Die Lutherstadt Wittenberg: Das Rom der Protestanten

Schon im "goldenen Zeitalter" Israels, also in alttestamentarischer Zeit, kennt man trotz aufgeklärter
Lutherstadt Wittenberg
Foto © -wn-
Weltbejahung Heucheln und ausreichend scheinheiliges Gehabe. "Vergebens predigt Salomo. / Die Leute machen's doch nicht so" - der Wilhelm-Busch-Zweizeiler steht für ein unter Menschen seit Jahrtausenden unausrottbares Phänomen. Die, die es angeht, geben des schönen Scheines wegen vor, einem höheren Wesen assoziiert zu sein, wobei diese Selbstinszenierung nur eine Sache von Worten und profanen Zwecken ist. Daher müsste es bei denjenigen Besuchern der anhaltinischen Lutherstadt Wittenberg, die sich diese Jacke anziehen sollten, heftig zwicken und zwacken, wenn sie sich zwischen Lutherhaus am östlichen Ende der Collegienstraße und der Schlosskirche weiter westlich am Schlossplatz bewegen. An die Tür dieser Kirche soll Martin Luther (1483-1546) im Herbst 1517 seine 95 Thesen angeschlagen haben, die ein europaweites religiöses Umdenken auslösten, das man fortan Reformation nannte.

Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt


Mit diesen 2400 Worten verband er keine böse Absicht. Dennoch liefen sie auf eine Fundamentalkritik des grassierenden Ablasshandels hinaus. Denn die neue theologische Erkenntnis war: Geld für Befreiung von Sünde
- das funktioniert weder im Himmel noch auf Erden. Es irren, schrieb er, "jene Ablaßprediger, die sagen, daß durch die Ablässe des Papstes der Mensch von jeder Strafe frei und los werde". Unmöglich sei es, gegen Entgelt - im Kirchendeutsch gesprochen - gerechtfertigt zu werden. Luther hielt den Zahlungsgrund für schlichtweg unchristlich und geheuchelt. Mit Blick auf die Papst-Administration in Rom stellte er in seiner lesenswerten Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" fest, sie alle, die Priester und Laien der damaligen Kirche seien "ganz zu Knechten der alleruntauglichsten Leute auf Erden geworden". Damit war vor allem Papst Leo X. (1475-1521) gemeint, der später den Bann über den Reformator verhängte. Leo brauchte Geld für den Weiterbau des Petersdomes in Rom und gedachte es auf dem Weg des schon erprobten Subskriptions-Ablasses einzutreiben, "durch welche die große Schuldverschreibung getilgt wird, die Gott von Jedem dann noch fordert, wenn die Sünde bereits in dem ewigen Schuldbuche gelöscht ist", so der katholische Schriftsteller Valentin Gröne in einem Lobpreisbuch über den berühmt-berüchtigten Pirnaer Ablassprediger Johannes Tetzel (1465-1519). Dieser wurde im Volk bald mit dem teilweise aus der 28. Luther-These stammenden Spruch verhohnepipelt: "Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt."

Und was hielt Luther dagegen? Auf dem Marktplatz, an dem man auf dem erwähnten Weg vorbei muss, steht der Reformator (Foto) und hält keineswegs unfrohen Gesichts jedem, der zu ihm aufblickt, die aufgeschlagene Heilige Schrift entgegen. Der geistreiche wie charismatische Mann aus dem Mansfeldischen, der Wittenberg zu einem Rom der Protestanten machte und mit dem beherzten Lied "Ein Feste Burg ist unser Gott" klarstellte, kein grämlicher Typ zu sein, kämpfte einen aufreibenden Kampf. Den Scheinheiligen unten im Kirchengestühl legte er ans Herz, nur eine ehrliche Verinnerlichung der Bibel - auch Glauben genannt - mache den Menschen zum Christen. "Wer Ablass will, bereu' erst seine Taten", rief er von der Kanzel. Dabei verfügte er nicht nur über ein von Gehorsam und Eigenwillen geprägtes Verhältnis zu seinem Chef da droben; er hatte auch den Menschen - sich selbst eingeschlossen - in seinen Grundeigenschaften akzeptiert, wusste um das "Menschliche, Allzumenschliche" (Friedrich Nietzsche), kurz: um die "normale" Sündhaftigkeit der Sterblichen.

Im Luthermuseum sieht der Besucher auch, wie unprätentiös er wohnte.
In der original erhaltenen Wohnstube blickt man auf die etwa vier Meter hohen mit bemaltem Holz verkleideten und mit einer umlaufenden Bank versehenen Wände. Ein wuchtiger Holztisch fällt auf, an dem sich der Hausherr in seinen berühmten Tischreden hin und wider auch die Heuchler und Afterreder vornahm. An die Fenster gefügte Holzsitze waren zum Lesen bei Dämmerlicht gedacht, und ein fünfgeschossiger Ofen mit Bildkacheln lässt an kalte Winterabende in Elbnähe denken. Man staunt aber auch, dass ein solcher Mann, der Papst und Kaiser seine Stirn bot und die Welt veränderte, selbst erheblichen Irrtümern anheim fiel. Zum 500. Geburtstag im Spätherbst 1983 beteten seine Glaubensbrüder auf der Wartburg zum Gott Abrahams - bekanntlich zuständig für Juden, Christen und Muslime - und flehten um Luthers Seelenheil. Der Grund: Als unversöhnter Gegner der Juden, der ihnen nicht verzieh, dass sie in Jesus keinen Messias sehen, erreichte er sein Lebensende. Und mit der Last dieser ungerechten Vorhaltung liegt er in der Wittenberger Schlosskirche in seinem 2,40 Meter tiefen Grab in Kanzelnähe, außerstande auf dem von ihm so überzeugend gewiesenen Weg in dieser Angelegenheit selbst Ablass zu erhalten - sofern es da oben nicht doch noch zu irgendeiner Regelung gekommen sein sollte.
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Wie man nach Lutherstadt Wittenberg kommt:
Die Stadt nahe der Grenze zum brandenburgischen Landkreis Teltow-Fläming liegt an der Autobahn A9. Von der Abfahrt Coswig bis in die Innenstadt sind es 18 Kilometer. Direkt durch die Stadt führt die älteste deutsche Bundesstraße B2, die Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Bayern verbindet.

Öffnungszeiten des Lutherhauses:
April bis Oktober: 9.00 - 18.00 Uhr täglich November bis März: 10.00 - 17.00 Uhr, montags geschlossen
Text: -wn-

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