Gedenkstätte Stille Helden in Berlin

Treppenaufgang Gedenkstätte Stille Helden in Berlin
Der Treppenaufgang zur Gedenkstätte "Stille Helden" im Hof des Hauses Rosenthaler Straße 39 - Foto: © -wn-

Gedenkstätte "Stille Helden" / Gutmenschen machen bitteren Ernst

In der geschundenen Stadt Aleppo im vorderen Asien wird im Spätherbst 2016 ein Kind vor dem Tod durch langsames Ersticken aus meterhohem Ruinenschutt gerettet. Es ist nur ein Kind von vielen befreiten Töchtern und Söhnen, denen sich förmlich in letzter Minute ein zweites Leben eröffnet.

Ein klagendes Rufen hatten die Männer eines Suchtrupps zuvor gehört. Mit Schaufeln und mit Händen graben und wühlen sie sich in den Schuttberg hinein, werfen Dreck, Draht und Dachholzsplitter auf die Seite. Im Umkreis der einen wüsten Haufen bildenden Trümmer des niedergebomten Hauses erhebt sich plötzlich Euphorie. Eben stießen sie auf eine Platte, die sie hoben und aus dem Loch herausreichten. Ein schräg liegendes Stützbalkenstück wird sichtbar. Unter dem - wie man jetzt erkennt - rettenden Sparren ist der scheinbar leblose Körper eines Kindes zu sehen. Schon können sie den verschmutzten Leib mit den Händen greifen. Aber er klemmt noch. Die Hochstimmung der Umstehenden nimmt orgiastische Formen an. Mit orientalischer Leidenschaft verbreitet sich der Ruf "Allahu akbar" (Gott ist groß), wieder und wieder steigt er auf. Die den muslimischen Gott Allah so ins Geschehen ziehen, kennen vermutlich aus Unterrichtsstunden in der Moschee die 17. Koran-Sure des Propheten, die das Töten von Kindern als "schwere Verfehlung" ächtet und folglich auch tatenloses Zusehen, wenn ein Kind hilflos zu Tode kommt. Der Koran verbietet solches Vorgehen bei Androhung schwerer Strafe. Auch wenn die Leute am Loch nun glauben, einem Wunder beizuwohnen, bleibt doch das, was sie dort im östlichen Aleppo im Umkreis sehen, eine schreckensvolle Trümmerwüste. Es sah hier im Jahre 1822 wohl nicht anders aus, als ein Erdbeben weite Teile der Stadt zerstörte. Ein Augenzeuge schrieb damals: "Es war eine schreckliche Szcene. Die Hälfte der Stadt glaubte in vollem Ernst, dass das Jüngste Gericht angebrochen sey."

