Lustgarten

Lustgarten in Berlin
Der Lustgarten im Sommer. Im Hintergrund das Alte Museum, das Karl Friedrich Schinkel von 1825 bis 1830 im klassizistischen Stil errichtete. - Foto: © -wn-

Der Lustgarten ist Berlins älteste Gartenanlage. Erfahren Sie in diesem Artikel mehr über seine Geschichte.

Der Berliner Lustgarten - ein "Vergnügen gewährender Aufenthaltsort"

In einem Lexikon, das vom Dichter Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) häufig verwendete Worte auflistet, taucht auch die Vokabel Lustgarten auf. Der Weimarer Geheimrat erkennt in ihm einen "Vergnügen gewährenden Aufenthaltsort - meist als draußen gelegene Stätte geselliger Begegnung". Als er im Mai 1778 Berlin besucht, hat er auf solches Vergnügen offenbar verzichtet. Denn es fehlt jeder Hinweis darauf, dass es ihn einmal zum hiesigen Lustgarten gezogen hätte. 130 Jahre lang gibt es damals die gepflegte Anlage unter diesem Namen schon. Die Lage kann zentraler nicht sein. Sie befindet sich etwa in der Mitte der Museumsinsel, ist eher klein als geräumig. Begrenzt wird sie vom Alten Museum, dem Berliner Dom, der Spree mit dem am jenseitigen Ufer stehenden Zeughaus sowie von seinem architektonischen Bezugspunkt jenseits der Straße Unter den Linden, dem Nordflügel des Stadtschlosses. Über dem dort gelegenen Portal IV hält Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) am 6. August 1914 seine berüchtigte Rede "An das deutsche Volk", mit der er die Deutschen auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges einstimmen will, den er maßgeblich mit verschuldet.

Der Feingeist vom Weimarer Frauenplan hat von Berlin wie von den Deutschen generell keine gute Meinung. Überliefert ist sein Satz "Sie mögen mich nicht! ... Ich mag sie auch nicht!" Der Weimarer Schriftsteller und Theologe Johannes Daniel Falk (1768-1826) überliefert den Ausspruch der Nachwelt. Seine überaus berlinkritische Haltung begründet Goethe in einem Brief an seinen Freund, den Musikpädagogen und Musiker Carl Friedrich Zelter (1758-1832): "Ihr Berliner ... seid mir die wunderlichsten Leute: ihr schmaust und trinkt und verzürnt euch untereinander; so dass Mord und Totschlag im Augenblick und tödlicher Hass in der Lebensfolge daraus entspringen müsste, wäre es nicht Eure Art, das Widerwärtige auch stehen zu lassen, weil denn doch am Ende alles nebeneinander verharren kann, was sich nicht auf der Stelle aufspeist." In Wahrheit fehlt Goethe in Preußen einfach der ihn in Weimar umwallende Kult um seine Person.

Berliner Dom am Lustgarten in Berlin
Der Berliner Dom begrenzt den Lustgarten nach Osten hin. Das von 1894 bis 1905 errichtete Gotteshaus gehört zu den bedeutendsten evangelischen Kirchenbauten in Deutschland. - Foto: © -wn-
Und deshalb hätte er wahrscheinlich auch Texten nichts abgewinnen können, die Vorgänge im Lustgarten feuilletonistisch beschreiben. Das kürzeste Skript ist das "Protokoll" eines Gespräches zweier junger Frauen im "Zillebuch". Die "Großstadtpflanzen", so nennt sie der Autor liebevoll, treffen sich in der Stadt und erkundigen sich bei der jeweils anderen, wohin sie gehe.

"Wo'n hin, Else?"
"Rangdewuh!" (Rendezvous)
"Wo'n?"
"Bei die Schale in Lustgarten."
"Ick ans Knie!"


