Museum in der KulturBrauerei

Eingang zum Museum in der Kulturbrauerei
Der Eingang zum DDR-Museum in der Kulturbrauerei am Nordende der Knaackstraße im Prenzlauer Berg (Tür rechts). - Foto © wn

Das DDR-Museum in der Kulturbrauerei: Da lacht der Bär - dann nicht mehr

Alarm - das Bärengehege ist offen. Da lacht der Bär und haut natürlich ab. Der flüchtende Petz fühlt sich tatsächlich in jeder Weise dispensiert. Dann aber wendet sich das Blatt. Er drängt nicht in die Freiheit. Er kehrt sogar zurück. Hat keine Lust, fremde Welten zu erkunden. Ihm scheint alles konflikthaft und unruhig im Leben freier Geschöpfe. Nun sieht er zudem: Um alles muss man sich in dieser unbegrenzten Welt selber kümmern. Da bleibt er lieber im vertrauten Zwinger. Da hat er doch alles, was er braucht. Sogar opponieren kann er - in Gedanken. Niemand hindert ihn daran, seinem Pfleger übel gesinnt zu sein - weil der ihm an jedem Morgen mit seiner nervenden Frage kommt: Na, wie hast du geschlafen, mein Guter? Der weiß doch, dass er keine Antwort bekommt. Und die Zoobesucher erst! Ihr Glotzen - zum Kotzen! Aber damit kann der Bär letztlich leben. Er guckt nicht nach ihnen. - Nachzulesen ist diese skurrile Geschichte über eine private Rückkehr in die eng umgrenzte Vergangenheit im sinnigen Gedicht "Bär aus dem Käfig entkommen" von Joachim Ringelnatz (1883-1934). Es heißt hier:
Er schnuppert neugierig und scheu. / Wie ist das alles vor ihm so weit / Und so wunderschön neu!
Aber dann fehlen ihm die Gitter seines Käfigs, an denen er sich so gerne schubbert und reibt.
Wo sind auf einmal die Stangen, / An denen die wünschende Nase sich wetzt? / Was soll er nun anfangen? ... Angsterfüllt und hasserfüllt / Wünscht er sich nach seines Käfigs Stangen.

Öffnungszeiten des Museum in der Kulturbrauerei

Dienstags bis Sonntags und Feiertags von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr
Donnerstags von 10:00 Uhr bis 20:00 Uhr
Letzter Einlass 15 Minuten vor Schließung.
Am Pfingstsonntag und Pfingstmontag ist das Museum von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet.
Geschlossen ist es an folgenden Tagen: 23. Dezember, Heiligabend (24.12.), Silvester (31.12.)

Eintrittspreise im Museum in der Kulturbrauerei

Der Eintritt ist frei.

Wie man zum Museum in der Kulturbrauerei kommt:

Zur Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg gelangt man mit der U-Bahn U2 bis zur Station Eberswalder Straße. Von dort läuft man in die Danziger Straße und biegt nach etwa 170 Metern rechts in die Knackstraße ein. Nach einer Minute steht man rechterhand vor einem der Eingänge zum Innenhof der Kulturbrauerei. Noch im Bereich dieses Einganges geht es rechts zum DDR-Museum.

"Mehrheitlich wird eine gute Zeit erinnert."

Der Fluchtabbruch des Bären bestätigt eine Erhebung des Berliner Kulturwissenschaftlers und emeritierten Professors der Humboldt-Universität Dietrich Mühlberg (geb. 1936). In der 2003 erschienenen Arbeit "Vom langsamen Wandel der Erinnerung an die DDR" kommt der Professor zu dem Schluss, die Bürger des verblichenen Staates erinnerten "die eigene Geschichte ... mit den Jahren differenzierter und im ganzen (immer) positiver". Es verfestigten sich Überzeugungen wie: "Die DDR war demokratischer und gerechter (als die BRD, alt), wir waren damals einander näher, es ging bei uns gemütlicher zu, gemessen an den egoistischen Westdeutschen sind wir solidarischer, wir orientieren uns an Gemeinschaftswerten, wir sind die besseren Menschen". Und schließlich: "Mehrheitlich wird eine gute Zeit erinnert." Man fragt sich: Über wen - oder für wen - spricht der Professor? Sind da tatsächlich Wendeverlierer - unschuldig arbeitslos gewordene Ostdeutsche gemeint oder die "Staatsnahen", denen man Zuschläge und Vergünstigungen strich oder "Straf"-Renten verordnete? Trauern diese der "sozialistischen Demokratie" mit dem jede Demokratie ausschließenden "demokratischen Zentralismus" nach? Um so etwas versuchsweise zu klären, ist auch ein Besuch im DDR-Museum in der Berliner Kulturbrauerei anzuraten. Ohne propagandistischen Aufwand zeigt es die 40jährige DDR-Zeit mit ihrem hoffnungsvollen Auf- und dem desaströsen Abschwung sowie das historisch frühe Ende dieses angeblich den Arbeitern und Bauern gewidmeten Staates. Die sehenswerte Dauerausstellung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist eine in jeder Weise aufklärerische Einrichtung am Eingang zum Innenhof der Kulturbrauerei (nördliches Ende der Knaackstraße). Das Museum präsentiert für sich sprechende Objekte, Dokumente und Kunstwerke aus den Jahren zwischen 1949 und 1989. Sie können das Erinnern befördern und wohl auch - bei Nachdenkbereitschaft - manches klären.

