Vorwerk Bärwinkel bei Neuhardenberg

Molkenhaus in Bärwinkel
Das Molkenhaus von Karl Friedrich Schinkel in Bärwinkel bei Neuhardenberg - Foto © wn

Das Vorwerk Bärwinkel: Teehaus, Molkenhaus, Schauspielhaus

Leben oder - das Leben lassen. Diese höchst ungewissen Aussichten haben während der Regentschaft von Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) nicht nur Tausende Soldaten, auch militärische Führer sind physisch involviert. Einige von ihnen fallen in den drei Schlesischen Kriegen (1740-1763), die der bis heute nicht völlig durchschaubare Flötist, Philosoph und Krieger von Sanssouci vom Zaune bricht. Denn noch 1739 tritt er als Autor des kriegskritischen Traktats "Antimachiavell" hervor und widerspricht dem italienischen Politiker und Schriftsteller Niccolo Machiavelli (1469-1527), der die Machthaber von jeglicher ethischen Verantwortung freispricht, sobald sie einen Staatsnotstand für eingetreten hielten. Friedrich nennt es eine "Frechheit", mit der "dieser Schandpolitiker (Machiavelli) Anweisung zu den abscheulichsten Verbrechen gibt ... sobald Selbstsucht und Ehrgeiz dahinterstehn". Im Nachhinein könnte der "Antimachiavell" geistiger Vorläufer des weltbekannt gewordenen philosophischen Entwurfes "Zum ewigen Frieden" des Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) sein. Die Aufklärungsschrift, in deren Mittelpunkt "die Staatsoberhäupter (stehen), die des Krieges nie satt werden können", erscheint zehn Jahre nach Friedrichs Tod. Weitere Infos über Friedrich II.

Die "soziale Ader" Friedrichs II.

Schinkel-Denkmal in Neuruppin
Das 1883 aufgestellte Schinkel-Denkmal auf dem Neuruppiner Kirchplatz. Schöpfer ist der Bildhauer Max Wiese (1846-1925). - Foto © wn