Welche Schale? Gemeint ist die 1831 erstmals aufgestellte Schale, an der sich Berliner seit jeher mitunter verabreden. Sie ist jenes antikisierende Granitbecken mit einem Durchmesser von 6,91 Meter, das 1981 wieder an der alten Stelle aufgestellt wurde. Es stammt aus der Werkstatt des Steinmetzes und Bauinspektors Christian Gottlieb Cantian (1794-1866). Die Bearbeitung des 75 Tonnen schweren Granitfindlings und sein Transport von den Rauenschen Bergen (südlich von Fürstenwalde/Spree) nach Berlin gilt als die größte Leistung des Steinmetzes. Es vergeht nur kurze Zeit, und der ausgeschlafene Berliner Volkswitz hat für das gute Stück einen Namen: "Größte Suppenschüssel Berlins". Im Band Spreeland der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" hat sich Theodor Fontane (1819-1898) die Geschichte des Findlings von einem Märker erzählen lassen. Er erhält die Auskunft: "Und so um die zwanziger Jahre rum wurde (der Stein) in drei Stücke gesprengt, gerad so wie Sie 'ne Birn' in drei Stücke schneiden: links 'ne Backe un rechts 'ne Backe, und in der Mitte das Mittelstück. Un aus 's Mittelstück haben sie ja nu die große Schale gemacht".

Und was ist mit dem "Knie" gemeint? So nannte man das Zusammentreffen der Charlottenburger Chaussee (seit Juli 1953 Straße des 17. Juni) und der Hardenbergstraße, deren Verläufe im Bereich des heutigen Ernst-Reuter-Platzes ein Knie (Abbiegung) im Winkelmaß von ca. 90 Grad bilden. In den gegenwärtigen Kreisverkehr des Platzes münden des Weiteren die Otto-Suhr-Allee und die Marchstraße.

Heinrich Heines "Branntweinsäufer" hört: "Pommeranzen und Kümmel"

Auch der Dichter Heinrich von Kleist (1777-1811) verlegt eine Shortstory in den Lustgarten. Titel: "Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken". Sie erscheint im Oktober 1810 in den "Berliner Abendblättern", die der Dichter 1810 und 1811, also bis kurz vor dem Freitod am Kleinen Wannsee, herausgibt. In dem Geschichtchen läuft ein demobilisierter Soldat durch den Lustgarten. Er wird als ein "heilloser und unverbesserlicher Säufer" geschildert, der sich aber das Trinken abgewöhnen will. Drei Tage bleibt er eisern. Kleist erzählt, was dem Soldat beim Durchqueren des Platzes und danach widerfährt: "Ich ging in Geschäften (im Auftrag) eines Kaufmanns, mit einer Kiste (rotem) Färbholz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken:"Pommeranzen! Pommeranzen! Pommeranzen!" (der Mann denkt an Apfelschnaps) Läut, Teufel, läut! sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts ... In der Königsstraße (Rathausstraße), wo ich die Kiste abgeben sollte, steh ich einen Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathaus still: da bimmelt es vom Turm herab: "Kümmel! Kümmel! Kümmel!" Ich sage zum Turm: bimmle du, dass die Wolken reißen - und ... gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe ... stehe, geht es, vom Spittelturm (Turm der im 19. Jahrhundert abgerissenen Gertraudenkirche) herab: "Anisette! Anisette! Anisette!" (Gewürzlikör) Was kostet das Glas, frag ich? Der Wirt spricht: Sechs Pfennige. Geb er her, sag ich - und was weiter aus mir geworden ist, das weiß ich nicht".

Im 16. Jahrhundert war es noch nicht erlaubt, den Lustgarten zu durchqueren. Der herrschende Kurfürst Johann Georg (1525-1598) ließ parallel zum Ausbau des Schlosses auf der nördlichen Freifläche einen Nutz- und Küchengarten anlegen. Dazu wird der Hofgärtner Desiderius Corbinianus beauftragt, aus der "küchen notturft" im Garten Kräutern anzusäen und Obstbäume zu pflanzen. Es werden hier sogar die ersten Kartoffeln in Preußen angebaut, wohl zunächst - wie auch Tomaten - als Zierpflanzen. Zum Nahrungsmittel wird die Kartoffel erst auf Betreiben von Friedrich II. (1712-1786), der 1746 einen ersten "Kartoffelbefehl" erlässt.