Allerdings scheint bei Büsten von Bonzen und linken Denkern die Auswahl nicht groß gewesen zu sein. In einer Langvitrine figuriert logischerweise ganz vorn Übervater Josef Wissarjonowitsch Stalin (1879 od. 1878-1953). Hinter ihm steht mit leutseligem Blick der Kopf des deutschen Antifaschisten Ernst Thälmann (1886-1944). Auf dessen Hinterkopf blickt mumienhaft die marxistisch Politikerin Rosa Luxemburg (1870-1919). Ein besserer Luxemburg-Kopf war wohl nicht zur Hand. Wäre dies eine zu DDR-Zeiten aufgebaute Ausstellung, hätte man meinen können, dass man sich für den unvorteilhaften Luxemburg-Kopf aus "luxemburgistischen" Erwägungen entschied. Als luxemburgistisch denunzierten die Weltendeuter der SED die Auffassung, wonach ein Sozialismus nur mit Demokratie möglich ist. Deshalb war Rosa Luxemburg nur halb geliebt; aber mehr konnte man gegen diese bis heute populäre Frau nicht unternehmen. Hinter ihr sieht man eine Büste Karl Liebknechts (1871-1919), den man wie sie nicht ohne Weiteres für den furiosen Zusammenbruch der DDR verantwortlich machen kann. Um die erwähnten und weiteren Köpfe herum stehen gnomähnliche Lenin-Köpfchen. Vor sie hat man das Haupt des deutschen Privatgelehrten Karl Marx (1818-1883) platziert, der 25mal kleiner ist als der Marx-"Nischel" in der Chemnitzer Brückenstraße. Unzweifelhaft lässt sich aus der Miene des vollbärtigen Mannes die Frage ablesen: Was soll ich in dieser Vitrine? Tatsächlich ist er ein bedeutender deutscher Denker geblieben, wenn auch nicht ohne folgenreiche Irrtümer. So ist die Feststellung des Psychoanalytikers Erich Fromm (1900-1980), Autor des Bestsellers "Haben oder Sein", zutreffend, der resümierte: "Es war der tragische Fehler von Marx, ein Fehler, der zur Entwicklung des Stalinismus mit beigetragen hat, dass er sich nicht von der traditionellen Überbewertung der politischen Macht und Gewalt freigemacht hat. Er hat im Gegenteil diese Idee als geistiges Erbe übernommen."