Der herunter gebrochene und am Boden schräg aufgekommene Balken war für das Kind ein Glück im Unglück. Es kam in der niedrigen Nische unter ihm zu liegen. Bald kann es aus dem Schutt gezogen werden. Einer der Männer hat nun den Körper in seinen Armen. Die Rufe "Allahu akbar" nehmen kein Ende! Was aber wird, fragt man sich, das überlebende Kind - was werden alle anderen aus Trümmern geborgenen Jungen und Mädchen in den Erinnerungen an ihre Rettung mit auf die Lebensreise nehmen. Vorstellbar, dass einigen das Trauma des drohenden Trümmergrabes gerade dann erfasst, wenn sie einen Menschen mit weißer Kopfbedeckung sehen. Das könnte sie an die bis dahin schrecklichste, aber auch glücklichste Situation ihres Lebens erinnern. Ihre Retter sind Männer mit weißen Helmen auf dem Kopf, Angehörige der 2013 entstandenen Freiwilligen Syrischen Zivilschutz-Organisation. Sie sind "stille Helfer" unserer Tage - Zeitgenossen mit Seelengröße und Todesverachtung. Sie sehen nach eigenem Bekunden ihre Aufgabe darin, "die größtmögliche Anzahl an Leben in kürzester Zeit zu retten und eine weitere Verletzung von Personen und Sachschäden zu minimieren". Die Männer kämpfen nicht gegen einen Feind, sie versuchen, die Folgen seiner Gräuel zu mildern. 2016 sind in Aleppo und weiteren syrischen Provinzen 2850 Weißhelme im Einsatz. Jedem von ihnen ist es mit dem Retten bitterer Ernst; sie nehmen die Möglichkeit des eigenen Todes in Kauf. Wo immer sie an Trümmern der Oststadt horchen, graben und retten, schlagen sie wegen des häufigen Beschusses ihr Leben in die Schanze und bezeugen einen hohen ethischen Standard. In diesen Zeiten, in denen das in jedem Menschen evolutionär angelegte Böse offenbar verstärkt zu grassieren scheint, sind die Weißhelme der Beweis dafür, dass "die menschliche Standhaftigkeit wahrscheinlich das größte der Weltwunder" ist, so die ZEIT-Autorin Evelyn Finger im Jahre 2011. "Stille Helfer" werden auch deshalb mit diesem Attribut gekennzeichnet, weil sie später von sich und ihrer Bereitschaft zum Risiko kein Aufheben machen. Ihr selbstloser Einsatz scheint fremdartig und altmodisch aus Sicht der heutigen Konsum-, Genuss- und Spassgesellschaft. Nur in manchen historischen Kinoschinken mit einem Gemenge aus Abenteuer, Kitsch und vorgegaukeltem Edelmut wird vermeintliche Selbstlosigkeit gezeigt.

Zwischen 2013 und 2016 kommen 141 Weißhelme bei Rettungsversuchen ums Leben. Die Männer dieser Organisation sind krasse Gegenstücke zum suizidal radikalisierten, jeglicher Religion fernstehenden Meuchelmörder, der glaubt die Welt verändern zu müssen, indem er "Ungläubige" bekämpft und mit in den Tod reißt. Dieser Mördertyp hält sich irrtümlich für einen im Koran (Sure 37) erwähnten "begnadeten Diener Allahs", der nach seinem Tod in den "paradiesischen Gärten der Wonne" auf einem Ruhebett liegt, köstliche Früchte isst und "großäugige Huris" (Mädchen mit Jungfräulichkeit trotz ausgeführtem Geschlechtsverkehr) um sich hat. Nach einem möglichen Opfertod erwarten vermutlich auch die muslimischen "stillen Helden", wenn sie schon aus dem Leben gehen müssen, das Paradies, wo - wie ein Lyriker im 19. Jahrhundert schreibt - "die Sonnen reiner scheinen, / Und die Monde voller schimmern". Oder sie hegen die atheistische Überzeugung, für die sich einst Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) stark machte: "Post mortem nihil est" (Nach dem Tod kommt nichts).

"Stille Helfer" - beherzte Menschen mit unglaublichem Mut

Der "stille Held" hat eine lange Geschichte. Im Haus Nr. 39 der engen belebten Berliner Rosenthaler Straße am Hackeschen Markt kann man von früheren Menschenhelfern erfahren, die später für ihren Einsatz keine Ehrerweisungen, Zuwendungen oder andere Erkenntlichkeiten erwarteten. Im Haus gibt es auf zwei Etagen ein kleines Museum, das den Menschen gewidmet ist, die verfolgten Juden Verstecke boten - in vollem Bewusstsein der Gefahr für sich selbst oder auch indem sie vielleicht die Gefahren unterschätzten. Sie werden heute vielfach in der "Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust" Yad Vashem auf dem Jerusalemer "Berg der Erinnerung" gewürdigt, einer Hügelkette, mit der die Stadt nach Westen hin ins judäische Bergland hineinragt. Dort im "Garten der Gerechten unter den Völkern" werden seit 1996 für rund 22000 nichtjüdische Retter ehrende Namenstafeln angebracht. Zwar konnten diese beherzten Menschen den Holocaust nicht nennenswert mildern, aber sie gaben doch in der faschistischen Zeit ein Beispiel für Barmherzigkeit und Widerstand. Sie nahmen Anteil am Schicksal von bedrängten Mitmenschen, machten es zu ihrem eigenen. Mit ihrer Haltung relativierten sie die sarkastisch-pessimistische Feststellung des israelischen Schriftstellers Amos Oz (geb.1939), der in seinem berühmten Buch "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" schreibt: "Bücher lassen dich - im Gegensatz zu Menschen - nicht im Stich."

