Die Khadija-Moschee in Pankow - "Uns Muslimen fehlt ein Martin Luther"

Schwer vorstellbar der Gedanke - doch abwegig ist er kaum: Denn wie man sieht, ermutigt das Beispiel des christlichen Reformators Martin Luther(1483-1546) heutige
Die Khadija-Moschee in Pankow
Die Khadija-Moschee an der Tiniusstraße in
Pankow-Heinersdorf - Foto © -wn-
Anhänger des Islamstifters Mohammed (um 570-632) dazu, eine Renovation ihrer Weltreligion zumindest erst einmal für denkbar zu halten. Aber nicht um ein Verdolmetschen des Korans ginge es bei diesem unerhörten Vorhaben - ähnlich Luthers Übertragung der beiden Bibeltestamente aus dem Hebräischen und dem Griechischen in noch heute erlebbares Deutsch.
Eine moderne, nicht ideologisierende Auslegung (Exegese) des Heiligen Korans wird von diesen Muslimen als Ziel benannt. Keine Sure soll unter den Tisch fallen, brachiale Stellen aber - etwa zu Lebensrechten von Mann und Frau und Kind - sollen in heutigem Lichte bedacht werden. Wie gefährlich jedoch das Ansinnen war und bis heute ist, zeigt das Schicksal des ägyptischen Publizisten Faradsch Fauda (geb. 1946). Er brachte eine solche Erneuerung ins Gespräch - darunter die überfällige Kritik am abwegigen islamistischen Feindbild, ferner die Abschaffung des militärischen Djhihad und das Gewähren der im Koran zugesicherten Freiheit des Glaubens. Für seinen prononcierten Satz "Uns Muslimen fehlt ein Martin Luther" verlor er das Leben. Am 8. Juni 1992 erschoss ihn ein Kommando der seit 1970 bekannten militanten Bewegung al-dschama'a al-islamiyya in seinem Büro. Dabei hatte er gar keine Wandlung des Islam ins Christliche verlangt. Es ist außerdem, was Luther anlangt, zu unterscheiden dessen reformatorischer Eifer und andererseits seine bestürzend abschätzige Sicht auf Juden und Muslime. Heutige Lutheraner bitten ihren Herrgott immer wieder, den im Himmel einsitzenden Bruder Martinus Vergebung zuteil werden zu lassen, weil er - freilich auch angesichts der damals nach Mitteleuropa vordringenden osmanischen Armee - meinte, der "Teufel ist der Anstifter Muhammeds und der Koran sein Werk".
Hier blieb der elbische Erfolgs-Reformator unter seinem Niveau, indem er Mohammed im jüdisch-christlich-muslimischen Ein-Gott-Himmel derart denunzierte. In aller Vorsicht bezeichnete der Berliner protestantische Geschichtsprofessor Philipp Albert Zimmermann in seiner 1841 erschienenen Geschichte Brandenburgs Luther als einen Menschen, der "nicht zu den kühlsten und unbefangensten Beurtheilern Andersdenkender gehörte".

