenwarenhandlung erklärt: "Viele in der Brandenburger Straße sind pleite gegangen oder haben aufgegeben, ich bin fast der Letzte." Friedrich Engels Voraussage über die gefährliche Umtriebigkeit des Geldkapitals - sie ist korrekt.

Diese Geschäfte befinden sich heute in der Brandenburger Straße

  • H&M
  • Karstadt
  • Görtz
  • C&A
  • Esprit
  • Pandora
  • Birkenstock
  • Casamoda
  • Buchhandlung Intern. Buch
  • Apollo
  • Hussel
  • dm
  • Bonita
  • Blume 2000
  • Ballhause time for tea
  • Leonardo Stores

Der Quadratmeter, das neue Heiligtum

In der Brandenburger Straße entstand besonders nach dem Mauerfall ein eher gefürchtetes als verehrtes Heiligtum. Auf es begannen alle wie gebannt zu schauen - auf den Quadratmeter und seinen nicht schwankenden, sondern sich nur nach oben bewegenden Preis. Bereits Theodor Fontane stellte 1862 in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" zum Berliner Grund und Boden fest, jeder Quadratmeter bedeute dort schon ein Vermögen. Nun war es auch in der Potsdamer Neustadt der Fall. Lange Zeit mussten die Geschäftsbetreiber zwischen 20 und 80 Euro für den Quadratmeter Ladenfläche zahlen; inzwischen haben die weitgehend anonymen Vermieter den Preis auf 120 Euro hochgetrieben - der Osten eine Region der "blühenden Barschaften". Die "Potsdamer Neuesten Nachrichten" schreiben: "Der Broadway (die Brandenburger Straße) wird zunehmend von den Filialen großer Ketten und Imbissangeboten dominiert. Individuelle Läden sind selten geworden. ... Für Händler ist es schlicht eine Geldfrage, ob sie sich das Geschäft in der begehrtesten Lage noch leisten können. Die Vermieter nehmen die Mieten, die sie kriegen (können. Aber) einer Brandenburger Straße, die ihren Charme für Schaufensterbummler verloren hat, bleiben früher oder später die Kunden weg." Die einstmals abwechslungsreiche Meile verkommt zu einer, wenn auch bunten und belebten Fressmeile.

Menschen von Bedeutung glaubten, mit energischem Handeln dieser menschenfeindlichen Geldwirtschaft entgegenwirken zu können. Ihr Einfluss erwies sich stets als zu kurz. Das musste z.B. Martin Luther (1483-1546) erkennen. Er wetterte in einer Vermahnung "An die Pfarrherren wider den Wucher" siegessicher gegen die Unvernunft der Geld- und Raffgier: "Also ist auch kein grösser Menschenfeind auff Erden (nach dem Teuffel) denn ein Geitshals und Wucherer, denn er will über alle menschen Gott sein." Doch bald erkennt er, dass dieses Verdikt nichts hilft. Das Übel bleibt. Und das ist selten beim Reformator: Er resigniert. In einem Sermon schreibt er: "Zwar denke ich abermals (nach zahlreichen früheren Artikeln), dass mein Schreiben werde völlig umsonst sein, weil das Unheil schon so weit eingerissen ist und in jeder Hinsicht in allen Landen überhandgenommen hat."

Dann versucht sich Friedrich II. und wird einen weiteren Misserfolg verbuchen. Er schäumt vor Wut angesichts des um sich greifenden Preiswuchers in Preußen. So nahm er sich z.B. die Getreidehändler vor. 1763 zieht er gegen sie zu Felde, weil sie den Preis für Körnerfrüchte nach oben trieben. Friedrich drohte ihnen mit einer Unterbietung ihrer Angebote und riet ihnen, das Getreide zu den Preisen zu verkaufen, die auch die staatlichen Magazine festsetzten. Wie der Historiker Johann David Erdmann Preuß (1785-1868) schreibt, drohte der König sogar den Händlern, "welche ihr zum Verkauf aufgeschüttetes Getraide länger auf Wucher liegen lassen würden, bei vorfallenden Gelegenheiten ihnen sein Ressentiment (etwa: folgenreiche Abneigung) deshalb empfinden zu lassen." "Um dem Wucher vorzubeugen" ließ Friedrich 1775 in Preußen sogar Leihhäuser einrichten, "bei welchen man um billige Zinsen gegen Pfand borgen könne", schreibt der Chronist weiter. Alles das half nichts - bis heute. Ein Mittel gegen den Wucher wurde noch nicht erfunden.

Wie man in Potsdam zur Brandenburger Straße kommt:
Straßenbahn: Linien 91, 94, 98
Bus: Linien 605, 606, 692
Text: -wn- / Stand: 12.11.2019

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