Lessing Denkmal im Tiergarten in Berlin

Lessing Denkmal im Tiergarten
Berliner Lessing-Denkmal an der Lennéstraße; rechts am Bildrand das Nachtlager des Obdachlosen Michael K. - Foto © -wn-

Das Berliner Lessing-Denkmal: Alle Menschen werden klüger - aber vorerst keine Brüder

Am Tiergarten herbstet es. Lau ist der Abend an der Südost-Ecke der größten Parkanlage im Herzen Berlins. Viel Verkehr ist noch auf der anliegenden Straße, die nach dem Gartengestalter und Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné (1789-1866) benannt ist. Inmitten einer halbrunden Freifläche am Tiergartenrand, die von mittelaltrigen Buchen umstanden ist, steht seit dem 14. Oktober 1890 und auf einem vier Meter hohen Sockel aus schottländischem Granit die marmorne Skulptur Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781).

Hier ehrt Berlin den Dichter der deutschen Aufklärung, der sich unter anderem den weltweisen Juden Nathan und dessen toleranzbeschwörende Ringparabel einfallen ließ. Er schuf die Bühnengestalten Minna von Barnhelm und die später zu Tode kommende Emilia Galotti. Beide werden von überkommenen Ehrsamkeitmaximen von Verbindungen mit geliebten Männern abgehalten. Lessings Stücke trugen dazu bei, dass der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) 1784 zu dem Schluss kam, wonach die "Aufklärung ... der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" ist. Die Aufklärung läutete den Kampf gegen das Festhalten an alten Zöpfen und gegen das verbreitete Fehlen von Urteilskraft unter den Menschen aller Stände ein. Lessing und Kant waren sich bewusst, wie schwer der Zustand einer mangelnden Bildung aufgehoben werden kann. Beide kannten die Schwierigkeiten, von denen selbst die jüdisch-christliche Bibel beim Überwinden der Dummheit zu erzählen weiß: "Wenn man den Narren erziehen will, so stellt er sich an, als wollte man ihm Fesseln an Hände und Füße legen; aber ein Weiser hält Zucht für goldenen Schmuck und für ein Geschmeide am rechten Arm." (Sirach 21,22).

Schöpfer des Denkmals ist ein Nachfahre des Dichters, der Bildhauer Otto Lessing (1846-1912). Die Einweihung seiner Skulptur war ein Ereignis. Unter den drei Großen der deutschen Literatur erhielt Gotthold Ephraim Lessing in Berlin als Letzter seinen - wenn auch abgelegenen Platz. Zehn Jahre zuvor war das Denkmal für Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) aufgerichtet worden; zu dessen Füßen in weibliche Formen verwandelte Allegorien der lyrischen und dramatisch Dichtung sowie der Wissenschaft sitzen. 1871 hatte Friedrich Schiller (1759-1805) seinen Ort auf dem Gendarmenmarkt gefunden, wo er heute einen der schönsten Plätze Europas mit den beiden wuchtigen Domen und dem Konzerthaus durch seine Anwesenheit als Musenort kenntlich macht, der die Menschen zivilisierende Empfindungen spüren lässt.

Bereits die Ankündigung des Lessing-Denkmals wurde stark beachtet. Der Schriftsteller Julius Rodenberg (1831-1914) berichtet in seinem Buch "Bilder aus dem Berliner Leben": "Die Kunde ..., dass Lessing ein Denkmal in Berlin gesetzt werden solle, ging wie ein Lauffeuer durch die gesamte jüdische Welt und bewegte sie bis tief in den Orient hinein. Reichlich strömten gerade von dieser Seite die (zustimmenden) Beiträge herbei; sie kamen aus Russland und der Türkei, sie kamen sogar aus Asien. Sie alle kannten Lessing und schätzten ihn hoch als den Freund Moses Mendelssohns", den er als literarisches Vorbild für die Nathan-Figur nahm. Aus Leipzig erhielt Lessing eine berede Wortmeldung. Ein Theaterfreund schrieb, er sei zufällig in eine Aufführung der "Minna von Barnhelm" geraten. "Gleich bei meiner Ankunft im Parterre aber finde ich eine Bank voll Juden. Ha! dachte ich, ohnfehlbar wird heut ein Stück von Herrn Lessing gemacht." Einzig in Österreich war Lessings Bekanntheitsgrad gering, weshalb dem scharfzüngigen Schriftsteller Karl Kraus (1874-1936) die Bemerkung entfuhr, es handele sich dort an der Donau um "eine Gesellschaft, die von Lessing nichts anderes weiß, als dass er den einzigen vorrätigen Reim auf Messing bildet".