Das Museum macht in seiner sachlichen und fairen Darstellung des Lebens in der DDR gelegentlich sogar einen heimeligen Eindruck. Dennoch kann es kein seliger Ort sein für Nostalgiker und andere Rückwärtsgewandte. Denn hier gilt: Was gesagt werden muss, wird gesagt. Was gezeigt werden muss, wird im Rahmen des räumlich Möglichen gezeigt. Zu den raumgreifenden Exponaten gleich am Beginn des Rundganges zählt eine Kopie der Bronzestatue "Arbeiter und Kolchosbäuerin" der sowjetischen Bildhauerin Wera Ignatjewna Muchina (1889-1953) aus dem Jahre 1937. In der DDR kannte man die Plastik mit dem in scheinbar starkem Gegenwind stehenden Hammerhalter und der Sichelträgerin als das Logo des Mosfilm-Studios. Unter den Produktionen dieses Studios befanden sich bedeutende Streifen wie der international stark beachtete Anti-Kriegs-Film "Wenn die Kraniche ziehen" (Letal schurawli) aus dem Jahre 1957 mit der 23jährigen hinreißend spielenden Leningrader Schauspielerin Tatjana Ssaimoilowa (1934-2014). Die Plastik erinnert an diverse Verfilmungen von Romanen des russischen Schriftstellers Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828-1910). Bevor sich nun die beiden hyperpathetischen Bronzefiguren vor dem Filmvorspann auf der Leinwand zu den Zuschauern eindrehten, waren sie diszipliniert dem Kreml mit dem Spasski-Wachturm mit seinem rubingläsernen Sowjetstern auf der Spitze zugewandt. Heute steht die 24,5 m hohe Original-Plastik vor dem Moskauer Allrussischen Ausstellungszentrum (WWZ) in der Avenue des Friedens (Prospekt mira). So eingestimmt beginnt man den Rundgang durch die Ausstellung und die eingangs wach gerufene Erinnerung an schöne Filmerlebnisse verdunkelt sich sehr bald ein wenig. Man hat soeben den Alltag der DDR mit seinen großen und kleinen Ärgernissen betreten, geht vorbei an Hinweisschildern wie "Flaschenbier ausverkauft", "Am Büfett kein Ausschank" oder am Aushang eines Zentralen Klubs der Jugend und Sportler: "Mit Niethosen kein Einlass bei Tanzveranstaltungen!" Gleich nebenan ist die Abendkarte einer nicht näher genannten HO-Gaststätte "Grüne Eiche" vom 2. September 1985 ausgehängt. Sie zeigt, dass man es in der Erziehungsdiktatur zwar nachhaltig satt haben konnte; jedoch satt wurde man immer. Das neunteilige Angebot enthält ein Schinken-Käsebrot, die "Karlsbader Schnitte" (2,75 Mark). Interessant ist die Verwendung des deutschen Namens der westböhmischen Stadt Karlovy Vary, wo doch sonst wegen eines möglichen Revanchismusverdachtes kaum slawische Begriffe eingedeutscht werden durften. Die Speisekarte weist weiterhin die Position Strammer Max mit zwei Eiern aus (2,30 Mark). Etwas Besonderes war eine Schnitte mit Döbelner Pikant-Salami in heller Hülle und einem gekochten Ei (2,95 Mark). Ein zeitgenössischer Werbeslogan lautete: Nimm ein Ei mehr! Für Kalkulationen, Preise und Gewichte zeichnet Küchenleiterin G. Dunkel verantwortlich. Unweit der Fressalien-Liste ist eine formschöne Reiseschreibmaschine aus dem VEB Kombinat Robotron zu sehen. Nebenan wird der Traum eines jeden DDR-Jungen gezeigt: Eine Handlampe aus Metall mit Signallichtknopf und drei verstellbaren Farbfiltern. Ideal für das Geländespiel. Mit Blick auf diese und andere bunten Bilder vom DDR-Leben kann man die deutsche Schauspielerin und Theaterregisseurin Adriana Altaras (geb. 1960) verstehen, die 2012 einmal zum Besten gab: "Ich finde, sozialistische Staaten wirken am schönsten auf Fotografien."

"Wo Pawel Bykow dreht, da raucht's"

Dann zieht ein 1952 gemaltes Ölbild des deutschen Malers Erich Hering (1923-1978) die Aufmerksamkeit auf sich. Es ist dem SED-Funktionär Erich Wirth (1904-1981) gewidmet. Dieser versuchte in der DDR, eine von intensiver Propaganda begleitete Schnelldreher-Methode des sowjetischen Drehers Pawel Borissowitsch Bykow (geb. 1914) einzuführen. Auf dem Bild zeigt Erich Wirth auf einen Plan mit einer Geste, die sagen will: Was die Partei beschloss, wird sein. Das Verfahren war nicht unumstritten. "Wo Pawel Bykow dreht, da raucht's", hieß es damals ironisch in der DDR. Fachleute machten darauf aufmerksam, dass man beim Schnelldrehen auch auf Werkstückgüte, Energieaufwand und Werkzeugverschleiß zu achten hat, was nicht immer geschah. Das Gemälde sollte überdies den Eindruck erwecken, dass ökonomische Entscheidungen tatsächlich an der Basis der Gesellschaft getroffen worden seien - und nicht in den Zirkeln der meist bildungsfernen Spitzenfunktionäre. Von diesem kamen neben unerfüllbaren Planvorgaben oft nur Axiome, die Arbeitselan verbreiten sollten. Einer der dümmsten Sentenzen war die Behauptung, wonach ein vermeintlicher Sozialismus "weder (von) Ochs noch Esel" aufgehalten werden könne. Da der Oberindianer E.H. (Udo Lindenberg) unter erheblichen Bildungsdefiziten litt, konnte er nicht wissen, dass Ochs und Esel in der Bibel, der der Spruch in entstellter Weise entlehnt ist, keineswegs als Bremser gelten. Im Gegenteil: Im Fünften Buch Mose werden Sohn, Tochter, Knecht, Magd sowie die nimmermüden Tiere Ochse und Esel zur Arbeitsruhe am Sabbat angehalten. Ochse und Esel waren im Grunde tierische Bestarbeiter. War im Zentralkomitee der SED leider anders herum angekommen.

