Gedenkstätte Berliner Mauer

Text: -wn- (Journalist aus Berlin) / Letzte Aktualisierung: 19.06.2021

Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße
Die Gedenkstätte Berliner Mauer (Berlin Wall Memorial) in der Bernauer Straße - der zentrale Erinnerungsort der deutschen Teilung. - Foto: © -wn-

Die Gedenkstätte Berliner Mauer wurde 1998 eröffnet. Man findet hier ein 70 Meter langes Original-Teilstück der Grenzanlagen, die Kapelle der Versöhnung, das Dokumentationszentrum, das Fenster des Gedenkens und das Besucherzentrum.

Gedenkstätte Berliner Mauer / Neue Ausstellung / Über die Mauer Strümpfe bestellt

Man denkt bisweilen, man weiß schon alles. Da gibt es ein historisches Ereignis, und irgendwann scheint dieses rundherum auserzählt zu sein, selbst wenn Medien und Museen aus übergeordneten politischen Gründen weiter mit Dokumentationen, Denkschriften und Dramen die Menschen zu erreichen suchen. Mutmaßlich trat eine solche Sättigung auch im Falle der Berliner Mauer ein. Freilich, wer aus Neukaledonien oder vom Inselstaat Vanuatu kommt und nur Strände als Grenzen kennt, wird sich im Museum erst einmal ansehen, was für ein außergewöhnliches Monstrum dieses Bauwerk im Vergleich mit anderen Sperren gegen Menschen war. Die weitgereisten Besucher mögen staunen, in der neuen Ausstellung der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße zu sehen, dass dieser rabiate Limes der Neuzeit nicht gebaut wurde, um Eindringlinge fernzuhalten. Alle Grenzen seit der Großen Chinesischen Mauer wollten fernhalten, nicht einhegen. Die sperrende Wirkung der Berliner Mauer (und der "grünen Grenze") war nach innen gerichtet und sollte Ausbrüche von "Staatsinsassen" (Joachim Gauck) aus dem "Großen Gehege" (Durs Grünbein) verhindern. Die Dualität von propagandistischer Lüge und machtpolitischer Wahrheit ist für heutige Deutsche oder Besucher aus dem übrigen Europa keine neue Einsicht.

Man kann nur sagen:
Ja, das war so - leider. Und wer diese wissende Zeitgenossenschaft besitzt, weiß auch, dass die Berliner Mauer am 13. August 1961 gebaut wurde und sich nach über 28 Jahren am 9. November 1989 wieder öffnete. Wer nun nicht zum wiederholten Mal die unverschämte Ulbrichtlüge "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!" (59 Tage vor dem Mauerbau!) hören will - der wird sich vielleicht nicht entschließen, die Gedenkstätte neben dem erhaltenen gebliebenen Mauerstück zu besuchen. So sehr diesem Vermeiden eine Logik innewohnt, so sehr entginge dem Meidenden eine einzigartige museale Erfahrung. In der vor einiger Zeit neu gestalteten Ausstellung auf zwei Ebenen werden nicht nur die Grunddaten der brachialen Grenzziehung mitten in Deutschland und in Berlin herausgestellt. Besonders im Obergeschoss, tritt das Wirkziel der Museologen unverstellt zutage: Der Akzent der Exposition liegt darauf, anschaulich - fast bis zum Wehtun - zu zeigen, was diese Grenze für unmittelbar Betroffene - weit über eine Trennung von Verwandten hinaus - in ihren Lebensläufen bedeutete. Besuchen Sie auch das Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer!

Wichtige Infos über die Gedenkstätte Berliner Mauer

Adresse:
Gedenkstätte Berliner Mauer
Bernauer Straße 111
13355 Berlin
Tel: 030/ 21 30 85 - 166

Anfahrt:
U-Bahn: U8 bis Bernauer Straße
oder U6 bis Naturkundemuseum
S-Bahn: S1, S2, S25, S26 bis Nordbahnhof
Bus: 247 bis S Nordbahnhof / Gartenstr.
Tram: M10 bis S Nordbahnhof / Gedenkstätte Berliner Mauer

Öffnungszeiten der Gedenkstätte:
Donnerstag - Sonntag:
12:00 Uhr - 17:00 Uhr

Außenausstellung:
Montag - Sonntag: 08:00 Uhr - 22:00 Uhr

Eintrittspreise:
Der Eintritt in die Gedenkstätte Berliner Mauer ist frei!

