Die Gneisenau-Stadt Schildau: Von Narren und Patrioten

Ein Rathaus ohne Fenster, Licht wird in Säcken hinein getragen, man stranguliert eine Kuh beim Hochziehen auf die Mauerkrone, das Tier sollte dort grasen,
Gneisenau-Stadt Schildau in Sachsen
Blick in die Stadt Schildau - Foto © -wn-
oder in Erwartung einer guten Ernte sät man Salz auf dem Feld aus - und weitere Albernheiten dieses Kalibers sollen sich in Schildau zugetragen haben. "Man hat die gute Stadt Schilda(u) immer bißher zum besten gehabt und sich an derselben ziemlich versündiget." Das liest man in einer 1747 in Leipzig verlegten Denkschrift, mit der der Amateurhistoriker und Rektor der Dresdner Kreuzschule Johann Christian Schöttgen (1687-1751) unter dem Pseudonym Johann Christoph Langern die nordsächsische Stadt von dem Verdacht zu befreien suchte, es hätten dort früher nur Dummköpfe und Einfaltspinsel gewohnt. Es geht um die Frage: Haben sich die im mehrfach aufgelegten Schildbürger-Volksbuch berichteten hanebüchenen Vorgänge tatsächlich in Schildau oder anderswo oder überhaupt zugetragen? Das seit 1170 in den Urkunden erwähnte Städtchen südlich von Torgau, oft auch Schilda genannt, ist dabei nicht zu verwechseln mit dem im Elbe-Elsterkreis hinter der nahen Brandenburgischen Grenze liegenden Flecken dieses Namens. Das auffallende Fehlen von Fenstern an der Nordseite der dortigen Kirche wurde nie als schildbürgerliche Bausünde eingestuft, so dass es Schöttgen eben auch nicht um diesen Ort zu tun war, sondern einzig um Schildau.

Die Stadt Schildau


Selbstredend müssen die 3500 Schildauer heute nicht mehr vor der Behauptung geschützt werden, ihre Vorfahren seien jene - auf den ersten Blick - schrulligen Schildbürger gewesen.
Doch eine Verbindung zwischen der Stadt und den Narren ist nicht zu leugnen. Denn aus Sitzenroda gleich neben Schildau stammt jener Mann, dem die Nachwelt den ganzen Spaß weitgehend zu verdanken hat: dem späteren Wittenberger Hofrichter Johann (Hans) Friedrich von Schönberg (1543-1614). 1592 waren dem Lutheraner bei einer großflächigen Inspektion zur Feststellung eingedrungenen calvinistischen Gedankengutes "liederlichen Sitten und Verhältnisse in Schilda" aufgestoßen. Sei es, weil sich in der Kirchgemeinde der calvinistische Gedanke festzusetzen begann, dass, kurz gesagt, Gott sich seine Lieblinge auf Erden von vorn herein auswählt und nicht - wie Luther meinte - jeder Christenmensch ein Liebling Gottes ist. Möglich auch, dass dem Inspektor unter den Schildauern einfach der Mangel an höflichen Manieren und Untertänigkeit aufgestoßen war, weil sie "vor sich weg in ihrer Gelassenheit leben, und sich an die große Welt wenig und nichts kehren". Diese Unzulänglichkeit muss den Hofrichter zu publizistischem Handeln veranlasst haben. 1598 nahm er das im Jahr zuvor erschienene satirische Lalebuch zur Hand und machte aus den Laleburger Narren die Schildbürger. Und so erschien anonym das noch heute bekannte Schildbürgerbuch mit dem etwas zu lang geratenen, der Zensur wegen desinformierend formulierten Titel ""Die Schiltbürger. Wunderselzame Abendtheuerliche / vnerhörte / vnd bißher vnbeschriebene Geschichten vnd Thaten der obgemelten Schiltbürger in Misnopotamia hinder Vtopia gelegen". Über die Frage nun, ob die als literarische Figuren bekannten Schildbürger überhaupt lächerliche Gestalten sind oder sich - wie Narren allgemein - nur den "Anschein von Dummheit" geben, hat sich seitdem mancher schon den Kopf zerbrochen. Der deutscher Schriftsteller und Satiriker polnisch-jüdischer Abstammung Alexander Moszkowski (1851-1934) sieht hinter all den Possen absolute Pfiffigkeit. Die Schildbürger seien "aus ganz sinnvollen politischen Motiven zu dem Beschluss gelangt, sich dumm zu stellen und mit den Proben eines erklügelten Aberwitzes die ganze Welt zu foppen". Sie "nahmen den Verdacht der Borniertheit gern in den Kauf, weil sie ganz genau wußten, daß die wirklichen Narren im Publikum saßen, ausgelacht von den schlauen Komödianten auf der schildbürgerlichen Possenbühne".

