Sowjetische Ehrenmale in Berlin und Brandenburg

Sowjetisches Ehrenmal in der Straße des 17. Juni
Sowjetisches Ehrenmal in der Straße des 17. Juni in Berlin Mitte. Foto © -wn-

Die sowjetischen Ehrenmale in Berlin: "Sparsam mit Munition, achtlos mit Menschen"

"Steh auf, steh auf, du Riesenland! / Heraus zur großen Schlacht!" - Mit diesen gebieterischen Zeilen beginnt der zwischen Abend und Morgen entworfene sowjetische Hymnus "Der Heilige Krieg" (Swjaschtschjennaja Wojna). Stunden nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, der am 22. Juni 1941 gegen ein Uhr nachts mit Fliegerangriffen auf grenznahe Städte seinen Anfang nimmt, ersinnen der Komponist Alexander Wassiljewitsch Alexandrow (1883-1946) und der Textautor Wassili Iwanowitsch Lebedew-Kumatsch (1898-1949) diesen musikgeschichtlich markanten Aufruf zum Kampf gegen den Aggressor.

Zwei Tage nach der Invasion publiziert die Zeitung Iswestija den Text, weitere zwei Tage darauf sind die vier Strophen mit den gleichlautenden Refrains vertont. Das Lied wird zum wirkmächtigen Schlachtruf des zunächst schwer anlaufenden Verteidigungskampfes, den die Russen den Großen Vaterländischen Krieg nennen und den sie als Teil der sowjetisch-amerikanisch-englischen Anti-Hitler-Koalition nach 46 Monaten unter hohen Opfern gewinnen. Man sagt, das Lied habe zu diesem schweren Sieg beigetragen. Erklingt es heute in Russland in einem Chorkonzert, erheben sich die Zuhörer unaufgefordert - so als ob die Nationalhymne angestimmt werden würde; und die "russische Seele" (die Wendung gibt es nur im Deutschen) zeigt im ungeminderten Erinnern an das Vergangene eine ihrer emotionalen Seiten: eine über einfaches Gedenken hinausgehende Solidarität voller Achtung und Liebe mit den Toten, die nicht aus der Gemeinschaft der Lebenden entlassen sind. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre erstellt der deutsche Schriftsteller Stephan Hermlin (1915-1997) eine ebenso populäre deutsche Fassung des "Heiligen Krieges", die vom Schauspieler und Sänger Ernst Busch (1900-1980) mit unverwechselbarer Stimme adäquat und eindringlich interpretiert wird. Wer heute eines der sowjetischen Ehrenmale im Tiergarten, in Treptow oder in der Schönholzer Heide in Pankow besucht, wird den appellarischen Gestus dieses Liedes auch in Stein gehauen finden. Nichts wurde seit dem Kriegsende am originalen Zustand dieser Orte verändert. An jedem Neunten Mai, dem Tag des Sieges, werden sie vor allem von Russen aller Generationen besucht. Man kann in den Arealen das ungewöhnliche Phänomen freudiger Trauer erleben. Auch um am Fortbestand der Ehrenmale keinen Zweifel aufkommen zu lassen, verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland im Nachbarschaftsvertrag vom 9. November 1990, sowjetische Denkmäler und Kriegsgräber in Deutschland zu erhalten und zu pflegen. So wie Deutschland geschichtsbedingt besondere Beziehungen etwa zum Staat Israel oder zum ehemaligen "Erzfeind" Frankreich unterhält, ist auch das Andenken an die bei der Befreiung Deutschlands vom Faschismus gefallenen und hier bestatteten Sowjetsoldaten von keiner plötzlichen politischen Verwerfung abhängig. Die Zusage gilt, auch wenn die gegenwärtige russische Regierung (2015) den Eindruck zu erwecken scheint, als wolle sie die zaristischen Expansionen des 17. und 18. Jahrhunderts fortsetzen und dass die Krim-Landnahme im Jahre 2014 nur ein Anfang war.