Preise für Führungen:
Öffentliche Führungen:
Erwachsene 3,50€ bzw. 5,00€, ermäßigt 2,50€ bzw. 3,00€
Gruppenführungen:
Erwachsene 3,50€, ermäßigt 2,50€

Strumpfbestellung über die Mauer geworfen

Wie in der Ausstellung zu sehen, trugen sich an der Grenze Dinge zu, die man heute sogar erheiternd nennen kann. Drei Original-Zettel geben Auskunft über einen über die Mauer hinweg geführten "Briefwechsel zwischen einem Grenzsoldaten und einem West-Berliner Anwohner in der Bernauer Straße, 1960er Jahre". Er belegt, dass Westberliner Bürger nicht jeden Grenzsoldaten als Feind betrachteten, ja sogar Mitgefühl zeigten.

Erster Zettel des Grenzers, Richtung Westberlin geworfen:
"Ich hätte eine Bitte! Würden Sie so gut sein und mir ein Paar nahtlose Strümpfe über die "Mauer" werfen? Bei uns gibt es so schlecht welche. Größe 9 ½; nicht allzu Hell! Im voraus Besten Dank Ihr Freund!"

Zweiter Zettel:
ein ausgerissenes Stück Taschenkalender, über die Mauer Richtung Osten geworfen:
"Bitte schreiben Sie uns eine Adresse auf, wo wir die Strümpfe hinschicken können oder wir werfen die Strümpfe hier hinüber, wenn Sie wieder hier sind, aber das erste wäre wohl besser! Auch Freunde!"

Dritter Zettel:
vom Grenzer Richtung Westen geworfen:
"Leider darf ich keine Adresse angeben. Deshalb passen Sie bitte auf, wenn ich wieder hier Wache stehe. Nochmals Besten Dank. Ihr Freund!"

Zweifellos können die drei Zettelwürfe als Kuriosa der beginnenden Mauerjahre in Berlin gelten. Und als es in der DDR schließlich nahtlose Damenstrümpfe gibt, fehlt es in der krisengeschüttelten Wirtschaft an vielem anderen; am meisten an Vertrauen in die Zukunft. Mit propagandistischem Aufwand soll den Menschen deshalb erklärt werden, wie gut es ihnen geht. Dafür wird ein achtbar alt gewordener Mann aktiviert. Im 27. Jahr des Mauerdramas leistet der angesehene und hochbelesene deutsche Historiker und Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski (1904-1997) "dem Erich" eine Schützenhilfe, die sich als peinlich herausstellt. Jürgen Kuczynskis parteitreue Goodwill-Argumentation am 22. 12. 1988 im "Neuen Deutschland" beschwört die oft benutzte These von der Sicherung des Existenzminimums in der wirtschaftlich schlingernden DDR. Und so liest man allen Ernstes: "Niemand - auch nicht die mit den kleinsten Renten und den niedrigsten Löhnen - niemand braucht bei uns zu hungern wie viele Hunderte Millionen in der Welt des Kapitals, wie auch viele Zehntausende in der Bundesrepublik." Der Autor versteigt sich zu der jesuitischen Behauptung: "In einer Beziehung haben wir (in der DDR) einen einzigartigen Lebensstandard insofern, als bei uns jeder, auch der mit der kleinsten Rente, auch der niedrigst bezahlte Arbeiter und Angestellte sein Existenzminimum, sein Auskommen hat".

Die Ausstellung im oberen Stockwerk bietet dramatische, absurde und traurige Erzählungen von menschenverachtender Niedertracht der Spitzel und gewissenlosen Verräter und argloser Hoffnung Fluchtentschlossener auf ein besseres Leben im Westen.

