Stasi-Gedenkstätte Normannenstraße in Berlin

Text: -wn- (Journalist aus Berlin) / Letzte Aktualisierung: 03.04.2021

Ein Zimmer in der Stasi-Gedenkstätte Normannenstraße
Ein Zimmer in der Gedenkstätte Normannenstraße - Foto: © -wn-

Die Stasi-Gedenkstätte befindet sich im Haus 1 auf dem ehemaligen Gelände der Zentrale des MfS in der Normannenstraße. Erbaut wurde es 1960/61 als Dienstsitz Erich Mielkes.

Stasimuseum im Haus Eins - die Stasi-Gedenkstätte Normannenstraße

Behaglich ist der Raum nicht, keineswegs aber abschreckend (Foto). Mittelrot der Teppich auf dem Fischgrät-Parkett, darauf der überbreite Schreibtisch. Linkerhand ein paar Telefone, sicher irgendwo der Überfallknopf - für den Fall, es hätte sich doch ein Mutiger gefunden ... Hinter dem Tisch, vor den Panzerschränken, und am vorn angestellten Beitisch stehen blaugepolsterte Bugholz-Fauteuils. In Blumenkästen an den Fenstern wächst eine Reihe robuster Schwiegermutterzungen hoch. Gegenüber ein Röhrenradio "Weimar", angeschlossen ein Tonbandgerät Marke "Smaragd" - mittlerweile Sammlerstücke. Das war das Interieur des Erich Mielke (1907-2000) im dritten Stock der Stasi-Forschungs- und Gedenkstätte in Lichtenberg - im Haus Eins der einst ausgedehnten Stasizentrale. Der Raum ist im Originalzustand belassen. Kaum einer wird zwar den inzwischen entfernten Wandkitsch vermissen - gestickte Kalaschnikows und Dserschinski-Köpfe, mit Kerbschnitt gefertigte weitere Klassenkämpfer oder Intarsien mit Hammer, Sichel und Sowjetstern. Aber man sieht es diesem Arbeitszimmer wiederum nicht an, dass hier der langjährige Nutzer seine bestürzenden Bekenntnisse zu revolutionärer Wachsamkeit abgab, etwa zu gerichtsunabhängigen Hinrichtungen von - aus seiner Sicht - Verrätern: "Das ganze Geschwafel von - und so weiter - nicht hinrichten, nicht Todesurteil, alles Käse, Genossen; hinrichten die Menschen ohne Gesetze, ohne Gerichtsbarkeit und so weiter". Es wäre sachdienlich, diesem Raum zu mehr geschichtlicher Unmittelbarkeit zu verhelfen. Warum nicht mit einer Folge von Bildern aus dem Leben des Erich Mielke - vom jung-feisten Minister mit gedunsenem Gesicht und dem fünf Zentimeter über den Ohren beginnenden Fassonschnitt bis zu jenem scheinbar geschrumpften, Mitleid heischenden, am Stock gehenden Senior, der an den rappelig gewordenen Parteisekretär Wang Qiushe aus dem Roman "Hibiskus" von Gu Hua (geb. 1942) erinnert. "Lasst nie nach im Klassenkampf!" ruft der umnachtete Wang. Vom ehemaligen "bürgerlichen Element", der Reisverkäuferin Hu Yuyin, erhält er in großartiger Geste ein Gnadenbrot. Mielkes Abschiedswort war: "Na, ich liebe doch."

Wichtige Infos über die Stasi-Gedenkstätte Normannenstraße

Adresse:
Stasimuseum/ASTAK e.V.
Normannenstraße 20, Haus 1
10365 Berlin Lichtenberg
Tel: 030/ 553 68 54

Anfahrt:
U-Bahn: U5 bis Magdalenenstraße
Bus: 240 bis Schottstraße
Auto: Über die B1 bis Ruschestraße

Öffnungszeiten des Stasimuseum:
Mo - Fr: 10:00 Uhr - 18:00 Uhr
Sa - So, Feiertage: 11:00 Uhr - 18:00 Uhr
Geschlossen am 24.12. + 31.12.