Oktober 1890: Einweihung des Lessings-Denkmals

Figur Allegorie der Kritik am Lessing Denkmal
An der hinteren Seite des Denkmals sieht man die Figur "Allegorie der Kritik", ein zentraler Begriff der deutschen Aufklärung. Darüber ein Bildnis des Freundes von Lessing, des Schriftstellers und Verlagsbuchhändlers Christoph Friedrich Nicolai (1733-1811) - Foto © -wn-

Dann kam der durchsonnte 14. Oktober 1890. Es fiel am Lessing-Denkmal das weiße Tuch. Das "Teltower Tagblatt" berichtet zwei Tage später: "Die Enthüllung des Lessing-Denkmals in Berlin hat am Dienstag Mittag bei prächtigem Wetter ... stattgefunden. Prof. Dr. Erich Schmidt hielt die Festrede. Der Großneffe des Dichters Geh. Justizrath Carl Robert Lessing (1827-1911) sprach allen, welche das Werk gefördert, den Dank des Komitee's aus und Oberbürgermeister von Forckenbeck übernahm das Denkmal Seitens der Stadt. Mit einem Hoch auf den Kaiser schloss die Feier." Der Literaturwissenschaftler Erich Schmidt (1853-1913) hatte zuvor den Dichter mit warmen Worten gewürdigt: "Nun steht er hier im Freien ... Diese Herbsttage, da die Sonne, durch graue Nebel dringend, leuchtet ohne zu stechen und mit sommerlicher Schwüle zu ermatten, da der frische Wind das dürre Laub von den Aesten fegt, grüßen den tapferen Mann, der so viel Klarheit ausspreitete und dessen starker Athem alles Vergilbte und Welke vor sich wegblies." Bei allem Überschwang ging er doch nicht so weit wie Franz Mehring (1846-1919) in seiner "Lessing-Legende". Dieser hatte den Gewürdigten mit zahlreichen Berufskollegen verglichen und sprach attackierte die anderen "winzigen Schriftstellerlein, die Lessing mit dem geistreichen Spotte, mit dem köstlichen Humor gleichsam umsponnen habe und in seinen Werken nun für ewige Zeiten erhalte wie Insekten, die sich in einem Stück Bernstein verfangen".

1991/92 wird das Denkmal saniert. Seitdem steht der Dichter wieder wie neu fest auf seinem Sockel. Er hat seine Rechte in die Seite gestemmt, in der linken Hand hält er ein Buch. Die dort eingelegten Finger teilen den Buchblock in einen gelesenen und einen ungelesenen Teil. Er blickt in Richtung Philharmonie. Lärmte der Autoverkehr auf der schmalen Lennéstraße nicht so stark, könnte ein Südostwind die silbrig-traurigen Klänge herübertragen, die gewöhnlich von einem russischen Balalaika-Spieler vor der Tür der Philharmonie erzeugt werden. Er will die eintreffenden Konzertbesucher gegen eine Spende auf den Abend einstimmen. Niemand weiß, wie seine Kassenbilanz am Schluss aussieht. Vielleicht wie es in einem alten russischen Bettlerlied heißt:

"Ein und zwanzig der Kopeklein
Zwischen sieben Uhr und acht;
Jetzt will ich ein Stündchen schlafen,
Mutter Gottes, halte Wacht!"


