Sehitlik-Moschee in Berlin Neukölln

Text: -wn- (Journalist aus Berlin) / Letzte Aktualisierung: 19.06.2021

Die Sehitlik-Moschee in Berlin Neukölln
Die Sehitlik-Moschee in Berlin Neukölln - Foto: © -wn-

Die Sehitlik-Moschee wurde 1999 - 2005 auf dem historischen Türkischen Friedhof in Neukölln erbaut. Der Friedhof wurde bereits 1866 als Diplomatenfriedhof angelegt. Erfahren Sie in diesem Artikel mehr über die Geschichte der Sehitlik-Moschee:

Die Neuköllner Sehitlik-Moschee - die Minarette lautlos schön

Zum "all-inclusive"-Angebot eines türkischen Urlaubs zählen häufig nicht nur fünf schwelgerische Mahlzeiten - je nach Lage des Quartiers können zwischen Morgendämmerung und Nachteinbruch die Rufe des Vorbeters einer vis-à-vis gelegenen oder ferneren Moschee zum indirekten Service zählen. Fünfmal hat man das "Allahu akbar" (Gott ist groß) aus dem Megafon im Minarett-Gesimse im Ohr. Stimmgewaltig dehnt der Muezzin die Worte solange der Luftvorrat reicht und fällt darauf meist in ein üppiges, die Melodie verzierendes Vibrato. Diese gesungene Ornamentik gibt trotz Klirrfaktor im Schallrohr dem mithörenden Ungläubigen zumindest eine Ahnung vom Reichtum der türkischen Musiklandschaft. Aber bei Allah, nicht jeder Muezzin ist wie der andere. Der britische Schriftsteller Thomas Edward Lawrence wurde Ohrenzeuge eines Vorbeters, dessen "Stimme rauh und so gebieterisch (war), daß wir uns aufgescheucht erhoben, sei es zum Beten oder Fluchen".

Infos für Ihren Besuch

Adresse:
Sehitlik Moschee
Columbiadamm 128
10965 Berlin
Tel: 030/ 69 21 118

Anfahrt:
U6: bis Bahnhof Platz der Luftbrücke
U8: bis Bahnhof Boddinstrasse
Bus-Linie 104, Haltestelle Friedhöfe Columbiadamm

Öffnungszeiten der Sehitlik-Moschee:

Die Sehitlik-Moschee öffnet am Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober) zum "Tag der offenen Moschee" ihre Tore. Darüber hinaus kann man kostenlose Moscheeführungen buchen.

Die Sehitlik-Moschee ist eine weniger bekannte Sehenswürdigkeit in Berlin. Sie gilt aber als eine der schönsten Moscheen in Berlin und ist somit einen Besuch wert.

Die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm

Was aber, wenn der muslimische Mesner - jedenfalls nach aussenhin - schweigen muss? In den über 2200 deutschen Moscheen unterbleibt jegliche öffentliche Aufforderung zum Gebet. Das Stillschweigen der Muezzine hat keinen diskriminierenden Grund, sondern ergibt sich aus der Verfassung, wonach keine Unbeteiligten zu "religiösen Übungen ... gezwungen werden" dürfen, die ja nicht mit Urlaubserlebnissen zu vergleichen sind. Stille Schönheiten bleiben deshalb auch die beiden Minarette des unbestritten imposantesten deutschen islamischen Gotteshauses, der 2005 eingeweihten Neuköllner Sehitlik-Moschee. Sie schützt bis zu 1500 Betende vor Sonne, Wind und Wetter. Das Gebäude steht auf dem Territorium des 1863 angelegten Türkischen Friedhofes am Neuköllner Columbiadamm.

Das achteckige bilderlose Bethaus besteht aus einer beeindruckenden Stahlbaukonstruktion aus kuppeltragenden Pfeilern und Stützbogen. Die rituell belangreiche Gebetsnische zeigt nach Südosten - Zielpunkt ist das saudiarabische Mekka. Keramik und Marmor sind die Materialien der inneren Dekoration. Zu den vorherrschenden Farben des stuhllosen Raumes zählen Kobaltblau und Weiß. Ins Auge fallen die auf grünen Grund gemalten goldverzierten kaligraphischen Elemente an den Wänden und in der Kuppel. Zu lesen sind die Namen Allahs, Mohammeds, seines Nachfolgers Abu Bakr, der sunnitischen Kalifen Omar und Osman, von Mohammeds Schwiegersohn Ali - den die Schiiten als einzigen legitimen Nachfolger Mohammeds ansehen - sowie der Enkelsöhne des Religionsgründers. Die Atmosphäre aus gebremstem Prunk, religiösem Ernst und belebendem Farbenglanz korrespondiert mit der Offenheit, mit der die Moscheegemeinde regelmäßig andersgläubige Besucher zu Besichtungen und interkonfessionellen Gesprächen einlädt. Hier scheint verwirklicht, wofür der bedeutendste Dichter der persisch-islamischen Mystik, Mevlana Rumi (1207-1273), zeit seines Lebens eintrat: für Achtung und Gleichberechtigung Andersgläubiger. Umso bedauerlicher, dass vor einigen Jahren in einer ausgerechnet nach Mevlana benannten Berliner Moschee der inzwischen aus Deutschland rechtskräftig ausgewiesene Imam Yacup Tasci nicht nur Selbstmordattentäter zu rühmen suchte, sondern auch Hass auf Juden und Amerikaner schürte.

Geschichte der Sehitlik-Moschee

Freitagsgebet in der Sehitlik-Moschee
Freitagsgebet vor der überfüllten Neuköllner Sehitlik-Moschee - Foto: © -wn-

Der Baugrund der Sehitlik-Moschee und die sie umgebende Begräbnisstätte sind - streng genommen - exterritoriales Gebiet. Das Grundstück gehört der türkischen Regierung. Das im Grundbuch eingetragene Besitzrecht ist interessant vor dem Hintergrund des unnötigen Streites um den inzwischen abgeschlossenen Bau einer Moschee der Ahmadiyya Muslim Gemeinde in Heinersdorf. Sinnvoll ist es, sich der Toleranz des preußischen, wenn auch Obrigkeitsstaates unter Friedrich II. zu besinnen, der alle Religionen als "gleich und gut" bezeichnete. "Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten hier im Land wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen", heißt es 1740 in einem Brief von seiner Hand. Auch sein Nachfolger Friedrich Wilhelm III. befleißigte sich dieser aufgeklärten Haltung, als er 1798 ein Gelände an der heutigen Urbanstraße erwarb, auf dem der im selben Jahr verstorbene osmanische Botschafter Ali Aziz Efendi als einer der ersten nach muslimischem Ritus in deutscher Erde bestattet werden konnte.

Nach der Verlegung dieses Friedhofes an seinen heutigen Ort ging das Gelände 1922 in das Eigentum des türkischen Staates über, der bekanntlich Rechtsnachfolger des zusammengebrochenen Osmanischen Reiches ist. Aus diesem Grund ist der Friedhofseingang heute deutsch und türkisch beflaggt, so dass die Pforte einem Grenzübergang zumindest ähnelt. Doch die Tür steht weit offen. Goethe, der dem Islam ebenfalls mit Achtung begegnete, behielt im "West-Östlichen Divan" Recht mit seiner Überzeugung: "Wer sich selbst und andere kennt, / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen."

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