Stadtkirche St. Michael in Werneuchen

Stadtkirche St. Michael in Werneuchen
Die Kirche St. Michael in Werneuchen von Süden her gesehen - Foto: © -wn-

Die Kirche St. Michael in Werneuchen: Glücklich ist, wer vergisst

Ein Zuckerschlecken war das nicht - diese strapaziöse Flucht der als Halbsklaven fronenden Israeliten aus Ägypten nach Palästina im frühen vorchristlichen 13. Jahrhundert. Eile war geboten; die Stimmung unter den Urvätern und -müttern der späteren Christen schwankte zwischen Hoffnung und Angst. Pharao Ramses II. (1290 bis 1224) ließ die Männer, Frauen und Kinder aus den zwölf israelischen Stämmen mit Streitwagen verfolgen. Der Exodus in das Land, in dem Milch und Honig fließen, stand unter Führung des Gottesknechtes Moses. Das Alte Testament der jüdisch-christlichen Bibel schildert ihn als einen Mann mit guten Beziehungen zum jüdischen Gott Jahve. Tagsüber ließ dieser sich aus einer Wolke hören, im Dunklen aus einem Feuerball. 40 Jahre lang waren die Israeliten auf wüstenhaften Wegen unterwegs in das "gelobte Land". Als eine Art Großsponsor ließ Gott bei Nahrungsmangel essbares Manna (Honigtau der Mannaschildlaus) vom Himmel regnen oder Wasser aus Felsen kommen. Aber er drohte auch mit drastischen Strafen, wenn sie vom Glauben an ihn abkämen. Moses missionarisches Auftreten und seine Todesandrohungen in Richtung Abtrünniger lasteten zusätzlich auf den Menschen. Seine Schutzherrschaft ließ sich Jahve mit üppigen Gegenleistungen entgelten. Im Buch Mose liest man, die Flüchtenden sollten "Brandopfer und eure Schlachtopfer (bringen), eure Zehnten und eure freiwilligen Opfer und die Erstgeburt eurer Rinder und Schafe". Zwar durften sie die Opfertiere am vorgeschriebenen Ort selbst essen, während für den alten Herrn im Himmel aufsteigender "lieblicher Geruch" als Beweis der Opfer galt.

Die drei Meter tiefe Salzlagune Bardawil an der Nordküste der Sinai-Halbinsel wird zur entscheidenden Fluchtstation. Die Lagune, die durch eine schmale Sandbank vom Mittelmeer getrennt ist, galt es zu überwinden. Hier soll es zum Wunder des sich teilenden Wassers gekommen sein. Die ägyptischen Verfolger hingegen kamen in den Fluten um. Wir kennen das Zielland Kanaan heute als das Westjordanland, das vom See Genezareth im Norden bis zur Südspitze des Toten Meeres und in andere Territorien reicht. Es vergingen Jahrhunderte, bis dort eine Anzahl von Juden die Kinder nicht mehr beschnitten und die strengen jüdischen Sabbat-Gebote umgingen. Das Umdenken bewirkte der charismatische galiläische Wanderprediger Jesus Christus (4 v. Chr.-30 oder 31 n.Chr.). Er steht seitdem im Mittelpunkt der damals neuartigen Religion. Der Mann aber, der sie begründete, ist der Missionar Paulus (Anfang d. 1. Jahrhunderts - 6o od. 62 n. Chr.). Er schrieb in seinem Römerbrief, dass die neue Religion nicht nur leiden, beten und opfern bedeutet. "Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet!" heißt es in dem Brief in der 2017 revidierten Lutherübersetzung der Bibel. Mit ihrem maßgeblichen Übersetzer Martin Luther (1483-1546) und der von ihm ausgelösten Erneuerung kommt eine regelrechte "reformatorische Lebenslust" ("Die ZEIT") in Fahrt.