Lessing hat sein Verhältnis zur Musik in einem kleinen Gedicht ausgedrückt:

"Die Musik
Ein Orpheus spielte; rings um ihn,
Mit lauschendem Gedränge,
Stand die erstaunte Menge,
Durchs Ohr die Wollust einzuziehn.
Ein Trinker kam von ungefähr,
Und taumelte den Weg daher.
Schnell faßt' er sich, blieb horchend stehn, Und ward entzückt, und schriee: schön!
So schön, als wenn bei meinem wackern Wirte Das helle Paßglas klirrte!"

(Paßglas: altdeutsches gläsernes Trinkgefäß von zylindrischer Form und niedrigem Fuß.)

Im lauen Herbst hat Gotthold Ephraim Lessing einen Gefährten an seiner Seite. Der Obdachlose Michael K. richtete sich auf einer Bank rechts vom Denkmal ein Lager für die Nächte ein. (Auf dem Foto am rechten Bildrand) Über ein vierrädriges Gefährt und einen nach dem mongolischen Jurtenprinzip aufgerichteten starken Mittelstock hat er drei Decken gehängt, unter denen er sich wenigstens ausstrecken kann. Die Blätterdächer der umstehenden Blutbuchen halten mäßigen Regen ab. Michael K. will nicht reden, schon gar nicht mediengerecht von seinem Schicksal erzählen. "Alles Scheiße, Mann" ist sein Kommentar. Trotzdem gefragt: Hat er tatsächlich kein anständigeres Dach über dem Kopf? "Ha ick nich, Meesta. In die Notunterkunft? Ne, wat soll ick da! Soll ick mir wieder beklauen lassen oder wat! Hier bei die Fijur da ohm hab ich wenigstens meine Ruhe. Im Winter, naja, da bin ick drinne bei die Kältehilfe, aber jetzt doch nich." Der Fragesteller wird mutig: Weiß er, wer drüben auf dem Sockel steht? "Weeß ick, wer dit is. Det is mir och sowat von schnuppe. Hier im Tierjarten stehn ja noch mehr solche Typen rum. Dafür ham se immer Jeld, na klar." Michael K., der Mann mit tiefbraunem Gesicht und schneeweißer hoher Stirn, lebt im Elend. Elender kann es kaum sein. Vermutlich wird sich an seinen Lebensumständen kaum etwas ändern, solange die Gesellschaft trotz mannigfaltiger Sozialausgaben eine menschliche Verelendung nicht bremst und Barmherzigkeit den hochsinnigen Ehrenamtlern überlässt - diesen, hoffentlich, Vorboten einer menschenfreundlicheren, solidarischeren Zukunft.

[ Wer den vielen Obdachlosen in Berlin helfen möchte, kann dies z.B. über die Kältehilfe der Berliner Stadtmission tun. Spendenkonto: IBAN: DE63 1002 0500 0003 1555 00, BIC: BFSWDE33BER, Bank für Sozialwirtschaft, Verwendungszweck: Kältehilfe. Auch der Caritasverband für das Erzbistum Berlin e.V. kümmert sich um wohnungslose Menschen in Berlin und freut sich über Ihre Spenden! ]

Lessing lässt Friedrich II. den Deus ex machina spielen

Lessing zur Berliner Philharmonie hinüberblickend
Gotthold Ephraim Lessing zur Berliner Philharmonie hinüberblickend - Foto © -wn-