Den Namen Lustgarten erhält das Geviert am Ufer der Spree im Jahre 1646, also noch in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Dessen schreckliche Folgen widmet der Dichter Andreas Gryphius (1616 - 1664) sein berühmtes Gedicht "Thränen des Vaterlandes". Er schreibt: "Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!" Auch der Lustgarten ist weitgehend zerstört. Wie es dort aussieht, beschreibt der preußische Offizier Leopold Ludwig von Orlich (1804 - 1860): "Der Lustgarten hatte das Ansehn eines völlig verwilderten ... sumpfigen Busches; gleich hinter der heutigen Schlossbrücke fing der ganz vernachlässigte Thiergarten an ... Die Schweine, deren in großer Anzahl (in der näheren Umgebung) gezogen wurden, liefen auf den Gassen umher, und die Ställe für sie lagen zum Theil unter den Fenstern an der Straße."

Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm kultiviert den Lustgarten

Kastanienwäldchen am Lustgarten in Berlin
Blick in das Kastanienwäldchen nebenan (Aufnahme im Frühling). Im Hintergrund das Palais am Festungsgraben - Foto: © -wn-

30 Jahre später ein anderes Bild. 1676 beschreibt der durchreisende französische Arzt Charles Patin (1633 - 1693) die Szenerie mit den Worten: "Aber ich hatte alle Fatiguen (Müdigkeit) vergessen, als ich Berlin zu sehen bekam. ... Der Lustgarten, welcher nur fünf hundert Schritt hat, dient zur Erholung des (Großen) Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620 - 1688), der hier alle Gattungen Rothwild unterhält. Die Gärten sind von Orangerien, Jasmin und allen Arten Blumen angefüllt ... Das Schloss des Kurfürsten ist sehr alt (Baubeginn war 1442), sein Althertum flößt Bewunderung ein". Die positive Entwicklung geht auch auf das Wirken des Botanikers und Gartenmeisters Johann Sigismund Elsholtz (1623 - 1688) zurück. In seinem 1684 erschienenen Buch "Vom Gartenbau" erinnert er sich: "Es war im Jahr 1646, da Se. Churftl. Durchl. (der Kurfürst) die Gedanken fasseten wie es nöthig wäre / dass bei einem so prächtigen Pallast, als das in Cölln an der Spree gelegene Residenz-Schloss mit Warheit genennet werden kann / auch ... ein würdiger Lustgarten angeleget würde."

Der übernächste König in der preußischen royalen Abfolge heißt Friedrich Wilhelm I. (1688-1740). Der liebt (nicht aus erotischem Grund) "Lange Kerls" ab 1,88 Meter und heißt deshalb "Soldatenkönig". Botanische Ambitionen fehlen ihm gänzlich. Gleich zu Beginn seiner Regierungszeit streicht er alle Ausgaben für den Lustgarten und lässt die gesamte Bepflanzung bis auf den letzten Blumenkübel in die Schlossgärten von Charlottenburg und Friedrichsfelde umsetzen. Er muss das übernommene wirtschaftliche Chaos seines lebenslustigen Vaters Friedrich I. (1657-1713) ausbaden und deshalb sparen. Es überrascht aber niemand, dass dieser König den Lustgarten mit einer Sanddecke überziehen lässt, so dass ein zweckdienlicher Exerzierplatz entsteht.

