Staatsratsgebäude am Schlossplatz

Text: -wn- (Journalist aus Berlin) / Letzte Aktualisierung: 03.04.2021

Staatsratsgebäude der DDR am Schlossplatz in Berlin
Blick auf das Staatsratsgebäude - Foto: © -wn-

Das Staatsratsgebäude wurde 1962 - 1964 errichtet und war der Amtssitz des Staatsrats der DDR. Seit 2006 nutzt die European School of Management an Technology das Gebäude.

Wu's Haus - Das Staatsratsgebäude am Schlossplatz

Historische Ereignisse verlaufen meist nicht so pointiert geschichtshaltig wie erwartet. Manches Begebnis wurde neu inszeniert wie im Falle des weltbekannten Reichstags-Fotos des sowjetischen Militärfotografen Jewgeni Chaldej. Am 2. Mai 1945 fotografiert dieser wie ein ausgesuchter Rotarmist ein Rohrstück mit rotem Tischtuch in eine halbzerstörte Viktoria-Figur auf einem Eckturm des umkämpften Gebäudes steckt. Tatsächlich aber war das Siegesbanner zwei Tage zuvor nachts dort schon einmal angebracht worden. Auch der KPD-Mitbegründer Karl Liebknecht war sich am 9. November 1919, einem regnerischen, neun Grad warmen Sonnabend, nicht sicher, ob der Ort, an dem er gegen 16 Uhr eine "Freie sozialistische Republik" ausgerufen hatte, tatsächlich jenes repräsentative Umfeld für seine Abkündigung war. Auf der Ladefläche eines Lastwagens zwischen Stadtschloss und Lustgarten stehend hatte der klein gewachsene Mann seine Erklärung den Umstehenden zugerufen. Schließlich stieg er vom LKW und ging ins nunmehr zugängliche Schloss, um die Kundmachung auf dem Balkon des Lustgartenportals IV zu wiederholen.

Wichtige Infos über das Staatsratsgebäude in Berlin

Adresse:
Staatsratsgebäude der DDR in Berlin
Schloßplatz
10178 Berlin Mitte

Anfahrt:
Das Haus befindet sich im Süden des Schlossplatzes, Ecke Breite Straße, gegenüber dem Lustgarten und dem Berliner Dom. Erreichbar ist es u.a. mit den Buslinien 100, 200 (Lustgarten), 248, M48 (Rotes Rathaus) und TXL (Spandauer Str./Marienkirche)

Das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR

Die fotografisch nicht festgehaltene Proklamation hatte für das von Baumeister Eosander von Göthe 1713 geschaffene Schlossportal gutartige Folgen: Die barocke Pforte mit den mit Herbstfrüchten behängten Stütz-Hermen blieb 1950 von der Schloss-Sprengung verschont und gelangte aus Gründen des Liebknecht-Vermächtnisses als eine Spolie 1962/64 an die Frontseite des heute unter Denkmalsschutz stehenden Staatsratsgebäudes. Der Kunstwissenschaftler Hans-Rudolf Meier qualifiziert allerdings diese Spolienverwendung "als (eine) pervertierte Form der Denkmalpflege". Die Sprengung der Schlossruine unter Einsatz von 13 000 Kilo Sprengstoff war von dem Gedanken getragen, das wieder aufgebaute Zentrum Ostberlins neoklassizistisch aufscheinen zu lassen. Doch Glück im Unglück: Das neue Gebäude am Südrand des damaligen Marx-Engels-Platzes wurde nicht in Zuckerbäcker-Manier errichtet, sondern trat überraschend durch stilistische Sachlichkeit in Erscheinung. Allerdings musste sich der von den beiden Architekten Roland Korn und Hans-Erich Bogatzky entworfene Amtssitz durch die Verwendung des Portals IV an der Höhe des Schlosses der innig gehassten Hohenzollern orientieren. Es entstand ein quaderförmiges dreigeschossiges Gebäude mit einem volkszornsicher gebauten Parterre, einer Fassade aus Sandstein und rotem Granit, großen Fensterfronten und den asymmetrisch eingefügten Portal-Teilen. Im Treppenhaus stößt man auf die blickfangenden farbigen Monumental-Glasfenster mit Szenen "Aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", die sich der Maler Walter Womacka einfallen ließ: Die junge glückliche Familie in froh-selbstbewußtem Gestus ist umrahmt von bewaffneten Arbeitern, selbstlos schaffenden Werktätigen und von Friedenstauben sowie von Bächen aus glühendem Stahl. 25 Jahre später werden sich solche jungen Familien mit Kind und Kegel über die rückwärtige Mauer der westdeutschen Botschaft in der Vlasska auf der Prager Kleinseite in den Missionspark retten. Sie hatten zunächst an die im Kommunistischen Manifest verbindlich zugesagte Assoziation geglaubt, "worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist". Die Assoziation blieb bekanntlich aus.