Prächtiges Gotteshaus auf kleinem Raum

Dieser Ruck ging im Mittelalter durch deutsche Gotteshäuser. Eine solche vom Geist des fröhlichen Glaubens durchwehte Kirche ist heute auch die evangelische Pfarrkirche St. Michael im brandenburgischen Städtchen Werneuchen. Sie ist ein prächtiges von alten Bäumen umstandenes Gotteshaus auf kleinem Raum. Das historisierende neugotische Format erhielt sie bei einem Umbau in den Jahren 1873/74. Das 25 Meter lange Kirchenschiff und der 35 Meter hohe schlanke Turm wurden mit Backsteinen und recycelten Feldsteinen gemauert. Die schmalen gotischen Spitzbogenfenster aus Feldsteinquadern in den Wänden des Schiffes wie an denen des rechteckigen Chorraumes geben dem Bau eine unvermutete Monumentalität. Auch der nach Norden zeigende stufenförmig gegliederte und wehrhaft wirkende Staffelgiebel erweckt das Gefühl vor etwas Großem im Kleinen zu stehen. Das Chorinnere wird überspannt von einem kunstvollen zweijochigen Netzgewölbe aus dem 16. Jahrhundert, deren Gewölberippen den oberen Säulenenden entspringen.

Die Kirche war mit wertvollen Kultgeräten ausgestattet. Eine Chronik berichtet von einer kostbaren dunkel-violetten halbsamtenen Altardecke mit silbernen Franzen und einem Kreuz. Solche sakralen Gegenstände lockten den berüchtigten Kirchenräuber Jacob Neumann (geb.1658) an, der 1720 wegen zweiundvierzig Kirchendiebstählen in Frankfurt/Oder mit dem Rad zu Tode gebracht wurde. Im Gerichtsbericht heißt es, es sei als "eigentümlich angesehen worden, dass der Räuber mit dem Krummkopf (Stemmeisen) das Eisenwerk (der Türen) aus dem Mauerwerk zu lösen verstand". In der Kirche in Werneuchen stahl er "einen neuen Chorrock, einige Ellen schwarzes Tuch / welches er vom Altar abgerissen hatte sowie ein weißes leinwandenes Altar-Laken, darin genehet war: Christ du Lamm Gottes. Welchen Spruch Neumann ausgetrennet und sich damit entschuldigte, dass er nicht lesen könne".

Pfarrer Rosenthal: Seelenhirte, Arzt, Apotheker und Totengräber

Grab nahe der Kirche St. Michael in Werneuchen
Das Grab von Friedrich Wilhelm August Schmidt nahe der Kirche St. Michael in Werneuchen - Foto: © -wn-

In den Jahrhunderten seit der ersten Kirchengründung in Werneuchen in der Mitte des 13. Jahrhunderts versahen viele Pfarrer dort ihren Dienst, deren Wirken - so oder so - in Erinnerung blieb. 1586 beunruhigte Prediger Johann Rauhe mit apokalyptischen Visionen die Gemeinde. In seiner Zeit häufen sich in einer kurzen Eiszeitperiode strenge Winter, nasse Sommer und Missernten; viele Menschen erkranken. Johann Rauhe sah das Weltende kommen und brachte die entstandene Lage mit Sünden der Kirchgänger in Verbindung. Er wurde 1600 abgesetzt. Um 1630 wütete die Pest. Zu dieser Zeit ist Pfarrer Rosenthal im Amt. Er geht als angesehener "Pestilenziarius" in die Kirchengeschichte ein, weil er bei seiner dezimierten Gemeinde blieb und das Risiko eigener Ansteckung in Kauf nahm. Es heißt, er sei Seelenhirte, Arzt, Apotheker und Totengräber in einer Person gewesen. Als der "Glockenpfarrer" wird Samuel Laurentius erwähnt. Er betreute die Gemeinde ab 1647 (ein Jahr vor Ende des Dreißigjährigen Krieg). In den Trümmern des zerstörten Gotteshauses fand er die beiden abgestürzten Glocken und ließ daraus vom Berliner Glockengießer Jacob Neuwert zwei neue gießen. In den noch heute im Glockenstuhl hängenden Glocken findet sich die Inschrift: "Bei Gießung der Glockenspeise (das flüssige Metall) predigte loco vacante (als Ersatz für den fehlenden Pastor) allhier zu Werneuchen Magister Samuel Laureant ..." Samuel Fabricius sen. stand von 1665 bis 1706 auf der Kanzel. Als "Reparateur" bleibt er in Erinnerung. Er ließ Altar und Kanzel erneuern. Die Kirche sei auf sein Betreiben im Jahr 1700 inwendig ausgegipst und das Tor repariert worden.