Sein sinnenfreudiger Sohn Friedrich II. (1712 - 1786) hingegen arrangiert aufwendige Lustbarkeiten auf dem Platz. Am 25. August 1750 zum Beispiel veranstaltete er ein Fest zu Ehren seiner Lieblingsschwester, der nach Bayreuth verheirateten Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen (1709 - 1758). Biograf Franz Kugler (1808 - 1858) berichtet von dem Abend: "Es war ein Karussellreiten bei Nacht, während der ganze Platz, der von Schaugerüsten umfasst war, durch ein unzähliges Lampenmeer erhellt war." Es seien mehr als 30000 Lampen und Fackeln in Position gebracht worden. "Nachher große Tafel und Ball en masque", heißt es weiter. Auch die Geburt des Prinzen Wilhelm, des späteren Friedrich Wilhelm III. (1770 - 1840) wurde den Berlinern laut hörbar bekannt gegeben. Der Chronist notiert: "In Berlin wurde dieses erfreuliche Ereignis den Einwohnern durch dreimalige Abfeuerung von 24 im Lustgarten ausgefahrenen Kanonen bekannt gemacht."

Das vergiftete Lob des Walter Ulbricht

Am Beginn des 20. Jahrhunderts beginnen bewegte Zeiten im Lustgarten. Kundgebungen und sonstige Menschenaufläufe bestimmen die Szene. Nahezu jede politische Richtung wird dort irgendwann ausgelobt oder ideologisch bekämpft. Januar 1933: Die sozialdemokratische Zeitung Vorwärts schreibt: "Sonntag wieder Lustgarten! Das rote Berlin antwortet Adolf Hitler. Nun erst recht!" 1. Mai 1933: Propagandaminister Joseph Goebbels (1897-1945) hält im Tagebuch fest: "Der große Tag des deutschen Volkes ist angebrochen ... richtiges Hitlerwetter." Der Diktator fährt im offenen Wagen vor. 1. Mai 1948: Zwei Mai-Demonstrationen in Berlin: auf dem Platz der Republik im Westen und im Lustgarten. Der FDGB gibt bekannt: "Wer (Deutschland) spaltet, hilft der Reaktion!" 1. Mai 1949: 450000 Menschen kommen zur Maifeier des FGDB.

Nicht selten erklingt auf dem Platz die "hohe und dünne Stimme" Walter Ulbrichts (1893 - 1973), "die ständig drohte, sich zu überschlagen; sein sächsischer Dialekt, seine Kleinwüchsigkeit und Verkrampfheit ... machten es leicht, ihn zu verhöhnen", schreibt Biograf Mario Frank (geb. 1958). Am 15. Juni 1961 zeigt er sich trotz seiner sprachlichen Besonderheiten als konspirativer Gaukler. Während die geheimen Vorbereitungen auf den Mauerbau bereits laufen, erklärt er auf einer Pressekonferenz mit Unschuldsmine: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Friedrich II. hatte in den "Morgenstudien" seinem Nachfolger geschrieben: "Ich, mein lieber Neffe, verstehe unter dem Worte Politik, daß man suchen muss, die Anderen zu täuschen." - Das gelang Ulbricht am 13. August in Vollendung.

Am 25. desselben Monats demonstriert er auf einer Kundgebung im Lustgarten den Grad seine Realitätsferne. Nachdem allein zwischen 1960 und August 1961 400 000 Menschen die DDR verlassen hatten, lobt er allen Ernstes die Berliner für ihre Zustimmung zum Mauerbau und erklärt: "Liebe Berliner! Die letzten Wochen hatten es in sich. Die Bevölkerung der DDR und ganz besonders die Bevölkerung der Hauptstadt der DDR standen vor einer Prüfung von geschichtlicher Bedeutung. Liebe Berliner! Ihr habt diese Prüfung gut bestanden! Ihr habt euch prächtig gehalten!" Es ist ein vergiftetes Lob aus den Tagen, die die Welt erbitterten.
Text: -wn- / Stand: 05.04.2018

Verkehrsinformation:
In der Nähe des Lustgartens halten die Busse 100, 200, N2 und TXL

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