Konnopke

Imbissstand von Konnopke
Konnopkes Imbiss unter der U-Bahn nahe der Kreuzung Schönhauser Allee Ecke Eberswalder Straße Foto: © wn

Konnopkes Imbiss im Prenzlauer Berg - Guten Appetit! Der Nächste bitte!

Der Erwerb einer Bratwurst zum sofortigen Verzehr inklusive Semmel mit zubuchbarer gewürzter Soße ist natürlich nicht märchenhaft. Ist es doch zunächst ein tausendfach vorkommender Verkaufs- bzw. Kaufvorgang. Wie rastlos jedoch das Zubereiten und Aushändigen des Bratgutes sein kann, zeigt sich an Konnopkes Imbiss nahe der Kreuzung Schönhauser Allee Ecke Eberswalder Straße; und man erfährt nebenbei, warum es Schnellimbiss heißt. Eine ca. 50 Meter lange Schlange passiert hier - wurde errechnet - in zehn Minuten das Ausgabefenster.
Und wer in der schnellläufigen Schlange stand und nun an der Reihe ist, bei dem könnte sich tatsächlich eine Assoziation mit einigen Märchen einstellen. Vorausgesetzt der betroffene Wurstkäufer las in seiner Kindheit und Jugend deutsche Volksmärchen. Zwar wird in keiner anderen überlieferten Erzählgattung so viel geköpft, zerhackt, gehängt, verbrannt oder ertränkt wie im deutschen Märchen. Aber man erfährt in mancher Geschichte auch, wie eine gutherzige Fee oder eine ebenso philanthropisch geartete Weiße Frau oder gar das von einem Helfersyndrom beherrschte Glasmännlein aus dem "Kalten Herz" - dass sie alle bereit sind, glücklosen Menschen freie Wünsche zu erfüllen.

Konnopke
Anstehen vor dem Verkaufsfenster - Foto: © -wn-

Woran man sich dabei besonders erinnert: Solche Beglückungen sind mit prompter Wunscherfüllung verbunden, nahezu im selben Moment. Nehme man nur das humoristische "Märchen von den drei Wünschen": Eine Frau hat das delikate Odeur einer Bratwurst in der Nase. Zufällig wanderte gerade ein Gott vorbei und will ihr etwas Gutes tun. Dazu soll sie einen Wunsch aussprechen. Statt sich Gesundheit, Jugend oder ein auskömmliches Leben zu wünschen - verlangt sie eine Bratwurst. Sie hat ihren dummen Wunsch noch gar nicht ausgesprochen, da liegt die Wurst essfertig vor ihr auf einem Teller. Warum wird das erzählt? Ähnlich prompt und professionell geht es in Konnopkes Imbiss zu - nur dass das Gewünschte geldwert ist.
Vor allem hat man beim Bestellen die Gedanken zusammenzunehmen. Wer eine Currywurst in Auftrag gibt, hat als Erstes auf die Frage "Darm oder ohne" zu antworten. Und nachdem die Wurst Momente später von der Wurstwenderin nebenan auf einem Pappteller vom Grillrost herübergereicht wird, und der Ausbieter am Fenster die Konnopke-Curry-Soße mit den unbekannten Ingredienzien aus der Quetschflasche aufträgt und mit Curry-Pulver einstaubt, erhebt sich die zweite Frage: Ketschup oder Mayo? Auch darauf gilt es schnell zu reagieren, um den Verkauf nicht aufzuhalten. Abschlussfrage: Schrippe? In der Zeit, in der eine Taube im abgebremstem Sturzflug mit ausgebreiteten Schwingen vom (früher) anfliegbaren Stahlträger an der Decke des U-Bahn-Viaduktes vor dem Kiosk zu Boden ging, um sich am Krümelaufkommen gütlich zu tun - es vergeht nicht sehr viel mehr Zeit, bis sich der Kunde mit seiner Curry-Wurst in der Hand einen Essplatz suchen kann.