Erste und letzte Mauer-Opfer

Am Abend des 24. August 1961 peitschen Schüsse im Gebiet des Humboldthafens an der Invalidenstraße. Der 24jährige Ostberliner Günter Liftin versucht, zum West-Berliner Ufer zu schwimmen. Er arbeitete dort bis zum 13. August und will nicht in Ost-Berlin leben. DDR-Transportpolizisten entdecken ihn und eröffnen das Feuer. Schüsse in den Hinterkopf machen aus ihm den ersten Flüchtling, der an der Berliner Mauer erschossen wird. Das allererste Opfer ist die verwitwete Krankenschwester Ida Siekmann (1902-August 1961). Nachdem am 21. August 1961 die Haustür ihres Mehrfamilienhauses in der Bernauer Straße von den Behörden der DDR verbarrikadiert wurde, entschließt sie sich, durch das Fenster im dritten Stock auf den zu West-Berlin gehörenden Bürgersteig zu springen. Sie wirft Federbetten und Kissen hinunter und springt. Sie stirbt später an ihren Verletzungen. Das letzte Opfer, das durch den Einsatz von Schusswaffen ums Leben kommt, ist der 21jährige gelernte Kellner Chris Gueffroy (1968-Februar 1989). Er verliert das Leben bei einem Fluchtversuch am Britzer Zweigkanal an der Grenze zwischen Treptow und Neukölln. Das allerletzte Maueropfer ist Winfried Freudenberg (1956-März1989) Er verunglückt tödlich beim Absturz mit einem Ballon in Zehlendorf nach dem in Pankow gestarteten Flug.

Gescheiterte Flucht

Der damals 22jährige Dresdener Werner Coch (geb.1941) wird 1963 nach einem Verrat des Fluchttunnels an der Bernauer Straße von der Staatssicherheit verhaftet. Es sollte sein zweiter Versuch sein, nachdem ein erster im Oktober 1962 über das schwedische Konsulat in Warschau fehlgeschlagen war. 21 Monate sitzt er im Gefängnis. Er entschließt sich zu einem Leben in der DDR. Unglaublich für einen Verfemten wie ihn: Ab September 1965 darf er in Dresden weiterstudieren. Seine Vorstrafe wird im Register getilgt.

Der Verräter

Wo es Verratene gibt, gibt es folglich auch Verräter. Ein solcher ist der Friseur Siegfried Uhse, der 1960 nach Westberlin geflüchtet war. Sein Name ist verbunden mit dem sogenannten Kiefholzstraßen-Tunnel, für den der 7. August 1962 als Tag des Durchbruches festgelegt ist. Ein LKW nimmt die Fluchtwilligen am Vormittag an verschiedenen Stellen der Stadt auf. Es gibt konspirative Zeichen der Wartenden für den LKW. "Haare kämmen" bedeutet: Die Luft ist rein, "Nase putzen": in 10 Minuten wiederkommen. Mit dem "Binden von Schnürsenkeln" wird höchste Gefahr signalisiert: Den Ort sofort verlassen! Siegfried Uhse ist in die meisten Einzelheiten eingeweiht und hinterbringt sie unter dem Decknamen "Hardy" der Staatssicherheit. Der durch seine Verräterei verhinderte Durchbruch kostet 70 Menschen die Freiheit. Siegfried Uhse hält sich nach dem Mauerfall noch einige Zeit in Westberlin auf, tauchte später aus Angst vor Racheakten in der Nähe von Nürnberg unter. Er soll in Thailand gestorben sein.

