Berlins kleinstes Denkmal

Denkmal Den Opfern des Stalinismus
Das Denkmal "Den Opfern des Stalinismus" in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin Friedrichsfelde. Am Gedenkstein ist zu lesen: "Mahnmal der Opfer des Stalinismus - Dieser Gedenkstein ist eine Mahnung, Erinnerung und ein Gedenken an die Opfer und Widerständler, die der politischen Verfolgung in der Sowjetunion sowie in der SBZ und der DDR ausgesetzt waren. Als Sinnbild des aufrechten Erinnerns und Gedenkens werden an diesem Gedenkstein weisse Rosen niedergelegt!" (Aufnahme vom 16. Januar 2015) - Foto: © -wn-

Das Denkmal "Den Opfern des Stalinismus" wurde am 11.12.2006 durch Walter Momper eingeweiht.

Berlins kleinstes Denkmal - Wenn Opfer ante portas stehen

Rabatz im Rondell; es ist ein Vormittag Anfang Juni. Vier Gärtnerinnen jäten und pflanzen im Zentrum der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Friedrichsfelder Zentralfriedhof. Hin und her fliegt das Gespräch, gelegentlich ist ein Auflachen zu hören. Die Flächen zwischen den zehn Grabplatten werden sommerlich hergerichtet; unter der einen soll die ermordete Rosa Luxemburg (1870-1919) liegen. Allerdings ist bis heute ungeklärt, ob der Leichnam der weltbekannten Frau tatsächlich hier bestattet ist. Studentenblumen kommen in den Boden und blauer Männertreu, gelbe Ringelblumen und mexikanische Zinnien. Die Bepflanzung steht - man weiß das - in keinem auch nur annähernden Verhältnis zur Blumenfülle, die bei den Liebknecht-Luxemburg-Demonstrationen immer im Januar auf den Grabplatten beider zusammenkommt. Die Luxemburg war Blumen zugetan wie überhaupt allem, das wächst und kreucht und fleucht. Aus einem ihrer Haftorte, der Festung Wronke (Wronki), schreibt sie nach dem Besuch einer Berliner Freundin am 19. Mai 1917 an den Arzt Dr. Hans Diefenbach (1884-1917): "Ich habe heute ... einen Haufen Vergissmeinnicht und Stiefmütterchen gekriegt und sie selbst (im Festungsgarten, den sie betreten darf) eingepflanzt ... immer abwechselnd Vergissmeinnicht und Stiefmütterchen ... ich traue kaum meinen Augen, denn ich habe zum ersten Mal im Leben gepflanzt und alles ist gleich so gelungen. Gerade zu Pfingsten werde ich so viel Blumen vor dem Fenster haben!" Die palavernde Ausgelassenheit der Gärtnerinnen scheint die Geschichtlichkeit des Ortes außer Acht zu lassen. In der DDR aufgewachsene Besucher wissen seit Kindes Beinen: Hier in der Gedenkstätte werden verblichene Helden des Sozialismus ohne reden und lachen geehrt, darunter solche, von denen zumindest behauptet wurde, dass sie berechtigte Adressaten solch massenhafter Ehrungen sind. Da aber hier wie anderswo die Gedanken schon immer frei waren, konnte man bei individuell aufkommendem Zweifel zumindest darüber nachdenken, wie viel parteierzieherische Maßnahmen diese Rosa Luxemburg im Falle ihres Fortlebens hätte vermutlich erleiden müssen, weil sie bei aller radikalen Leidenschaft Sozialismus nur mit Demokratie zusammen denken wollte. Somit war sie Abweichlerin in einer Grundfrage. Nur ihr Charisma und ihre Bildung schützten sie vor Angriffen aus der eigenen Partei. Ihr Tun und Lassen wird man jedoch in der DDR-Zeit warnend Luxemburgismus nennen. Die zentrale "luxemburgistische" Aussage aus ihrem Aufsatz "Zur russischen Revolution" - dort nur eine handschriftliche Randnotiz - "Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden" wurde selbst unter Einsatz von Polizeikräften bekämpft. Wer von diesem Gedanken infiziert wurde, war schon ein halber Klassenfeind.

