Bismarck Denkmal am Großen Stern in Berlin

Bismarck Nationaldenkmal in Berlin
Gesamtansicht des Bismarck Nationaldenkmals - Foto: © -wn-

Am Großen Stern in Berlin steht ein Bismarck Denkmal. Wir haben hier einige interessante Fakten zu dieser Sehenswürdigkeit zusammengetragen:

Das Bismarck Nationaldenkmal in Berlin - Ein Fisch namens Otto

In der deutschen Geschichte gefiel es manchen Potentaten, sich mit Namen kampfstarker Tiere zu schmücken. Zumindest widersprachen sie nicht, wenn die Höflinge sie mit liebedienerischen Verweisen auf angebliche Kühnheit, Klugheit und seherische Gabe bauchpinselten. So nannte sich der Begründer der Mark Brandenburg, der Askanier Albrecht I. (1100 - ca.1170) Albrecht der Bär. Seine vermutlich schlanke Gestalt verrät jedoch, wie es auch sein Siegel zeigt, keine Bärbeißigkeit, die den Beinamen erklären würde. Vom römisch-deutschen König Rudolf I. (1218 - 1291) wird in ebenfalls überschwänglichen Lobgedichten erklärt, der Adler im Wappenzeichen zeige, dass dieser Herrscher ein Mann mit scharfen Augen sei, dem im Lande nichts entgehe. Und letztlich: Herzog Heinrich von Sachsen und Bayern (1129/30 - 1133/35) wird in den Analen gleich als Heinrich der Löwe geführt als sei er so geboren. Doch eine solch ruhmredige Betitelung gibt es auch im Umkehrschluss. Zwar kam es seltener vor, dass der Name eines Menschen zum Idealisieren eines Tieres benutzt wurde. Man nehme aber nur den kleinen Hering (Clupea harengus), dem - von Kopf und Gräten befreit und raffiniert mariniert - der Name des deutschen Politikers Fürst Otto Eduard von Bismarck (1815 - 1898) beigegeben wurde. Was war geschehen: Der Hering wurde aus der Gesichtslosigkeit des Fischschwarms geholt und in die Nähe Bismarcks gebracht. Wer fortan etwa eine Fischsemmel aß, war dem Kanzler nahe. Es gibt ihn also - den Fisch namens Otto.

Bismarck Denkmal in Berlin
Das Bismarck-Nationaldenkmal nördlich des Großen Sterns in Berlin (Ausschnitt) - Foto: © -wn-
Der Hergang der praktischen Namensübertragung lässt sich nicht mehr ganz aufklären. Berichtet wird, dass der Schwergewichtler Bismarck, der es trotz Fresssucht auf ein Alter von 83 Jahren brachte, immer guten Appetit hatte und besonders den Hering liebte, wenn dieser zuvor in einer Marinade lag. Der Leibarzt des starken Essers berichtet, schon das Frühstück seines Patienten sei eine opulente Mahlzeit gewesen. 16 Eier habe er sich einmal braten lassen; auf den Tisch kamen neben dem Hering Kaviar, Räucheraal, Königsberger Klopse, Hausmacher Wurst, Kartoffelsalat und Brotscheiben, auf denen gesalzenes pommersches Gänsefett dick aufgestrichen war. Diese üppige Nahrungsaufnahme beginnt schon in jungen Jahren. Als er sich in den Jahren 1839 bis 1845 auf dem elterlichen Gut Kniephof (heute Konarzewo, Polen, Woiwodschaft Westpommern) vorrübergehend der Landwirtschaft widmete, beschrieb er im Brief an einen Freund seine Lebensweise und seine Absichten mit den Worten. "Ich werde ... ein Weib nehmen, Kinder zeugen, das Land bebauen und die Sitten meiner Bauern durch unmäßige Branntweinfabrikation untergraben. Wenn Du also in zehn Jahren einmal ... kommen solltest, so biete Dir an, adulterium (Ehebruch) mit einer mulier facilis et formosa (eine einfache schöne Frau) zu treiben (und) so viel Kartoffelschnaps zu trinken, als du willst..." (zitiert nach Christopher Clark, "Preußen")