Deutschland verpflichtet sich zur Pflege der Gedenkstätten

Seelower Höhen
Sowjetisches Kriegsgerät in der Gedenkstätte "Seelower Höhen"
Foto: © wn

Das deutsche Pflege-Versprechen betrifft an der Straße des 17. Juni im Tiergarten den acht Meter hohen bronzenen Rotarmisten mit geschultertem Gewehr und windgeblähtem Mantel, der vor den Gräbern von etwa 2500 Gefallenen steht. Sein linker ostentativ nach vorn unten ausgestreckter Arm scheint den häufigen Festmeilengetrieben zu seinen Füßen auf dem Damm ein Stoi gebieten zu wollen. Die inzwischen zur innerstädtischen Skyline gehörende Figur auf dem mittleren Sockel der Anlage schufen die Bildhauer Wladimir Efimowitsch Zigal (1917-2013) und Lew Jefimowitsch Kerbel (1917-2003). Kerbel verdankt die Stadt Chemnitz eines ihrer berühmten, wenn auch nicht von jedem geliebten Wahrzeichen in der Brückenstraße: den "Nischel", den Kopf des (in der DDR oft missbräuchlich benutzten) Privatgelehrten Karl Marx (1818-1883). Der Prenzlauer Berg in Berlin hingegen muss mit dem biederen, im engeren Umfeld einsamen und ewig beschmierten Denkmal des deutschen Antifaschisten Ernst Thälmanns (1886-1944) leben, hinter dessen massigem Kopf eine Fahne lustlos im lauen Winde hängt.

Einen durch nichts zurückgehaltenen Gestus der Macht, des Sieges und der Opferwürde erkennt der Besucher am Treptower zwölf Meter hohen Soldaten mit dem geretteten deutschen dreijährigen Mädchen auf dem linken Arm. Modell stand der Soldat Iwan Stepanowitsch Odartschenko (1926-2013) aus dem südrussischen Tambow, dessen athletischer Körper dem Bildhauer Jewgeni Wiktorowitsch Wutschetitsch (1908-1974) bei einem sowjetischen Sportfest 1948 in Weißensee aufgefallen war. Das Kind und seine dramatische Bergung sind authentisch. Die Rettung geht auf eine entschlossene Handlung des Obersergeanten vom 220. Gardeschützenregiment Nikolai Iwanowitsch Massalow (1922-2001) zurück. Der Traktorist aus dem südsibirischen Dorf Voznesenka im Oblast Kemerowo rettet das Mädchen am 30. April 1945 im Kugelhagel am Landwehrkanal nahe der Potsdamer Brücke.

Auch in der Schönholzer Heide wurde das Ehrenmal nach längerer Bauzeit in einen gepflegten Zustand versetzt. Vom Platz vor dem Obelisken sieht die traditionelle russische "Mutter Heimat" auf die Gräber herab. Die vom Bildhauer Iwan Gawrilowitsch Perschudtschew (1915-1987) geschaffene Frau mit geflochtenem Haarkranz und einem gefransten russischen Tuch auf den Schultern erinnert an die (von 40 Zentimeter auf 1,60 Meter vergrößerte) Pieta der Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz (1867-1945) "Mutter mit totem Sohn" in der Neuen Wache Unter den Linden. Die rechte Hand der Mutter-Heimat-Figur liegt auf einem Kranz, die Linke hält das Tuch, das den vor ihr liegenden toten Soldaten bedeckt. Hier ist der verlustreiche Kampf vorbei, jener Kampf, zu dem die 2600 Kilometer weiter östlich stehende Figur "Mutter Heimat ruft" (Rodina match sowet) aufgerufen hatte - es ist das (bis zur Schwertspitze) 85 Meter hohe Hauptmonument auf dem Wolgograder Mamajew-Hügel. Die Schönholzer Mutter Heimat steht auf niedrigem Sockel, auf dem es heißt: "Nicht vergebens waren der Tod und das vergossene Blut der Sowjethelden / Nicht vergebens der Kummer und die Tränen der Mütter, Witwen und Waisen / Sie rufen zum Kampf für den dauernden Frieden unter den Völkern auf." Nicht immer ist die russische Mutter von solch warmen, entschlossenen Pathos umhüllt. Im Jahrhundertroman "Reise von Petersburg nach Moskau" des sozialkritischen Schriftstellers Alexander Nikolajewitsch Radịschtschew (1749-1802) wird uns eine "gnädige Frau Mama" vorgeführt, die ohne Skrupel ihre fünfzehnjährige Tochter mit einem "verdienten Greis" und zaristischen General verkuppelt. Die entsetzte Tochter versucht sie mit dem Hinweis zu beruhigen: "Von der ersten Nacht an kann man ihn daran gewöhnen, dass er die alte dumme Mode aufgibt, mit der Frau in einem Zimmer zu schlafen." Ganz anders die vernachlässigte, unausgesetzt liebesstarke Mutter des Diebes Jegor Prokudin aus der Erzählung "Kalina Krassnaja" (Roter Holunder oder Schneeball) des Schriftstellers Wassili Makarowitsch Schukschin (1929-1974). Produdin, dem es nicht gelingt, nach einer Rachehaft ins normale Leben zurückzukehren, trifft vor seinem tragischen Ende auf seine Mutter, die ihn nicht mehr erkennt und schicksalsergeben von ihrem geliebten "Söhnchen" spricht.

