Kahnfahrt im Spreewald

Bootsverleih im Spreewald
Ein Bootsverleih am Ufer der Hauptspree nahe Lübbenau - Foto: © -wn-

In diesem Artikel finden Sie einige Infos und Tipps für eine Kahnfahrt im Spreewald.

Eine Spreefahrt - die ist lustig ...

"Adebar, du Bester, bring mir eine Schwester", das legt Theodor Fontane (1819-1898) im Roman "Schach von Wuthenow: Erzählung aus der Zeit des Regiments" einem arglosen dreijährigen Knaben in den Mund, dem wahrscheinlich Hans Christian Andersens (1805-1875) beliebte Storchengeschichte gut bekannt war. Kinder, die im 19. Jahrhundert der schönen Fiktion der Babyanlieferung durch einen Storch anhingen, sahen sich später im zoologischen Standardwerk "Brehms Tierleben" von Alfred Edmund Brehm (1829-1884) eines Besseren belehrt. Während der Heidedichter Hermann Löns (1866-1914) die gefiederten Sommergäste mit den über zwei Meter breiten Schwungfedern, mit verherrlichenden Worten beschrieb wie z.B. der seltene Waldstorch (Ciconia nigra) sei "ein adelig Tier ... stolz und schön, alter deutscher Urwaldheimlichkeit letztes Vermächtnis", macht Brehm Schluss mit der Verklärung dieses Vogels. Er schreibt: "Gewöhnlich betrachtet man den Storch (hier den Weißstorch) als einen harmlosen und gutmütigen Vogel; diese Eigenschaften besitzt er jedoch durchaus nicht." Seine Art, sich zu ernähren mache "ihm das Morden zur Gewohnheit". Seit man heute übers Internet in viele Nester von Weißstörchen (Ciconia ciconia) in ganz Europa - sogar meist von oben - hineinschauen kann, sind die Naturfreunde mit den Fassetten hiesigen Storchenlebens gut vertraut. Man beobachtet im Frühjahr die Säuberungen und Reparaturen der Horste, die mit Ästen und Reisern befestigt werden, man beobachtet die leidenschaftlichen wie lautlosen Kopulationen vor dem Eierlegen und schließlich den Schlupf der Nestlinge im Abstand von Tagen sowie die Fütterung der Kleinen. Gelegentlich aber kommt es zu verstörenden Vorgängen - nämlich wenn die Störchin oder der Storch wegen Futtermangels ein schon herangewachsenes Junges am Hals packt, herumschleudert, halbtot aus dem Nest wirft oder frisst. Es ist Adebars Kronismus genannte rabiate Neigung, notfalls die heranwachsende Nachkommenschaft zu dezimieren, um einen oder mehrere Fresser loszuwerden.
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Ein Hauch von Idylle verbreitet sich

Diese nach menschlichem Empfinden brutalen Vorgänge sind im nördlich von Cottbus gelegenen Spreewald, in dem es die meisten der 1400 Storchenpaare Brandenburgs gibt, wohl auch gang und gäbe, allerdings man sieht es meistens nicht. Es fällt auch nicht täglich ein Jungstorch aus dem Nest. Selten - eigentlich nur zufällig und auch nur im Internet - sieht man diese Beispiele tierischer Euthanasie. Ist auch gut so, denn nichts soll die Heiterkeit der Menschen in den Spreewaldkähnen unterwegs mindern. 15 bis 20 und gelegentlich noch mehr Menschen sitzen auf den Flussreisen durch den Spreewald in den flachen Gleitbooten mit einer maximalen Länge von 9,50 Metern und einer Breite von 1,90 Metern. Wer also im Sommer die Spree ab dem Lübbenauer Hafen befährt, wird bald feststellen, dass zutrifft, was bereits 1871 eine Zeitung schrieb: Jedes Dorf, an dem man vorübergleitet, ist "ein ländliches Venedig; jedes Anwesen ein kleines, wasserumspültes Reich für sich". Ein Hauch von Idylle ist verbreitet. Die Zeit blieb scheinbar stehen. Nichts ist zu hören. Das Gefühl von Einsamkeit stellt sich bereits am südwestlichen Ende ab Burg ein, wo sich die Spree in Fließrichtung zu verzweigen beginnt und ein labyrinthisches Gewirr von Wasseradern zu bildet. Für den Besucher dieser Landschaft ist das nicht zu überblicken. Man kann sich auf dem Wasser verfahren.