Michael K. könnte jetzt nur ein Deus ex machina (plötzlich auftauchende Gottheit) helfen, der ihn in ein sozial sicheres Leben führt. Das funktioniert aber leider nur auf dem Theater - zum Beispiel in dem seit 1767 bis heute immer wieder aufgeführten Stück von Gotthold Ephraim Lessing "Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück". Hier ist es der demobilisierte Major von Tellheim, der sich, wie er sagt, ebenso als "Elender" empfindet. Sein Problem: Die preußische Armee wirft ihm finanzielle Unkorrektheiten beim Eintreiben von Kriegskontributionen nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) in Thüringen vor. Der verarmte Tellheim sieht sich in seiner Ehre gekränkt und will weder geliehenes Geld annehmen noch die geplante Verbindung mit Minna von Barnhelm eingehen. "Ich bin Tellheim ... der an seiner Ehre gekränkte, der Krüppel, der Bettler", sagt er. Zu Minna, die er liebt, meint er: "Sie suchten einen glücklichen, einen Ihrer Liebe würdigen Mann, und finden - einen Elenden." Dann kommt im Stück ein erlösender Brief zur Wirkung - von König Friedrich II. (1712-1786). Die Theaterfigur Friedrich stellt das Verfahren gegen Tellheim ein; dessen Ehre ist gerettet. Dass dieses Stück einmal den Rang einer der wichtigsten Komödien der deutschsprachigen Literatur erlangen würde - das konnte sich der ignorante Amateur-Philosoph von Sanssouci nicht vorstellen. Im Gegenteil: Nachdem "Minna von Barnhelm" bereits mehr als zehn Jahre erfolgreich gespielt wurde, zählte Friedrich den bekannten Lessing nicht einmal zu den nennenswerten Autoren. In seiner hochmütigen Abhandlung "Ueber die deutsche Litteratur; die Mängel, die man ihr vorwerfen kann..." (1780) schreibt er, man fände in der deutschen Literatur "ein Gewirr von Sprache, ohne alle Anmuth ... Man kennt hier keine Wahl der Ausdrücke, man vernachläßigt die eigentlichsten und ausdrückendsten Worte; und man verschwemmt oft allen Sinn und Gedanken in einem Meer von Episoden."

Seit das Lessing-Denkmal im Tiergarten steht, hat es in Deutschland zwischen den Kriegen mannigfache Versuche gegeben, das Leben der Menschen zu verbessern. Oft tat es ihnen nicht gut. Zu den Erfahrungen gehört das, was der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski (geb. 1945) "die Verwandlung von Vernunft in den Terror der Menschheitsbeglückung" nennt. Wenn die visionären "Glücksbringer" nicht erfolgreich waren, wurden sie oft gewalttätig gegen das "uneinsichtige" Volk. Gotthold Ephraim Lessing fand bereits zu einem frühen Zeitpunkt in der europäischen Geschichte einen der Urgründe für solche Gewalt. Er benennt die gefährlichen Schwärmer und Eiferer, die - wenn sie mit Macht ausgerüstet sind - den Menschen ein "Glück" aufzwingen wollen. In seiner "Erziehung des Menschengeschlechtes" schreibt der Dichter: "Der Schwärmer thut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft: aber er kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft beschleuniget; und wünscht, dass sie durch ihn beschleuniget werde. ... Denn was hat er davon, wenn das, was er für das Bessere erkennt, nicht noch bey seinen Lebzeiten das Bessere wird?"

Bekanntlich gaben in den Jahrhunderten nach Lessings Tod Potentaten immer wieder vor, die sozialen Bedrängnisse der Menschen planvoll zu mildern. Es gelang oft ungenügend oder gar nicht. Soziale Konflikte blieben zurück. Unerfüllt bleibt deshalb bis heute der schöne Satz "Alle Menschen werden Brüder", den Ludwig van Beethoven (1770-1827) im Schlusssatz der Neunten singen lässt. Ob der Satz später einmal stimmen wird - werden erst nachfolgende Generationen wissen. Dafür dass Menschen klüger werden, gibt es Anzeichen - dafür dass sie Brüder werden, vorerst nicht. Auch um den weisen Juden Nathan muss man sich Sorgen machen - dass er in Vergessenheit gerät. Beim derzeitigen Streit der Religionen ist es unwahrscheinlich, dass genügend Menschen nach Nathans Devise zu leben bereit sind: "Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!" Weitere Aufklärung tut not. Michael K. wird seine Sommer und seine Herbste voraussichtlich weiter in Lessings Nähe verbringen.

Wie man zum Lessing Denkmal im Tiergarten kommt

Verkehrsverbindungen: S-Bahn S1, S2, S26
U-Bahn U2
Bus 123, 200
Das Denkmal in der Lenné-Straße ist vom Potsdamer Platz aus über die Ebertstraße
(Richtung Brandenburger Tor) in wenigen Minuten zu erreichen.
Text: -wn-, Stand: 15.02.2017

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