Im Jahre 1852 musste er im Charlottenburger Schloss einmal auf eine Audienz beim König warten, und er erinnerte sich später in seinen "Gedanken und Erinnerungen" weniger an das Gespräch mit Friedrich Wilhelm IV. als daran, dass die Wartezeit "mir durch ein gutes und elegant servirtes Frühstück erleichtert wurde". 1871 hat der frisch gebackene Fürst Bismarck bekanntlich Ackerbau und Viehzucht hinter sich gelassen und ist mit der Gründung des Deutschen Reiches beschäftigt. Zu dieser Zeit tritt der geschäftstüchtige Stralsunder Fischhändler Johann Wiechmann (1822 - ?) mit herausgestellter Untertänigkeit in die preußische Geschichte ein. Er schickte dem von ihm verehrten Eisernen Kanzler zum zweiten Mal ein Fässchen mit sauer eingelegten Heringen - diesmal jedoch mit der Bitte, seine Heringe Bismarck-Heringe nennen zu dürfen. Es ist ein folgenreicher Schritt im deutschen Ernährungswesen. Denn Bismarck bedankt sich nicht nur für die Fische, er erlaubt Johann Wiechmann auch das Verwenden seines Namens. So jedenfalls heißt es. Marinierte Heringe im Fässchen galten als Delikatesse. Bereits Johann Wolfgang von Goethe war 1805 seinem Freund, dem Arzt und Schriftsteller Nikolaus Meyer (1775 - 1855) zu Dank verpflichtet, als er ihm schrieb: "Die gefällige Sendung von einem Fässchen Heringe ist zu rechten Zeit glücklich angekommen, da diese Waare noch hier als eine ziemliche Seltenheit zu achten war. Nehmen Sie dafür besten Dank."

Der Siegeszug des Bismarck-Herings

Die in Deutschland bald massenhaft verkaufte aufgeschnittene Semmel mit einem auf Hälfte gelegten Hering und Zwiebel dazwischen zeigt: Der Eiserne Kanzler ist seit damals bis heute in vieler Munde. Die belegte Semmel wird zum Meinungsgegenstand, der die Erinnerung an den Kanzler wachhalten aber ebenso als Produkt-Werbung dienen soll - eine Win-win-Sachlage. Auch andere historische Akteure gaben - meist unfreiwillig - ihre Namen zur Bezeichnung von teils aufwendig zubereiteten Gerichten. Veau Orloff nennt sich zum Beispiel der Gratin aus Kalbfleisch, Kartoffeln, Zwiebeln und Pilzen, gebacken mit Béchamelsoße (Milchsoße) unter Zusatz von Käse. Namensgeber für die Köstlichkeit ist der russische Fürst und General Alexej Fjodorowitsch Orlow (1786-1861). Anekdotisch überliefert ist auch die Erstzubereitung des Boeufs Stroganoff. Das russische Rindfilet-Gericht wird mit dem Grafen Grigorij Alexandrowitsch Stroganoff (1774 - 1857) in Verbindung gebracht. Der Kabarettist und Musikdichter Friedrich Hollaender (1896 - 1976) schrieb über den Mann sogar ein humoristisches Couplet, das noch heute vorgetragen wird. Stroganoff demonstriert in der Kneipe, wie er den Verführer seiner Frau, den Kostgänger Schmutschkinoff bestrafte. Um dies zu veranschaulichen, lässt sich Stroganoff ein großes Stück Fleisch und ein Messer bringen und sticht in erneuter Wut auf den Batzen ein, der schließlich arg zerschnitten und zerstochen ist. Am Schluss heißt es dann im Lied: "So wurde Glanzstück von Souper, / wurde greeeßtes Frikassee, / wurde STROGANOFF FILET geboooooren! Hei, Hei!!"