Auf dem Kulturtrip kommt man auf der mit hochgewachsenen Erlen und ausladenden Weiden gesäumten Hauptspree, die hier nach Lehde führt, an einem der Storchennester vorüber, unter dem das dichte Blätterdach über dem Fluss für einige Zeit unterbrochen ist. Der Vogel, der im Nestinneren stehend mit langem Hals intensiv nach unten schaut, macht einen Eindruck, als ob er den Bootsverkehr überwacht. Eine vorbei schwimmende Nutriaratte nimmt vom Kahn hingegen keine Notiz und verschwindet in Ruhe im frei gespülten Wurzelgeflecht eines Uferbaumes. Sie weiß: Geschossen wird hier nicht. Misstrauisch blickt aber der Storch aus seinen kleinen Augen nach unten. Da er ein Ziel nicht mit beiden Augen gleichzeitig in den Blick nehmen kann, guckt er mal mit dem rechten, dann wieder mit dem linken Auge. Dass ihm ein vorbeifahrender Kahn überhaupt eines Blickes wert scheint, ist ungewöhnlich, da sich Störche von Maschinenlärm, von Glockengeläuten oder von anderem menschlichen Lärm nicht beunruhigen lassen. Und vom Kahn geht gar kein Lärm aus. Im vorderen Teil kalauert einer, da oben - das sein kein üblicher Storch, sondern ein Oststorch, weil er so ernst herunterschaut und alles beobachtet. Im Westen guckten die Störche wohl fröhlicher? fragt daneben einer, der auf das Leben in der DDR nichts kommen lassen will. Mattes Lachen. Der versuchte Witz hätte vom Komiker Eberhard Cohrs (1921-1999) stammen können.

Der Ruderführer kennt viele Kalauer

Hotel Schloss Lübbenau
Das Hotel Schloss Lübbenau vom Wasser aus gesehen - Foto: © -wn-

Der Mann jedoch mit der Stocherstange (Rudel) in den Händen, der am hinteren spitzen Ende des flach gebauten Nachens steht, verfügt, wie man bald erfährt, über einen erklecklichen Vorrat an Kalauern, mit denen er die Fahrgäste unterhält. Theodor Fontane setzte übrigens in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" den Bootsführern auf der Spree ein kleines literarisches Denkmal:

Und dass dem Netze dieser Spreekanäle
Nichts von dem Zauber von Venedig fehle,
Durchfurcht das endlos wirre Flussrevier
In seinem Boot der Spreewalds-Gondolier.


Dieser drückt den Kahn nach vorwärts und am Gegenverkehr vorbei oder bugsiert ihn in eine der Abzweigungen hinein. Das Bewegen der Kähne auf dem wellenlosen Wasser sieht leicht aus, erfordert aber tatsächlich einen erheblichen Kraftaufwand. Man sieht es beim Start: Da biegt sich die Stocherstange anfangs durch fast wie bei einem Stabhochspringer. Und während des Drücken und Schiebens unterhält der Bootsführer die Fahrgäste mit Hinweisen zur vorbeiziehenden Landschaft und vor allem mit Kalauern aller Art. Das gehört zum Geschäft. Das Städtchen Calau, nach allgemeiner Annahme Geburtsort des Kalauers, liegt nur wenige Straßenkilometer südlich von Lübbenau entfernt. Einen dieser meistenteils geistarmen Wortwitze lässt der Kahnführer gleich nach der Abfahrt in Lübbenau raus, damit im Boot gute Laune aufkommt. Was er scheinbar ernsthaft sagt, klingt wie eine Sicherheitseinweisung. Er erklärt, es sei zur Sicherheit eine Schwimmweste an Bord - seine. Schwaches Lachen vorne im Kahn. Schwimmwesten sind hier nicht vonnöten; man könnte zum anderen Ufer laufen. Die "stillen Wasser der seichten Spree" (Heinrich Heine) erlauben es hier, zu Fuß das andere Ufer zu erreichen. Es gebe, fährt er fort, im Spreewald bald einen neuen Kahntyp, der allerdings von drei Mann gesteuert werden müsse: Einer rudere, der zweite schöpfe und der dritte rufe um Hilfe. In das sparsame Lachen hinein schiebt er gleich noch einen Kalauer nach: Da habe einer gefragt: "Wo hast du denn deine Armbanduhr gelassen? Ach, die geht immer vor, die ist sicherlich schon zu Hause."

