Das Annaberger Adam-Ries-Museum: Fröhliches Rechnen "auff der Linien"

Wer vom Unteren Bahnhof der sächsischen Bergstadt Annaberg zum Markt hinauf läuft, genauer: steigt - und sich über die heftig aszendente Große Kirchgasse weiter zur spätgotischen Hallenkirche St. Annen hocharbeitet, der sollte nichts mit Herz und Lunge haben; ansonsten gibt's den City-Bus.
Adam-Ries-Museum  Annaberg
Das Adam-Ries-Museum in Annaberg, links die Büste
des Rechenmeisters / Foto © -wn-
Denn vom Tal des in Bahnhofsnähe träge abfließenden Sehma-Flusses bis hinauf zum Kirchenvorplatz mit der protestantischen Eigensinn abstrahlenden Luther-Statue sind rund 300 Höhenmeter zu überwinden. Sind sie bezwungen und man steht vor dem Gotteshaus, dessen prunkloses Äußere nichts preisgibt vom inneren lebensfrohen Farbenglanz und seiner von regsamen Berg- und Gottesmännern geprägten offenen Atmosphäre, dann ist zweierlei ersichtlich: Man hat Kondition und ist auf dem Weg nach oben mit hoher Wahrscheinlichkeit anwohnenden Nachfahren des deutschen Rechenmeisters und Annaberger Bergamtsangestellten Adam Ries (1492-1559) begegnet. Dank der Forschungen rühriger Amateur-Genealogen wissen diese Spätenkel um ihre Zugehörigkeit zu einer nennenswerten Menschengruppe, deren Mitglieder von jenem Mann abstammen, dessen Name nach fast einem halben Jahrtausend immer noch als Synonym für eine stichhaltige Berechnung gilt. "Nach Adam Ries", so heißt es, wenn einer sich eines errechneten Ergebnisses sicher ist. Der fälschlich auch Adam Riese genannte Sohn eines fränkischen Müllers und Winzers, der von 1515 bis zu seinem Tod in Annaberg und Umgebung wirkte, hinterließ ein Haus in der Johannisgasse, in dem sich das nach ihm genannte Museum befindet. Ries war ein Beförderer des modernen Rechnens - nicht dessen Erfinder; nur das heute gebräuchliche Wurzelzeichen geht auf ihn zurück. Er ist vergleichbar dem französischen Mathematiker und Begründer der Buchhaltung, François-Bertrand Barrême (1638-1703), auf den sich die Franzosen mit dem Ausspruch "D'apres Barreme" (nach Barreme) berufen. Zwei der fünf Ries-Söhne, sein Nachfolger im Bergamt Abraham (1533-1604) und Nachfahre Paul (1536?-1604) blieben in Annaberg und sorgten maßgeblich für die Konzentration von Ries-Nachkommen im oberen Erzgebirge. Zu solchen Abkömmlingen zählt die derzeitige Annaberger Oberbürgermeisterin Barbara Klepsch (geb. 1965), der Scheibenberger Schriftsteller Max Walter Schulz (1921-1991), der Rennrodler Torsten Wustlich (geb. 1977), die ehemalige deutsche Skilangläuferin Viola Bauer (geb. 1976) und der sich als Heimatdichter kaprizierende Annaberger Stadtneurotiker Arthur Schramm (1895-1994) ("Goethe, Schiller, Schramm, sei de besten, die mr ham"). Der Personenkreis gehört zu den weltweit rund 24000 Nachkommen des Adam Ries in direkter Linie. Dabei kommt der vor allem im Fränkischen und in der Gegend um Hannover verbreitete Name Ries im Erzgebirge kaum noch vor. Der Name ging verloren, das Vermächtnis nicht.

Im Adam-Ries-Museum


Mit berechtigtem Stolz verwahrt das Adam-Ries-Museum das weltweit einzige Exemplar der dritten Auflage
des ersten Rechenbuches von 1527, das man ursprünglich verschollen glaubte. Es trägt den Titel "Rechnung auff der Linien und Federn / Auff allerley handthierung gemacht durch Adam Rysen" und führt sechs Grundrechenarten auf: Addirn oder Summirn, Subtrahirn, Duplirn (Verdoppeln), Medirn (Halbieren), Multiplicirn und Diuidirn (Dividieren). Das Neuartige der Publikation erklärt die Erfurter Universitätsprofessorin Dr. Regina D. Möller so: "Das Charakteristische an diesem und allen folgenden Rechenbüchern war die Einführung der arabischen Zahlzeichen, die Ziffernschreibweise für Zahlen in Verbindung mit dem alten Rechnen, auf dem Rechenbrett." Entweder hatte man sich bisher der römischen Zahlen bedient, andere verfielen bei Käufen oder Verkäufen in "gestammeltes Kopfrechnen". Viele der Zahlen unkundige und insofern rechenschwache Käufer wurden von Betrügern über den Tisch gezogen. Nicht ohne Grund stellte Adam Ries einigen seiner Rechenbücher ein Geleitwort des dichtenden Rechenmeisters Jacobus Koebel (1497-1529) voran, in dem es heißt: "Pythagoras der sagt fürwar / All ding durch zal wirdt offenbar Ein Mensch dem zal verborgen ist / Leichtlich der verfürt wirt mit list."