Und von Beginn seiner Regierungszeit ist Friedrich ein Staatsoberhaupt, das dieser Kategorie recht nahesteht. Noch im Jahre seiner Thronerhebung (1740) stürzt sich der Hohenzoller, der sich in seiner Jugend überwinden muss, seinem Vater zu Gefallen wenigstens einmal eine Ente zu schießen, in blutige Landnahmen, die er als legitime Politik zum Nutzen Preußens begreift. Man glaubt es kaum: Er hat auch eine "soziale Ader". Überlebende höhere Chargen der Armee erhalten bei besonderen Verdiensten von ihm Ehrengaben. Während der Schlacht bei Kunersdorf (Kunowice) am 12. August 1759 gegen russische und österreichische Armeeformationen kommen solche Zuwendungen für mehrere Befehlshaber nicht mehr in Betracht. Sie sterben im Kampf, darunter der Offizier und Dichter Ewald Christian von Kleist (geb. 1715), der verwegene Generalmajor Georg Ludwig von Puttkamer (geb. 1715), dessen Husarenstück die Entführung von 300 Feind-Pferden ist, und der Generalleutnant August Friedrich von Itzenplitz (geb. 1693), der sich vom Kampf-Wahn des Königs anstecken lässt, schwer verwundet weiterkämpft und seinen Verletzungen bald darauf in Stettin erliegt. "Das entsetzliche ... Feuer der Russen und Oesterreicher aus grobem Geschütz und Musketen fiel wie ein Todes-Regen auf die Preußen, und schmetterte alles zu Boden", heißt es in der "Geschichte des Siebenjährigen Krieges", die der Offizier Johann Wilhelm Daniel von Archenholz (1741-1812) im Berliner Verlag Haude und Spener publiziert. Das Kunersdorfer Gemetzel endet mit einer preußischen Niederlage. Tausende Soldaten beider Seiten bleiben am frühen Abend dieses blutigen Sonntags meistenteils unversorgt sterbend oder schon entseelt auf dem Schlachtfeld zurück. Friedrich - bereits auf dem dritten Pferd kämpfend - will seine überlebenden, jedoch flüchtenden Soldaten aufhalten und eine nächste - sinnlose - Attacke gegen den vom Gegner belagerten Kunersdorfer Spitzberg reiten. Von dort stürmen Russen und Österreicher heran, die ihn wohl erkennen und in einem Hohlweg fassen wollen. Jetzt spürt der 47-jährige König erstmals in seinem Leben: Es ist aus. Die Arme hängen schlapp am Körper, kaum hält er noch die Zügel in den Händen; auch unterlässt er lenkende Schenkelimpulse für das Pferd. Das merkt das Tier, ist irritiert, weil die Trense locker im zahnfreien Teil des Kiefers liegt. Mit dem vielleicht später vom Biografen Franz Kugler (1808-1858) gut erfundenen Ausruf "Gibt es denn heute keine verwünschte Kugel für mich!" soll Friedrich Todesbereitschaft bekundet haben.
Trotz des Debakels an der Oder kommt in diesem Moment eine Erfolgsgeschichte kulturhistorischen Ausmaßes in Gang. Sie beginnt so: Mit Mühe gelingt es dem Rittmeister im Range eines Oberstleutnants Joachim Bernhard von Prittwitz (1726-1793), den konsternierten Kampfmonarchen zur Umkehr und Flucht zu drängen, um ihn vor Tod oder zumindest vor Gefangennahme zu bewahren. Förmlich in letzter Minute stößt von Prittwitz seinem Pferd kräftige Hilfen in die Seiten, überholt Friedrich und drängte mit seinem Pferd das scheuende Reittier des Königs in eine Drehung um 180 Grad - in Richtung der nächsten Brücke über den Fluss. Fliehen - das ist für Friedrich eine neue Erfahrung. Das zweite Ereignis folgt einige Zeit nach der Rettungstat: Friedrich vergisst dem Rittmeister von Prittwitz seine Bergung nicht. 1763 belehnt er den Siebenunddreißigjährigen mit dem Gut Quilitz (heute Neuhardenberg). Das Anwesen ist nach dem Tod seines früheren Besitzers, des Markgrafen zu Brandenburg-Schwedt Karl Friedrich Albrecht (1705-1762), im Jahr zuvor in königlichen Besitz übergegangen. Nach Jahren wird das Lehngut in "freies Eigengut" umgewandelt. Der Beschenkte errichtet ein Schloss - Vorläufer des heutigen - als eingeschossige Dreiflügelanlage mit Mansarddach. Zu Quilitz gehört das unweit gelegene Vorwerk Bärwinkel. Hier betreiben von Prittwitz - später sein Sohn Friedrich Wilhelm Bernhard (1764-1843) - eine moderne Milchviehwirtschaft, in der die neuartige Stallhaltung erprobt wird. Das sechseckige Vorwerk umfasst im Jahre 1803 mehrere Scheunen, Ställe und Gelasse und zum Schluss der Bauphase auch ein zweigeschossiges Molken- oder Milchhaus, dessen Bau das Ereignis Nr. Drei ist. Für die Errichtung dieses Zweckbaues steht, eher durch Zufall, der 20-jährige Architekt und Schüler der Bauschule und spätere Student der Bauakademie Berlin Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) bereit. Er ist ein junger Baukünstler mit einem kleinstmöglichen Werkverzeichnis - mit einer Position!

Diese Position sieht man noch heute wenige Meter südöstlich des Belvedere-Vorhofes auf dem Potsdamer Pfingstberg. Hier hat der junge Karl Friedrich Schinkel einen Teepavillon in strengen klassischen Formen nach antiken Vorbildern entworfen und bauen lassen. Gewidmet ist er Pomona, der römischen Göttin des herbstlichen Obstsegens. Es ist ein kleiner quadratischer Tempel mit Dreiecksgiebel und einer kurzen Vorhalle, an deren äußerem Ende vier ionischen Säulen das Dachgesims stützen. Heute werden hier Ausstellungen gezeigt. Im Sommer kann man auf dem Dach Lesungen beiwohnen oder auf der Wiese davor heiteren wie kontemplativen Klängen lauschen. Ein weiß-blau gestreiftes Sommerzelt wird über die Dachterrasse gespannt, wenn sich dort Teegesellschaften oder andere interessierte Kreise versammeln. Göttin Pomona zeigt auf den ihr gewidmeten Gemälden ohne zu zögern den kaum verhüllten ansehnlichen Busen, und vermutlich beschränkten sich zu der Zeit, in der man von ihrer leibhaftigen Existenz ausging, herbstlichen Lustbarkeiten nicht nur auf den Verzehr von Früchten.