Geschossen wie auf einen Hasen

Am 21. Dezember 1976 kommentiert der ARD-Korrespondent Lothar Loewe (1929-2010) in Ostberlin einen Artikel des "Neuen Deutschland" über die "Staatsgrenze" und rügte ein weiteres Mal den dort geltenden Schießbefehl. Seine Feststellung "Hier in der DDR weiß jedes Kind, dass die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen" wird ihm zum Verhängnis. Wegen "grober Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR" wird er kurz darauf ausgewiesen. Möglicherweise hätte Lothar Loewe etwas behutsamer formulieren und auf das Schicksal des 14 Jahre zuvor erschossenen gelernten Tankwart Otfried Reck (1944-November 1962) verweisen können. Dieser wird tatsächlich von dem entnervten Unterleutnant K., dem man nie hätte eine Waffe in die Hand geben dürfen, hinterrücks wie ein Hase erschossen. Das hatte sich zugetragen: In der Nähe des stillgelegten Nordbahnhofs steigen Otfried Reck und zwei Freunde in einen Lüftungsschacht, der auf die Gleise der so genannten Westberliner Kellerlinie führt. Sie haben vor, mit Hilfe einer rot angemalten Taschenlampe einen in Richtung West-Berlin durchfahrenden Zug anzuhalten, um hineinzuspringen. Da ein Grenzsoldat, der unten auf den S-Bahn-Gleisen postiert ist, Geräusche hört und Alarm auslöst, klettern sie aus dem Schacht zurück und laufen zu einer Rollschuhbahn in der Invalidenstraße/Ecke Gartenstraße. Sie ahnen nicht, dass ihnen der Unterleutnant K. tranceartig dorthin folgt und - mitten in der Stadt - ohne jeden Grund Otfried Reck durch einen Rückenschuß so schwer verletzt, dass er drei Stunden später im Volkspolizei-Krankenhaus stirbt. In den Unterlagen der Grenztruppen bleiben die Umstände des Totschlages unerwähnt. Es fehlen auch Skizzen des Tatortes weitab jeder Grenzanlage. Die Leiche Otfrieds Recks wird von den Behörden eingeäschert. Die entnervten Eltern werden bedrängt, auf eine Trauerfeier zu verzichten. Das Museum zeigt eine Erklärung der Eltern, in dem sie erklären, auf die Feier verzichten zu wollen. Sie geben dem Drängen nach und schreiben an die Grenztruppen: "Wir bitten um Überführung der Urne zum Dorotheen Städtischen Friedhof Berlin N4, Chausseestraße. Uns wurde die Ursache des Todes mitgeteilt. Desgleichen, dass unser Sohn am 27. 11. 1962 verstorben ist." Sie bitten um eine "stille Urnenbeisetzung ohne Redner und Pfarrer".

Im Jahre 1995 kommt das Landgericht Berlin, das den Schützen wegen Totschlags verurteilt, zu dem Schluss, dass dieser seinerzeit, "leichtfertig von der Waffe Gebrauch machte, obwohl er erkennen musste, dass der Fluchtversuch bereits vereitelt war" und dass die Schüsse auf den Jugendlichen "selbst nach den geltenden Schusswaffengebrauchsbestimmungen auf keinen Fall mehr gerechtfertigt sein konnten."

Der Denunziant

Im Staatssozialismus hatten Dumme und Charakterlose einzigartige Möglichkeiten, anstrengungslos zu Ansehen zu kommen: unter anderem mit Denunziationen anderer. Das ist die Erfahrung des Grenzsoldaten und Zuträgers mit dem Decknamen "Frank Schulze". Kurz vor Weihnachten 1976 denunziert er einen Gefreiten seiner Einheit Streufdorf. Er schreibt seinem Führungsoffizier: "So wurde mir ... in Unterhaltungen mit anderen Angehörigen der Einheit sowie aus eigenen Beobachtungen und Feststellungen bekannt, dass (Name unkenntlich) in der Einheit zwar nicht zielgerichtet in Erscheinung trat, jedoch insgesamt zum Dienst an der Staatsgrenze und im Garnisonsdienst eine gleichgültige und labile Haltung einnahm." Dem Denunziant sei bekannt, dass der (Name unkenntlich) "Abiturient ist und geistig sehr rege ist". "Zu seiner politisch-ideologischen Haltung kann dargelegt werden, dass er bisher in der Einheit durch sein Auftreten und seine Verhaltensweisen noch keine klare und klassenmäßige Haltung bezogen hat."

Die in der ständigen Ausstellung dokumentierten Schicksale lassen einen Eintrag im Besucherbuch weniger plakativ erscheinen als den man ihn sonst empfinden würde. Dort schreibt ein Ungenannter: "Ich bin jeden Tag dankbar dafür, in einem vereinten Deutschland zu leben. Freiheit, Gerechtigkeit & Demokratie für alle! - 7.02.15" Es liegt der Schluss nahe, dass dies sachlich wohl sehr richtig ist.
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