Der versuchte Frohsinn, der in den Kähnen erzeugt wird, erinnert daran, dass - wie Fontane berichtet - in den Spreewälder Kneipen des ausgehenden 19. Jahrhunderts die humorige Tradition des Limericks, des Schnaderhüpfels oder der russischen Tschastuschka gepflegt wurde. Es sind nach festliegendem Reim- und Versschema verfasste Gedichte humorvoll-ironischen oder grotesk-komischen Inhalts. So war das damals im Gasthaus Eiche zwischen Lübbenau und Lehde, wo man sich in den abendlichen Trinkrunden an den aphoristischen und unerwartet metaphorischen Volksreimen erheiterte.

Überliefert sind Sprüche wie:
Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Störe,
Es lebe Lehrer Klingestein, der Kantor der Kantöre.
(Christian August Klingestein, den Fontane eine "Spreewaldsautorität" nennt, war von 1834 bis 1876 der letzte sorbisch predigende Geistliche in Lübbenau.)

Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Schleie,
Der Fisch will trinken, gebt ihm was, dass er vor Durst nicht schreie.

"Arme Leute"-Essen Kartoffeln mit Leinöl und Quark oft bestellt

Zu dem, was man damals mit Appetit zu sich nahm, gehörte der Hecht in Meerrettichsoße, die Wendische Hochzeitssuppe aus fein gewürfeltem Rindfleisch, der Spreewälder Kartoffelsalat mit Salat- und sauren Gurken sowie die Spreewälder Buttermilchhefeplinse, die mit Zimtzucker, Apfelmus oder Brombeermarmelade serviert wurde. Diese Gerichte finden sich auch auf den Speisekarten heutiger Gaststätten des Spreewaldes. Im Angebot ist wieder das früher gemiedene "Armeleute-Essen" Kartoffeln mit Leinöl und Quark, das heute zu den bekanntesten Gerichten in der Gegend gehört oder der ehemals als "Russenfraß" gescholtene Borschtsch, den es in Cottbus gibt. Er ist der große Bruder der im Osten populären Soljanka, die wiederum eine Mischung ist aus dem Leibgericht Alexander Puschkins (1799-1837), dem Schtschi aus Kraut und Sahne, und dem Gurkengericht Rassolnik. Im Lübbenauer Hafen stößt der Besucher nach dem Eintritt allerdings auf eine "Fress-Meile" aus mehreren Buden, auf der Menschen wie auf einem amerikanischem Volksfest fettiges Fastfood mampfen und mümmeln. Entweder wollen die Kunden im Anschluss an die Mahlzeit zum fahrbereiten Kahn gehen oder kommen von dort. Bei einigen von ihnen, kann man sich vorstellen, wie sich der Kahn an der Anlegestelle auf der Längsachse neigt, sobald einer von ihnen den nicht ganz einfachen Abwärtsschritt von der Uferkante ins Boot hinunter macht.

Auf die Besonderheit einer Spreewaldfahrt macht bereit 1790 das in Zittau erschienene "Lausizische Wochenblatt" aufmerksam, indem es schrieb: Der Spreewald "gewärt auch in der That eine höchstintreßante Spazierfahrt, wenn man zwischen lauter Wiesen, unzähligen Schobern Heu, abwechselnd mit Gebüsch und kleinen niedlich bestellten Akerstüken dahin schwimmt, und von einem Zusammenfluss von Singvögeln - freilich auch oft von Müken - begleitet wird, und man sicher behaupten, dass der Spreewald im Teutschland die einzige Gegend in ihrer Art ist, deren eigenthümliche Schönheit der Aufmerksamkeit jedes Reisenden wohl werth ist". Kaum anders ist es heute.

Touristische Information:
Von Berlin aus erreicht man Lübbenau/Spreewald über die Autobahnen A113 und A13. Von der Abfahrt Lübbenau bis zur Innenstadt sind es rund fünf Kilometer. In unmittelbarer Nähe des Großen Spreewaldhafens Lübbenau, der an der Dammstraße liegt, befinden sich mehrere preiswerte Parkplätze sowie Bootsausleihstationen und zahlreiche Gaststätten. Besuchen Sie auch das Freilandmuseum Lehde.
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Text: -wn- / Stand: 06.12.2019

Dauer und Kosten einer Kahnfahrt im Spreewald

Eine Kahnfahrt im Spreewald dauert meist 1,5 - 2 Stunden, es werden aber auch Tagestouren angeboten. Für eine 2-stündige Kahnfahrt muss man ca. 12-13€ / Person rechnen, eine Tagestour (6-10 Stunden) kostet ca. 21-28€ / Person. Am besten Sie informieren sich vorab bei den Anbietern über die verschiedenen Angebote.

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