Dem Prediger Wendtland, der zwischen 1778 und 1789 amtiert, ist ein beschwerlicher seelsorgerischer Außendienst in der - nach heutigen Maßstäben nicht weit entfernten - Filiale Freudenberg auferlegt. Über die Beschwernisse eines solchen Dienstes schreibt er in einem Brief: "Meine Filiale Freudenberg ist von hier ¼ Meile entlegen. Im Winter muss ich zur Nachtzeit mit Lebensgefahr (dorthin) reisen und kann doch meine Pflicht nicht nach Wunsch erfüllen, da ich die Schule als das wichtigste Geschäft meines Amtes schon nicht gehörig besuchen kann. ... Wenn Amtsverrichtungen sind, so brauchen die Freudenberger einen ganzen Tag um mich zu holen und wieder zurück zu bringen. ... Die armen Leute sind bedauernswert und ich tue diese Ausflüge, um dieser guten Leute wegen." Die Jahre von 1795 bis 1838 sind die "Dichterjahre". Es amtiert Friedrich Wilhelm August Schmidt (1764-1838), den man später "Schmidt von Werneuchen" nennt. Er ist offenbar der einzige ehemalige Pastor des Ortes, von dem es ein für authentisch gehaltenes Bild gibt. Auf dem Porträt eines unbekannten Malers blickt uns ein Mann mit hoher Stirn, leicht gekräuselten Koteletten sowie mit dem Anflug eines beseligten Lächelns an. Da das schmale Beffchen auf dem Bild nicht senkrecht nach unten fällt, sondern schräg nach vorn hängt, ist eine (hier unsichtbare) Körperfülle zu vermuten. Vom "guten Hunger" des Gottesmannes erzählen die 1798 verfassten Romantisch-Ländlichen Gedichte, von denen eines heißt "Einladung zu einer Lustfahrt nach Tegel - An Herrn Regimentsquartiermeister und Auditeur (Kriegsgerichtsrat) Knüppel in Berlin". Die Zeilen bekunden Vorfreude auf ein pikantes Mahl:

Kirche St. Michael in Werneuchen
Die Kirche St. Michael in Werneuchen von Norden her gesehen - Foto: © -wn-
"Morgen, statt des Kochs verwürzter Speisen,
Genüge dir ein ländlich Mittagsmahl;
Ärmlich soll's nicht seyn: aus seinen Reusen
Holt der Fischer uns den besten Aal;
Ihren fettsten Puter uns zu köpfen
Weigert sich die flinke Wirthin nicht;
Wilde Erdbeer'n bringen uns in Töpfen
Auch die Kinder gern zum Nachgericht."


Die Breite seiner dichterischen Eingebungen ist groß; meist erscheint die Natur im Modus Eins-zu-Eins. Selbst dem Voyeurismus mancher Menschen, Tieren bei ihrer Fortpflanzung zuzusehen, tritt er strikt entgegen:

"Ungern freilich sehn des liebestollen
Rothwilds Augen eines Wandrers Kunft.
Schrecklich zeugen von des Ebers Brunft
Dieses Hügels aufgewühlte Schollen.
Doch zu stören euch fiel nie mir ein;
Meinetwegen mögt ihr fröhlich seyn,
Weidlich rammeln, brunften oder rollen."


In seinen 43 pastoralen Jahren bedichtete er wohl alle Haustiere, Gemüse- und Obstsorten, den häuslichen Seelenfrieden und aufwallende Liebesgefühle für Frau Henriette im abendlich schummrigen Hausgärtlein. Die unermüdliche Gedichtproduktion des märkischen Pfarrers sprach sich bis nach Weimar herum. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Friedrich Schiller (1759-1805) sind amüsiert und machen sich lustig. In den Xenien genannten polemischen Epigrammen zu Literatur und Kunst veröffentlichen sie einen Zweizeiler mit dem Titel "Poetischer Dilettant": "Weil ein Vers dir gelingt in einer gebildeten Sprache, Die für dich dichtet und denkt, rühmst du dich Dichter zu seyn?"
(Siehe auch den Beitrag "Werneuchener Pastor suchte Frau - Spott aus Weimar")

