Eckensteher Nante: Ur-Figur des Berliner Witzes

Eckensteher Nante ist ein echter Urberliner - also mit Herz und Schnauze, direkt, frech und kein Kind von Traurigkeit.
Eckensteher Nante
Bronzeplastik "Eckensteher Nante"
"Det Morgens, wenn mir hungern tut,
ess ick ne Butterstulle,
dazu schmeckt mir der Kümmel jut
aus meine volle Pulle".
Die Plastik von 1987 aus dem Atelier
des Bildhauers Gerhard Thieme Foto: -wn-
Aber auch faul, denn, wie man von ihm berichtet, arbeitete der Dienstmann, Gelegenheitsarbeiter und Gepäckträger nur, wenn er kein Geld für Bier mehr hatte, ansonsten stand er an den Ecken rum und soff. Doch "olle Nante" ist mehr als nur das, was wir heute Prekariat nennen würden.

Der Eckensteher Nante bekannt in ganz Berlin


In ihm als schnodderige Witzfigur manifestierten sich in Erwartung der Revolution von 1848 auf humorige Weise die Befürchtungen der Deutschen vor drohenden Wirtschaftskrisen und Konflikten innerhalb der Gesellschaftsschichten. Ganz nach dem Motto "hat der Berliner was belacht, existiert es nicht mehr für ihn" verkörpert Nante jenen Humor, der die Berliner in unruhig-zerstrittenen Zeiten vereinte. Denn auch wenn die Zukunft zu Nantes Zeiten, dem Vormärz, ungewiss war, so blickte er ihr dennoch scherzend entgegen. Nante, der keene Autorität nich' kennt, ist auf seine bescheidene Art selbst revolutionär und steht der Obrigkeit auf Eckensteherart kess gegenüber. Für seine Gegner, waren diese nun gebildet oder ungebildet, hochgestellt oder niedrig, hatte er das Lachen als Waffe parat und hatte auf diese Weise immer das letzte Wort.

Die Figur Eckensteher Nante


Ferdinand Strumpf diente als reales Vorblid für die spätere,
leicht idealisierte Spaßmacher-Figur des Volkstheaters. Er wurde im Jahr 1803 geboren und war ein Berliner Dienstmann mit der polizeilichen Konzessionsnummer 22. Er hatte seinen Standort an der Ecke Königstraße/Neue Friedrichstraße, unweit der Destillation Eulner, in der er einzukehren pflegte. Mit seinem ledernen Tragegurt an der Straßenecke auf Gelegenheitsarbeit wartend, kommentierte er das Leben um ihn herum mit treffendem Humor - und wurde so zur Verkörperung des Berliner Volkshumors und zum stadtbekannten Original.

Zu Ruhm gelangte Nante durch Adolf Glaßbrenners Volksstück "Eckensteher Nante im Verhör", das 1833 im Königsstädtischen Theater mit Friedrich Beckmann in der Rolle des Nante uraufgeführt wurde. In zahlreichen Geschichten schufen Glaßbrenner und seine Nachahmer wie Albert Hopf den Dienstmann zu einem liebenswürdig-frechen Witzbold. Die Figur des Brenneke ist dagegen eine reine Erfindung von Albert Hopf. Der ehemalige Mustermaler avancierte unter seinem richtigen Namen, aber auch dem Pseudonym "Anasthasius Schnüffler" und als "Vizejefreiter Bohmhammel von de Börjerwehr" im Revolutionsjahr 1848 zu einem der renommiertesten humoristischen Schriftsteller. Mit "Brenneke" entwickelt Hopf für seinen Nante einen eloquenten Partner und Gegenspieler, den er in der Rolle eines Vertreters von "Euch Volk aus de unterste Klasse" agieren lässt. Gemeinsam lässt Hopf sein Helden-Duo in einer Flugblattserie durch das Berlin der Revolutionszeit schlendern: Nante und Brenneke reden Tacheles. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund und kommentieren die Revolutionsereignisse frei Schnauze. Und dennoch schaffen sie es, sich unter diesen Umständen karrieretechnisch zu mausern: Nante wird zum "Nationalversammelten" und Minister, Brenneke vom Bummelanten zum Konstabler.

Eckensteher Nante in der Volkskultur :


Die Berliner Volkskultur setzte dem Proletariat, wenn man es so nennen will, in Gestalt des Eckensteher Nantes seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unzählbare Denkmäler in Possenform. Der Eckensteher, durch den Berliner Schriftsteller Adolf Glaßbrenner populär geworden, lungerte an einer Berliner Straßenkreuzung herum und harrte dort aus, ausgestattet mit einer Trage, bis schwer beladene Kundschaft vorbeikam, der er gegen etwas Kleingeld die Last abnahm - eine Ich-AG par excellence. Beschwert hat sich Nante über sein Eckensteher-Schicksal jedoch fast nie. Stattdessen dichtete er: "Det beste Leben hab ick doch, Ick kann mir nich beklagen, Pfeift ooch der Wind durchs Ärmelloch, Det will ick schon vertragen."
(Text: ak)


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