Als nach Bismarcks Tod 1898 der Auftrag vergeben wurde, ein Denkmal für den Verstorbenen zu schaffen, hatte man mit dem Bildhauer Reinhold Begas (1831 - 1911) den Richtigen gefunden. Zwar war Begas kein Spezialist für Menschen mit beträchtlichen Leibesumfängen, aber er galt als Vertreter des Wilhelmischen Neo-Barocks. Diese auf den Klassizismus folgende Stilrichtung wirkte durch Dynamik, pralle Körperlichkeit und Farbenpracht. 6,6 Meter ist die Bronzefigur Bismarcks schließlich hoch. Sie steht auf einem Sockel aus rotem Granit. Der Fürst trägt die Uniform der Halberstädter Kürassiere, deren Regimentschef er ab 1894 war. Der Uniformrock spannt ein wenig über Bauch und Brust und zieht deshalb einige Falten. Unter dem Rock kommt links das Gehänge des in der linken Hand gehaltenen Haudegens (Pallasch) hervor und bauscht die Jacke etwas auf. Seine rechte Hand liegt vermutlich auf der Urkunde der Reichsgründung von 1871. Reinhold Begas umgab das Denkmal noch mit vier Figuren, die das erzählen sollen, was die zentrale Figur nicht ausdrücken kann. Vor Bismarck kniet ein Atlas, der die Weltkugel trägt. Hinter ihm bearbeitet Siegfried, der Drachentöter aus der Nibelungensage, ein Schwert - man könnte meinen, dass es sich um eine Allegorie "für Schwerter zu Pflugscharen" handelt. Im Gegenteil: Hier wird ein Schwert geschmiedet. Auf der linken Seite sieht man die antike Prophetin Sibylle, die die Staatsweisheit verkörpern soll. Gegenüber sitzt Germania, die im 19. Jahrhundert Sinnbild der demokratischen Bewegung in Deutschland und ein Inbegriff für den Nationalstaat war.

Kein "Hohenzollernwetter" bei der Denkmalsenthüllung

Atlasfigur am Bismarck Denkmal in Berlin
Die Atlasfigur zu Füßen des Eiserneren Kanzlers
Foto: © -wn-