Unter den früheren Pastoren von St. Michael ist er zweifelsfrei ein Sonderfall. Nicht nur dass er schreibwütig wie kein anderer seiner Zunft war; nachrufen kann man ihm wohl auch, dass er all das, was hinter den Werneuchener Grenzen passierte, - wenn überhaupt - zur Kenntnis nahm, um es bald zu verdrängen. Er scheint die Parole aus der "Fledermaus" "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist" zur Lebensmaxime gemacht zu haben. Verwunderlich, denn seine Predigerzeit fällt in eine Periode bewegter preußischer Geschichte. Er erlebt die beiden letzten Herrscherjahre des Preußenkönigs Friedrich "Lüderjahn" Wilhelm II. (1744-1797), der ein verschärftes Zensur- und Religionskontrollwesen in Gang setzte. Unreflektiert bleibt die 1805 bis 1808 erschienene vielbesprochene Volksliedsammlung "Des Knaben Wunderhorn" von Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens von Brentano (1778-1842). Er erlebt fast alle Regierungsjahre des zögerlichen Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. (1770-1840), in denen auch die preußischen Reformer wirksam sind. Deren Abschaffung der Gutsuntertänigkeit sowie die allgemeine Bauernbefreiung wirken in Schmidts Romantizismus nicht hinein. 1806 geht mit der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt das alte Preußen unter. Der König muss nach Memel (Klaipeda) fliehen. Auch dessen Aufruf zu den Befreiungskriegen gegen die Napoleonische Fremdherrschaft vom 17. März 1813 erwähnt Pastor Schmidt an keiner Stelle; ebenso nicht die geschichtsentscheidende Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813). Demzufolge erfährt er wahrscheinlich auch nichts von der Begeisterung, mit der am 8. Dezember 1813 in der Wiener Universität erstmals die Siebente (Befreiungs)-Sinfonie Ludwig van Beethovens (1770-1827) uraufgeführt wird. Die Premiere findet als Benefizkonzert zugunsten der antinapoleonischen Kämpfer statt.

Scheinheiligkeit: "das Laster des Unglaubens im Herzen"

177 Jahre nach Schmidts Tod steht erstmals eine Pfarrerin auf der Kanzel. Als ob die Dienerin Gottes Pastor Schmidts Vermächtnis "Nur auf dem Lande lässt sichs trefflich leben" auch für sich in Anspruch nehmen wollte, zog die Berlinerin im Werneuchener Pfarrhaus ein. Am 4. Januar 2015 hält Elke Hannah Unterdörfel (geb. 1960) die erste Predigt. Mit ihrer lutherischer Fröhlichkeit und Leidenschaft scheint sie die Herzen der zurückhaltenden Märker zu erreichen. Bald kommt sie auch auf acht Flüchtlinge zu sprechen, die damals im Ort unterkamen. Sie konnte nicht hören, dass in diesem Moment auf einer der vorderen Kirchenbänke eine Frau zu zischen und räsonieren beginnt: "Wir haben damals nach dem Krieg nichts bekommen, aber jetzt die kriegen alles!" Vielleicht stieß die Pastorin bei anderer Gelegenheit in ihrer neuen Gemeinde auf das Thema Scheinheiligkeit, über die Martin Luther schrieb, dieses "gottlose Wesen (sei nur) mit dem Schein der Heiligkeit gezieret", und es sei "das Laster des Unglaubens im Herzen". Hätte Pastor Schmidt damals in seinem Gotteshaus eine solche Unbarmherzigkeit gegenüber bedürftigen flüchtigen Fremden wahrgenommen, die Predigten dieses gutartigen Mannes hätten vermutlich ihre arglosen naturnahen Akzente verloren und wären politisch geworden. Zumindest hätte ihm dieses Ausbleiben von christlicher Barmherzigkeit und Empathie das Herz sehr schwer gemacht.

Verkehrshinweis:

Werneuchen liegt an der B 158, rund 30 km von Berlin-Mitte entfernt.
Das Ev. Pfarramt der Kirche St. Michael finden Sie in der Schulstr. 3 16356 Werneuchen. (Tel: 033 398/ 902 47)
Text: -wn - / Stand: 02.02.2017

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