Solche Angekränkelte sind auch unter den bestatteten Sozialisten zu finden: etwa der Ulbricht-Kritiker Anton Ackermann (1905-1973), der dann den Freitod wählte, der Arzt und Dichter Friedrich Wolf (1888-1953), der am Ende seines Lebens erklärte, im Parteiapparat stünden neben "100 Scheißkerlen" ganze "3 gute Kerle", der Journalist Jacob Walcher (1887-1970), der wegen seiner Kritik am aufblühenden Dogmatismus zum "ärgsten Feind der Arbeiterklasse" erklärt, später rehabilitiert wurde, und der stellvertretende Hamburger KPD-Vorsitzende Fritz Sperling (1911-1958), dem man eine Zusammenarbeit mit amerikanischen und englischen Agenten anlastete und der 46jährig verstarb. Sie und manche andere gehören zu jenen vielgenannten Kindern, die - nach Wolfgang Leonhards (geb. 1921) Weltbestseller "Die Revolution entlässt ihre Kinder" - ausgesondert wurden. Einer, der beim Entlassen an vorderer Front stand, hat seine mit einer roten Steinplatte verschlossene Urnennische in der Ringmauer ganz in der Nähe des Luxemburg-Grabes: Ernst Melsheimer (1897-1960). Von 1948 bis ans Lebensende war er Generalstaatsanwalt der DDR und als solcher Befürworter "langjähriger Umerziehungsprozesse". Sein politisches Credo fasste der Jurist 1948 in die Worte zusammen: "Polizei und Justiz sind die wichtigsten Stützen des Staates. Die Polizei haben wir schon in der Hand, und die Justiz müssen wir noch in die Hand bekommen." Der "deutsche Wyschinski", wie man ihn bald nannte (nach dem Hauptankläger bei den Moskauer Schauprozessen 1936‒1938 Andrei Januarjewitsch Wyschinski), war 1957 an den politischen Schauprozessen gegen den Philosophen Wolfgang Harich (1923-1995), den Verlagsleiter Walter Janka (1914-1994) und gegen weitere Angeklagte beteiligt. An diesen und anderen Tiefpunkten ostdeutscher Rechtspflege fungierte er als Überbringer der vorher festgelegten und von ihm pro forma beantragten Haftstrafen.

Berlins kleinstes Denkmal in Friedrichsfelde:

Rondell der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde
Gärtnerarbeiten im Rondell der Gedenkstätte (Anfang Juni 2012) - Foto: © -wn-