Der Hof in der Rosenthaler Straße 39 in Berlin
Der Hof des Hauses Rosenthaler Straße 39, in dem sich drei Museen befinden - Foto: © -wn-
Der Hof des Hauses in der Rosenthaler Straße mit seinen putzarmen und kunterbunt beklebten Fassaden verbreitet den Charme eines russischen Kommunalka-Hofes. Das schmale und kurze Areal mit Fahrradständer, Mülltonnenplatz und dem Eingang zum Kino Central ist eine Museumsmeile - die kürzeste von Berlin. Hier befindet sich das Museum der Blindenwerkstatt des Kleinfabrikanten Otto Weidt (1883-1947). Er beschäftigte während des Zweiten Weltkrieges unter anderem blinde und gehörlose jüdische Menschen, die dort Besen und Bürsten herstellten. Otto Weidt versuchte seine jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter vor Verfolgung und Deportation zu schützen. Eines der Verstecke, die er für Berliner Juden einrichtete, befand sich in den Räumen der Werkstatt.

In der Nähe des östlichen Hofeinganges fällt die Tür zur Gedenkstätte "Stille Helden - Widerstand gegen die Judenverfolgung 1933-1945" ins Auge. Man erreicht sie über einen Treppenaufgang mit hölzernem Geländer und Handläufen, altertümlich gedrechselten Stacheten und Antrittspfosten. Die Ausstellung im oberen Stockwerk bietet eine Dokumentation mit den Namen der damals Versteckten und ihrer Helfer und stellt einzelne Schicksale dar. Die Namensliste entlarvt auch das Wunschdenken des ehemaligen Berliner NSDAP-Gauleiter Paul Joseph Goebbels (1897-1945). Dieser schrieb nach einem Besuch bei Adolf Hitler (1889-1945) am 20. März 1943 in sein Tagebuch: "Der Führer ist glücklich darüber, dass, wie ich ihm berichte, die Juden zum größten Teil aus Berlin evakuiert sind."

Nachdem ab 1941 rund sechs Millionen Juden, darunter 160 000 deutsche, dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer gefallen waren, entschlossen sich in Deutschland etwa 5000 nicht deportierte jüdische Menschen dem ihnen zugedachten Schicksal zu trotzen. Sie tauchten unter. Über 1700 flüchteten in Berlin in den Untergrund. Dieses Untertauchen war nur möglich, weil es "stille Helden" gab, Menschen mit verheimlichter Empathie, die zu helfen bereit waren. Diese Deutschen, die aus weltanschaulichen, politischen oder aus allgemein menschlichen Motiven die Verfolgten unterstützten, waren stark genug, die Angst um die eigene Person zu überwinden. Sie beschafften Lebensmittel und falsche Papiere. Sie stellten Unterkünfte und Verstecke zur Verfügung. Einer der Geretteten, der sich erfolgreich verbergen konnte, vertraute seinem Tagebuch eine hoffnungsfrohe Selbstaufmunterung an. Dort heißt es u.a.:

Im Kasten der Couch lieg ich wie im Sarg
indes die Häscher die Wohnung durchtoben
Doch ich liege still denn du bist stark
Ich bin und bleib ruhig - ich kann es geloben
Denn du bleibst mit deiner Klugheit doch oben