Daniil Granin: Nicht jedes Opfer war notwendig

So wie sich hinter hohem Pathos oft klägliche Niederungen des realen Lebens ausbreiten, ist auch der vieltausendfache Opfertod von Sowjetsoldaten 1945 in und um Berlin nicht durchweg durch militärische Aktionen des faschistischen Gegners zu erklären. Seit einigen Jahren wird deshalb der russische Schriftsteller Daniil Granin (geb. 1919) nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die unermesslichen Menschenopfer auf sowjetischer Seite nicht immer mit militärischen Gründen erklärt werden können. Denn oft wurden die Tode von Soldaten aufgrund brachialer Terminvorgaben des Oberbefehlshabers Josef Wissarjonowitsch Stalin (1879 od. 1878-1953) herbeigeführt. Daniil Granin gehört zu den Verteidigern des 900 Tage lange belagerten Leningrad und hat diese Einsicht zuletzt in seinem Aufsehen erregenden, mit anekdotischen "Schützengrabenwahrheiten" angereicherten Buch "Mein Leutnant" geltend gemacht. Sieben Jahrzehnte nach der Befreiung entwirft der Autor, den man gut und gerne einen "Lew Tolstoi unserer Tage" nennen kann, "das vielstimmige, erschreckende und bisher unbekannte Bild eines Krieges." (Bücher. de)

Bereits 1998 hatte der Autor in der Zeitschrift "Sinn und Form" bei der Darstellung des gesellschaftlichen Klimas in der Sowjetunion auf eine massenhafte Erscheinung hingewiesen, von der die drei Denkmäler in Berlin nichts erzählen: von der Angst der sowjetischen Menschen - auch in Friedenszeiten - um die persönliche Sicherheit und um das eigene und das Leben von Verwandten. Es war eine Angst, die es offiziell nicht geben durfte. Das 1946 in Moskau erschienene Standardwerk "Grundlagen der allgemeinen Psychologie" des Psychologen und Philosophen Sergej Leonidowitsch Rubinstein (1889-1960) spart die Kategorie der Angst bezeichnenderweise völlig aus, obwohl sie 1937 als Massenerscheinung entstand und - wie Daniil Granin schreibt - "den Charakter des Volkes deformierte. Diese Angst bestand mindestens bis zum Beginn der Zeit, in der der Politiker Michail Sergejewitsch Gorbatschow (geb. 1931) eine Wende versuchte.