Öffentliche Führungen:
Montag, Donnerstag, Samstag
Deutsch: 11:00 Uhr + 13:00 Uhr
Englisch: 15:00 Uhr

Eintrittspreise im Stasimuseum:
Erwachsene 8€
Ermäßigt (Studenten, Azubis, Arbeitssuchende, Schwerbeschädigte, Senioren): 6€
Schüler (ab 12 Jahren) 3€
Leihgebühr Audioguide: 2€

Öffentliche Führungen: 2€ zzgl. Eintritt

Die Stasi-Gedenkstätte Normannenstraße

Das im Sommer 1990 in Berlin von der Antistalinistischen Aktion Berlin-Normannenstraße e. V. (ASTAK) gegründete Museum ist eine dem Sachlichen, Belegten und Wahrheitsgemäßen verpflichtete Einrichtung, die sich gegen Verklärung und Idealisierung der DDR wendet. Es gibt Auskünfte über ein Staatswesen, in dem Verdachte und Schuldvermutungen gegen jedermann die Atmosphäre im Land vergifteten. Der Besucher erfährt von Verfolgungsschicksalen, die auch ab dem Herbst 1989 und oft bis heute zumindest Schicksale blieben. Gezeigt werden Wechselausstellungen über das Chiffrierwesen des MfS, die Rolle der Volkspolizei beim Aufstand vom 17. Juni 1953 und die Unterwanderung der Zeugen Jehovas mit Denunzianten und Spitzeln. Man betritt einen Ort der Traurigkeit darüber, in welche moralischen Abgründe der Mensch um der Karriere willen absteigen kann - vielfach ohne spätere bessere Einsicht. Noch heute wird in ausreichend bis bestens berenteten Stasi-Kreisen behauptet, die berüchtigte Zersetzung menschlicher Beziehungen - der unmenschliche Eingriff ins Seelische - sei eine "humane Alternative zu Strafrecht und Inhaftierung von Dissidenten" gewesen. Umso erstaunlicher ist es zu sehen, wie schwer es die Vernunft selbst bei Menschen hat, die weder Täter noch Opfer waren. Die Gedenkstätte, eigentlich eine Nachdenkstätte, will menschlicher Dummheit begegnen, jenem Fehlen von Urteilskraft, das sich auftut, wenn nachgeborene Zeitgenossen etwa die flächendeckende, im Übrigen verfassungswidrige Gesinnungsschnüffelei in der DDR mit den Daten-Erhebungen der Gebühreneinzugszentrale (GEZ) in Beziehung bringen. Ein Besucherbucheintrag macht sogar geltend, dass die "soziale Sicherheit" in der kollabierenden DDR-Wirtschaft menschengerechter gewesen sei als die hohe Arbeitslosigkeit unserer Tage mit ihren zweifelsfrei ernsten Wirkungen.

Im Stasimuseum Berlin

Zu den skurrilen Aktionen des MfS gehörte der Kampf gegen eine der wichtigsten christlichen wie zivilisatorischen Botschaften. "Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen", heißt es im Buch des Propheten Jesaja (geb. um 770 v.u.Z.). In den 80er Jahren trugen davon begeisterte Jugendliche Aufnäher am Arm, auf denen ein entschlossener Mann ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedet - ursprünglich eine Bronzeskulptur des bekannten sowjetischen Bildhauers Jewgeni Wutschetitsch (1908-1974). Wegen der Weigerung, dieses "Symbol eines undifferenzierten Pazifismus" zu entfernen, reagierte die Staatsmacht mit Schulentlassung, Strafversetzung, Nichtzulassung zum Abitur, Schulverbot. Bemerkenswert, dass der Aufnäher heute im Museum Gegenstand von Abgeltungs-Maßnahmen ist. Wer es nämlich verabsäumte, beim Kartenkauf auch die preiswerte Fotogenehmigung in Höhe von einem Euro zu bezahlen, muss spätestens im dritten Stock damit rechnen, wortgewaltig aufgegriffen zu werden. Sofern man auf die kleine drahtige Museumsaufsicht mit dem sportlichen Kaderleiterin-Kurzhaarschnitt stößt, hat man mit barschen Vorhalten zu rechnen wie "Da habe ich Sie jetzt aber erwischt!" und "Was kann ich dafür, dass Sie (an der Kasse) nicht lesen können." Als Äquivalent wird einem der Aufnäher mit dem großartigen Gedanken zu einem Euro offeriert. Zur sehenswerten musealen Dokumentation gibt es noch ein Schnäppchen obendrauf: O-Ton DDR - kostenlos. Besuchen Sie auch die Stasi Gedenkstätte Bautzen in Sachsen.

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