Denunzianten verrieten Verstecke untergetauchter Juden

Nicht jedes Versteck blieb unerkannt. Retter und Gerettete gerieten in die Fänge der faschistischen Justiz. Und es bewahrheitete sich in dieser Zeit der sarkastische Zweizeiler des Dichters August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), der auch die Deutsche Nationalhymne schuf: "Der größte Lump im ganzen Land, / das ist und bleibt der Denunziant." Auch dafür liefert die Ausstellung in der Gedenkstätte zahlreiche Beweise. In einem (mit allen orthografischen Fehlern) ausgestellten Spitzelbericht an die Berliner Gestapo heißt es:

Zitat:
An die Gestapo in Berlin
Eilt. Judensache
Möchte Ihnen eine wichtige Mitteilung machen, wegen einer Jüdin. Ich habe nämlich seit einiger Zeit bemerkt, das sich eine Jüdsche heimlich bei Leute hier im Hause verstekt und ohne Stern geht.
Es ist die Jüdin Blumenfeld, die sich bei der Frau Reichert Berlin W. Passauerstraße 38 vorn 3 Treppen heimlich versteckt.
So was muss doch sofort unterbunden werden, schicken Sie mal gleich früh so um 7 Uhr einen Beamten und lassen dieses Weib abholen.
Diese Jüdin war früher wie sie hier im Hause wohnte immer frech und hochnäsig. Sie müssen aber schnell machen sonst verschwindet sie vielleicht wo anders hin.
Heil Hitler!
Else Schurike - Zitat Ende

Eingang zum Museumshof Rosenthaler Straße 39 in Berlin
Der Eingang zum Museumshof des Hauses Rosenthaler Straße 39 (rechts vom Cafe Cinema) - Foto: © -wn-
Im faschistischen Spitzeldienst hielten nicht nur "kerndeutsche" Späher und Spione Augen und Ohren offen - selbst Menschen jüdischer Herkunft ließen sich - aus Angst vor dem eigenen Tod - missbrauchen. In der Ausstellung ist zu lesen: "Zur Fahndung nach geflohenen Juden wirbt die Berliner Gestapo einige Verfolgte als Spitzel an und lockt sie mit dem zumeist falschen Versprechen, sie nicht zu deportieren. Etwa 20 jüdische "Greifer" spüren am 1943 in Berlin "Illegale" auf und kundschaften Verstecke aus."

Die "stillen Helden" in Nazi-Deutschland waren eine Minderheit. Der russische Journalist Solomon Moiseyevich Volkov (geb. 1944) meint sogar in seinen Memoiren, dass es in der Gattung Homo sapiens weder massenhaft Helden noch in großer Zahl Gauner gibt. Er kommt zu dem Schluss: "Helden und Schurken gibt es nur wenige. Die meisten Menschen sind mittelmäßig. Sind weder schwarz noch weiß. Sie sind grau, von einer schmutziggrauen Schattierung. In diesem so unbestimmt gefärbten Milieu entstehen die grundlegenden Konflikte unserer Zeit." Wer heute das Gefühl hat, dieser grauen Masse anzugehören, sollte diesen Bereich verlassen, damit die echten Gutmenschen, die es mit ihrem Humanismus gegebenenfalls auch bitterernst meinen können, keine oft belächelte Minderheit mehr bleiben. Zu allen Zeiten gibt es Bedarf an "stillen Helden".
(Siehe auch den Artikel "Der Ehrenhof im Bendlerblock: Mut zur Moral, Genauigkeit des Gewissens")

Anfahrt zur Gedenkstätte Stille Helden

Zur Rosenthaler Straße kommt man mit der S-Bahn S5 (Station Hackescher Markt). Der Fußweg beträgt 320 Meter. Text: -wn- / Stand: 05.01.2017

Öffnungszeiten der Gedenkstätte Stille Helden

Täglich 10:00 Uhr - 20:00 Uhr
24. Dezember Geschlossen

Eintrittspreise der Gedenkstätte Stille Helden

Eintritt frei
Führungen kostenlos, mit Anmeldung

Adresse:
Gedenkstätte Stille Helden
Rosenthalerstraße 39
10178 Berlin
Tel: +49-30 - 27 59 68 65

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