Schinkels erstes Hauptwerk in Bärwinkel - das Molkenhaus

Schinkelkirche in Neuhardenberg
Die Neuhardenberger Schinkel-Kirche im klassizistischen Stil. Sie wurde von 1802 bis 1809 gebaut. - Foto © wn

Beim zweiten Haus, das zu bauen Karl Friedrich Schinkel nun angeboten wird, steht hingegen der Verzehr von Milch im Mittelpunkt. Für sie und für ein Molkenhaus gibt es Qualitätsparameter. Darüber schreibt die "Oekonomische Encyklopaedie" von Johann Georg Krünitz (1727-1796). Man liest: "Keine Melkerey lässt sich mit Nutzen bewirthschaften, wenn nicht für einen Ort gesorgt ist, der ganz eigentlich dazu passt, die Milch gut aufzuheben, und die verschiedenen Geschäfte der Milchwirthschaft ungehindert zu verrichten. Die nöthigen Erfordernisse eines guten Milchhauses sind, dass dasselbe im Sommer frisch, und im Winter laulichwarm sey, so dass das ganze Jahr hindurch immer ziemlich gleiche Temperatur darin herrscht." 1757 schreibt ein Landwirtschaftsautor, die Kuhmilch sei "das erste Futter des menschlichen Geschlechtes; so ist sie auch die beste Nahrung. (Sie ist) etwas delicates, angenehmes, und das allerlieblichste, so man (zu sich) nehmen kann". Dem allen wird in Bärwinkel Rechnung getragen. Und das Molkenhaus ist Karl Friedrich Schinkels Gesellenstück, mit dem er den von ihm bevorzugten neo-romanischen Stil wie auf dem Pfingstberg zur Geltung bringt. Das Gebäude ist vermutlich die einzige landwirtschaftliche Einrichtung in Deutschland, die als prominenter deutscher Kulturort eingestuft wird. Heute sagt die Wissenschaft, das Molkenhaus von Bärwinkel sei Schinkels erstes Hauptwerk.
Den Übergang im Arbeitsspektrum des jungen Architekten von einem antikisierenden Göttinnen-Tempel zu einem landwirtschaftlichen Gebäude mit Kühlraum, Käserei und Kuratorwohnung muss man außergewöhnlich nennen. Wer heute die zwei Kilometer von Neuhardenberg nach Bärwinkel fährt, erblickt dort tatsächlich eine kleine dreischiffige Basilika mit einem erhöhten Mittelschiff bzw. Langhaus, mit zwei Schiffen jeweils nach Nord und Süd. Rundbogige Fenster über den Dächern der Seitenschiffe schließen den möglichen Eindruck aus, dass es sich hier um ein Hallengebäude handeln könnte. Als eigenwillig wirkt die nach Osten, hier nach hinten (!), zeigende Giebelwand, die bei Basiliken üblicherweise nach vorn gestellt ist und als Eingang genutzt wird. Nicht in Bärwinkel: Die Gegenseite des Giebels, die Apsis, steht vorn und wird als Eingang genutzt. Der landwirtschaftliche Zweckbau gilt heute sogar als Auslöser für das Bauen in neo-romanischer Manier in Deutschland - und dieser Vorgang ist mit dem Namen seines Baumeisters verbunden. Dessen klare Formensprache wendet sich ab von den konkav und konvex schwingenden, überbordenden Fassaden des Barock, der der auf Klarheit zielenden preußischen Aufklärung vorausgeht. Diese neue Sicht bezeichnet eine historische Epoche, in der sich die Gesellschaft zwischen dem Ende des 17. Jh. und dem Ende des 18. Jh. von den Autoritätsansprüchen der Kirche, der absoluten Souveräne und der Scholastik, deutlich abwendet. Als maßgeblicher Künstler der deutschen klassizistischen Architektur vereint Karl Friedrich Schinkel das Erbe der Antike und der Gotik und findet dabei zu einem neuen Schauwert. Nach Meinung des Berliner Architekten Georg Augustin (geb.1951) gehe es beim Molkenhaus "noch in aller Naivität (um) die Veredlung ländlich-ökonomischer Zwecke durch die Architektur als Kunst".

Zu den ästhetischen Besonderheiten des Molkenhauses gehört das verwendete Baumaterial: Der Baumeister nimmt, was er in der Gegend vorfindet. Nach Angaben des Landbuches der Mark Brandenburg von 1854 kommt "im Oderbruche bei Neu-Hardenberg (und dort) auf den Wiesen des Vorwerks Bärwinkel Raseneisenstein vor. Man hat ihn an einigen Stellen ausgegraben und mit Vortheil zum Bau der daselbst aufgeführten Gebäude verwendet." Der Einsatz des Raseneisensteins wird in den Berichten als "geniale Benutzung des zufällig Gebotenen" bezeichnet. Offenkundig veranlassen Karl Friedrich Schinkel die Kostenersparnis, aber besonders die rustikale Struktur des gut bearbeitbaren und an der Luft ins Rotbraun oxidierenden Raseneisenstein, diesen ausgraben zu lassen und beim Bau zu verwenden. Zudem erweist sich das Vorkommen als besonders eisenreiches, hartes und durch seine Poren gut wärmedämmendes Baumaterial. Es kann sommers wie winters im Molkenhaus eine gleichbleibend günstige Temperatur gewährleisten.