Die Khadija-Moschee in Berlin Pankow


Seit einigen Jahren gibt eine Örtlichkeit in Pankow Anlass, über das Thema religiöser Erneuerung nachzudenken. Fährt man die Prenzlauer Promenade nordwärts in
Freitagsgebet
Freitagsgebet vor der überfüllten Neuköllner Sehitlik-Moschee
Foto © -wn-
Richtung Autobahnzubringer A114 (oder zurück), blitzt auf der Heinersdorfer Seite für einen kurzen Moment ein turmartiges Etwas auf - das Oberstück des 13 Meter hohen Minaretts des am 16. Oktober 2008 eröffneten muslimischen Gotteshauses. Die niedrig gebaute helle und schmucklose Moschee mit 250 Betplätzen auf einem 4700 Quadratmeter großen Gelände an der Tiniusstraße macht auf den ersten Blick eher den Eindruck eines wissenschaftlichen Institutes. Das Minarett, auf das (vermutlich) nie ein Muezzin steigen wird, geschweige dass man an der Wand einen Außen-Lautsprecher für Gebetsaufrufe anbringt, ist Teil der Moschee, die der Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) gehört. Das Haus ist benannt nach der ersten, fünfzehn Jahre älteren Ehefrau Mohammeds, Khadija (555-619).
Gründer der muslimischen Körperschaft ist der sunnitische Klerikale Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908), der im Jahre 1889 jenen Zustand des Islam als nicht mehr hinnehmbar empfand, den der Islamkritiker tunesischer Herkunft Abdelwahab Meddeb (geb. 1946) Jahrzehnte später in einem vielbeachteten Buch als die "Krankheit des Islam" bezeichnete. Obwohl - wie Meddeb feststellt - Intoleranz, Bannfluch, religiöser Fanatismus und Heiliger Krieg nicht ursächlich zum Islam gehören, wurden diese Entartungen von Sektierern zu anwendbaren islamistischen Sanktionen erklärt. Wenn Mirza Ghulam Ahmad auch mit keinem Wort den Anschein erweckte, etwas mit Martin Luther zu tun zu haben, sind seine Schritte doch von jener reformatorischen Forschheit geprägt, die wir aus Wittenberg kennen. Der Ahmadiyya-Gründer suchte 1889 im nordindischen Qadian die Krankheiten und islamistischen Atavismen durch den Aufbau einer Bewegung zu überwinden, deren Grundgedanken Pazifismus und soziale Gerechtigkeit sind. Zu seinen Botschaften zählt, dass den Lehren des Heiligen Korans zufolge der Gebrauch von Gewalt in Glaubensdingen verboten sei und es das Ziel ist, religiös motovierte Kriege der Muslime zu beenden.
Damit wird der vielzitierte, von Islamisten zu Verbrechen missbrauchte Djihad wieder in seine ursprüngliche Funktion eingesetzt - als eine auf die eigene moralische Vervollkommnung gerichtete Bemühung betrachtet.

Die Bewegung hat inzwischen (nach eigenen Angaben) 10 bis 15 Millionen Mitglieder in 189 Ländern. 2010 wurde die Zahl der Muslime auf der Erde mit 1,55 Milliarden angegeben. Von der Bewegung Ahmadiyya Muslim Jamaat sind demnach derzeit mehr als ein Prozent aller Muslime erfasst. Niemand kann sagen, ob und in welchem Maße sich diese Bewegung, durchsetzen wird, die weder über einen politischen noch über einen militärischen Flügel verfügt.
Anziehend ist sie zweifellos dadurch, dass sie auf der vom Koran gebilligten Glaubensfreiheit des Menschen besteht. In der Sure 2:256 heißt es: "In der Religion gibt es keinen Zwang." Wieder ein Berührungspunkt mit dem Wittenberger Bergprediger Martin Luther. Wie dieser 1520 in seinem auf die elementare menschliche Existenz hinzielenden Werk "Von der Freiheit eines Christenmenschen" erklärt, ist der Gläubige nicht nur davon befreit, seine Gottesnähe mit Geld- oder Sachleistungen zu erkaufen oder zu beweisen.
Vielmehr sei es so: "Ein Christ ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan - durch den Glauben… Ein Christ ist ein dienstbarer Knecht aller und jedermann untertan - durch die Liebe." Der Mensch, meint Luther ergänzend, sollte erkennen, "dass wir allesamt Sünder sind und dass kein Mensch ohne böse Begierde zu sein vermag". Luther mahnt Demut an und fordert andererseits von den evangelischen Gläubigen frohen Lebensrealismus, selbst wenn sich diese gelegentlich einmal in sündigen Randbereichen des Lebens bewegen - sie müssen sich später in keinen Beichtstuhl zwängen. Das im Heiligen Koran niedergelegte Friedensgebot aufnehmend, erklären sich die Muslime in Pankow für "bedingungslos friedlich" und stellen ihr Wort "Liebe für Alle, Hass für Keinen!" im Glauben obenan. In der Gemeinde gilt, dass man Andersgläubigen nicht nur mit Gleichbehandlung, sondern sogar mit Sympathie begegnen soll. Dabei lassen sie sich auch nicht aus dem muslimischen Glaubenskanon hinausdrängen. Auch für sie gelten die muslimischen Elementarpflichten: das Bekenntnis zu Allah und seines Gesandten Mohammed, die täglichen Gebete, die Freigiebigkeit gegenüber Armen, nach Möglichkeit die Pilgerfahrt nach Mekka und das Fasten im Monat Ramadan. Auch alle Koran-Suren gelten fort, nicht in mittelalterlicher Lesart, sondern in einer modernen, die Grundwerte nicht verfälschenden metaphorischen Auslegung.