Menschliche Angst im sowjetischen Verteidigungskrieg vermutet man in den Schützengräben und soldatischen Unterständen. Überlebte doch - zumindest im ersten Kriegsjahr 1941 - ein Soldat an vorderster Front durchschnittlich nur vier Tage (!). Daniil Granin erinnert sich an diese Totgeweihten: "Der Tod war Bestandteil des Frontalltags, des Krieges, ob man wollte oder nicht. Es war unmöglich, jeden Verlust zu beweinen, täglich machte sich jemand in die Ewigkeit auf. Manchmal ganze Truppenteile." Die existentielle Lebensangst ging jedoch besonders bei den militärischen Befehlshabern aller Ebenen um. Um der nächst höheren Ebene wenn schon nicht einen Sieg, aber doch Siegeswillen zu dokumentieren - schickten diese Kommandeure Soldaten auch in aussichtslose Kämpfe - um einer eigenen Bestrafung zu entgehen. Weiter heißt es: "Bei der Führung (in Moskau) waren diejenigen beliebt, die angriffen, ohne Menschenleben zu schonen, alles in den Kampf warfen, die immer mehr forderten, die nur durch Masse etwas erreichten, durch den Einsatz von Fleisch. Wie viele von diesen Fleischern gab es unter unseren ruhmreichen Generälen!" Der im hohen Alter stehende Autor hofft, dass sich in der Zukunft ein Historiker finden wird, "der die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges umschreibt, jene rühmt, die Soldatenleben bewahrt und die Operationen durchdacht haben, um die Soldaten nicht ohne Deckung zu lassen, die findig waren, abwarteten und überlegten, wie man den Gegner geschickter umstellen und umgehen konnte."

Marschall Schukow zeigt keine Einsicht

Dem damaligen Oberbefehlshaber der 1. Weißrussischen Front Georgi Konstantinowitsch Schukow (1898-1974), der mit der Schlacht um die Seelower Höhen in die Geschichte einging, bei der 33000 sowjetische Soldaten fielen, kam auch in der Nachkriegszeit nicht der Gedanke, dass er Soldaten sinnlos in absehbare Tode trieb. Im Rückblick erweist sich der uneinsichtige Marschall regelrecht als Schüler des Königs in Preußen Friedrich II. (1712-1786), dessen berüchtigte Breitfront-Attacken ebenfalls Tausenden Männern das Leben kostete. Selbstgewiss schreibt Schukow in seinen "Erinnerungen und Gedanken": "Im Laufe der Schlacht am 16. Und 17. April (1945) und auch später kehrte ich in Gedanken immer wieder zu einer Analyse der Operation unserer Front zurück, um mich davon zu überzeugen, dass wir bei unseren Entscheidungen keine ersten Fehler begangen hatten ..." Der Marschall konnte, wie er meinte, reinen Gewissens jedwede Schuld zurückweisen, weil er offenkundig von den Angehörigen seiner Truppenteile ein ähnliche Meinung hatte wie sie im "Lob auf den russischen Soldaten" zum Ausdruck kommt: "Der redliche wahre Russe hat die starke Macht immer geachtet, sich vor ihr gebeugt, ohne zu fragen und ohne darüber nachzudenken, welches die Gründe für jene Befehle seien, die oft nicht leicht zu erfüllen und zu ertragen waren." Das ist kein Ausspruch Stalins, sondern die Meinung des berüchtigten zaristischen Petersburger Staatsanwaltes Alexej Tichonowitsch Wassiljew (1869-1930), der auch deshalb in die Geschichte einging, weil er den Mord an dem Wanderprediger und vorgeblichen Geistheiler Grigori Jefimowitsch Rasputin (1869- 1916) bearbeitete. Daniil Granin, dem das Glück des Überlebens zufiel, bringt die Denkart der Befehlshaber seiner Kampfjahre so auf den Punkt: "Warum sind sie so mit uns umgegangen ...? Weil es von uns immer genug gegeben hat. Morgen schicken sie Sibirier, dann Uraler, dann Kasachen. Nicht mit Menschen muss man sparsam umgehen, sondern mit Munition."

Wie man zu den Ehrenmalen kommt: Das Ehrenmal in der Straße des 17. Juni erreicht man auf kurzem Fußweg vom Brandenburger Tor aus.
Das Treptower Ehrenmal (Eingang Puschkinstraße) ist nach ebenso kurzem Fußweg durch den Treptower Park vom gleichnamigen S-Bahnhof (S8) zu erreichen. Stadtauswärts kann man in der Straße Am Treptower Park linkerhand einen schmalen Parkplatz nutzen und betritt dann die Anlage von der anderen Seite.
Das Ehrenmal in der Schönholzer Heide befindet sich in der Germanenstraße.
Verkehrsverbindung: Bahn: S1, S2, S25 Bahnhof Schönholz, Bus 155 Ehrenmal Schönholz
Machen Sie doch auch mal bei einer Führungen durch die Festung Küstrin mit!
Text: -wn- / Stand: 03.10.2019

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