Herbert Grönemeyers Currywurst-Song

Trotz der Popularität schafft es die Curry-Wurst bisher kaum in die Literatur. Allenfalls im September 2006 auf ein Plakat der SPD zur Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses.
Auf dem Aushang sieht man einen Pappteller mit einer geschnittenen und mit einer ekligen schwarzen Masse überzogenen Currywurst. Dazu gibt die SPD bekannt: "Ohne Rot sieht's hier duster aus - Konsequent Berlin". Keine Fremde ist die Currywurst hingegen in der Welt des Rocksongs, wo sie nachgerade gefeiert wird. Herbert Grönemeyer (geb. 1956) schuf einen heiter-besinnlichen Lobgesang. Und die Laudatio auf die kulinarische Kostbarkeit singt der Künstler mit seiner wunderbaren - wie er selbst sagt - Knödelstimme:

"Gehse inne Stadt
Wat macht dich da satt
'Ne Currywurst
Kommse vonne Schicht
Wat schönret gibt et nich
Als wie Currywurst ...

Willi, is dat schön
Wie wir zwei hier stehen
Mit Currywurst
Willi, wat is mit dir
Trinkse noch 'n Bier
Zur Currywurst".

Von solchen Gedanken und Gefühlen sind viele erfüllt, die bei Konnopke anstehen. Es sind mittlerweile nicht nur Berliner (vielleicht sind diese inzwischen sogar ein zumindest große Minderheit).
Die Schlange ist mit nicht wenigen aus Schwaben Gebürtigen durchmischt, die au geret oimol oi Currywursch mid oim Wegge essen, sowie mit anderen Zugezogenen und Touristen. Die Betreiberin des Imbiss', Waldtraut Ziervogel (geb. 1936), eine freundliche Frau ohne gespreiztes grimassierendes Bunte-Blätter-Lächeln, erinnert sich an den proletarischen Zuschnitt ihres früheren Kundenstammes: "Unser typischer Gast war früher der Arbeiter. Vor der Arbeit kam er kurz rein und aß 'ne Bockwurst, und nach der Arbeit noch mal. Heute gibt es diesen Arbeiter nicht mehr, entweder hat er keine Arbeit oder kein Geld. Dann der Bezirk: Früher war der Prenzlauer Berg ein reines Arbeiterviertel, heute ist er ein Szenebezirk." Gelegentlich taucht ein Politiker auf, der vielleicht tatsächlich Hunger hat, jedoch sich ganz sicher vor allem volkstümlich zeigen will. Das bewog eines Tages den Hartz 4-Erfinder Gerhard Schröder (geb. 1944) dazu, hier einmal zu erscheinen. Er wollte nicht nur mit seinem Satz "Hol' mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik ich hier" im Gespräch sein, sondern als besonderen Auftritt bei Konnopke eine Curry-Wurst kaufen und öffentlichkeitswirksam verzehren. Wahrscheinlich hatte er vor zu zeigen, wo das Herz eines lupenreinen Sozialdemokraten am heftigsten schlägt, nämlich "bei den Menschen draußen im Lande"? Oder setzte er mit seinem Auftritt unter der U-Bahn gar eine opulente preußische Frühstückstradition fort, von der der Schriftsteller Gottfried Peter Rauschnick (1778-1835) 1817 schrieb, " ... ohne ein Frühstück mit Wein und Braten gehet es hier nicht ab, da das hiesige Völkchen bei vorzüglich gutem Appetit ist; daher auch die Frühstücks-Wirte ... ein gutes Fortkommen finden und kein Gewerbetreibender so schnell reich wird, wie sie". Die Berliner "Wurstfrau" und der Meisterkoch Einen solchen Zuwachs an Reichtum kann Waltraud Ziervogel für sich und ihren Betrieb nicht bestätigen - zumindest nicht für die Zeit der DDR-Jahre. Da waren die Einnahmen aufgrund der vorgeschriebenen Preise eher mager. Sie äußert sich dazu im Jahre 2008 an einem Ort, mit dem man die Berlinerin kaum in Verbindung bringen würde. In den Berliner Tageszeitungen ist von ihr von Zeit zu Zeit die Rede oder in den kostenfreien Werbeblättern, die man im Briefkasten findet. Zum Erstaunen des Publikums veröffentlicht die linksliberale und meinungsstarke deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" ein Gespräch mit ihr und dem einflussreichsten Kochkünstler des deutschsprachigen Raums Eckart Witzigmann (geb. 1941), der 1994 vom Restaurantführer französischen Ursprungs Gault&Millau zum "Koch des Jahrhunderts" gekürt worden war. Im "Weltrestaurant