Von einer solchen hintergründigen Selbstverspottung hielten die Behörden im Jahre 1952 freilich nicht so viel, als dass sie Schildau vielleicht den Beinamen Schildbürgerstadt gegeben hätten.
Vielmehr lag es nahe, sich auf einen bedeutenden Sohn der Stadt zu besinnen: auf Neidhardt von Gneisenau (1760-1831), den patriotischen preußischen Generalfeldmarschall und Heeresreformer, wenn dieser auch immer im Schatten des populären Generalfeldmarschalls (Marschall Vorwärts) Gebhard Leberecht von Blücher (1742-1819) stand. Als Stabschef unter Blücher hat Gneisenau durch sein ausgezeichnetes strategisches Denken maßgeblichen Anteil am Sieg über Napoleon sowohl 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig und als auch 1815 bei den Gefechten nahe Waterloo (Belle-Alliance). Der Dichter Friedrich Rückert brachte den Erfolg des militärischen Duos auf den Nenner: "Der Blücher hat die Macht, / Der Gneisenau den Bedacht, / Drum hat's Gott wol gemacht, / der sie zusammen gebracht." Gneisenau ist einer der wenigen Angehörigen der preußischen politischen Klasse, die erkannt hatten, dass man sich vom Geist der Französischen Revolution inspirieren lassen muss, um Napoleon letztendlich besiegen zu können. Wie sollte das gehen? Vor allem bedeutete das auf preußischer Seite eine Abkehr vom Prinzip der Söldnerarmee hin zu einer Armee aus Wehrpflichtigen aus dem eigenen Land, in der es nunmehr auch die "Freiheit des Rückens" (keine Prügel mehr) gab. Die Französische Revolution, sagte Gneisenau voller Anerkennung, habe - anders als in Preußen - die "nationale Energie des ganzen französischen Volkes in Tätigkeit" gesetzt. Er trat deshalb energisch dafür ein, dass die bisher von Adelssöhnen unterschiedlichster Bildungsgrade besetzten Offiziersränge auch endlich für Bürgerliche geöffnet wurden. Auf dem Schildauer Marktplatz ist Gneisenau auf einem übermannshohen Piedestal zu sehen. Ernst und gesammelt blickt er hinüber zum Rathaus, in dem sich angeblich so exorbitante Dinge getan haben sollen. (Foto) Dass die DDR Gneisenau verdienterweise auf den Sockel stellte, hatte seinen Grund in der "jakobineschen" Denkart des Reformers, der auch den Gedanken einer antinapoleonischen Volksbewaffnung ins Spiel gebrachte hatte. Das fand man gut in Ostberlin. Zu diesem Zeitpunkt ahnten die Funktionäre allerdings noch nicht, dass sie dereinst von einer unbewaffneten Volksbewegung ("Wir sind das Volk") in Rekordzeit hinweg gefegt werden würden.

Wie man nach Schildau kommt: Günstig ist es, von Berlin aus die etwa 150 Kilometer lange Strecke über die Bundesstraße B101 zu wählen. In Herzberg/Elster wechselt man auf die Bundesstraße B87 Richtung Torgau. Von dort geht es auf der Straße S23 nach Schildau.
Text: -wn-



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