Nun glaubt man, auf dem Rundgang die Literatur-Abteilung der Ausstellung betreten zu haben; falsch: es ist der Bereich "Gedankenverbrechen". Im Mittelpunkt stehen der Drucker Baldur Haase (geb. 1939) und ein Buch. Es ist der weltweit bekannte Roman "1984" des englischen Schriftstellers George Orwell (1903-1950), in dem ein totalitärer Überwachungsstaat in allen Einzelheiten geschildert wird, zu dem sich die DDR am Ende entwickelte. Baldur Haase hatte sich dieses Buch im Westen besorgt, zunehmend begeistert gelesen und darüber mit Freunden diskutiert - sein Verhängnis. 1959 wird er wegen "staatsgefährdender Hetze" und "Sammlung von Nachrichten" zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. Zuvor war es seinen Vernehmern gelungen, ihn moralisch zu brechen. Schlafentzug und Einzelhaft hatten das Übrige getan. Der 20jährige ließ sich das verlangte "Geständnis" abpressen. Die Ausstellung des Museums erinnert an dieser Stelle daran, wie sehr die grundlose Selbstbezichtigung ein wichtiges Element der Erziehung zum "neuen Menschen" war. Was Baldur Haase widerfuhr, schildert George Orwell bereits in seinem 1949 erschienenen Roman. Dort wird das Befürworten einer Strafe durch den zu Unrecht Beschuldigten so beschrieben: "'Natürlich bin ich schuldig!' schrie Parsons (ein Beschuldigter). "Sie glauben doch nicht, dass die Partei einen unschuldigen Menschen verhaften würde? ... Gedankenverbrechen ist etwas Schreckliches", sagte er salbungsvoll ... 'Es ist etwas Heimtückisches. Es kann einen überkommen, sogar ohne dass man es weiß. Wissen Sie, wie es mich überkommen hat? Im Schlaf! Ja, das ist Tatsache. Da war ich, plagte mich, versuchte das meinige zu leisten - und hatte keine Ahnung, dass ich überhaupt je etwas Böses im Kopf hatte. Und dann fing ich an, im Schlaf zu sprechen. Wissen Sie, was man mich sagen hörte? Nieder mit dem Großen Bruder (Diktator)! Ja, das sagte ich! ... Ich bin froh, dass man mich ertappt hat, ehe es weiterging.'" Baldur Haase kommt nach zwei Jahren in Freiheit. 1991 wird er 52jährig rehabilitiert.

Nun betritt man die (so nicht benannte) Abteilung Gehirnwäsche. Auf einer ausgehängten Schreibheftseite ist in ungelenker, unausgeprägter Kinderschrift zu lesen: "Der Pädagogische Rat der Georgi-Dimitroff-Schule fasste am 26.10.61 folgenden Beschluss: Es ist allen Schülern untersagt, westliche Rundfunk- u. Fernsehsendungen zu empfangen und ihre Hetze zu verbreiten. Verstöße gegen diese Festlegung (werden) mit den in der Schulordnung § 24 festgelegten Maßnahmen bestraft. Entsprechend dem Schulgesetz unserer DDR ist es die Aufgabe der Erziehungspflichtigen, die Schulen bei der allseitigen Bildung u. Erziehung der Kinder zu unterstützen. Sie haben die Aufgabe, alle schädlichen, die sozialistische Entwicklung hemmenden Einflüsse wie z.B. den Empfang des Westfernsehens von ihren Kindern fernzuhalten." Unbekannt bleibt, ob die Schreiberin oder der Schreiber später über diesen zu Papier gebrachten Unsinn lachte oder - was eine tragische Folge wäre - ob mit dieser und mit anderen Suggestionen kindliche Begeisterung für das Barbarische und Skepsis gegenüber Zivilisation, Fortschritt und Demokratie geweckt wurden.

Der Hallenser Linguist Manfred Bierwisch (geb. 1930) versucht sich 2010 in der Zeitschrift "Sinn und Form" in einem DDR-Resümee. Er schreibt: "Ja, die DDR war grau, ihr Sozialismus hat nie funktioniert, und am Ende war es einfach ein kaputtes Land, dem nicht mehr zu helfen war. Und doch ist da mehr gewesen, als ein bloß missmutiger Rückblick wahrzunehmen in der Lage ist. Da gab es Widerborstigkeit und Neugier, nicht weniger Intelligenz und Scharfsinn als in anderen Weltgegenden, und in den Grautönen gab es sehenswerte Schattierungen..." Das zeigt das Museum in der Kulturbrauerei.
Text: -wn-

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