Am 16. Juni 1901, einem zu Regenschauern neigenden und 12 Grad Celsius kühlen Tag, stehen die fünf Figuren noch eingehüllt in ein weißes Tuch nahe der vorderen linken Ecke des Reichstagsgebäudes. Lebten sie, hätten die Eingehüllten ringsum eine Mischung aus Hunderten Gesprächen, Rufen, Befehlen und Kindergeschrei wahrgenommen. Die Geräusche kommen von den über Tausend Berlinern, die zur Enthüllung des Bismark-Denkmals kamen und auf die Eröffnung der Zeremonie warten. "Es war kein Hohenzollernwetter", schreibt das "Berliner Tageblatt" am nächsten Tag, "Grau und schwer hingen die Wolken über der Reichshauptstadt. ... In der Mitte zwischen Denkmal und Kaiserzelt ist eine einfache Rednerbühne gebaut; roth und weiß und mit Gold verbrämt, so zierlich, daß man gleich merkt, der eherne Riese, den wir feiern wollen, ginge in diesen (schmalen) Aufputz nicht hinein." In den überdachten Tribünen seien "erst ein paar Dauersitzer zugegen, die sich gute Plätze sichern wollen und vorläufig die Zeit mit Schwatzen und Frühstücken ausfüllen; draußen aber fangen schon die Schutzleute an, die Volksmassen aus den Wegen zur Seite zu drängen", schreibt das Blatt. Nun ertönen Kommandorufe. "Die Gesellschaft des Kaiserzeltes sammelt sich ... Dann plötzlich der Präsentiermarsch, ... ein Aufstehen von den Sitzen: Das Kaiserpaar ist da. Während die Kaiserin, in einer lilatoilette, den Hut mit blaßlila Federn garniert, das Zelt betritt, schreitet der Kaiser in der Uniform eines Generalfeldmarschalls (und mit einem frisch hochgezwirbelten und mit frischer Tinktur gestärkten Bart) die Front der Grenadiere ab." Nun wird das Tuch vom Denkmal gezogen - die fünf Figuren erscheinen. Das Tageblatt schreibt weiter: "Als das gewaltige eherne Haupt erscheint, fühlt man für Augenblicke den Schauer, den übermenschliche Größe ... erzeugt. Tiefes Schweigen; still zieht man den Hut vom Kopf." Der Kaiser bemüht sich im Anblick der fünf Figuren Begas sowie angesichts des drei Jahre zurückliegenden Todes von Bismarck um ein ernstes und schmerzliches Gesicht. Er geht nun zum Denkmal und sieht - soweit möglich - dem eisernen Bismarck in die stechenden Augen, die auf schweren Tränensäcken zu liegen scheinen. Natürlich darf in diesem hehren Moment, in dem nun der Kaiser einen Kranz aus grünen und goldenen Lorbeerblättern in den Händen hält, keine Erinnerung daran aufkommen, das der Kaiser Bismarck 1898 wegen Meinungsverschiedenheiten auf Knall und Fall aus dem Amte schmiss. Wilhelm II. hatte sich nicht darauf eingelassen, wie der Großvater Wilhelm I. bescheiden "unter Bismarck" deutscher Kaiser zu sein. Die Liste der Dissense wurde länger. Bismarck wollte die Zivilehe einführen und bekämpfte den katholischen Widerstand dagegen. Der Kaiser wollte das nicht. Bismarck wollte Russland als Verbündeten, Wilhelm bevorzugte Österreich. Bismarck wollte das Sozialistengesetz verschärfen und ließ dabei seine fortbestehende Nähe zu den ostelbischen Junkern erkennen, der Monarch hingegen wollte das Gesetz abschaffen: Seine Begründung "Ich will meine ersten Regierungsjahre nicht mit dem Blut meiner Untertanen färben!" Die drei großen Sozialgesetze aber, die in ihren Grundzügen bis heute in Deutschland gültig sind, bleiben mit dem Namen des Eisernen Kanzlers verbunden, des Mannes, der im Reichstag einmal von sich sagte "Auch ich bin das Volk!". Es sind das Krankenversicherungsgesetz von 1883, das Unfallversicherungsgesetz von 1884 und das Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung von 1889.

Woran mag Wilhelm II. gedachten haben, als er den Kranz mit staatstragendem Gesicht am Fuß des Denkmals ablegte? Wusste er doch noch nicht, dass er selbst nie auf einem Denkmalssockel stehen und dass er siebzehn Jahre später einen sang- und klanglosen Abgang haben würde. Wohl nicht einmal verabschiedet, machte er sich 1918 aus dem Staub nach Holland, um bis zu seinem Tod im Jahr 1941 nie mehr nach Deutschland zurückzukehren. Auch wurden ihm nie solche Hymnen gesungen, wie sie seinem Intimfeind Bismarck zugeeignet wurden. Aus Anlass der Denkmalsenthüllung jubelte das satirische Wochenblatt Kladderadatsch fernab aller Satire:

"Erst verspottet, dann befehdet,
Vielgeschmäht in allen Landen,
Hat er dennoch hohen Muthes
Aufrecht stets und fest gestanden.
Dann gehasst und dann gefürchtet,
Dann verehrt, geliebt, bewundert:
Also steht er, eine Säule,
Überragend das Jahrhundert."


Eine Eloge auf den Fisch Otto blieb der Kladderadatsch allerdings schuldig. Das Blatt wurde 1944 eingestellt.

Verkehrsinformation:
Das Bismarck-Denkmal wurde 1938 vom damaligen Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik, zum jetzigen Standort nördlich des Großen Sterns versetzt. Ganz in der Nähe befindet sich die Haltestelle "Großer Stern" des Busses 100. Nach dem Ausstieg und dem Überqueren des Spreeweges passiert man das Denkmal für den preußischen Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke (1800 - 1891). Zum Bismarck-Denkmal führt ein kurzer Weg.
Text: -wn-, Stand: 28.02.2018

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