Aus dem Oderland-Band der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (Quilitz oder Neuhardenberg) ergibt sich, dass Theodor Fontane (1819-1898) vermutlich auch in Bärwinkel war. Der märkische Wanderer, der immer meinte, dass "in Brandenburg und (in der) Lausitz alles nach Kiefer und Kaserne (schmeckt)", muss hier nun festgestellt haben, dass sein Bonmot nicht immer stimmt. Im peinlich sauberen Molkenhaus derer von Prittwitz umgibt ihn die aromalose Frische eben noch kuhwarm gewesener Milch, die zwar eine Grenze zum Süßen und Fetten herausschmecken lässt, aber doch nicht süß und fettig, sondern gehaltvoll frisch ist. Fontane war es gewöhnt, Milch "mit Andacht zu verzehren", nahm gern auch saure Milch mit ihrer "einladenden, chamoisfarbenen (etwas gelblichen) Sahnenschicht" zu sich. Im Vorwerk haben sie ihn sicherlich nicht durstig weggehen gelassen. Im Übrigen ist auch er vom ungewöhnlichen Äußeren des Gebäudes beeindruckt: Es mache "etwas den Eindruck, wie wenn ein junger Poet einen wohlstilisierten und bilderreichen Brief an seine Wirtsfrau oder deren Tochter schreibt. Der Stil, die Sprache sind an und für sich tadellos, nur die Gelegenheit für den poetischen Ausdruck ist schlecht gewählt." Man kann ihn nicht mehr fragen, warum er meint, man könne der hübschen Tochter einer Wirtin zu eindeutigem Zweck keinen wohlformulierten Brief schreiben.

Schauspielhaus auf dem Berliner Gendarmenmarkt
Das Schauspielhaus im Zentrum des Berliner Gendarmenmarktes ist eines der Hauptwerke Karl Friedrich Schinkels. Es wurde 1821 eröffnet. - Foto © wn
Schinkels früher Ruhm verbreitet sich. Jetzt erhält er den Auftrag, das (1948 abgerissene) Schloss Buckow umzubauen. Weitere Aufträge schließen sich an, darunter der Bau der sogenannten Schinkel-Kirche in Neuhardenberg. Auf stürmischem Berufsweg ist er unterwegs. Dann kommt das Jahr 1818, in dem er die Neue Wache in Berlin baut und am Gendarmenmarkt das Schauspielhaus, von dem man ohne Übertreibung sagen kann, dass ein ländliches Molkenhaus ein Vorläufer dieses grandiosen Gebäudes ist. Zu dieser Zeit, in der er mit dem Schauspielhaus seinen vermutlich achtzehnten Bauauftrag abarbeitet, schreibt der Schriftsteller und Theaterleiter Heinrich Laube (1806-1884) über ihn: "Man hat Schinkel den Bramante Berlins genannt und hinzugesetzt, dass er den Italiener übertreffe. Sicherlich ist er bis jetzt der geschmackvollste Baumeister Berlins." Donato Bramante (1444-1514) war ein berühmter italienischer Baumeister und Begründer der Hochrenaissance-Architektur. Und so fügte es sich, dass das gewaltsame Abdrängen eines Pferds zu Gunsten seines bedrohten Reiters über 250 Jahre zuvor einen kulturellen Entwicklungsgang anstieß, deren vergegenständlichte Resultate uns heute noch Augenfreuden bereiten. In kleinem Rahmen auch in Bärwinkel.

Wie man nach Neuhardenberg und Bärwinkel kommt:
Von Berlin aus benutzt man die B1 / B5 in Richtung Müncheberg/Frankfurt (Oder). Ab dort fährt man in Richtung Seelow/Küstrin bis Jahnsfelde, um auf die Landstraße über Trebnitz und Wulkow nach Neuhardenberg zu gelangen. Nach Bärwinkel sind es von dort rund zwei Kilometer.
Text: -wn-

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Stand: 12.11.2019