Von Melsheimers Urnennische nimmt eine unsichtbare Schicksalslinie ihren Ausgang. Sie streift Rosa Luxemburgs Grab und das von Walter Ulbricht (1893-1973), sodann die bekannte Porphyr-Stele mit der unkorrekten Inschrift "Die Toten mahnen uns" - es mahnen hier bisher nur zugelassene Tote. Nun verläuft die Linie vorbei an der steinernen Tribüne, an die im Januar das Podest mit Fußbodenheizung angebaut war, auf dem sich Erich Honecker (1912-1994) im Kreise seiner Genossen die monströse Zobelmütze zurechtrückte und die rechte Faust zum ungelenken Gruß erhob. Es ist der Mann, der auf dem 1. Deutschlandtreffen der Jugend am 27. Mai 1950 in Berlin mit sich überschlagender Stimme ausgerufen hatte: "Es lebe der Bannerträger des Friedens und Fortschritts in der Welt, der beste Freund des deutschen Volkes, Josef Wissarjonowitsch Stalin - hurra!" Sodann geht es die sieben flachen Stufen hinunter zum vorbei führenden Straßenbogen mit dem Kleinsteinpflaster, auf dem dermalen die hereinwallenden Demonstranten - im Gegensatz zu heute - eine spitze Rechtskehre in Richtung Ausgang vollführten, um nicht unversehens den führenden Genossen in die Arme zu laufen. Die Schicksalslinie aber ignoriert die Kehre, quert die Straße und ist an jenem provokativen Stein angelangt, der seit mehr als einem halben Jahrzehnt für eine produktive Gedenkstörung sorgt. Die Provokation ist etwa 50 Zentimeter breit, 35 Zentimeter hoch, 15 Zentimeter dick und ruht leicht angeschrägt auf einem kurzen Fuß - es ist das wohl kleinste Denkmal Berlins mit der (im Frühjahr 2012) leider kaum noch lesbaren Aufschrift "Den Opfern des Stalinismus". Finanziert und aufgestellt wurde das Kleinstmonument vom "Förderkreis Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung". Am 11. Dezember 2006 weihten es der damalige Präsident des Abgeordnetenhauses Walter Momper (SPD, geb. 1945) und die Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich (PDS, geb. 1948) ein. Mit dem Stein soll u.a. der "während des stalinistischen Terrors ermordeten, inhaftierten oder an die Nationalsozialisten ausgelieferten Sozialisten und Kommunisten" gedacht werden, heißt es in der abgegebenen Begründung. Das Ehrenmal auf seinem separierten Standort nähert die Gedenkstätte auf befreiende Weise der historischen Wahrheit an. Da kommt die große Gruppe der in der Sowjetunion ums Leben gekommenen deutschen Emigranten in den Blick, aber auch die Zurückgekehrten, die in der DDR über den erlebten Terror nichts erzählen durften. "Du hast vierzig Jahre lang geschwiegen, schrie Sascha. Vierzig Jahre hast du es nicht gewagt, über deine großartigen sowjetischen Erfahrungen zu berichten." - Dieser Vorwurf eines Sohnes in Richtung seines kommunistischen Vater, der im GULAG gesessen hatte, stammt aus dem vieldiskutierten Buch "In Zeiten des abnehmenden Lichts - Roman einer Familie" des deutschen Schriftstellers Eugen Ruge (geb. 1954). Solches Verschweigen zieht sich selbst bis ins Jahr 1997 hinein. Zu diesem Zeitpunkt glaubt der deutsche Antifaschist Prof. Stefan Doernberg (1924-2010) jenen Terror allen Ernstes noch bemänteln zu können. Der Historiker, der 1945 mit der Roten Armee nach Deutschland gekommen war, schreibt: "In keinem anderen Land der Welt (nur in der UdSSR) gab es in unserem (20.) Jahrhundert einen solchen Auftrieb der Produktivkräfte, einen solch großen Modernisierungsschub verbunden mit einer sozialen Absicherung für Lebenshaltung, garantierte Arbeitsplätze und Gesundheitsfürsorge, eine gleichartige Entwicklung des Bildungsstandes und Zunahme des Verteidigungspotentials." Die Millionen Arbeitssklaven lässt der ortskundige Professor einfach weg - und ist dabei, sich um seine wissenschaftliche Reputation zu bringen. Nach der viel beachteten Aufstellung des Gedenksteines ändert er überstürzt seine Haltung, bringt sich nun selbst als stalinistisches Opfer ins Spiel: "Ich gehöre zu jenen, die nach dem heutigen allgemeinen Verständnis sich als Opfer des Stalinismus bezeichnen können. Ich wurde 1938 aus der Sowjetunion ausgewiesen, nachdem mein Vater grundlos verhaftet worden war. Nur dank günstiger Umstände und dem Eingreifen von (Michail Iwanowitsch) Kalinin (1875-1946) als offiziellem Staatsoberhaupt sowie der Witwe von Lenin konnte ich in Moskau bleiben", berichtet er in den "Mitteilungen der Kommunistischen Plattform", in der sich ein ausufernder Proteststurm gegen das Denkmal erhebt. Nicht jeder Kritiker, heißt es, schon gar nicht jeder Gegner der DDR könne ein stalinistisches Opfer sein. Mit erschreckender Menschenverachtung wettern die Sektierer dieser Plattform in ihrem Bulletin: "In diesen Stein ist ein Kampfbegriff eingemeißelt: "Opfer des Stalinismus". Das sind in den Augen der Gegner jedes sozialistischen Gedankens inzwischen all jene, die irgendwann, zum Beispiel mit der DDR, in Konflikt gerieten, ob zu Recht oder zu Unrecht. Nicht zuletzt das assoziiert dieser Stein, und er ist somit ... eine Provokation für viele Sozialisten und Kommunisten." Von Entweihung, gar Schändung der Gedenkstätte ist die Rede. Das hätte Generalstaatsanwalt Melsheimer nicht besser sagen können beim Aburteilen von "Agenten und Saboteuren", "Boykotthetzern", "feindlich-negativen Elementen" sowie Andersdenkenden aller Art. Von solchen Reaktionen auf das Denkmal geht eine neue "Unfähigkeit zu trauern" aus, wie sie die Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich (1908-1982, 1919-2012) 1967 in der damaligen westdeutschen Bevölkerung ausmachten, wo die Neigung wenig entwickelt war, sich mit der faschistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Mit jakobinischem Pathos erklären die heutigen ostdeutschen Sektierer, die Opfer im Namen des Sozialismus seien hinzunehmende Verluste eines historisch legitim gewesenen geschichtlichen Versuches, die neue Gesellschaft aufzubauen. Mit anderen Worten: Wo gehobelt, da fallen Späne.

Denkmal für die Opfer des Stalinismus am Steinplatz Berlin-Charlottenburg
Denkmal für die Opfer des Stalinismus am Steinplatz in Berlin-Charlottenburg - Foto: © -wn-

Und sie suchen selbst den Schulterschluss mit einem ihrer ideologischen Erzfeinde, der "Vereinigung der Opfer des Stalinismus" (VOS). Deren Bundesvorsitzender Hugo Diederich hatte sich am 13. Dezember 2006 in der Tageszeitung "Junge Welt" gegen den Stein ausgesprochen und es als geschmacklos bezeichnet, "dass ein Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus in unmittelbarer Nähe zum SED-Ehrenmal auf dem Zentralfriedhof der Sozialisten errichtet wurde." Man wird solche Stellungnahmen noch besser verstehen lernen müssen. Der Stein wird vermutlich umstritten bleiben. Dennoch leuchtet er erhellend in den Ort des bisher eingeschränkten Gedenkens hinein. Weil seitdem die verschwiegenen Opfer ante portas stehen.

Verkehrsverbindungen:

U- und S-Bhf. Lichtenberg, S-Bhf. Friedrichsfelde-Ost Bus 193, Straßenbahn 21, 27
Die Zufahrt mit dem Auto über Frankfurter Allee - Atzpodienstraße - Rüdigerstraße - Gudrunstraße.
Text: -wn- / Stand: 22.06.2019

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