Das kostbare nur noch einmal vorhandene Annaberger Rechenbuch ist nicht nur vom Autor "vleysigklich überlesen unnd tzum drytten mall in trugk vorfertiget" - es ist - wie alle Rechenbücher des Adam Ries - das Produkt einer neuen Zeit, die man späterhin Renaissance nennt. Sie ist eine Rückbesinnung auf das klassische Altertum, dessen bis dahin ignorierte Errungenschaften nun übernommen wurden. Ries ist eine dieser zupackenden Renaissance-Gestalten. Er verhalf den indisch-arabischen Zahlen zum Durchbruch. Die Ausstellung des Museum stellt dar, wie schnell und gern die Intention des Rechenmeisters von der Öffentlichkeit angenommen wurde. Sein erklärtes Ziel war, dass "ein jeder die Rechenkunst mit Lust und Fröhlichkeit begreifen mag". "Die Freude des Lernens war nie so heiter, so schönheitsgetränkt, den Menschen war plötzlich nicht mehr bang vor Erkennen und Wissen", schrieb ein Zeitgenosse voller Emphase. "Es blühen die Studien, die Geister regen sich!" hört man vom Humanisten Ulrich von Hutten (1488-1523) aus dem hessischen Schlüchtern. Es regten sich vor allem auch Hände. 1491/92 waren am Annaberg gegenüber liegenden Schreckenberg Silberadern entdeckt worden. Ein "Bergeschrey" verbreitete sich. Menschen wanderten ein. "Eine Zeche nach der anderen wurde auf dem Schreckenberg fündig", heißt es in der 1828 in Leipzig erschienenen "Geschichte des Sächsischen Hochlandes" des Freiberger Pfarrers und Chronisten Carl Wilhelm Hering (1790-1871). Das veranlasste den kreativen Herzog Georg den Reichen (1455-1503), der auch Initiator des zunächst bayerischen, später deutschen Bier-Reinheitsgebotes ist, 1496 "hier eine Stadt anzulegen, welche Schreckenberg und dann Annaberg genannt wurde". Georg hielt es trotz aller schönen Seiten der Renaissance für nötig, in die Annaberger Bergordnung einfügen zu lassen, dass "ehrliche Bergleute keinen Todtschläger bey sich leiden und fördern, sondern anzeigen sollten". Neben den Fundgrübnern, ihren Geldgebern sowie den Steigern und Hauern vor Ort waren nun auch die rechnenden Praktiker gefragt - wie Adam Ries einer war.
Neben dem Betrieb seiner Rechenschule erscheint er als Rezessschreiber, berechnete Erträge und Abgaben der Silberbergwerke des Annaberger Reviers. Fraglich, ob er ahnte, dass man sich seiner noch nach Jahrhunderten erinnert würde.

Seine Mahnung, das Rechnen auch zum Vermeiden persönlicher Geld-Verluste zu erlernen, hat sich über Jahrhunderte hinweg als überaus zweckdienlich erwiesen. Daran erinnerte der Publizist Carl von Ossietzky (1889-1938) 1922 in der "Berliner Volks-Zeitung: "Wer einmal den Kellner eines (Berliner) Nachtlokals beim Rechnen betrachtet hat, der wird nicht aus dem Staunen herauskommen über die fortschreitende Popularisierung der Relativitätstheorie und wie weit sich die Arithmetik von Adam Riese entfernt hat."

Öffnungszeiten vom Adam-Ries-Museum:


montags geschlossen
Dienstag bis Sonntag: 10:00 - 16:00 Uhr
und nach Vereinbarung

Eintrittspreise im Adam-Ries-Museum Annaberg-Buchholz:


Erwachsene: 3,00 Euro (Gruppen ab 15 Personen: 2,50 Euro/Pers.)
Ermäßigte: Kinder ab 5 Jahren, Schüler, Auszubildende, Studenten, Schwerbeschädigte,
Arbeitslose:2,00 EUR (Gruppen ab 15 Personen: 1,50 EUR/Pers.)

Adam-Ries-Museum
Johannisgasse 23
09456 Annaberg-Buchholz
Telefon: (0 37 33) 2 21 86

Wie man zum Adam-Ries-Museum kommt:
Man verlässt den Annaberger Marktplatz über die Buchholzer Straße und biegt nach wenigen Metern rechts in die Johannisgasse ein.
Im Internet: www.adam-ries-museum.de
Text: -wn-


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