Markthalle" sitzen sich also der legendäre Meisterkoch und Waldtraut Ziervogel gegenüber, die mit einiger Sicherheit in die Berliner Stadtgeschichte als "Wurstfrau" (als die sich selber sieht) eingeht. Wegen ihrer Popularität und der Achtung vor ihrer unternehmerischen Leistung unterlässt es der sonst um keine Verhohnepipelung verlegene Berliner Volkswitz, für sie einen Spitznamen kreieren. Denn unter anderen Umständen würde sie längst "Wurst-Wally" heißen. Sie ist auch kein Berliner Original, sondern eine Geschäftsfrau, die ihren damals wie heute kultigen Betrieb bei gleichbleibender Qualität des Angebotes unangefochten durch die DDR-Jahre und über die Wende brachte. Auch die DDR-Presse war seinerzeit des Lobes voll. Es gibt (wahrscheinlich) in der gesamten Presse der verflossenen Republik keinerlei Kritik an Konnopkes Imbiss. Einzig im Juli 1969 glaubte die "Berliner Zeitung" ihre Rolle als "sozialistischer Organisator" ernstnehmen zu müssen und schrieb "Konnopkes Bockwurstbude in der Klement-Gottwald-Allee (heute wieder Berliner Allee) stände ein neuer Farbanstrich auch mal ganz gut". Eckart Witzigmann hatte wohl die Vorstellung, dass sich Waltraud Ziervogel bereitfinden würde, erstmals das Geheimnis ihres Currysoßen-Rezeptes preiszugeben. Sie denkt gar nicht daran und sagt nur, dass ihre Curry-Soße heute ein "verfeinerter" Ketschup aus Werder ist.
Was Mutter Charlotte (1910-2008) und Vater Max (1901-1986) um das Jahr 1960 mit Tomatenmark, Paprikapulver, einigen Gewürzen und Essig verrührten - das bleibt ein Betriebsgeheimnis. Konnopkes Curry-Wurst wurde allerdings erst kreiert, nachdem in Westberlin die Curry-Wurst bereits keine Unbekannte war. Deshalb gab es damals in der Familie Konnopke die Idee, auch ein bratbares Produkt ohne Darm herzustellen. Die Idee wurde besprochen und Max setzte sich mit einem befreundeten Fleischer zusammen, der die Wurst herstellte. So kam die Currywurst/Ost damals zustande. Die gesellschaftlichen Hintergründe von Eckart Witzigmann und Waltraud Ziervogel können nicht unterschiedlicher sein. Während er in gesicherten Verhältnissen in Bad Gastein aufwuchs und Ende der 1950er Jahre eine Kochlehre absolvierte, um bald darauf zu einem berühmten Küchenchef aufzusteigen, meinte es das Leben mit Max Konnopke weniger gut. Seine Eltern und weitere Vorfahren in Groß-Döbbern bei Cottbus waren Bauern und hatten offenbar immer Geldsorgen. Das jedenfalls lässt der Beschluss über einen "Notwendigen Verkauf Schuldenhalber" des Königlichen Kreisgerichtes Cottbus vom 6. Februar 1868 vermuten. Betroffen von dem Gerichtsbeschluss ist die Tagelöhnerin "Balzer, Liesa geb. Kollosche, früher verehelicht gewesene Konnopke". Am 26. Mai 1868 wird deren Grundstück in Groß-Döbbern an einen Meistbietenden versteigert. Nach der Schule verdingte sich Max als Gelegenheitsarbeiter. 1930 will er der provinziellen Armut entgehen und versucht sein Glück in Berlin. Er wurde, was eine eingeführte Berufsbezeichnung war, Wurstmaxe. Da der Wurstverkauf am Tage verboten war, zog er täglich von 19.00 bis 05.00 Uhr mit Wurstkessel, Klapptisch und Schirm los. Der Hauptstandort der am 4. Oktober 1930 gegründeten Bauchladen-Firma war bereits an der Ecke Schönhauser/Danziger Straße, wo der Imbissstand heute noch existiert und in dem rund zehn motivierte Angestellte bei geringer Fluktuation arbeiten. Nach Meinung eines Reisemagazins könne die Firma Konnopke den Namen "King of Currywurst Ost" tragen. Natürlich würde Waltraud Ziervogel so ein Begriff nie über die Lippen kommen. Sie wirbt mit dem Slogan "Tradition mit Geschmack seit 1930", verstößt aber andererseits gegen manches Gebot der Betriebswirtschaftlehre. Obwohl nach der heutigen Schließzeit 20.00 Uhr durchaus noch Leute anstehen würden, lässt sie - um mehr Umsatz zu haben - das Geschäft nicht länger offen. Ihre Begründung: Wir wollen die Qualität halten.