Die ehemaligen Hausherren Staatsratsgebäude in Berlin

Für neun Jahre ist das Gebäude Wu's Haus, der Amtssitz Walter Ulbrichts, den man in ironischer Anlehnung an den Kosenamen des vietnamesischen Präsidenten Ho Chi Minh gelegentlich "Onkel Wu" nannte. Nach dem Tod des Präsidenten Wilhelm Pieck im Jahre 1960 ließ sich Ulbricht zum Vorsitzenden des ersatzweise gebildeten Staatsrates inaugurieren. Die geschaffene Verfassungs-Institution eines Staatsrates schien zunächst sogar etwas vom Impetus eines basisdemokratischen Sozialismus zu haben; waren doch seine Mitglieder nicht mächtige Funktionäre, sondern Leute unterer Ebenen. Die wenigsten ahnten, dass Ulbricht, seit 1953 Erster Sekretär der SED, mit der neuen Funktion seine Machtposition gegen seine verdeckt agierenden Gegner im Parteiapparat weiter ausbauen würde. Im augenfreundlich wirkenden Gebäude mauserte sich ein Diktator und Dämon, auf den das Wort des russischen Dichters Michail Lermontow zutraf: "... ihn rührt kein Flehn in tiefsten Leide / und kalten Blickes sieht er Blut." Biograf Mario Frank dokumentiert Ulbrichts Vorgehen gegen Menschen als präjudizierender Inquisitor, der 1955 Todesurteile per Hausmitteilung ("Vorschlag Todesstrafe") auf den Weg brachte, so zum Beispiel im Falle des 29-jährigen Ostberliner Dekorateurs Joachim Wiebach wegen nicht bestrittener, aber keineswegs staatszerstörender Kontakte zum Sender RIAS. Die krankhafte Bandbreite der Moralvorstellungen Ulbrichts kommt in einem belehrenden, mit väterlichen Kampfesgrüßen versehenen Antwortbrief an das dreieinhalbjährige (!) Kind Wolfram E. zum Ausdruck, dessen Eltern ihren Sohn für eine Ergebenheitsadresse und einen Autogrammwunsch an "den lieben, guten Arbeiteronkel Ulbricht" benutzt hatten.

Im April 1971 verliert Ulbricht im intriganten Machtringen mit Erich Honecker seine Parteifunktion. 1973 fährt Honecker in Begleitung eines vierköpfigen, mit automatischen Maschinenpistolen ausgerüsteten Kommandos zum Döllnsee, wo Walter Ulbricht in seinem Ferienhaus nun auch sein Rücktritts-"Gesuch" als Staatsratsvorsitzender unterzeichnen muss. In Berlin bleibt ein heute kaum 50jähriges Staatsratsgebäude zurück, von dem sich sagen lässt: Trotz eingetretener Friedenszeit hat Wu's Haus schöne Jahre kaum erlebt.

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