Die Pankower Muslime waren und sind nicht die einzigen Anhänger des Islam, die Fanatismus und "Reinheitswahn" (Abdelwahab Meddeb) ablehnen. Bereits der
Klein-Skulpturen tanzender Derwische
Klein-Skulpturen tanzender Derwische, die dem
Sufi-Orden angehören - Foto © -wn-
bedeutendste Dichter der persisch-islamischen Mystik, Djalal od-Din Rumi (1207-1273), dessen viel besuchtes Grab sich in der mittelanatolischen Stadt Konya befindet, beschwor in seinen Dichtungen den verpflichtenden Friedensgedanken. Ganz obenan stellte Rumi die Toleranz im Leben der Gesellschaft und hält - wie übrigens auch Mohammed - das ökumenische Gespräch mit Andersdenkenden für unerlässlich. Die Inschrift auf seinem Grab ist eine nachdrückliche Aufforderung zum Dialog: "Komm, komm wieder, komm.../ seiest Du auch ein Ungläubiger, oder Götzenverehrer, ein Feueranbeter, oder Christ. / Hinter unserer Pforte wohnt nicht die Hoffnungslosigkeit. / Und hast Du hundert Mal geschworen und Deine Eide gebrochen, / komm, komm wieder, komm..." Wie man weiß, konnte sich Rumis Standpunkt noch nicht durchsetzen. Glaubenskonflikte standen seitdem auf der Tagesordnung, und es gibt viel Sand im ökumenischen Getriebe. Auch sobald man die Pankower Moschee-Gemeinde in die Reihe der reformierten Kirchen einordnen will, stößt man auf die überraschende Herkunftsbehauptung des Ahmadiyya-Gründers. Er macht von sich geltend, der in allen monotheistischen Religionen erwartete Messias zu sein. Es geht um die Reinkarnation von Jesus Christus (1-33 u.Z.), dessen Geburt auch im Koran der Maria als freudiges Ereignis angekündigt wird (Sure 3:45). Die Jesus-Wiederkehr soll jedoch eine innermuslimische Frage bleiben und in die Moschee gehören. Ein deutscher Freund der Muslime, den der Koran-Übersetzer Muhammad Ahmad Rassoul Bruder Johann Ibn Goethe nennt und also den Autor des "West-östlichen Divans" meint, Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), hat seine ökumenischen Empfindungen von dieser ihm bekannten Jesus-Frage niemals trüben lassen. Im Januar 1814 - wenige Monate nach der Leipziger Völkerschlacht (16. bis 19. Oktober 1813) - hatte er vor, in Weimar ein ökumenisches "Fest der reinsten Humanität" zu feiern, darunter mit in der Stadt stationierten muslimischen Offizieren und Soldaten der alliierten russischen Armee. Niemand solle fragen, von welcher Konfession der andere sei. Und so sah es Goethe nach eigenen Worten voraus: "Alle ziehen vereiniget zur Kirche und werden von demselben Gottesdienste erbaut; … Alle erheben den Geist, an jenen Tag gedenkend, der seine Glorie (der Sieg in der Völkerschlacht) nicht etwa nur Christen, sondern auch Juden, Mahometanern und Heiden zu danken hat." Lediglich aus Zeitgründen kam es zur Feier damals in Weimar nicht. - Der Gemeinde Ahmadiyya in Berlin-Pankow ist zu wünschen, dass sie den Geist unseres und ihres Bruders Johann Ibn Goethe immer spüren möge.

Wie man zur Khadija-Moschee kommt:
In die Tiniusstraße, an der sich die Moschee befindet, biegt man am nördlichen Ende der Prenzlauer Promenade rechts ab.

Adresse:
Khadija-Moschee
Tiniusstraße 7
13089 Berlin
Telefon: 030/ 97866899 od. 030/ 4138546

Die Ahmadiyya-Gemeinde gehört zu den Moscheen, die jeweils am Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober) ihre Tore zum "Tag der offenen Moschee" öffnen. Darüber hinaus finden in der Khadija-Moschee auch zu anderen Zeitpunkten Veranstaltungen zu gesellschaftspolitischen Themen statt, zu denen jeder Interessierte eingeladen ist. Informationen enthält die Internetseite khadija-moschee.de. Es wird gebeten, Besuche über kontakt@khadija-moschee.de anzumelden.
Text: -wn-

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