Grillwalker sind für Konnopke keine Konkurrenz

Currywurst von Konnopke
Ein Currywurst von Konnopke mit Ketschup und Mayo
Foto: © -wn-

Ob Max Konnopke mit der Zeit zum Berliner Original wurde und seine Würste lautstark und mit lockeren Sprüchen feilbot oder schweigend auf den nächsten Kunden wartete, ist nicht bekannt.
Er sei ein "harter Geschäftsmann (gewesen), der jedoch immer das Wohl seiner Frau und Kinder im Auge hatte", sagt die Enkelin Dagmar. Er habe in seinem Leben zwei Kriege erlebt, das hat Menschen seiner Generation sehr geprägt und ernst gemacht. Und so ging es mit einem mobilen kleinen Wurstkessel an einem Gurt um den Hals los, so wie auch der Wurstmaxe, den Heinrich Zille auf einem Aquarell verewigte. Er ist - wie bei Zille nicht selten - von einer kleinen Rasselbande Berliner Blagen (Kindern) umringt, bei denen der Pawlowsche Hunger-Reflex sich bemerkbar macht. Unter dem Aquarell finden wir den Ausruf des Wurstverkäufers, der zu den umstehenden Kindern eher spaßhaft als böse sagt: "Reißt die Nasenlöcher nach so weit uff! Ihr zieht mir den janzen Dufte von die Wurst weg!" Einen Wurstmax schildert auch der Schriftsteller Felix Hollaender (1867-1931) 1902 in seinem Roman "Der Weg des Thomas Truck". Er bezeichnet ihn dort als einen vor einer Kneipe stehenden "großen Kerl, mit einem gerade gezogenen Scheitel und einem entsetzlich langen, spitz gedrehten Schnurrbart. An seiner weißen Schürze, die den ganzen Körper deckte, trug er einen durch einen Gurt befestigten Kessel, in dem seine "Wiener und Jauerschen" schmorten (beide würziger und schlanker als eine Bockwurst)." In einem blauen Beutel habe der Mann immer eine Kognakflasche zur Hand gehabt. "Jeden vorübergehenden Jüngling hielt er an und duzte ihn, indem er schwadronierend ihm seine Ware anbot ... Mit seinen Händen fuchtelte er in der Luft umher. Sein Redeschwall setzte nicht eine Sekunde aus. Dabei hatte dieser Fleischergeselle den schnarrenden Ton eines Leutnants." Es ist heutzutage nicht nur dieser Ton verschwunden, in der Szene des modernen ambulanten Wurst-Handels herrscht Schweigen.
Es sind junge Männer, die man Grillwalker oder Grillrunner (Grill-Läufer) nennt. Sie stehen in der Berliner Innenstadt mit ihren bis zu 30 Kilo schweren Grills standorttreu auf den Plätzen, für die sie eine Genehmigung besitzen. Die Fähigkeit, für Konnopkes Imbiss eine Konkurrenz zu sein - die haben sie nicht. "Der Nächste bitte! Mit oder ohne Darm? Ketschup oder Mayo?" Märchenhaft.

Adresse:
Konnopke's Imbiß
Schönhauser Allee 44B
(unter der Hochbahn)
10435 Berlin-Prenzlauer Berg
Telefon: 030 / 442 776 5
Tipps zur Anfahrt:
Konnopkes Imbiss erreicht man mit der U-Bahn U2, Station Eberswalder Straße, sowie mit den Straßenbahnen Tram M1 und Tram 12.

Die Öffnungszeiten von Konnopke's Imbiß

Montag - Freitag: 10:00 - 20:00 Uhr
Samstag: 11:30 - 20:00 Uhr
Konnopke hat Sonntags und an Feiertagen geschlossen !

Imbissbuden :

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Stand: 27.10.2018

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